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BISS-Ausgabe Mai 2020 | Nimm zwei!

Cover des BISS-Magazins Mai 2020

Thema | Friedliche Orte | Den einen gibt die Nacht ein Gefühl von Ruhe  und Frieden, andere finden in einer Tagesstätte einen Ort, an dem sie spielen, basteln und ausruhen können| 6 Obdachlose EU-Bürger: Nachts schlafen sie in der Bayernkaserne, tagsüber finden sie bei FamAra einen sicheren Ort | 1O Heaven Shall Burn: Eine Metalband engagiert sich für Umweltschutz und gegen rechte Gewalt| 14 Nachtarbeiter: Ihr Arbeitstag beginnt, wenn andere schlafen gehen | 22 Der Mensch dahinter: Gedanken zu den Wohnungen der BISS-Verkäufer, fotografiert von Rainer Viertlböck | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

HEAVY METAL

Protokoll: Felicitas Wilke

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

CAROLA-RENATE GRAF: Uns verbindet die Liebe zur Rockmusik. Zum Heavy Metal, um genau zu sein.

MANFRED KARCH: ZZ Top, AC/DC, solche Sachen. Ich liebe einfach den Sound! Meine Leidenschaft zur harten Rockmusik habe ich schon in den Sechzigerjahren entdeckt.

Manfred Karch, BISS-Verkäufer und Ehrenamtlicher bei St. Bonifaz  und Carola-Renate Graf, BISS- Verkäuferin

CG: Ich bin 1961 über meinen Cousin zu den Beatles gekommen. Später habe ich mich für die Rolling Stones begeistert und mich dann zu härterer Musik gesteigert.

MK: Den Heavy Metal hast du aber erst durch mich entdeckt. Viele Songs von AC/DC hab ich dir vorgespielt!

CG: Meinst du? Das würde ich so nicht sagen. Ich finde Heavy Metal schon länger gut. Aber egal, Hauptsache, wir teilen die Leidenschaft!

MK: Vor zwei Jahren waren wir gemeinsam auf einem Konzert von ZZ Top auf dem Tollwood­Festival.

CG: Wir standen eher am Rand, aber haben alles gut gesehen. Am Ende haben sich die Bandmitglieder verkleidet. Es war ein toller Abend. Inzwischen gehen wir nicht mehr so oft auf Konzerte, das macht die Gesundheit nicht mehr mit. Außerdem sind die Karten ganz schön teuer. Teilweise kostet eine Konzertkarte 100 Euro!

MK: Wir unternehmen aber auch sonst viel. Gehen im Olympiapark spazieren, Gassi mit Pflegehunden, schauen gemeinsam Fußball oder verbringen Zeit mit meinem Neffen. Und wir tauschen uns gern über die Arbeit aus. Die BISS schweißt uns zusammen.

Zeige mir deine Wohnung, und ich weiß nicht, wer du bist

Die Fotografien von Rainer Viertlböck in der Ausstellung „BISS Einblicke“

Von CHRISTOPH LINDENMEYER

Tritt ein, bring Glück herein!“ Wir haben nicht geläutet, nicht angeklopft. Wir waren nicht einmal in den Wohnungen, die hier gezeigt werden, und stehen doch mitten in ihnen. Anonyme Heimaten, neue Geborgenheiten für BISS-Zeitungsverkäufer: endlich eine eigene Wohnung. Rainer Viertlböcks Fotografien benennen nicht die Wohnungsinhaber. Dabei könnten sie leicht zugeordnet werden, denn eine Fototafel mit 15 Einzelporträtaufnahmen in der Ecke zeigt die Menschen, einzelne und Familien, die dort wohnen, wo wir jetzt hineinschauen. Sofas, auf denen sie sitzen, Bilder an der Wand, dieser und jener Vorhangstoff, dieser und jener Blick aus dem Fenster. Diese Motive tauchen auch auf den großformatigen Fotos auf. Aber das wäre nicht aufregend: zu wissen, wer wo wohnt. Aufregend ist eine Spurensuche in den Wohnräumen ohne Namen: Welche Identität geben sie preis, welche Erinnerungen, welche Hoffnungen, welche Biografien? Wer wohnt hier? Was wollte er oder sie behalten, worauf kommt es an, außer eines Tages ein Obdach zu haben? Man muss nicht Ermittler sein, Profiler, Spurensicherer. Es genügt, hinzusehen. Genau hinzusehen.

Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt HEINRICH ZILLE

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Mein Hobby Tischtennis

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ercan Uzun

Ich habe schon damals in Solln in meiner Jugend leidenschaftlich gern Ping­ Pong gespielt. Damit verknüpfe ich auch meine erste Liebe, mit Gaby F. So glücklich, wie ich damals mit 17 mit ihr war, so gut spielte ich auch. Mich beruhigte dieses Tick­Tack des Balles immer wieder. Auch in der Psychiatrie spielte ich später immer wieder gerne Tischtennis. Gelernt habe ich das Spielen damals im Asam­-Gymnasium. Meine Stärke ist die Defensive. Ich kann so manche Schmetterer abfangen und bringe die Gegner zur Resignation. Aber Kontern ist nicht mein Ding. Mein Aufschlag ist je nach körperlicher Verfassung mal langsam und mit Effet, mal schnell und flach. Mein Bruder war häufig mein Trainingspartner. Ich nannte ihn „Häuptling“, weil er im Gegensatz zu mir keine psychischen Probleme hatte, zumindest wirkte er so. Er hat Radio-­ und Fernsehtechniker gelernt und ist mir in Notlagen immer zur Seite gestanden. Er bevorzugt das Offensivspiel, und so kam es in der Vergangenheit immer wieder zu interessanten Begegnungen am Tisch. Bei einem meiner Psychiatrieaufenthalte gewann ich sogar eine Urkunde von Dr. von Gudden, der mir als einer der wenigen sympathischen Ärzte in Erinnerung blieb. Ich wünsche mir, mein altes Hobby wieder aufleben zu lassen. Denn es macht körperlich nicht so kaputt wie Fußball. Viele schöne Erinnerungen verbinde ich mit diesem englischen Ballspiel. Meine erste Liebe, meinen ersten Schulabschluss und viele Grillsonntage am Ostpark. Ich hoffe, ich kann bald mal eine Partie auf den Platten beim Park am Sendlinger Tor im Klinikviertel spielen, wo meine Mutter mich als kleines Kind schon im Kinderwagen spazieren fuhr.

Gerade in diesen Zeiten

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Als wir am Montag, den 16. März die Abgabe der Zeitschrift an unsere Verkäufer einstellten, wussten wir nicht, wie lange die Pause dauern würde. Im Vordergrund der Entscheidung stand, Verkäufer und Kunden in der Coronakrise zu schützen und erst einmal die Kontakte der Verkäufer zu anderen Menschen zu reduzieren. An diesem Montag stand frühmorgens einer unserer erst seit Kurzem angestellten Verkäufer zur monatlichen Abrechnung vor der Tür. Es waren damals noch bitterkalte Nächte und jemand wie er, obdachlos, war in besonders großer Not. Eine Wohnung konnte ich nicht anbieten, aber immerhin konnte BISS ihm sein Gehalt ausbezahlen. Insbesondere in der Krise bewährt sich die konsequente Festanstellung der Verkäufer, die eben nicht über Nacht wieder auf Almosen angewiesen sind, sondern als Arbeitnehmer auf die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und den Schutz der Sozialversicherung vertrauen können. BISS hat den angestellten Verkäufern im März und im April das Gehalt weitergezahlt. Als einzige Straßenzeitung weltweit haben wir für über 50 Verkäufer Kurzarbeitergeld beantragt und auch schon genehmigt bekommen. Zugleich war es wichtig, auch in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen denjenigen Menschen Beratung und Hilfe zu leisten, die sie brauchen. So fand der Kontakt mit der Sozialarbeit, dem Innendienst und den Journalistinnen der Schreibwerkstatt per Telefon und, falls dringend erforderlich, im persönlichen Gespräch mit Termin und Abstand statt. Das alles trägt dazu bei, die Lage stabil zu halten. Trotzdem fehlt unseren Verkäufern der persönliche Kontakt zu ihren Kunden. Sie vermissen die alltäglichen Begegnungen, die freundlichen Grüße und die wohlwollenden Worte, die jeden spüren lassen, dass er ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft ist. Das ist unersetzbar und auch deshalb werden wir Schritt für Schritt wieder in den Straßenverkauf einsteigen, freiwillig, für die Verkäufer, die wollen. Im Namen aller BISSler danke ich unseren Freunden und allen Menschen in unserem Netzwerk, die BISS zur Seite stehen. Ihr Zuspruch und Ihre Unterstützung, sei es per E-Mail, am Telefon und persönlich, haben geholfen, dass wir in den letzten Wochen den Humor und die Zuversicht behalten haben. Liebe BISS-Leser, bleiben Sie gesund, wir brauchen Sie, gerade in diesen Zeiten.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

PS: Und sollten Sie das Märzheft noch nicht haben, kaufen Sie es doch zum Maiheft dazu – Nimm 2 sozusagen!