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Neulich in Hamburg

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Vor ein paar Wochen fuhr ich mit der Bahn zu einem Treffen mit Kollegen anderer Straßenzeitungen nach Hamburg. Ich reiste schon am Vorabend an, denn wir hatten uns früh am nächsten Morgen verabredet. Als ich an der Rezeption des reservierten Hotels einchecken wollte, teilte mir der Empfangsmitarbeiter freundlich, aber unmissverständlich mit, dass man mich auf gar keinen Fall beherbergen dürfe, denn ich käme aus dem Corona-Hotspot München. Die entsprechende Verordnung des Hamburger Senats war just an dem Tag erlassen worden, was ich auf der Bahnfahrt gar nicht mitbekommen hatte. Zwar verstand ich in dem Moment, dass sich das Hotel nicht einfach über die Anordnung hinwegsetzen konnte. Allerdings vertrat ich die Meinung, man hätte mich unterwegs, spätestens beim Online-Check-in, per E-Mail darüber informieren müssen. Außerdem könne man in einem guten Hotel einen Gast nicht einfach abweisen, man müsse ihm eine Alternative anbieten. Es ging dann ein bisschen hin und her, stets verbindlich im Ton, aber halt in der Sache weit auseinander. Trotzdem war ich zu keinem Zeitpunkt richtig in Sorge. Nachdem ich selbst eine Ausbildung im Hotelfach gemacht und viele Jahre in der Branche gearbeitet habe, war ich mir sicher, dass sich eine praktikable Lösung finden wird. So war es, wie sich beim genauen Lesen der Anordnung letztendlich herausstellte: Untersagt waren Übernachtungen aus „touristischen Zwecken“, nicht jedoch die von Geschäftsreisenden. So bekam ich das reservierte Zimmer und die scheinbar unüberwindbare Hürde löste sich in allgemeines Wohlgefallen auf.

An diese Gegebenheit im Hotel habe ich mich vor Kurzem bei einem Treffen des Bündnis München Sozial, in dem 66 sozialpolitisch aktive Organisationen der Stadt zusammengeschlossen sind, erinnert. Dort wurde darüber geklagt, wie extrem schwierig es aktuell für hilfebedürftige Menschen ist, einen Zugang zu Beratung und Hilfe zu bekommen. Der direkte Kontakt ist, wenn überhaupt, oft nur eingeschränkt oder nach telefonischer bzw. per Online-Voranmeldung möglich. Wer jemals einen Antrag für Arbeitslosengeld oder eine geförderte Wohnung ausgefüllt hat, weiß, wie schwierig das ist. Für jemanden in besonderen sozialen Schwierigkeiten, von Armut und Obdachlosigkeit bedroht oder betroffen, ist es ohne Hilfe nahezu unmöglich. In guten Hotels gilt das Motto „Der Gast ist König“, ohne Gäste gäbe es keine Hotels. Für soziale Dienstleistungen gilt das ebenfalls, der hilfebedürftige Mensch steht im Mittelpunkt, er legitimiert die Existenz von Hilfsangeboten, Diensten und Behörden. Man kann seinem Gegenüber, egal ob Gast, Kunde oder Klient, zwar nicht immer die perfekte Lösung anbieten, aber ohne ein Angebot, das ihm weiterhilft, sollte man ihn nicht gehen lassen.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe Oktober 2020 | Rückblick & Ausblick

Cover des BISS-Magazins Oktober 2020

Thema | Rückblicke und Ausblicke | Die Zukunft kann nur gestalten, wer sich der Vergangenheit bewusst ist.| 6 Boxt euch durch: Wie Jugendliche den richtigen Weg finden | 12 Gerhard Mayer im Interview: Seit zehn Monaten ist Mayer neuer Leiter des Amtes für Wohnen und Migration | 16 Häusliche Gewalt und Corona: Hilfe für Frauen in Not | 18 40 Jahre danach: Das Oktoberfestattentat | 22 Nachruf: Dr. Hans-Jochen Vogel | 24 Rückblick & Ausblick | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben.

Brot

Protokoll FELICITAS WILKE

Illustration: Martin Fengel

Foto: Hannes Rohrer

FAHIMA TOKHI: Ich habe in meinem Heimatland Afghanistan als Lehrerin gearbeitet, aber auch schon immer gern gebacken – für meinen Mann, unsere fünf Kinder, für große Feste. Vor 22 Jahren sind wir vor dem Krieg nach Deutschland geflohen. Über eine Berufsintegrationsmaßnahme bin ich ins Café Netzwerk gekommen. Hier ist das Backen Teil meiner Arbeit.

Ludwig Neulinger, Inhaber der gleichnamigen Bäckerei und Fahima Tokhi, Mitarbeiterin in der Küche des Café Netzwerk

LUDWIG NEULINGER: Ich komme aus einem Dorf in der Nähe von Landshut und stand schon als kleiner Bub gern in der Backstube meiner Eltern. Es war für mich klar, dass ich Bäcker lerne. Später bin ich nach München gegangen und habe heute fünf Geschäfte in der Stadt.

FT: Ich bin im Café Netzwerk dafür zuständig, die Brötchen für unsere Hamburger zu backen. Ich mache aber auch viele Brote und gefüllte Teigtaschen aus meiner Heimat: Fladenbrot, Bolani, Mantu, Ashak und süße Teilchen wie Elefantenohren.

LN: Die kenne ich gar nicht. Was ist da drin?

FT: Mehl, Eier, Backpulver, Öl und Milch. Der Teig wird in Fett gebraten und mit Puderzucker, Kardamom und Pistazien bestreut.

LN: Das klingt gut! Für mich macht gutes Brot aus, dass es schmeckt, aus biologischen Zutaten hergestellt wird und dass auch die Bauern und meine Mitarbeiter fair für ihre Arbeit bezahlt werden. Am besten schmeckt mir unser „Genetztes“, ein klassisches Weizenmischbrot.

FT: Und ich mag am liebsten Fladenbrot – ganz pur, mit einem Glas Milch dazu.

40 Jahre nach dem Oktoberfestattentat

Von ULRICH CHAUSSY

GEDENKREDE

Foto: Oswald Baumeister

In diesem Jahr jährt sich das Oktoberfestattentat zum 40. Mal. Das Oktoberfest findet heuer nicht statt, gerade deshalb möchten wir daran erinnern, was im September 1980 an der Theresienwiese geschah, und so haben wir uns entschieden, die Gedenkrede, die der Journalist und Autor Ulrich Chaussy zum 39. Jahrestag gehalten hat, in der BISS in gekürzter Form abzudrucken.

Am 26. September 1980, heute vor 39 Jahren, nachts um 22.19 Uhr: Hier an dieser Stelle, an der wir versammelt sind, wird eine Bombe zur Explosion gebracht. Sie war hoch kompliziert aufgebaut. In Phase eins brannte sekundenlang eine meterhohe Stichflamme ab, danach, in Phase zwei, explodierten etwa 1,2 Kilogramm militärischer Sprengstoff. 13 Menschen verloren ihr Leben, 211 Personen wurden verletzt, 60 davon schwer, erlitten Verbrennungen, verloren Gliedmaßen. Einer davon hatte an dem Attentat mitgewirkt, der 21-jährige Gundolf Köhler. Das wissen wir. Er brachte die Bombe in einer weißen Plastiktüte an den Explosionsort, er legte sie in einen hier befindlichen Papierkorb aus Drahtgitter, der in Tausende nagelähnliche Partikel zerrissen wurde. Ob sie von Gundolf Köhler gezündet wurde, wissen wir nicht. Ob die Explosion ein weiterer junger Mann ausgelöst hat, der von einer Zeugin am Papierkorb gesehen wurde – wir wissen es nicht. Wir wissen viel zu wenig über dieses im politisch hoch aufgeheizten Bundestagswahlkampf begangene politische Attentat, den blutigsten Terroranschlag in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zuallererst, weil am Ende der nur zwei Jahre geführten Ermittlungen die in den achtziger Jahren für politischen Terrorismus allein zuständige Bundesanwaltschaft ein Ergebnis vorlegte, nach dem das Oktoberfestattentat gar kein politisches Attentat war, sondern ein Selbstmordattentat, aber in einem ganz anderen als dem uns heute bekannten Verständnis: Ein verzweifelter, im Leben gescheiterter, sexuell frustrierter, sozial isolierter junger Mann soll es begangen haben. Er soll so in Selbsthass, Verbitterung und Hass gegen seine Umwelt abgedriftet gewesen sei, dass er es in Kauf nahm, bei seinem Suizid aus diesen rein persönlichen Motiven auch noch andere Menschen mit in den Tod zu reißen. Bei aller behaupteten Verstrickung in seine Todessehnsucht hat er sich dann aber nicht in seiner Heimatstadt Donaueschingen auf den Marktplatz gestellt, sondern ist nach München gefahren, um sich inmitten der fröhlich Feiernden in die Luft zu sprengen. Und weil alles so privat war, soll er die Tat ganz allein ersonnen haben. Allein soll er auch die hoch komplizierte Höllenmaschine erdacht, gebaut und sich dafür die nötigen Materialien beschafft haben. Ohne fremde Hilfe, ohne Mitwisser. Das ist die Mär vom Einzeltäter Gundolf Köhler, die der Öffentlichkeit nach nur zwei Jahren Ermittlungen als offiziell ermittelte behördliche Wahrheit unterbreitet worden ist. Die Ermittlungen von da an: eingestellt. Der angeblich einzige Täter: tot. Beinahe wäre es bei diesem fragwürdigen Ergebnis geblieben, obwohl wir doch alle in den ersten Tagen nach dem Anschlag von der zeitweisen Verstrickung des mutmaßlichen Bombenlegers Gundolf Köhler in die rechtsextreme Szene, insbesondere in die Wehrsportgruppe Hoffmann erfahren haben. Wir hatten in den Zeitungen von jenem Zeugen gelesen, der Gundolf Köhler eine Stunde vor dem Anschlag auf der Verkehrsinsel vor dem Eingang des Brausebadhauses im erregten Gespräch mit zwei anderen jungen Männern beobachtet hatte.

Wussten wir doch, dass die Bombe nur Tage vor der Entscheidung im hitzigen Bundestagswahlkampf 1980 detonierte und Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß noch in der Nacht des 26. September das Attentat in den Wahlkampf zog. Er trampelte durch den Tatort und bezeichnete den Bundesinnenminister der SPD, Gerhart Baum, als Unsicherheits- und Skandalminister, der schwere Schuld an diesem Anschlag auf sich geladen habe durch die ständige Verunsicherung und Demoralisierung der Sicherheitsdienste. Diese, so Strauß, trauten sich ja nicht mehr, im Vorfeld aufzuklären und den potenziellen Täterkreis festzustellen. Kurz darauf stellte sich heraus: Der mutmaßlich tatbeteiligte Bombenleger war zeitweise aktiver Sympathisant der Wehrsportgruppe Hoffmann gewesen. Die hatte Josef Strauß in Bayern seit Mitte der siebziger Jahre gewähren und groß werden lassen. Er hatte nichts gegen das Bürgerkriegstraining mit Waffen unternommen. Gerhart Baum hingegen hatte bei der ersten Gelegenheit die WSG Hoffmann verboten, neun Monate vor dem Oktoberfestattentat, als sie sich über Bayern hinaus auf das Bundesgebiet ausgedehnt hatte. Was war los in München, dass es keinen Aufschrei gab, als die Ermittlungen nach nur zwei Jahren eingestellt wurden? Diese Apathie hatte schlimme Folgen. Sie zog die mangelnde Empathie und Anteilnahme für die Opfer und die Überlebenden und ihre Familien nach sich.

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Was mich verletzt

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Toni Cirpaci

Ich wohne zwar in München, aber verkaufe die BISS meistens außerhalb. Drei- bis viermal pro Woche fahre ich nach Rosenheim, dreimal pro Monat nach Penzberg, ab und zu auch nach Traunstein, Miesbach, Ebersberg oder Ingolstadt. In vielen Städten habe ich viele sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Kunden sind freundlich, die Geschäftsleute lassen mich die Zeitschrift vor ihren Läden verkaufen. Aber leider habe ich auch schon Dinge erlebt, die mich sehr verletzt haben. In Ebersberg stand ich mal mitten in der Stadt, um die BISS zu verkaufen, als ein Mann mich an der Schulter zerrte und sagte, ich solle verschwinden. In Ingolstadt hat mich ein 2-Meter-Mann schon mehrmals aufgefordert, zu gehen. Er meinte, ich würde den Menschen das Geld aus der Tasche ziehen. Das könne ich mit den Münchnern machen, aber nicht mit den Ingolstädtern. Es tut mir weh, so etwas zu hören. Denn ich ziehe niemandem das Geld aus der Tasche, ich verkaufe eine Zeitschrift. Wenn die Leute sagen, ich solle doch etwas „Richtiges“ arbeiten, schmerzt das besonders. Es ist meine Arbeit, die BISS zu verkaufen! Ich verdiene mein eigenes Geld, bezahle jeden Monat meine 800 Euro Miete davon. In Wolfratshausen stand ich auf dem Parkplatz eines Supermarkts, um die BISS zu verkaufen. Es war privater Grund, weshalb mich der Chef aufforderte, zu gehen. Sonst rufe er die Polizei. Ich ging, doch unterwegs hielt mich die Polizei auf und fuhr mit mir zurück zum Supermarkt. Dort erklärte der Chef, er wolle Anzeige erstatten. Schließlich musste ich 600 Euro wegen Hausfriedensbruchs zahlen. Für mich ist das sehr viel Geld. In solchen Fällen fände ich es gut, wenn die Menschen mit mir sprechen würden, bevor sie mich gleich anzeigen. Und ich wünsche mir, dass die Menschen mich respektieren und akzeptieren, dass die BISS meine Arbeit ist. Was ich aber auch sagen muss: Es sind oft die vielen Leser und Stammkunden, die mich in Schutz nehmen und sich für mich einsetzen. Sie freuen sich, dass ich die BISS auch außerhalb Münchens verkaufe. Das ist schön zu wissen!