BISS-Ausgabe Januar 2022 | Auf Augenhöhe

Cover des BISS-Magazins Januar 2022

Thema | Gemeinsam ins neue Jahr | 6 Auf Augenhöhe: Führerschein trotz Handicap | 12 Anti-Klassismus an der Uni: Ein Referat kämpft für Chancengleichheit | 18 Über den Tellerrand: Vertreter von Straßenzeitungen berichten über ihre Situation | 20 Ein ganzes Dorf: Die Stiftung BISS blickt auf ein ereignisreiches Jahr zurück | 5 Wie ich wohne | 24 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Ein braucht ein ganzes Dorf

„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Dieses afrikanische Sprichwort gilt sinngemäß auch für die (Wieder-)Eingliederung von obdachlosen Menschen, egal welcher Herkunft. Es braucht Wohnungen und es braucht die Zusammenarbeit aller. Staat, Länder und Kommunen sind wichtig, können aber wohlmeinende Nachbarn, haupt- und ehrenamtliche Helfer und ein gutes Umfeld vor Ort nicht ersetzen.

Hildegard Denninger und Ferenc Máthé

Text:
HILDEGARD DENNINGER
Fotos:
HANNES ROHRER

Und im letzten Herbst mussten wir akzeptieren, dass, selbst wenn nach unseren Vorstellungen alles passt – Zimmer, Mitbewohner, Lage –, es vorkommen kann, dass die Vorstellungen des betreuten Mieters andere sind als unsere. Und dass sich ein ehemals obdachloser Mensch in seiner neuen Umgebung einsam fühlen kann und kündigt. Obwohl es schon kalt war, ist einer unserer Mieter ausgezogen und schläft nun wieder im Freien. Er hat ordentlich gekündigt, sein Zimmer sauber hinterlassen, die Schlüssel abgegeben und die Möbel, die er mithilfe des Vereins BISS gekauft hatte, in der Wohnung belassen, sodass der Nachmieter sofort einziehen konnte. Es war das erste Mal, seit die Stiftung Wohnungen vermietet, dass jemand ausgezogen ist, ohne eine andere Wohnung zu haben. Wir haben es nicht verstanden und es hat uns sehr leidgetan, aber wir mussten es schweren Herzens akzeptieren. Es gibt aber auch Erfreuliches zu berichten vom letzten Jahr, sehr Erfreuliches sogar!

EIN GLÜCKSFALL

Das Appartement in Laim, das wir 2021 erwerben konnten, liegt gleich um die Ecke von unserer 2-Zimmer-Wohnung, in der seit 2019 eine Verkäuferin mit ihren betagten Eltern wohnt. Wir freuen uns, dass wir nun zwei nah beieinanderliegende Wohnungen haben, denn mit den Standorten unserer Wohnungen können wir nicht allzu wählerisch sein. Wir nehmen, was wir bekommen und bezahlen können, wenn es nicht ganz weit außerhalb Münchens liegt und einigermaßen gut zu erreichen ist. Aber es macht für die Stiftung, für den Sozialarbeiter und die Ehrenamtlichen, die die Menschen in der neuen Bleibe betreuen, einen Unterschied, ob sie eine Stunde oder einen halben Tag lang unterwegs sind, um von einer Wohnung zur anderen zu kommen. Am meisten Grund zur Freude aber hat Herr Máthé, der BISS-Verkäufer, der im Oktober dort eingezogen ist. Herr Máthé hatte mit Gelegenheitsarbeiten sein Geld verdient, bevor er zu BISS kam, und war durch die teilweise schwere körperliche Arbeit gesundheitlich sehr angeschlagen. Seit September 2017 ist er angestellter BISS-Verkäufer. Er lebte bis zum Einzug in das Laimer Appartement im Oktober 2021 als Selbstzahler in einer Pension. Pensionen sind nicht immer gut, aber immer teuer! Herr Máthé hat sich mithilfe von BISS in den letzten vier Jahren berappelt. Er ist sehr zuverlässig und fleißig, hat sich gesundheitlich erholt und alles, was nötig war, gemacht, um auf die Beine zu kommen. Gern zeigt er Fotos von seinen Enkelkindern, die er bei der Taufe eines der Enkel gemacht hat. Er ist stolz auf sie und er kann auch stolz auf sich sein. Denn er hat die Unterstützung, die ihm bei der Stiftung und der Straßenzeitung BISS angeboten wurde, angenommen und seine Chance genutzt. Dabei geholfen haben ihm die freundlichen Mitarbeiter vom BISS-Büro und ein Sozialarbeiter, eine Sozialarbeiterin, eine Praktikantin, ein Ehrenamtlicher, ihm zugewandte Stammkunden und eine BISS-Leserin. Vielleicht kein ganzes Dorf, aber es brauchte viele Leute! Das hat bei Herrn Máthé sogar das Jobcenter des Landkreises München eingesehen und dem Verein BISS einen Eingliederungszuschuss gewährt – wenn auch erst nach einem Gerichtsverfahren.

Weiterlesen „Ein braucht ein ganzes Dorf“

BISS-Ausgabe Dezember 2021 | Unter Menschen

Cover des BISS-Magazins Dezember 2021

Thema | Unter Menschen | Zusammenkommen, miteinander reden, neue Dinge lernen.| 6 „Wir beißen nicht“: Gehörgeschädigte haben noch immer mit vielen Vorurteilen zu kämpfen | 12 Frauen lernen schwimmen …  und profitieren davon in vielen Lebensbereichen | 16 „Mein Herz schlägt für BISS-Verkäufer“: Der Fotograf Rainer Viertlböck im Gespräch | 24 Eine Patenuhr für … Unsere fest angestellten BISS-Verkäufer suchen Paten für 2022 | 5 Wie ich wohne | 22 BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Buchtipp | 31 Adressen

„Mein Herz schlägt für die BISS-Verkäufer“

Interview HERMANN WEISS

Fotos RAINER VIERTLBÖCK

Rainer Viertlböck, Jahrgang 1958, kam auf Umwegen zur Fotografie, nachdem er zunächst 20 Jahre lang als Komponist für Film und Fernsehen gearbeitet hatte. Der Autodidakt wird zum Haus-und-Hof-Fotografen des New Yorker Stararchitekten Helmut Jahn, gewinnt 2008 als erster Deutscher einen „International Photography Award“.

„Strukturen der Vernichtung“, sein ambitioniertestes Projekt, soll die Geschichte des Umnutzens, Vergessens und Verdrängens von Nazi-Konzentrationslagern visualisieren. Geplant sind Aufnahmen an 1.200 Standorten. www.tangential.de/recent

Die Fotoserie „Einblicke“, bei der Viertlböck die Wohnungen von BISS-Verkäufern fotografiert hat, ist vom 1.12.21 – 31.1.22 in der Friedrich-Ebert-Stiftung in München, Herzog-Wilhelm-Straße 1, zu sehen. fes.de/fes-in-bayern

Die Umwelt abbilden, ohne mit ihr in Kontakt zu treten. Zeigen, was man nicht sieht. Das ist der eigenwillige Ansatz des Fotografen Rainer Viertlböck. Ausgezeichnet für seine Inszenierung moderner Architektur, bekannt durch seine München-Ansichten, setzt er sich mittlerweile verstärkt mit sozialen und politischen Themen auseinander – wie auch seine Interiors der Wohnungen von BISS-Verkäufern zeigen. Die sind jetzt in der Friedrich-Ebert-Stiftung zu sehen.

In der Mathildenstraße befand sich ab 1942 die NS-Verwaltungsstelle Lebensborn.

Herr Viertlböck, mögen Sie Menschen?

RAINER VIERTLBÖCK: Oh, so pauschal kann ich die Frage gar nicht beantworten! Ich mag Menschen, mit denen man sich gut unterhalten kann, wo’s ne gute Schwingung gibt. Und ich hab’ auf jeden Fall eine Affinität zu offenen, herzlichen Menschen. Aber es gibt auch genug Leute, die ich nicht so mag – und einige wenige, wo ich denke: Wär’ vielleicht kein Fehler, wenn die nicht da wären. Ich glaube, Hannah Arendt hat mal gesagt: Ein Prozent der Menschen sind wirkliche Bestien, ein Prozent selbstlose Heroen, die nur ihrem Herzen folgen. Und die anderen 98 Prozent spreizen sich irgendwie dazwischen. So sehe ich das auch.

Ich frag’ deshalb, weil ich mir vor unserem Gespräch noch einmal Ihre Fotografien angesehen habe – und da sind keine Porträts dabei, keine situativen Momentaufnahmen mit Menschen.

Es gibt bei mir Menschenmassen, aber wenig Individuen. Das stimmt.

Gibt’s dafür einen Grund?

Es liegt daran, dass ich die Art der Arbeit nicht so mag. Menschen gegenüberzusitzen und mit der Kamera in sie einzudringen, ist nicht mein Ding. Es stresst mich, Menschen zu porträtieren: Die haben Erwartungen. Die freuen sich, wenn’s vorbei ist, oder auch nicht. Die posen oder posen nicht. Es kommt auf jeden Fall zu einer Interaktion – und ich arbeite lieber aus der Ruhe heraus. Die habe ich aber nicht, wenn ich mich im Timeframe eines Gegenübers befinde.

Wie sehr Sie beim Fotografieren auf Distanz gehen, ist mir bewusst geworden, als ich neulich die Wiesnbilder Ihres Kollegen Volker Derlath gesehen habe, der sich dafür ins Getümmel der Bierzelte gestürzt hat. Bei Derlath riecht man förmlich die Ausdünstungen der Menschen, so nah kommt er ihnen. Ihre aus sicherer Entfernung aufgenommenen Oktoberfest-Bilder wirken dagegen richtig steril.

Ich lasse dem Betrachter den Freiraum, ein Bild emotional zu besetzen. Das ist ein Prinzip meiner Arbeit. Auf die Spitze getrieben habe ich das in meinem größten Projekt, an dem ich seit Jahren arbeite: der Welt der Konzentrationslager. Da fotografiere ich tatsächlich über weite Strecken Unsichtbares. Was ich dort aufnehme, sieht man nicht. Weil nichts mehr da ist.

Ja, aber zum Beispiel in Oświęcim, dem früheren Auschwitz, leben aktuell knapp 40.000 Menschen, die mit dem Stigma und der Geschichte des Ortes irgendwie klarkommen müssen. Kein Thema für einen Fotografen?

Weiterlesen „„Mein Herz schlägt für die BISS-Verkäufer““

BISS-Ausgabe November 2021 | Heimweh

Cover des BISS-Magazins November 2021

Thema | Am Ende des Tages | Der November ist der Monat der Trauer, der Schwermut und des Abschieds. Es gibt aber auch Lichtblicke. | 6 Heimweh: Sehnsucht nach dem Vertrauten | 12 Autismus: In St. Zeno können Autisten eine Ausbildung machen | 16 Am Ende des Tages: Rituale in der Trauerkultur | 20 Campus di Monaco: Kindern eine Chance geben | 5 Wie ich wohne | 26 BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen