BISS / : Seite 3

Gut gelaunter Maibesuch

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Die Amtszeit von Münchens neuem Oberbürgermeister Dominik Krause hat für uns BISSler sensationell angefangen, denn Krause kam für sein erstes Interview als OB zu uns in die Redaktion. Gleich frühmorgens am 1. Mai, der ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch war, mit strahlend blauem Himmel, Vogelgezwitscher und Haidhausen in voller Blütenpracht. Bei uns war schon lebhafter Geschäftsbetrieb, wie immer am Erscheinungstag der neuen Ausgabe, an dem sich viele Verkäuferinnen und Verkäufer die Hefte zum Verkauf holen. Natürlich haben wir uns die Chance auf ein Titelfoto mit dem OB nicht entgehen lassen. Jetzt ist er darauf zu sehen, mit Waldemar Niklaus, Marioara Cirpaci und Pietro Dorigo (v.l.n.r.). Das Foto wurde in dem kleinen Garten hinter unserem Büro aufgenommen, wo trotz der frühen Stunde schon die Morgensonne hineinscheint. In das Gärtlein sind dann auch alle anderen Verkäuferinnen und Verkäufer für das Gruppenfoto gekommen, da war richtig was los, und man hat unmittelbar erleben können, wie wichtig ein Platz im Grünen für eine Stadt sein kann. In dem Interview (siehe S. 12 bis S. 15) geht es um das Thema Nummer eins in der Stadt, die Wohnungsnot und wie die neu gewählte Stadtregierung mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen will. Mir gefällt, dass der OB konkret benennt, wo die Stadt selbst handeln kann, wie bei der Umwandlung von Büro- in Wohnflächen, dass aber zu einer Verbesserung der Lage sowohl die Politik der Bundesregierung als auch die bayerische Landesregierung gebraucht werden. Unser Verein verhilft Menschen, die von Armut und Obdachlosigkeit bedroht oder betroffen sind, zu bezahlbarem Wohnraum. Das gelingt uns seit über 30 Jahren, oft mit Unterstützung unserer engagierten Leserinnen und Leser. Dafür machen wir, was geht. So kommt es vor, dass BISS zunächst als Hauptmieter fungiert und mit Erlaubnis des Eigentümers untervermietet. Und wir arbeiten eng mit der Stiftung BISS zusammen, die verfügbaren Wohnraum an Menschen mit dringendem Bedarf bezahlbar vermietet. Ich meine, wenn diejenigen, die handeln können, ihren Teil dazu beitragen, dann geht auch etwas voran – private Vermieter, Münchner Firmen mit Werkswohnungen und alte und neue Genossenschaften. Und die Politik, die, wenn sie so auftritt wie Münchens Oberbürgermeister – sachkundig, zuversichtlich, freundlich und gut gelaunt –, so vieles bewirken kann. Wir BISSler wünschen ihm alles Gute!


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Wir feiern das Grundgesetz –und die Menschenwürde

Von DR. JÜRGEN MICKSCH

Wir feiern das Grundgesetz! Die Stimmung im Land kippt immer weiter nach rechts, höchste Zeit, in den Fokus zu rücken, welche Werte das Fundament unseres Landes bilden. Über allem steht der Schutz der Menschenwürde: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht in Artikel 1 der Verfassung. „Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Das Grundgesetz hat entscheidend zum erfolgreichen Aufbau von Deutschland beigetragen. Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft sollte ein Land entstehen, in dem die Würde aller Menschen geachtet wird. Damit sich die Geschichte niemals wiederholt. Menschenwürde, Demokratie und Freiheit bilden die Grundlagen des Grundgesetzes. Hass und Hetze gegen Menschen sollte es nie wieder geben. Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen der Menschenfeindlichkeit wurde eine klare Absage erteilt.
Leider erleben wir aktuell, dass die Werte unserer Verfassung in Gefahr geraten. Ähnlich wie in der Zeit des Nationalsozialismus erhalten Gruppen und Parteien immer mehr Zulauf, die sich lautstark dagegen aussprechen, die Würde jedes Menschen zu achten. Sie schüren Hass gegen Zugewanderte und Geflüchtete; würdigen arme, obdachlose und behinderte Menschen herab und greifen diejenigen an, die sich für Menschenrechte starkmachen. Diese Entwicklung macht uns große Angst. Wir wollen nicht tatenlos dabei zusehen, sondern der rechten Hetze etwas Positives entgegensetzen. Was eignet sich dafür besser, als die Werte unserer Gesellschaft zu feiern? Das Grundgesetz wurde in Bonn am 23. Mai 1949 verkündet. Bislang wurde dieses Datum wenig beachtet. Das soll sich ändern. Ein breites Bündnis setzt sich dafür ein, den Tag des Grundgesetzes in Städten und Dörfern mit vielen bunten Aktionen zu würdigen. Der Bundespräsident hat den 23. Mai zum Ehrentag erklärt. Das Grundgesetz soll gefeiert werden, unter anderem mit Bürgerfesten, Diskussionen, Theateraufführungen, Plakataktionen, Ausstellungen, Konzerten und religiösen Feiern. Wir freuen uns darüber, dass BISS mit dabei ist.
Gemeinsam gilt es, in den Mittelpunkt zu rücken: Das Grundgesetz spricht sich dafür aus, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Es bekennt sich zu den unverletzlichen Menschenrechten als Grundlage von Frieden und Gerechtigkeit. Es betont die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Es stellt klar, dass niemand wegen seiner Behinderung oder sexuellen Orientierung benachteiligt werden darf. Es garantiert die Glaubensfreiheit und stellt sich gegen die Geringschätzung von jüdischen und muslimischen Menschen, von Sinti und Roma und anderen Gemeinschaften. Niemand darf zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Alle Menschen haben das Recht, ihre Meinung frei zu äußern. Das Grundgesetz betont die Freiheit von Wissenschaft und Lehre. Keine deutsche Person darf an das Ausland ausgeliefert werden. Es gewährt das Asylrecht für politisch Verfolgte und damit das Recht, einen Asylantrag in Deutschland zu stellen. Menschen den Zugang nach Deutschland zu verwehren, ist damit ein klarer Rechtsbruch.
Diese Menschenrechte gehören zur erfolgreichen Geschichte von Deutschland und werden von fast allen Menschen befürwortet. Wir brauchen eine breite Bewegung, um sie zu bewahren. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Rechte, die durch unsere Verfassung garantiert sind, eingeschränkt werden. Jetzt kommt es darauf an, das Grundgesetz zu schützen. Durch den Verkauf von BISS tragen wir dazu bei, auf die Würde von armen und obdachlosen Menschen hinzuweisen. Die persönlichen Gespräche mit Kundinnen und Kunden tragen dazu bei, Armut und Obdachlosigkeit mit anderen Augen zu sehen. Und
wer eine Zeitung kauft, zeigt Wertschätzung für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen in schwierigen Situationen leben.
BISS ist ein Beitrag zur Achtung der Würde von Menschen und damit zur Erfüllung des ersten Paragrafen des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz ist auch das Motto des Tages des Grundgesetzes am 23. Mai. Weitere Informationen finden sich in der von Jürgen Micksch herausgegebenen Broschüre „23. Mai: Das Grundgesetz feiern!“, die mit einem Beitrag des Bundespräsidenten von der Homepage der Stiftung gegen Rassismus heruntergeladen oder als gedruckte Broschüre bestellt werden kann.

Weitere Informationen finden sich
in der von Jürgen Micksch herausgegebenen
Broschüre „23. Mai: Das Grundgesetz
feiern!“, die mit einem Beitrag des Bundespräsidenten von der Homepage der
Stiftung gegen Rassismus heruntergeladen
oder als gedruckte Broschüre bestellt
werden kann.

Bei der Bundeszentrale für politische Bildung kann man auch kostenlos das Grundgesetz in einfacher Sprache bestellen. Hier der Link zur Bestellung:

https://www.bpb.de/shop/materialien/einfach-politik/236587/das-grundgesetz-die-grundrechte


Offene Behindertenarbeit

Die OBA macht Kultur- und Sport-Angebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Insgesamt etwa 13.000 Menschen in München und Oberbayern nutzen die Angebote im Jahr. Es gibt Konzerte, Partys, Ausflüge, Seniorentreffen, Sportveranstaltungen, Bildungs- und Beratungsangebote. Das Kult9 im Löhe-Haus von der OBA veranstaltet etwa 35 Konzerte im Jahr.

Oliver Gründel ist Diakon und leitet die OBA im Löhe-Haus. Er sagt: „Es sollte auch den Mindestlohn in den Werkstätten geben.“ Denn bisher verdienen Menschen mit Behinderung in einer Werkstatt nur etwa 250 Euro im Monat. Damit kann man in München nicht ins Theater oder in ein Konzert gehen. Oder andere Veranstaltungen besuchen.

Die Veranstaltungen von der OBA kosten nichts oder nur wenig. Die OBA bekommt Geld vom Bezirk Oberbayern. Das Kult9 im Löhe-Haus ist ein Stadtteilzentrum und bekommt Geld von der Stadt München. Oliver Gründel sagt aber auch: „Wir könnten das hier gar nicht alles machen, wenn wir die ehrenamtlichen Mitarbeitenden nicht hätten.“

Die Sport-Angebote von der OBA werden von dem OBA-Team, Vereinen und Ehrenamtlichen betreut. Jens Fülle ist Sport-Pädagoge und leitet das Projekt „Sport verein(t)“. Das Projekt arbeitet eng mit Sport-Vereinen aus der Region München zusammen und vermittelt Sportler*innen mit Behinderung an die Vereine. Jens Fülle sagt:

Sport ist eine gute Möglichkeit, Vorurteile auf spielerische Weise abzubauen. Denn Menschen ohne Behinderung haben immer noch Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung. Jens Fülle sagt: „Das ist ganz normal. Wenn man in der Familie oder im Freundeskreis keine Person mit Behinderung hat, dann ist man erst einmal unsicher, wie man sich verhalten soll.“ Jens Fülle hat schon während seines Studiums in einer Wohn-Gemeinschaft mit Menschen mit und ohne Behinderung gewohnt. Er sagt: „Es geht auch nicht darum, dass man besonders sportlich ist. Wichtig ist, dass man Spaß hat, mit anderen zusammenkommt und etwas für die Gesundheit tut.“

Zum Beispiel hatte ein Fußballspieler von der OBA immer Angst vor dem Ball und war immer lieber am Rand vom Fußballplatz. Für ihn war es aber wichtig, das Trikot zu tragen und zum Team zu gehören.

Jens Fülle arbeitet seit 21 Jahren mit Menschen mit Behinderung. Was treibt ihn an? Er sagt:

Auch die anderen Angebote der OBA, die Konzerte und Partynächte haben diese Leichtigkeit und sind sehr beliebt.

Horst Kunzmann sagt: „Abends bin ich am liebsten unterwegs.“ Er lebt in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Dort fehlt ihm abends der Trubel. Nach seinem Arbeitstag in einer Werkstatt braucht er Abwechslung. Er geht gerne essen, gern auch ein Bier trinken. Er möchte nicht nur in seinem Zimmer sitzen. Er geht gerne zu den Partys im Kult9. Da kommen Menschen mit und ohne Behinderung aus dem ganzen Stadtgebiet, um miteinander zu feiern. Horst Kunzmann sagt lachend: „Je mehr gefeiert wird, desto besser ist das für mich.“ Und er sagt glücklich: „Mein Herz hängt sehr an der OBA.“

Mehr Infos zur OBA, auch in Einfacher Sprache: https://www.oba-muenchen.de/

Original-Text von Leon Scheffold

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de

BISS-Ausgabe Mai 2026 | Grundgesetz

Cover des BISS-Magazins Mai 2026


Inhalt | Grundgesetz | Das Grundgesetz sichert unsere demokratische Gesellschaft. Nie war es so wichtig wie heute, sich für es einzusetzen. | 6 Hans Well im Interview | 12 Verteidiger des Grundgesetzes: Sie engagieren sich für unsere Freiheit | 20 Offene Behindertenarbeit: Mittendrin statt ausgeschlossen | 25 Bedrängt und betrogen: Wie es ist, von einer falschen BISS-Verkäuferin hereingelegt zu werden | 5 Wie ich wohne | 24 SCHREIBWERKSTATT: BISS-Verkäuferinnen und Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Wie ich wohne

Der Einheimische

Protokoll HANS ALBRECHT LUSZNAT

Foto MARTIN FENGEL

Der 26. August 2023 hat mir meine Wohn- und Arbeitssituation im wahrsten Sinne des Wortes verhagelt. In nur zehn Minuten wurde Neubeuern von einem Hagelsturm mit tennisballgroßen Hagelkörnern heimgesucht und fast 80 Prozent aller Gebäude waren beschädigt. Ich arbeitete in der Küche einer Gastwirtschaft und wohnte im Haus mit drei anderen Leuten im Dachgeschoss. Wir waren alle vier von einem Tag auf den anderen obdachlos und die Gaststätte hat nie wieder aufgemacht. So war ich meinen Job los. Die Gemeinde hat mir in Folge ein Zimmer zugewiesen, in der ehemaligen Jugendherberge der Don Bosco Schwestern. Da wohne ich jetzt auf ungefähr 15 Quadratmetern im ersten Stock in einem ehemaligen Zimmer der Jugendherberge. Eigentlich finde ich es recht gemütlich. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich auf eine Behelfskinderkrippe, die auf der anderen Straßenseite in Containern untergebracht ist. Morgens, wenn die Eltern die Kinder bringen, ist viel Verkehr auf der Straße, tagsüber kommen Landwirte mit ihren Maschinen vorbei. Augenblicklich sind wir zu zweit hier im Haus untergebracht. Mein Mitbewohner ist aus Eritrea und hat auch schon vorher mit mir in der Gastwirtschaft unterm Dach gewohnt. Er ist Metallbauer und arbeitet seit Jahren in einer Firma in der Nähe. Wir haben hier auch eine Küche und einen Gemeinschaftsraum, der ungefähr 20 Quadratmeter groß ist und in dem es zwei Tische gibt, die früher mal für Besprechungen genutzt wurden. Jeder von uns beiden hat sein Kochgeschirr. Zusammen kochen wir nicht, weil ich eigentlich kaum noch Fleisch esse. Ich komme aus der Landwirtschaft und mir tat es immer weh, wenn eine Kuh hat zum Schlachter müssen oder der Deckbulle nach drei, vier Jahren abgeholt wurde. Das hat mir immer in der Seele sehr wehgetan. Wenn ich Fleisch esse, dann mache ich das mit Bedacht. Richtig kochen tue ich eigentlich nicht, man kann es eher „erwärmen“ nennen. Ich kaufe mir Tiefkühlgerichte im Supermarkt. Die BISS-Zeitung verkaufe ich am Bahnhof, das ist nur ein paar Schritte vom Haus entfernt. Im Haus haben wir 28 Zimmer. Früher, als die Don Bosco Schwestern die Jugendherberge noch betrieben haben, waren hier 125 Betten für die Gäste. Die hat man alle abgeholt und anderweitig verwendet. Außer unseren sind alle anderen Zimmer leer. Demnächst sollen wir wieder umziehen, in das alte Feuerwehrhaus, wenn da eine neue Heizung eingebaut ist. Dieses Haus, in dem wir augenblicklich wohnen, wird mit einem Neubau nebenan zu einer neuen Kinderkrippe und einem Kindergarten umgebaut. Die Gemeinde investiert da richtig viel Geld. Für das Zimmer zahle ich 300 Euro, das heißt, im Augenblick kommt das Jobcenter dafür auf. Mein Mitbewohner ist Selbstzahler, er hat ja eine feste Arbeitsstelle, aber eine bezahlbare Wohnung hier in der doch sehr touristischen Gegend ist schwer zu bekommen. Es ist ja auch wunderschön, wir haben hier die Benediktenwand, den Herzogstand und Brauneck quasi vor der Tür. Ich bin hier groß geworden und aufgewachsen und hier möchte ich auch unbedingt bleiben und sterben.