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BISS-Ausgabe Juni 2020 | Weitermachen

Cover des BISS-Magazins Juni 2020

Thema | Weitermachen | Krisen verlangen uns viel ab. Umdenken, anpassen und weitermachen ist die Devise vieler Projekte und Firmen | 6 Langzeitfolgen: Das Leben von Sinti und Roma in München | 12 Aus der Not eine Tugend machen: Soziale Projekte in Zeiten von Corona | 16 Die sozialen Strukturen müssen erhalten bleiben Interview mit Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Oberbayern | 18 PhönixPreis: Die Stadt zeichnet herausragende Unternehmer*innen mit Migrationshintergrund aus | 22 Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Eine Studie gibt Aufschluss | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

DER HAMBURGER MICHEL

Protokoll: Felicitas Wilke

Foto: Barbara Donaubauer

Illustration: Martin Fengel

DIRK SCHUCHARDT: Wir kennen uns seit 25 Jahren. Früher haben wir beide in Hamburg gelebt und dort die Straßenzeitung „Hinz&Kunzt“ verkauft, die wie die BISS seit 1993 besteht.

Dirk Schuchardt, BISS-Verkäufer und und Olaf Schad, BISS-Verkäufer

OLAF SCHAD: Jeden Sonntag standen wir zu zweit vor dem Michel, der größten Kirche der Stadt, und verkauften unsere Zeitungen. Das Geschäft brummte!

DS: Die Gemeinde nahm uns sehr freundlich auf. Eine Dame aus dem Kirchenvorstand sorgte dafür, dass der Pastor uns „abkündigte“ – das klingt nach Rauswurf, steht aber für einen Hinweis zum Ende des Gottesdienstes, dass wir vor der Kirche stehen.

OS: Irgendwann gehörten wir zum Inventar der Kirche. Wir durften sogar das Turmzimmer über der Aussichtsplattform besuchen, wo sonst fast niemand hindarf.

DS: Wir zwei waren nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Dann gingen unsere Ehen in die Brüche und wir verließen beide Hamburg. Mich verschlug es nach München.

OS: Und mich nach Duisburg, wo ich in einem Stahlwerk arbeitete. Als das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ging, zog ich der Liebe wegen nach Aachen. Seit März bin ich in München, um nach der Trennung neu anzufangen. Dirk hat mir den Job bei der BISS vermittelt und gewährt mir Unterschlupf, bis ich ein eigenes Zimmer finde.

DS: Jetzt verkaufen wir wieder am gleichen Ort, wenn auch an verschiedenen Verkaufsstellen.

Aus der Not eine Tugend machen

Wie viele Betriebe und Selbstständige sind auch die meisten sozialen Dienstleister und Einrichtungen vom Corona- Shutdown betroffen. Sie leisten wichtige soziale Arbeit und fangen benachteiligte Menschen in ihrem Alltag auf. Das Spektrum reicht von Werkstätten für Menschen mit Behinderung bis hin zu Betrieben der Arbeitsförderung und zu Anbietern von Sprachkursen. Sie alle sind infolge der Coronavirus-Pandemie von schwerwiegenden finanziellen Einbußen bis hin zur Insolvenz bedroht

Von GABRIELE WINTER

Illustrationen AISHA FRANZ

Die Lage ist bitter“, meint Anneliese Durst vom Referat für Arbeit und Wirtschaft (RAW) der Stadt München. Während das ganze Land von Hilfen für die Wirtschaft spricht, geraten die Sozialen Betriebe und die Menschen, die darin arbeiten, in Vergessenheit. Letzteren fehlt die Struktur der täglichen Arbeit, während die Betriebe ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Karin Majewski, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern, sieht die größten Schwierigkeiten bei den Inklusionsfirmen. Sie können keine Mittel durch das neue Sozialdienstleister-Einsatzgesetz (SodEG) bekommen, weil fast alle Beschäftigten mit Behinderung zu Hause bleiben müssen. Vorerst können nur noch diejenigen Betriebe richtig weiterarbeiten, die eine Sondergenehmigung haben, weil sie systemrelevante Aufgaben übernehmen, wie zum Beispiel die Nähwerkstatt des Netzwerks Geburt und Familie. Dort wurde die Produktion auf Mundschutze umgestellt.

Stoffmasken aus der Nähwerkstatt

Andrea Hubbuch, Geschäftsführerin des Netzwerks Geburt und Familie (NGUF), hat deshalb keine allzu großen finanziellen Einbußen zu verbuchen: „Es werden wohl nur ein paar Tausend Euro sein.“ Zwar musste das Café Netzwerk schließen, aber einzelne Mitarbeiterinnen, die keiner gesundheitlichen Risikogruppe angehören, können zur Arbeit kommen. Sie kümmern sich um Bestellungen für bestimmte Anlässe und haben an Ostern Eier gefärbt oder Osterlämmer gebacken. Allerdings wurden die meisten Warenbestellungen gecancelt, um die Kosten niedrig zu halten. In der Nähwerkstatt arbeiten im Moment acht von 20 Mitarbeiterinnen auf Hochtouren. Sie stellen ausschließlich Stoffmasken her. Nadja Meatchi ist eine von ihnen. „Mein Leben ist gerade sehr anstrengend“, seufzt sie. Ihre drei Kinder im Alter von 9, 14 und 17 Jahren können nicht zur Schule und wollen versorgt und beschäftigt werden. Das ist nicht einfach, vor allem, weil Nadja Meatchi nicht mal eine richtige Wohnung hat, sondern mit ihrer Familie in einer Pension lebt. Sie stammt aus Togo und hat ihren Mann vor drei Jahren verloren. Seitdem versucht sie alles allein zu meistern: eine Wohnung finden, beruflich auf die Beine kommen und die Kinder bestmöglich unterstützen.

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Coronavirus und die Folgen

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ludwig Gassner

Als ich am 17. März 20 Zeitungen holen wollte und mir BISS mitgeteilt hat, dass die Abgabe eingestellt worden ist, war ich erst mal geschockt. Seit der Ausgangsbeschränkung sollen wir ja alle zu Hause bleiben, niemandem mehr näher als 1,5 Meter kommen und viel ist durch Plexiglas abgeschirmt. Ich hatte mehrere Tage kein Klopapier und keine Nudeln und Reis, weil alles ausverkauft war! Den Abbruch sämtlicher sozialer Kontakte finde ich einen Einschnitt in unsere Bewegungsfreiheit. Die Regierung und unser Gesundheitssystem waren auf diese Krise kaum vorbereitet. Leider gibt es viele miese Geschäftemacher, die die Krise nutzen, um sich zu bereichern. Die Preise für Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel haben sich verzehnfacht! Leider bieten auch viele kleine Händler und Privatpersonen Wundermittel an, die schützen und das Immunsystem verbessern sollen. Das ist für mich verachtungswürdig, denn sie wollen aus der Angst und Panik der Menschen Kapital schlagen. Ich fürchte, dass die Wirtschaft nach der Corona-Krise am Boden sein wird, viele Insolvenzen und vielleicht eine Schuldenkrise kommen. Selbst Rettungspakete und ein Notstandsprogramm der EZB können uns dann vielleicht nicht mehr retten. Ich befürchte, dass die Steuertöpfe sehr schnell leer sein werden und ich Einschnitte in meine Rente bekomme. Deshalb unterstütze ich auch das BGE (bedingungsloses Grundeinkommen) von 1.200 Euro monatlich. Das würde viele in der Krise vor der kompletten Armut retten. Gerade in armen Ländern wird es besonders hart werden für die, die keine Rücklagen und Rettungspakete haben. Auf den Philippinen, wo meine Frau lebt, gibt es strenge Ausgehverbote und nur noch eine Person pro Haushalt darf zum Beispiel raus zum Einkaufen oder auf die Bank. Nachdem es gerade sehr viele Informationen über Facebook und in den sozialen Medien gibt, ist es sehr schwer, einzuschätzen, was richtig ist und was Fake News sind. Jeder bildet sich da seine eigene Meinung. Ich fürchte, je länger die Ausgangsbeschränkung aufrechterhalten wird, desto schlimmer werden die Probleme nach der Corona-Krise sein. Deshalb hoffe ich, dass wir bald wieder zur Normalität zurückkehren können und einen Finanzcrash verhindern. Es wird nichts mehr so sein wie vor der Covid-19-Pandemie. Ich hoffe, dass es nicht zu schlimm wird und arme Länder Rettung bekommen. Ich wünsche allen Menschen und Kunden das Allerbeste. Und bleibt gesund!

Innovationsprämien

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Erinnern Sie sich noch, was Sie am ersten Tag der bayerischen Ausgangsbeschränkungen gemacht haben? Ich weiß noch, dass es ein eher ungemütlicher und grauer Tag war, an dem ich frühmorgens mit dem Fahrrad zum Einkaufen gefahren bin. Damals ist mir vor einem Wohnblock ein Junge aufgefallen, der allein und mit einer zu dünnen Jacke dort saß. Möglicherweise gab es dafür eine harmlose Erklärung, und doch hätte es sein können, wie es schien: Da hat es einer nicht gut und gemütlich zu Hause, sonst wäre er ja dort, hätte vielleicht nach einem Streit die Tür zu seinem Zimmer zugeknallt und sich vor den Computer gesetzt oder was auch immer man macht, wenn man ein Kind ist und wütend auf die Welt. Kinder aus armen und sozial benachteiligten Familien erleben gerade eine unglaublich schwere Zeit. Sie haben einen besonders großen Nachteil von den Schulschließungen, den ausgefallenen Förderstunden und gestrichenen Sport- und Freizeitangeboten. Sie haben keinen Garten, in dem sie nachmittags spielen und abends mit den Eltern grillen können. Häufig fehlt ein Computer für die Hausaufgaben, die im besten Fall per E-Mail kommen. Und in einer kleinen Wohnung, in der sie mit den Eltern und Geschwistern leben, können sie sich kaum zum Lernen in eine ruhige Ecke oder gar ein eigenes Zimmer zurückziehen. Von den Folgen der Pandemie sind die Menschen, egal ob in Deutschland oder anderswo, unterschiedlich betroffen. Wer Glück hat, ist gesund, arbeitet im Homeoffice und kann seine privaten Vorhaben verschieben. Andere verlieren gerade ihre Existenz, so wie viele Gastronomen oder freischaffende Künstler, die nicht wissen, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen. Es ist richtig, dass die Politik in Bund und Land Hilfen beschlossen hat. Aber die Lasten dürfen nicht den Schwachen im selben Maß wie den Wohlhabenden aufgebürdet werden. Die Staatsschulden werden auch so zukünftig von der Generation getragen, die im schlechtesten Fall gerade den Anschluss in den Schulen verliert. Die Automobilindustrie fordert Kaufprämien von bis zu 4.000 Euro je Autokauf. Aber warum soll jemand, der sein Auto selbst bezahlen kann, einen Zuschuss aus Steuermitteln bekommen? Viel sinnvoller wäre es doch, mit dem Geld funktionierende Computer, Fahrräder und Musikunterricht für Kinder aus armen Familien zu finanzieren. Wenn es „Innovationsprämien“ geben soll, dann für die Menschen, die durch ihr Denken und Handeln die zukünftige Gesellschaft gestalten. Kinder ohne Schulabschluss geraten als Erwachsene schneller ins Abseits. Das muss eine gezielte Förderung verhindern!

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin