BISS / : Seite 3

Ich bin eine alte Leseratte

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Toni Menacher


Schon als Kind verschlang ich Bücher regelrecht! Ich kam durch ein Geschenk meines Bruders auf den Geschmack an Geschichtsbüchern. Insbesondere fas- ziniert mich heute noch die Zeit von etwa 700 vor Christus bis Christi Geburt. Da gab es anfangs die Zeit der Großmacht Assyrien, die mehrere Jahrhunderte das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris beherrschte. Sie terrorisierte das gesamte Gebiet bis Ägypten. Sehr fasziniert mich auch die Geschichte Babylons, das mehr als 1.000 Jahre lang die religiöse Hochburg im vorderen Orient war. Später las ich mehrere Bücher über das Alte Rom. Als Kind und Jugendlicher interessierte mich am meisten, welcher König oder Feldherr welche Schlacht und welchen Krieg gewann oder verlor. Erst später änderte sich mein Schwerpunkt und ich las mehr über die Kultur, aber auch über die sozialen Spannungen. Als Beispiel möchte ich zwei Punkte hervorheben: den Spartacus-Sklavenaufstand (etwa 70 vor Christus), in dem die verzweifelten Geknechteten sich gegen das mächtige Rom erhoben. Und die große Schere zwischen Arm und Reich im Alten Rom mit den reichen Patriziern und den armen Plebejern. Etwa mit Mitte 20 widmete ich mich anderen Büchern und begann, in meiner Freizeit Western und Gruselromane zu lesen. Dabei kann ich gut entspannen. Allerdings lese ich auch heute noch gern Geschichtsbücher. Mein letztes Buch drehte sich um das faszinierende, aber kurze Leben von Alexander dem Großen (356 bis 323 v. Chr.). Dabei beeindrucken mich insbesondere auch die innerlichen Widersprüche vom beliebten König von Makedonien zum Despoten nach dem Sieg über das persische Großreich. Er führte ein, dass seine getreuen Mitstreiter vor ihm auf die Knie fallen mussten. Dies führte zu großen Spannungen. Heute mache ich mir viel mehr Gedanken über die Hintergründe, was meinen Geist anregt. Sehr viel Spaß macht es mir, mich mit einer Stammkundin über geschichtliche Hintergründe, aber auch über Politik zu unterhalten. Sie weiß genau, wovon sie spricht, denn sie ist pensionierte Gymnasiallehrerin!

Am Abrechnungstag

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Heute war wieder so ein Tag mit „lebhaftem Geschäftsbetrieb“, denn es sind fast alle unsere 56 angestellten Verkäufer zur Gehaltsabrechnung, die jeweils am 15. des Monats stattfindet, ins Büro in der Metzstraße in Haidhausen gekommen. Die Modalitäten sind „maßgeschneidert“ für die BISS-Verkäufer, denn unsere Festangestellten bekommen den Teil des Gehalts ausbezahlt, den sie nicht direkt beim Verkauf der Zeitschriften einnehmen. Ein Rechenbeispiel dazu: Wenn ein Verkäufer mit einem Festgehalt von 800 Euro brutto angestellt ist, verkauft er dafür 400 Zeitschriften im Monat. Diese Zeitschriften holt er in St. Bonifaz oder im BISS-Büro ab und bezahlt pro Heft 1,10 Euro. Beim Verkauf an die Leser für 2,20 Euro nimmt er pro Exemplar 1,10 Euro ein. Das sind bei 400 Zeitschriften also 440 Euro. Sein Nettoverdienst laut Lohnabrechnung liegt, abhängig von Steuerklasse und Krankenversicherung, bei circa 630 Euro. Die Differenz von 190 Euro bekommt der Verkäufer am 15. des Monats bar ausbezahlt. Eigentlich ganz einfach, oder? Außerdem werden bei der Gelegenheit die Fahrkarten für den Münchner öffentlichen Personennahverkehr ausgegeben bzw. abgerechnet. Dieses „Jobticket“ bewährt sich seit Langem und wird von den BISS-Verkäufern sehr geschätzt, denn es macht sie beruflich und privat so richtig mobil. Nachdem der MVG sein Tarifsystem geändert hat, haben wir heute auch für jeden Verkäufer genau geprüft, welche Karte mit welchen Ringen für ihn zukünftig am besten passt. Für die etwas Älteren geht das Isarcard-65-Abo, das keine Zeitbeschränkung mehr hat. Das ebenfalls günstigere Abo Isarcard 9 Uhr ist wirklich nur für diejenigen geeignet, die nicht vor 9 Uhr das Haus verlassen. Das waren gar nicht mal so viele, denn unsere Verkäufer wollen am Standplatz präsent sein, wenn „ihre“ Kunden zur Arbeit fahren. Am Abrechnungstag ist auch die Sozialarbeit gefordert, denn es bietet sich die Gelegenheit für persönliche Gespräche und Beratungen, je nachdem, was beim Einzelnen gerade ansteht. Viele Verkäufer bringen Schreiben von Behörden oder auch Zahnarztrechnungen mit, die man mit ihnen prüft und bearbeitet. Man sieht, wie sich mit der Zeit nicht nur das äußere Erscheinungsbild verändert, sondern die Menschen auch ihr Selbstvertrauen wiedergewinnen. Wie Frau M. heute, die ihren kranken Mann, der BISS verkauft, begleitet hat. Sie, die vor zwei Jahren noch ganz stumm schien, verstand jede Nachfrage und antwortete ausführlich in Deutsch – was für ein enormer Fortschritt! Dass jemand wie Frau M. wieder die Kraft findet, sich anderen Menschen zu öffnen und mitzuteilen, das war heute besonders schön zu sehen.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe Januar 2020 | Neuanfang

Cover des BISS-Magazins Januar 2020

Thema | Einen neuen Anfang wagen | Der Januar steht für gute Vorsätze. Manchen Menschen geht es aber nicht nur um einen Vorsatz, sondern darum, dem Leben eine neue Wendung zu geben | 6 Der andere Arbeitsmarkt: Chancen zurück in den Beruf durch den zweiten Arbeitsmarkt | 12 Katrin Habenschaden: Interview mit der OB-Kandidatin der Grünen | 16 Reha-Ausbildungen: Ausbildungen für Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf | 26 BISS liest: Literarischer Spaziergang mit Aleš Šteger und Ingo Schulze | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 27 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

DIE SECHZGER

Protokoll: Lea Hampel

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

HELMUT WEYER: Wir haben uns in den frühen 1980er-Jahren kennengelernt. Damals waren wir bei der Bundespost, im Bahnpostbegleitdienst. Wir haben Postsäcke ein- und ausgeladen, ein Knochenjob. Weil wir Löwen-Fans sind, hatten wir uns immer was zu erzählen! Wir sind viel ins Stadion gegangen und auf Auswärtsfahrten. Als die in der zweiten Liga waren, hatten wir Jahreskarten nebeneinander. Das schönste Spiel war, als wir gegen Nürnberg gewinnen mussten, um nicht vorzeitig abzusteigen. Da sind wir mit gemischten Gefühlen zur Allianz Arena gefahren – und als wir 3 : 1 gewonnen haben, hat das irrsinnig Spaß gemacht.

Helmut Weyer, 1860-Fan, und Ernst Köppel, BISS-Verkäufer

ERNST KÖPPEL: Die Sechzger-Fans sind eine Gemeinschaft. Wir haben nicht so viele auswärtige Fans wie beim FC Bayern, man sieht sich viel und geht anständig miteinander um.

HW: Na ja, und als Sechzger-Fan ist das einfach Teil des Lebens, egal, ob wir grad oben sind oder unten. Einmal Löwe, immer Löwe.

EK: Momentan ist es schwierig mit Stadionbesuchen. Wenn Spiele sind, arbeite ich oft, weil die in der Regionalliga häufig an Wochentagen sind. Und es gibt nur noch 15.000 Plätze, Sitzplätze sind schnell ausverkauft.

HW: Wir sind ja nicht mehr die Rüstigsten, wir brauchen die – aber wir haben schon bei Minustemperaturen gelitten.

EK: Und bei Nebel.

HW: Jedenfalls: Allein mag ich auch nicht gehen. Aber wir schauen oft auch Spiele zusammen im Fernsehen an. Unsere Freundschaft reicht aber weiter: Brauche ich Hilfe, kann ich mich auf den Ernsti verlassen.

EK: Mir geht es genauso.

Der andere Arbeitsmarkt

Martin Lindner arbeitet auf einer AGH-Stelle bei Dynamo Fahrradservice

Seit einem Jahr gibt es das Teilhabechancengesetz. Es soll Langzeitarbeitslosen wieder Perspektiven auf einen festen Arbeitsplatz bieten. Arbeitgeber, die Langzeitarbeitslose beschäftigen, bekommen dabei bis zu fünf Jahre einen Großteil der Lohnkosten erstattet. Gleichzeitig sollen Coaches den Wiedereinstieg begleiten. Doch viele Menschen sind aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen nicht in der Lage, Vollzeit in einem Wirtschaftsbetrieb zu arbeiten. Für sie ist der sogenannte zweite Arbeitsmarkt in einem Sozialen Betrieb geeigneter. Solche Betriebe werden mit öffentlichen Fördermitteln unterstützt.

Von GABRIELE WINTER Fotos JANEK STROISCH

Simona Lombardi hat es geschafft. Seit einem halben Jahr arbeitet die 40-Jährige als Anleiterin im Hauswirtschaftsbereich des „Stadtteilcafé Hasenbergl“. Noch vor vier Jahren konnte sich die alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen gar nicht vorstellen, je wieder auf die Beine zu kommen. Als selbstständige Gastronomin war sie gescheitert und saß mit einem Säugling und einem Kleinkind auf einem Berg von Schulden. Mit der Rückzahlung geriet sie in Verzug und sie wurde gerichtlich zu Sozialstunden beim „Café Netzwerk“ verurteilt. „Im Grunde war das ein Glück“, sagt Simona Lombardi heute. Denn so lernte sie die Einrichtung kennen und absolvierte dort eine Umschulung zur Restaurantfachfrau. Anschließend konnte Simona Lombardi durch die finanzielle Unterstützung von BISS den Ausbildereignungsschein machen und bewerkstelligte den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt. Damit gehört sie zu den 13 Prozent der Menschen auf dem zweiten Arbeitsmarkt, die in den ersten Arbeitsmarkt wechseln.

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