BISS / : Seite 2

Das Grundbedürfnis Wohnen

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ercan Uzun

Der Mensch hat laut Maslowscher Bedürfnispyramide Essen, Trinken und Schlafen als Grundbedürfnisse. Danach kommen erst Luxusbedürfnisse wie Alkohol oder Zigaretten. Als Allererstes braucht der Mensch also ein Dach über dem Kopf. Während ich in der Psychiatrie war, habe ich gemerkt, wie wichtig der Schlaf für den Menschen ist. Immer wenn ich schlecht geschlafen habe, fiel es mir schwer, mich zu konzentrieren und das Therapieprogramm durchzuziehen. Als Kind ging mir das noch anders: Unser Vater schickte uns früh ins Bett, auch wenn wir noch nicht müde waren. Meine Familie hatte zwar immer ein Dach über dem Kopf, aber wir sind als Hausmeisterfamilie x-mal umgezogen. Erst als Baby nahe dem Sendlinger Tor, dann in Solln in die eine Wohnung, später ein paar Häuser weiter in die andere. Ich entwickelte in meiner Kindheit einen regelrechten Horror vor dem Umziehen. Mit jedem Wechsel musste man sich an ein anderes Umfeld gewöhnen. Meine erste eigene Wohnung hatte ich mit Mitte 20 in Mittersendling. Zu dem Zeitpunkt ging es aufwärts mit mir. Ich gründete eine Reinigungsfirma. Nach ein oder zwei Jahren sind wir in die Parkstadt Solln gezogen – wir, das waren zu dem Zeitpunkt schon meine Frau, ich und unser erster Sohn. Allerdings wurde die Wohnung immer teurer und wir hatten ständig Probleme, die Miete zu bezahlen. Von den 20 Jahren, die wir in der Parkstadt Solln lebten, warteten wir rund 15 Jahre lang auf eine günstigere Wohnung. Vor ungefähr drei Jahren haben wir dann endlich eine Sozialwohnung in der Nähe des Westparks zugewiesen bekommen. Daran sieht man, dass es selbst als BISS-Verkäufer schwer ist, eine Sozialwohnung in München zu bekommen. Mein Dank gilt der Stadt München, die es nach so vielen Jahren doch noch geschafft hat, uns als Familie glücklich zu machen.

Wählen? Unbedingt!

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Zuerst hab ich es gar nicht glauben wollen, dass nur 42 Prozent der Münchner Wahlberechtigten bei der letzten Kommunalwahl, 2014, ihre Stimme abgegeben haben! Schließlich dürfen alle Personen wählen, die die deutsche oder eine andere EU-Staatsangehörigkeit haben, am Wahltag 18 Jahre alt sind und seit mindestens zwei Monaten ihren Hauptwohnsitz in München haben oder sich mit dem Schwerpunkt ihrer Lebensbeziehungen in München aufhalten. Von den BISS-Verkäufern erfüllen fast alle diese Voraussetzungen, trotzdem liegen für sie, wie für viele andere Menschen, die im Leben Armut und Benachteiligung erfahren haben, die Hürden, sich zu beteiligen, besonders hoch. Manchmal liegt das an fehlenden Deutsch- und Ortskenntnissen. Noch stärker wiegt, dass benachteiligte Menschen es nicht wagen, ihnen zustehende Rechte einzufordern und wahrzunehmen. Wir BISSler haben uns für die kommende Kommunalwahl am 15. März zum Ziel gesetzt, so viele Verkäufer wie möglich zu motivieren, zur Wahl zu gehen. Von der Europawahl wissen wir, dass das nicht mit einem Aufruf allein getan ist, sondern dass man das mit langem Vorlauf anschaulich gestalten muss. So ist im Büro in der Metzstraße eine Tafel mit den wichtigsten Informationen und Musterdokumenten aufgestellt, mit deren Hilfe man alle Verkäufer, die ins Büro kommen, direkt ansprechen kann. Und wir wollen natürlich gute Stimmung machen und zeigen, dass Wählen keine schwere Last ist, sondern Spaß machen kann. Wir haben für die Verkäufer, die glaubwürdig versichern, dass sie am 15. März bei der Kommunalwahl mit abgestimmt haben, einen Preis ausgelobt: eine Reise für zwei Personen in einen bayerischen Ort der Wahl, An- und Abreise mit der Bahn sowie zwei Übernachtungen mit Frühstück in einem schönen Hotel. Ich bin schon gespannt darauf, wer gewinnt und wohin die Reise geht – vielleicht nach Aschaffenburg, oder gar nach Zwiesel? Welcher Partei und welchem Kandidaten jemand seine Stimme gibt, bleibt selbstverständlich ihm überlassen. Wir BISSler setzen darauf, dass die Wähler eine Vorstellung davon haben, welche demokratischen Parteien für eine Gesellschaft eintreten, in der auch die Schwächeren einen lebenswerten Platz finden. Und dass sie diejenigen Politikerinnen und Politiker wählen, die sich dafür einsetzen, dass wieder mehr kluge Kinder aus einfachen Verhältnissen auf höhere Schulen gehen. Eine Politik, die natürlich das Eigentum der Menschen schützt und trotzdem verhindert, dass Spekulanten sich auf Kosten der Schwächeren bereichern. Ich bin da zuversichtlich, dass die Münchner Stadtgesellschaft und auch die anderen Bayern am 15. März eine gute Wahl treffen werden!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe Februar 2020 | Let´s dance!

Cover des BISS-Magazins Februar 2020

Thema | Let’s dance | Ein paar coole Moves machen? Breakdance ist sehr viel mehr. Er hilft Jugendlichen, miteinander in Kontakt zu kommen – über alle Grenzen hinweg | 6 Jugendfeuerwehren: Die Brandlöscher von morgen | 1O Interview: Oberbürgermeister Dieter Reiter im Gespräch mit BISS | 16 Breakdance: Tanzen gegen Rassismus und Ausgrenzung | 22 Wohin mit dem Hund? Wer nimmt das geliebte Haustier, wenn ein Notfall eintritt? | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche
Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

BARGELDLOSES BEZAHLEN

Protokoll: Felicitas Wilke

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

ROBERT LUG: Ins Gespräch gekommen sind wir vor eineinhalb Jahren über ein EC-Karten- Gerät. Als ich mir am Sendlinger Tor eine BISS bei Ercan kaufen wollte, erklärte er mir, dass ich sie auch mit Karte bezahlen könne. Ich dachte: Wow, der geht mit der Zeit! Also habe ich meine BISS bei ihm bargeldlos gekauft.

Ercan Uzun,
BISS-Verkäufer,
und Robert Lug,
BISS-Käufer


ERCAN UZUN: Ich bezahle meine Einkäufe gar nicht so oft mit Karte, aber immer mehr Menschen tun das. Ich möchte keine Kunden wegschicken müssen, nur weil sie kein Bargeld dabeihaben. Deshalb habe ich das Lesegerät angeschafft.
RL: Ercan packt Dinge an – das geht weit über seinen Beruf hinaus. Er hatte es nicht immer
leicht im Leben, so kam er ja auch zur BISS.
Aber du bist jemand, der dem Schicksal immer wieder sagt: Dir zeig ich’s! Das imponiert mir.
EU: Uns verbindet, dass wir beide nicht aufgeben. Mir ging es zuletzt psychisch nicht so gut, ich war in der Klinik. Aber ich habe den Tiefpunkt hinter mir, jetzt geht’s wieder aufwärts! Du bist auch ein Stehaufmännchen, Robert.
RL: Ja, ich komme aus einer Unternehmerfamilie und habe dort gelernt, dass Projekte auch mal schiefgehen können. Ich habe schon mehrere Firmen gegründet und manche leider auch wieder schließen müssen. Das gehört dazu. Das Wichtigste im Leben ist, auf sich selbst und das eigene Umfeld aufzupassen.
EU: Ich schätze an dir von Anfang an, dass du jemand bist, der ein Lächeln erwidert. Und dass du dich mit mir unterhältst, obwohl du finanziell über mir stehst.
RL: Das freut mich sehr. Aber ich finde, dass kein Mensch über einem anderen steht.

EINE STARKE TRUPPE

Sie retten Menschen aus brennenden Häusern und sind bei Unfällen meist als Erste vor Ort: Viele wichtige Aufgaben werden in Deutschland von ehrenamtlichen Feuerwehrleuten erledigt. Wie können die freiwilligen Feuerwehren Nachwuchs gewinnen, damit das auch in Zukunft so bleibt?

Foto: MANUEL NIEBERLE

Von BERNHARD HIERGEIST

Angehende Feuerwehrleute müssen viel lernen, etwa, wann man B-, C- oder D-Schläuche einsetzt, wie man Rettungsspreizer oder Funkgerät bedient und was ein Löschgruppenfahrzeug (LF) von einem Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug (HLF) unterscheidet. Aber auch, wie man Erste Hilfe leistet. Aber nicht heute, an diesem Novemberabend im Gerätehaus in Forstenried. Arnd Rochell sagt: „Heute machen wir etwas anderes.“ Rochell ist Jugendleiter bei der Freiwilligen Feuerwehr München, genauer: bei der Jugendgruppe Süd. Zum Treffen der Jugendfeuerwehr, Abteilung Forstenried- Großhadern-Sendling-Solln haben sich 25 Jugendliche im Gerätehaus versammelt. Ein Kollege Rochells hat eines der HLFs aus der sechs Meter hohen Halle gefahren, damit die laut durcheinanderplaudernden jungen Menschen Platz haben. Ringsum an den Wänden hängen die Uniformen und Helme der Erwachsenenfeuerwehr. Aus einem Lautsprecher knacksen ab und an unverständliche Fragmente des Funkverkehrs durch die Halle. Die Mädchen und Jungen sind etwa zwischen 12 und 16 Jahre alt. Sonst lernen sie in der Gruppenstunde viel über Theorie und Praxis der Feuerwehr. Nur heute nicht, heute machen Rochell und seine Kollegen mit ihnen Spiele: Jeder schreibt prägnante Eigenschaften oder Hobbys von sich auf ein Blatt Papier, zum Beispiel: „Alter: 16, Aikido, hilfsbereit, fahre gern Fahrrad.“ Dann werden die Blätter gemischt und die Gruppe diskutiert, um wen es sich handelt. Oder sie werfen sich im Kreis eine Leine zu, bilden einen großen, scheinbar unentwirrbaren Knoten. Nur, um ihn dann, ohne die Leine loszulassen, mit vereinten Kräften wieder zu entwirren.

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