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BISS-Ausgabe November 2022 | Frei sein

Cover des BISS-Magazins November 2022

Inhalt | Mutig in die Zukunft | Durch innovative Projekte kann die Welt ein bisschen besser werden. Doch dazu braucht es mutige Menschen mit guten Ideen | 6  Eine Schule im Kongo: Vor zehn Jahren stellten wir die Idee vor. Was ist daraus geworden? | 10 Erfindungen fürs Klima: Drei Bayern, die für ein besseres Klima sorgen wollen | 16 Richtig frei: Fahrradkurse für Frauen | 20 EineWeltHaus: Seit mehr als 20 Jahren wird hier diskutiert, gelernt und geteilt | 29 INSP-Treffen in Mailand | 5 Wie ich wohne | 26 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 25 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Wie ich wohne

Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto: Martin Fengel

Der Autogrammjäger

Es ist etwas in die Jahre gekommen und müsste mal renoviert werden, mein 1-Zimmer-Appartement, in dem ich schon seit 1980 lebe und zu dem ein kleines Bad, eine Kochnische und ein Balkon gehören. Eigentümer ist mein Bruder, ich habe lebenslanges Wohnrecht und muss nur für die Nebenkosten in Höhe von 198 Euro aufkommen. Wenn ich von meinem Balkon im siebten Stock rausschaue, ist alles bebaut, vor vierzig Jahren waren dagegen noch viele Wiesen zu sehen. Von den Parteien, die damals hier gewohnt haben, ist außer mir nur noch eine da. Früher glaubte ich immer, etwas zu verpassen, wenn ich nicht ausging. Mittlerweile bin ich, auch dank Corona, häuslicher geworden. Theater-, Kino- oder Museumsbesuche sind aber immer noch Teil meines Lebens. Zudem lese ich gern. Eine ganze Reihe Bücher habe ich vor ein paar Jahren schon entsorgt, aber ich besitze immer noch viele, und das Besondere daran: Fast alle sind vom Autor signiert!
An meiner Haustür klebt ein Aufkleber, der mit einem Augenzwinkern darauf hinweist, dass man bei mir „Boarisch“ redet, was aber nicht bedeutet, dass ich Bayerntümelei mag. Keineswegs glaube ich, dass die Welt am bayerischen Wesen genesen muss. Aber als gebürtiger Münchner interessiere ich mich für die Geschichte meines Bundeslandes. Eines meiner gesammelten Bücher ist den Schlössern König Ludwigs II. gewidmet. Ich habe es ergänzt mit Schreiben, die ich auf Anfrage von seinen Nachkommen erhielt. Ein anderes Buch, das mich beeindruckt hat, beschäftigt sich mit der Rolle des Schlosses Nymphenburg im Nationalsozialismus. Die Auseinandersetzung mit dieser Zeit hat für mich auch eine ganz persönliche Seite: Mein Vater hat als Gewerkschaftsmitglied zeitweise im Konzentrationslager Dachau eingesessen. Ich selbst hatte als Kind Probleme, mich zu integrieren, und habe sicher auch das eine oder andere angestellt, sodass meine Eltern mich in ein sogenanntes Knabenerziehungsheim nach Österreich gaben. Von außen war es ein schönes Gebäude, ein richtiges Schloss. Hinter den Mauern erlebte ich jedoch alles andere als eine angenehme Zeit. Es waren die 50er Jahre, was bedeutete, dass wir in Schlafsälen mit 30 bis 35 Kindern schliefen und körperliche Züchtigung an der Tagesordnung war. Für meine in dieser Zeit erlebte Misshandlung habe ich bereits eine Entschädigung erhalten, empfinde die Summe aber als viel zu gering gegenüber dem, was mir dort angetan wurde. Deshalb lasse ich nicht locker und kämpfe um mehr. Was ich in Zukunft auch noch machen will, ist, etwas Platz in meiner Wohnung zu schaffen, indem ich mein Etagenbett loswerde. Zum Schlafen brauche ich es nicht, ich habe schon ein Schlafsofa. Als ich es kaufte, schwebte mir vor, es könnten Besucher darauf übernachten, aber dazu ist es so gut wie nie gekommen. Lange Jahre habe ich es genutzt, als ich noch in einer festen Partnerschaft lebte. Nun bin ich aber ganz froh, solo zu sein. Eine erneute Beziehung könnte ich mir auch nur in einer größeren Wohnung vorstellen.

Münchner Erfindungen fürs Klima

Von CAROLINE VON EICHHORN

Die Ärmsten trifft der Klimawandel am härtesten. Ihn aufzuhalten ist deshalb auch ein sozialer Auftrag. Nicht nur eine sozial gerechte Klimapolitik, sondern auch Innovation und Mut sind dafür nötig! Wir haben drei Erfinder*innen aus dem Großraum München begleitet, die mit ihren Ideen das Klima retten wollen.

Illustration SEBASTIAN JUNG

Die Zeit drängt. Wir müssen die Emissionen senken. Sonst werden nicht nur Teile der Erde unbewohnbar, sondern wächst auch die globale Armut. Die ärmsten Menschen unserer Welt haben den geringsten CO2-Ausstoß, leiden aber am meisten unter den Folgen – doch auch bei uns werden sie mehr und mehr spürbar: in Form von Hitzewellen, Flutkatastrophen und Wassermangel zum Beispiel. Klimaschutz hat die Chance, einen Beitrag gegen die Armut zu leisten. Der wichtigste Hebel dafür ist die Politik, aber auch Forschung, Technologien und ökologische Start-ups sind von Bedeutung, „weil da das Potenzial liegt, wirklich radikale Innovation umzusetzen“, sagt Innovationsökonomin Hanna Hottenrott von der Technischen Universität München. Wir haben uns auf die Suche gemacht nach Erfindungen aus dem Großraum München, die dazu beitragen sollen, das Klima zu retten. Auf den ersten Blick findet man Ideen zuhauf, doch viele stellen sich als sogenanntes Greenwashing, also nur vermeintlich nachhaltig, heraus. Einige Ideen sind noch nicht weit genug, um sie zu präsentieren. Andere Innovationen gibt es schon ein paar Jahre, doch sie schaffen nicht so recht den Markteinstieg. Innovationen zu entwickeln, die wirklich klimafreundlich sind – kein Zuckerschlecken. „Deutschland ist das Land der Erfinder“, sagt Innovationsexpertin Hanna Hottenrott. „Aber natürlich braucht es nach der Erfindung noch die Umsetzung von der Idee in ein markttaugliches Produkt. Und da hapert es häufig. In den Universitäten zum Beispiel gibt es unglaubliche Erfindungen im Bereich Nachhaltigkeit. Aber nur wenige von denen haben es bisher geschafft, auch umgesetzt zu werden.“ Drei Ideen rund um München haben unser Interesse geweckt. Wir haben sie ein Stück weit begleitet: einen E-Sprinter, recycelten Beton und viele kleine wuseligen Maden.

Idee Nr. 1 Insekten als Futter für Fische, Schweine und Hühner

Weiterlesen „Münchner Erfindungen fürs Klima“

Meine trockene Zeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Toni Menacher


Eigentlich verliefen die letzten sechs langen Monate überraschend gut. Ich hatte keinen Rückfall. Sehr geholfen hat mir dabei die regelmäßige Teilnahme an den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA). Als Erstes möchte ich erzählen, warum ich mich für diese Selbsthilfegruppe entschieden habe. AA wurde von zwei hoffnungslosen Säufern in den 30er-Jahren in den USA gegründet. Sie stellten fest, dass sie nicht trinken mussten, wenn sie miteinander redeten. Bei AA gibt es keine Anwesenheitsliste oder -pflicht und auch keine Mitgliedschaft. AA finanziert sich ganz allein aus Spenden bei den Meetings. AA folgt einem Prinzip: Man kann etwas von sich erzählen, muss aber nicht. Bei den Treffen gibt es keine Diskussion, sondern man kann von seinen Erlebnissen berichten oder aber der von uns gewählte Gruppensprecher schlägt ein Thema vor, zu dem man einen Beitrag leisten kann, z. B. zu „Suchtdruck“ oder zu „Rückfall“.
Dabei werden keine „klugen“ Ratschläge gegeben. Bei den AA ist es auch üblich, sich mit Vornamen anzusprechen und sich zu duzen. Aber auch private Gespräche vor und nach dem Meeting tun mir sehr gut. Ich habe zwei für mich optimale Gruppen gefunden, die sich jeweils einmal die Woche treffen. In dem Obdachlosenheim, in dem ich jetzt wohne, halte ich mich von Mitbewohnern, die Alkohol trinken, fern. Ich habe Glück, dass ich mir ein Doppelzimmer mit einem Mann teile, der auch nicht trinkt und voll berufstätig ist. Nur selten gehe ich in Gaststätten oder Ähnliches, um nicht in Versuchung zu kommen. Ich muss zugeben, dass ich einige Male einen starken Suchtdruck hatte. So verkaufte ich regelmäßig vor der Bürgersaalkirche in der Fußgängerzone. Mein Blick fiel dabei direkt auf einige Biertische vor einem Restaurant. Als ich einmal mehrere Gäste mit Weißbier sah, was früher mein Lieblingsgetränk war, hatte ich das starke Bedürfnis, selbst eins zu trinken. Ich entschloss mich, lieber woanders zum Verkaufen hinzugehen. Glücklicherweise war am gleichen Abend zufällig ein AA-Meeting. Mir tat es unwahrscheinlich gut, darüber zu reden. Ich möchte mich bei meiner Kundschaft entschuldigen, dass ich viel von meinen Einnahmen zur Befriedigung meiner Sucht verwendet habe! Ich kann jeden verstehen, der nicht mehr bei mir kauft. Ich kann nur eins versprechen: Ich werde alles dafür tun, dass ich trocken bleibe.

Hoffnung auf eine Wohnung

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

München ist eine Stadt, in der man sehr komfortabel leben kann, aber nur, wenn man auch das Geld dazu hat. Dann ist es höchst angenehm, in der Innenstadt zu flanieren, in einem der Straßencafés einen Cappuccino zu genießen und in den hübschen Läden zu stöbern. Für diejenigen, die ihren Lebensunterhalt in der Dienstleistungsbranche wie in der Gastronomie oder im Einzelhandel verdienen, sind die Bedingungen sehr viel härter. Steigende Energie- und Lebenshaltungskosten bedrohen die Zahlungsfähigkeit privater Haushalte mit niedrigen Einkommen, die aufgrund der horrenden Mieten schon vorher kaum über die Runden gekommen sind. Wie hart die Bedingungen für viele sind, ist
schwer vorstellbar und häufig gar nicht sichtbar. Bei BISS gibt es oft Gelegenheit, hinter die Kulissen zu schauen. Neulich waren wir bei unserer Verkäuferin Frau P., die mit ihrer Familie in einem Mehrfamilienhaus in der Münchner Innenstadt untergekommen ist. In diesem Haus ist in allen Wohnungen jedes Zimmer einzeln vermietet, oft an mehrere Personen, die sich Bad und WC teilen. Eine gemeinsame Küche gibt es nicht, manche Bewohner haben sich in ihrem Zimmer eine Kochgelegenheit eingerichtet. Seit drei Jahren wohnt unsere Verkäuferin jetzt dort, mit ihrem Mann, der gemeinsamen kleinen Tochter und der alten Mutter. Die Miete für mittlerweile zwei Zimmer liegt bei über 1.000 Euro. Beide Eltern arbeiten, sie zahlen Steuern und leben sparsam. Das Familieneinkommen wäre hoch genug, dass sie eine Wohnung mit einer „normalen“ Miete bezahlen könnten, wenn es sie denn für sie gäbe. Denn Menschen wie diese Familie sind häufig keine Wunschkandidaten von Vermietern. Da haben die Angestellten großer internationaler Konzerne wie Google oder Apple bessere Karten. Es ist längstens an der Zeit, dass diese Konzerne, die weltweit hohe Gewinne machen, nicht nur Arbeitsplätze nach München verlegen, sondern für ihre Mitarbeiter auch Wohnungen bauen müssen, mit dem in München bewährten Anteil von mindestens 30 Prozent gefördertem Wohnungsbau. Dafür sollte sich die bayerische CSU-Regierung einsetzen, anstatt Apple ein Grundstück zu verkaufen, das dann für immer für die Allgemeinheit verloren ist. Wir von BISS versuchen, „unserer“ Familie eine Wohnung zu vermitteln. „Jetzt habe ich wieder Hoffnung“, sagte Frau P., die schon viel zu lange ihre unerträgliche Wohnsituation aushalten muss. Das fantastische BISS-Netzwerk lässt Hoffnungen wahr werden, dafür auch Ihnen ein großes Dankeschön!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin