BISS-Ausgabe September 2021 | Barrieren

Cover des BISS-Magazins September 2021

Thema | (Im)mobil | Wie wir Barrieren aus dem Weg räumen können | 6 (Im)mobil in München: In Bus, Tram und Bahn ist die Stadt noch lange nicht barrierefrei | 12 Heiße Stadt: Was ist nötig, um das Klima zu verbessern? | 16 Nähwerkstatt: Wenn Nähen die Pandemie erträglicher macht | 24 Armut? Abschaffen! Erfahrungen der BISSler mit dem Digitalen Aktionskongress | 5 Wie ich wohne | 22 Schreibwerkstatt: BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 27 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

VOM GLÜCK, NÄHEN ZU DÜRFEN

Die Corona-Pandemie hat auch soziale Einrichtungen und Dienstleister auf eine harte Probe gestellt. Viele mussten schließen oder ihr Angebot stark einschränken. Die Münchner Nähwerkstatt konnte weiterarbeiten. Warum das die Beschäftigten glücklich macht.

Von STEPHANIE STEIDL

Fotos HANNES ROHRER

Senay

Zwischen neun Uhr morgens und drei Uhr nachmittags vergisst Senay* ihre Probleme. In diesen sechs Stunden arbeitet sie in der Nähwerkstatt. Schneidet Stoffe zurecht für T-Shirts und Taschen, näht Reißverschlüsse an Stiftemäppchen, füllt Kuscheltiere. Auch jetzt, wo wegen Corona noch vieles geschlossen hat. Oder gerade jetzt. Denn zu Hause bleiben, die Kolleginnen nicht treffen und nicht nähen können: Senay schüttelt den Kopf – unvorstellbar. Die Nähwerkstatt ist einer der wenigen Sozialen Betriebe in München, die während der Corona-Pandemie offen blieben, abgesehen von ein paar Tagen zu Beginn der Krise. Doch zum Glück brauchten Sozialarbeiter*innen der Ambulanten Erziehungshilfe, das Frauenhaus und das Jugendamt dringend Mund-Nasen-Bedeckungen. Ausgestattet mit einer Sondergenehmigung, nahmen die Näherinnen ihre Arbeit für die systemrelevante Aufgabe wieder auf und stiegen in die Maskenproduktion ein.
Ja, zum Glück, sagt Senay. Vor drei Jahren hatte ihr ein Kurs Lust aufs Nähen gemacht. Das Jobcenter vermittelte sie daraufhin in die Nähwerkstatt. Mehr als 20 Jahre lebte Senay da schon in Deutschland. Ohne Ausbildung, ohne Job. Als Familienfrau hatte sie zwei Kinder großgezogen, die mittlerweile erwachsen sind. „Als ich das erste Mal hierherkam, habe ich gezittert, die Hände waren ganz nass“, erzählt die 42-Jährige. Aber alle waren nett und hatten Zeit, um ihr zu helfen. „Kein Druck“, sagt Senay. Zu Hause gibt es viele Probleme. In der Nähwerkstatt gibt es viel Spaß. Und viel Abwechslung. Mal näht sie einen Elefanten, dann Babyhosen oder Puppenkleidung. „Ich habe meinen Beruf gefunden“, sagt Senay. Beruf, das klingt bei ihr wie Berufung.
Zwischen Goetheplatz und Altem Südlichem Friedhof, in der Isarvorstadt, liegen die Räume der Nähwerkstatt. Altbauten aus der Gründerzeit, Lebensmittelgeschäfte, eine Apotheke, die Kuscheltiere und Kulturbeutel aus der Nähwerkstatt verkauft, an der Ecke eine Bäckerei. Draußen herrscht Aprilwetter, drinnen riecht es nach Kaffee und Schokokeksen. Auf dem Tisch am Eingang stehen Thermoskanne und Tassen, Biomilch und ein Becher „Double Toffee Dessert“. An den Wänden hängen Schubladen, die zu Ausstellungsvitrinen für Genähtes umfunktioniert wurden. Die Küchentür schmückt ein Rahmen mit Gesticktem: Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, Weitergehen. Darunter eine Postkarte: Ruhe bewahren und weiternähen.


26 Frauen arbeiten in der Nähwerkstatt, verteilt auf fünf Räume. Im größten sitzen sechs Frauen an ihren Nähmaschinen, schneiden zu, stecken ab. Auf einem Tisch in der Mitte liegen Teile einer Stofftasche. Besonders beliebt bei den Kundinnen: die kleinen mintgrünen Elefanten und die pink geblümten Einhörner. Im nächsten Raum sind sie zu viert. Aus dem Radio dudelt Bayern 1, eine der Maschinen surrt. Die Frauen nähen Jacken und Westen für die BISS-Verkäuferinnen und einen Polsterbezug für eine Kindertagesstätte. Eine Frau ist gelernte Polsterin, zwei sind Änderungsschneiderinnen. Sie lachen: „Wir sind die alten Kartoffeln.“ Und sind sich einig: „Gott sei Dank ist es weitergelaufen mit der Arbeit. Nur zu Hause, das ist nix.“ In Corona-Zeiten sei die Nähwerkstatt der einzige Lichtblick.
Ob sie beim Nähen Angst haben, sich mit dem Coronavirus anzustecken? Alle schütteln den Kopf. Zwischen den Arbeitsplätzen stehen durchsichtige Trennwände, in den Gängen und den Gemeinschaftsräumen halten sie Abstand. „Und wir lüften regelmäßig“, sagt Susann. „Susann ist berühmt“, ruft eine Frau durch den Raum. Zusammen mit zwei Stoffwalen ist sie das Werbegesicht der Nähwerkstatt, ihr Foto hängt in den Schaufenstern der Läden, die die Produkte anbieten.

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BISS-Ausgabe Juli-August 2021 | Endlich Sommer!

Cover des BISS-Magazins Juli-August 2021

Thema | Sommerferien | Die einen springen ins kalte Wasser der Münchner Badeseen, andere wissen, dass die Badezeit auch Gefahren birgt. Trotzdem freuen sich (fast) alle darauf. | 6 Nichtschwimmer: Immer weniger Kinder können heute schwimmen. Corona verschärft die Lage |10 Oma, Opa, Enkelkinder: Von einer ganz besonderen Liebesgeschichte | 16 EX-IN: Menschen, die psychisch erkrankt waren, helfen anderen psychisch Erkrankten im Umgang mit Ärzten und Behörden | 20 Interview: Der Soziologe Stephan Lessenich | 26 Mut der Generationen: Projekt zum lesbischen Selbstverständnis | 5 Wie ich wohne | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 27 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Unter dreien

EX-IN will Menschen, die selbst psychisch krank waren, als Vermittler einsetzen zwischen psychisch Kranken und dem medizinischen Fachpersonal. Eine gute Idee, aber in der Praxis läuft es noch nicht überall nach Plan. Das Problem liegt, wie so oft, im System.


Text ELISA HOLZ

Illustration LUCIE LANGSTON

Uli Zemlin* weiß, wovon sie spricht. Trotzdem spricht sie nicht besonders gern über ihre Krankheitsgeschichte. Aber es hilft nichts. Auch sie muss vorn anfangen, um zu erklären, wo sie heute steht und was sie tut. Mit 26 Jahren erlebte Uli Zemlin, damals noch Studentin der Soziologie, ihre erste Psychose. Sie wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. „Die steckten mich in ein Hemdchen und reduzierten meine Welt auf ein Bett und ein Nachtkästchen“, erzählt sie. Sie hatte kaum Kontakte und keiner sprach mit ihr. „Dabei war ich trotz meiner schweren Psychose ein Mensch, der fühlen, empfinden und denken konnte“, sagt Zemlin. Diese erste Erfahrung dieser Art sollte nicht die letzte sein. Im Verlauf ihrer Krankheit hat Uli Zemlin so ziemlich alles durchgemacht, was für einen psychisch kranken Menschen vor gar nicht allzu langer Zeit noch schreckliche Realität war: Fixierung, Unterbringung in riesigen Bettsälen oder eben Isolation, sehr viele Medikamente, wenig alternative Therapieangebote – und eine von Uli Zemlin stark empfundene Sprach- und Verständnislosigkeit angesichts ihrer Situation.

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BISS-Ausgabe Juni 2021 | Vom Suchen und Finden

Cover des BISS-Magazins Juni 2021

Thema | Neue Wege finden | Für die einen selbstverständlich, für andere völliges Neuland. Nicht nur unsere VerkäuferInnen lernen neue Wege der Teilhabe kennen. | 6 Freiwilliges Ordensjahr: Antworten auf Fragen finden | 12 Schmerzmittelabhängigkeit: Die verborgene Sucht | 16 Christian Lindner im Interview | 20 Armutskongress: Eine BISS-Verkäuferin und zwei BISS-Verkäufer bereiten sich auf die Teilnahme vor | Schreibwerkstatt | 5 Wie ich wohne | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen