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BISS-Ausgabe Mai 2022 | Bretter der Welt

Cover des BISS-Magazins Mai 2022

Thema | Bretter, die die Welt bedeuten | Kunst und Kultur eröffnen neue Welten. Auf der Bühne genauso wie im Radio | 6 Freie Bühne München: Junge Talente leben ihren Traum | 12 Radio Lora: Bürgerradio zum Mitmachen – von den Anfängen bis heute | 18 Interview mit Dr. Uwe Büsching: Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen | 20 Angehörige von Spielsüchtigen: Wenn der Partner die Zukunft verzockt| 5 Wie ich wohne | 24 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Wie ich wohne

Wer wohnt wie? In der Kolumne geben BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Protokoll FELICITAS WILKE

Der Angekommene

Foto: Martin Fengel

Laptop, Hund oder Katze: Was für viele Menschen zu einer Wohnung dazugehört, findet man in meiner Wohnung in einem Mehrparteienhaus in Berg am Laim nicht. Stattdessen habe ich hier ein Bett, einen Fernseher, ein Sofa, einen Tisch und zwei Stühle. Wenn die Sonne scheint, setze ich mich auf den Balkon. Und wenn ich Hunger habe, dann koche ich in meiner roten Küchenzeile ein Gericht aus meiner Heimat: Am liebsten mag ich Lammfleisch, Gemüse und Bohnen. Ich stamme ursprünglich aus Pakistan. Dort bin ich mit zwei Brüdern und drei Schwestern in einem kleinen, armen Dorf aufgewachsen. Später bin ich in meinem Heimatland zum Militär gegangen und habe selbst eine Familie gegründet. Doch in Pakistan hat der Terrorismus das Sagen. Mein Leben dort war gefährlich, weshalb ich mich vor neun Jahren allein auf die Flucht machte. 18 Monate lang war ich unterwegs – und obdachlos. Mal schlief ich auf der Straße, mal im Wald. Meist ging ich zu Fuß, manchmal nahm mich ein Lastwagen mit. Bis ich irgendwann in Passau ankam und Asyl beantragte. Die erste Zeit war hart: Ich kam zuerst in eine Flüchtlingsunterkunft nach München, dann nach Zirndorf, dann nach Mindelheim. Anfangs durfte ich mir noch keinen Job suchen, aber irgendwann kam dann die Arbeitsgenehmigung, und ich fand eine Anstellung bei einer Reinigungsfirma. Also pendelte ich Tag für Tag von Mindelheim ins 90 Kilometer entfernte München: eine gute Stunde hin, eine gute Stunde zurück. Das war anstrengend – auch deshalb, weil wir in den Unterkünften zu sechst in einem Zimmer lebten. Wir stritten darüber, wer wann kochen darf, wer wann schlafen gehen will und wer welche Musik hört. Drei Jahre lang. Bei der BISS fand ich vor einigen Jahren nicht nur eine neue Arbeit, sondern mit ihrer Hilfe auch eine Wohnung in München. Endlich hatte das Pendeln ein Ende und ich bekam ein bisschen Privatsphäre zurück. Für mein Zimmer mit Bad und Balkon zahle ich jeden Monat 525 Euro. Ich bin froh, inzwischen Raum für mich zu haben, aber ich bin auch viel allein. Umso wichtiger ist es mir, den Kontakt zu anderen Menschen zu halten. Über mein Handy und das Internet kommuniziere ich mit meiner Familie, außerdem treffe ich mich in München manchmal mit Landsleuten. Und dann sind da noch meine Stammkunden, die ich vom Verkaufen vor allem in Pasing kenne. Sie bringen mir zu verschiedenen Anlässen, zum Beispiel zu Weihnachten, immer wieder Postkarten vorbei. Diese Karten haben bei mir einen Ehrenplatz an der Tür. Meine vergangenen Jahre waren geprägt von Unsicherheit. Ich hatte viele Termine mit Behörden und mich beschäftigte die bange Frage, ob ich in Deutschland bleiben darf. Zwischenzeitlich sah es so aus, als müsste ich das Land verlassen, auch die BISS durfte ich nicht mehr verkaufen. Das hat sich mittlerweile zum Glück wieder geändert. Ich arbeite und habe eine Wohnung: Eigentlich lebe ich mein Wunschleben.

Wenn der Partner
die Zukunft verzockt

Allein in Bayern haben 70.000 Menschen ein schwieriges oder pathologisches Spielverhalten. Gezockt wird in Spielhallen, Wettbüros und immer häufiger im Internet. Spielsucht betrifft aber nicht nur denjenigen, der daran erkrankt ist, auch die Angehörigen werden massiv in Mitleidenschaft gezogen. Die Abwärtsspirale lässt sich häufig nur stoppen, wenn Hilfe gesucht und angenommen wird.

Von
BENJAMIN EMONTS

von PAUL PAETZEL

Louise Arndt hatte sich gerade frisch verlobt, als ihre Beziehung im September plötzlich ins Wanken geriet. Nachdem ihr Verlobter mehrmals Sportwetten vom gemeinsamen Konto bezahlt hatte, hatte sie ihn eines Abends spontan zur Rede gestellt. Seine Antwort saß dann. Er habe schon seit Jahren Probleme mit Spielsucht, sei süchtig nach Sportwetten, offenbarte ihr der Verlobte. Das Darlehen, mit dem er angeblich Studienkosten bezahlte, habe er in Wahrheit wegen Spielschulden aufgenommen. Für Louise Arndt brach in diesem Moment alles zusammen. „Es hat mich völlig vom Hocker gehauen“, blickt sie zurück. „Ich dachte ja eigentlich, ich würde ihn kennen.“
Ein halbes Jahr später wirkt Louise Arndt, 29, immer noch mitgenommen, als sie per Videoanruf ihre Geschichte erzählt, manchmal kämpft sie mit den Tränen. Seit jenem Abend hat sich für sie schließlich fast alles verändert: Sie kennt nun das ganze existenzbedrohende Ausmaß seiner Spielsucht. Allein durch Sportwetten häufte ihr Verlobter einen Schuldenberg von fast 50.000 Euro an und musste mehrere Kredite bedienen, obwohl er in seinem Job passabel verdiente. Arndt, das sagt sie ganz offen, stellt deswegen nun vieles infrage. Kann ich so eine Familie gründen? Kann ich ihm überhaupt noch vertrauen? Es sind bedrückende Zweifel, die sie begleiten. Mit solchen Problemen ist Louise Arndt, die in Wahrheit anders heißt, nicht allein. Experten gehen in Deutschland von einer halben Million Menschen mit problematischem oder pathologischem Spielverhalten aus, allein in Bayern sind es rund 70.000. Die Zahl der in Mitleidenschaft gezogenen Angehörigen liegt entsprechend noch um ein Vielfaches höher. Nachdem etwa 80 Prozent der Spielsüchtigen männlich sind, betrifft das Problem besonders stark Ehefrauen, Partnerinnen, aber auch Eltern, Geschwister und Kinder. Sie leiden unter Schuldzuweisungen, Lügen, in Einzelfällen häuslicher Gewalt und nahezu immer unter dem wirtschaftlichen Niedergang ihrer Partner. Nicht selten treibt das Spielen ganze Familien in den Ruin.

Weiterlesen „Wenn der Partner
die Zukunft verzockt“

Ankommen, Teil 2

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Husnain Akbar

Während meiner ersten sechs Monate in Deutschland arbeitete ich nicht. Die meiste Zeit verbrachte ich in meinem Zimmer im Auffanglager. Das machte mir sehr zu schaffen. Jeden Monat erhielt ich 300 Euro, doch ich schämte mich, es anzunehmen, weil ich nichts dafür geleistet hatte. Ich wollte auf jeden Fall arbeiten, auch weil meine Eltern in Pakistan sehr alt waren und ich ihnen Geld schicken wollte. Eine ehrenamtliche Helferin sagte mir, dass ich schlechte Chancen auf dem Berufsmarkt hätte. Doch nur eine Woche später kehrte sie wieder zurück mit einer überraschend guten Nachricht: Sie hatte etwas für mich gefunden, und das war mein Job bei BISS! Die Frau begleitete mich zu meinem Verkaufsort, zeigte mir, wie man die S-Bahn benutzt, und sprach mit dem Supermarktleiter, damit ich vor dem Laden bleiben konnte. Den ersten Monat tat ich mich schwer, ich schämte mich und hielt die ganze Zeit den Kopf gesenkt. Meine Arbeit als Goldschmied in Libyen war schließlich ganz anders gewesen. Doch die Leute in Herrsching waren unheimlich nett und brachten mir viel Respekt entgegen. Mir fehlen die Worte, zu beschreiben, wie großartig die Menschen dort waren bzw. immer noch sind. Sie sind wie eine Familie. Wenn ich mal einen Tag nicht an meiner Verkaufsstelle bin, rufen sie gleich bei mir an, um zu fragen, ob alles in Ordnung mit mir ist. 2018 gab es dann große Veränderungen für mich. Erst 2016, also ein ganzes Jahr nach meinem Ankommen in Deutschland, bekam ich die Gelegenheit, mit den Beamten zu sprechen, damit mein Asylantrag bearbeitet werden konnte. Hierfür wurde ich acht Stunden lang interviewt. Man wollte wissen, woher ich komme und weshalb ich Libyen verlassen habe. Nach diesem Gespräch hat es noch zwei weitere Jahre gedauert, bis ich wusste, dass ich bleiben konnte. Die Zeit dazwischen war äußerst zermürbend. Immer wenn ich die Post holen ging, blieb mir das Herz stehen. Jedes Mal dachte ich, ich müsste sterben. Mein Zimmernachbar hatte schließlich fünf Jahre in Deutschland gelebt, hatte Deutsch gelernt, eine dreijährige Ausbildung abgeschlossen und wurde letztendlich doch abgeschoben. Ich hatte wesentlich mehr Glück und 2018 war es dann so weit: Ich erhielt den offiziellen Bescheid, dass ich dauerhaft in Deutschland leben darf. Außerdem wurde mein Auffanglager geschlossen und ich zog um in ein Heim nach München. 2018 heiratete ich auch meine Verlobte in Libyen, was ich mich bis dahin aufgrund meiner unsicheren Lebenssituation nicht getraut hatte. Im Februar 2022 gelang es mir mithilfe von BISS, auch eine bezahlbare Wohnung zu finden. Nun hoffe ich, dass ich in nächster Zeit meine Frau zu mir holen und endlich ein ganz normales Leben führen kann.

Unerwartete Gäste

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Ich weiß nicht, ob Sie Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine fliehen mussten, persönlich begegnet sind. Falls ja, dann wissen Sie um die große Not der Frauen, Männer und Kinder, die kommen und oft nur das Nötigste aus ihrem früheren Leben bei sich tragen. Keiner kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, wie lange die Kämpfe dauern werden und wann die Menschen zurückkehren und das Land wiederaufbauen können. Bis es so weit ist, brauchen diejenigen, die in München angekommen sind, alles: Übernachtungsmöglichkeiten, längerfristigen (Mit-)Wohnraum, ärztliche Versorgung, Unterstützung bei Behördengängen und Anträgen einschließlich Übersetzungsleistungen, Kinderbetreuung und vieles mehr. Unsere Stadt hat in kurzer Zeit viel auf die Beine gestellt und zahlreiche Münchnerinnen und Münchner helfen dabei, dass Hilfsbedürftige und Hilfen zueinanderfinden. So wie Frau K., die die Initiative ergriffen und in einem Gasthof in ihrer Nachbarschaft ein Zimmer für eine ukrainische Familie angemietet hat. „Eigentlich hatte ich mir das anders vorgestellt“, meinte sie, als sie die an sie vermittelte Familie am Hauptbahnhof abholte und sie mit der S-Bahn bis zur Unterkunft begleitete. Denn da war erst einmal niemand, der sagte, wo’s genau hingeht, aber Frau K. und der freundliche Wirt wussten sich zu helfen: Sie schafften für das jüngste Kind eine Plastikschüssel herbei, damit die Eltern es am ersten Abend baden konnten, und Fieber, wie befürchtet, hatte das Kindlein auch nicht, wie sich mithilfe eines ebenfalls organisierten Fieberthermometers messen ließ. Welches Formular man ausfüllen musste, wusste die gut erreichbare Hotline der Stadtverwaltung, und eine sprachkundige BISS-Mitarbeiterin konnte, auch am Telefon, übersetzen. Wie viele andere Freiwillige konnte auch ich einen Einblick in die Arbeit der
Münchner Freiwilligen – wir helfen e.V. in der Messe Riem bekommen. Unter dem Motto „Jedes Bett zählt, jede Nacht hilft“ werden dort Menschen, die eine Unterkunft suchen, und solche, die eine anbieten, zusammengebracht. Es ist ein Glücksfall, wenn jemand längerfristig eine Bleibe anbieten kann, eine Voraussetzung ist es aber nicht. Beeindruckend ist, wie stark die Zivilgesellschaft in München und im Umland ist und was engagierte Menschen schaffen können. So wie auch Frau K., die gelassen „Nun ist es aber so“ kommentierte. Es ist unerträglich, dass man den Krieg und sein Grauen nicht stoppen kann. Als privilegierte Gesellschaft müssen wir aber zumindest genau hinsehen und helfen, wo sich die Gelegenheit dazu bietet. Die Chance, Gastgeber zu sein, haben viele.

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin