BISS- Ausgabe Januar 2021 | Perspektivwechsel

Cover des BISS-Magazins Januar 2021

Thema | Neue Sichtweisen | Einen anderen Blickwinkel auszuprobieren ist manchmal irritierend, aber immer bereichernd | 6 Kleinwüchsig: Von der Norm abzuweichen birgt Probleme | 10 Gleiches Recht für alle? Trotz Prozesskostenhilfe kann es schwer sein, einen Anwalt zu finden | 12 Jewish Chamber Orchestra: Ein Stück jüdische Kultur in München | 16 Der Weg durch die Krise: BISS-Anzeigenkunden beschreiben, wie es ihnen durch Corona ergangen ist |18 Die Glücklichen: Die Stiftung BISS blickt auf ein ereignisreiches Jahr zurück | 26 Nachruf Ercan Uzun | Schreibwerkstatt | 5 Wie ich wohne | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 27 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

BISS TRAUERT UM ERCAN UZUN

ERCAN UZUN
2 7.04.1967 – 20.11.2020

Ercan Uzun kam am 4. Mai 2001 zu BISS. Seitdem verkaufte er das Magazin am Sendlinger-Tor-Platz im Zwischengeschoss. Herr Uzun war fest angestellt, zahlte Steuern und Sozialversicherung und führte ein von Sozialleistungen unabhängiges Leben. Das war umso bemerkenswerter, als ihm mit seiner psychischen Erkrankung, mit der er offen umging, eine schwere Bürde im Leben auferlegt war. Die trug er meist stoisch-gelassen und mit dem ihm eigenen Humor. Für uns BISSler war er ein Held, denn er bewies, dass man trotz alledem ein gutes Leben führen kann. Herr Uzun hatte eine Wohnung und ein Arbeitseinkommen, vor allem aber war er anderen Menschen in großer Zuneigung verbunden: Seine Frau und seine Kinder standen bei ihm an erster Stelle, dann kamen seine lieben Stammkunden und treuen Leser und natürlich auch die BISS-Kollegen. Am 20. November 2020 ist er völlig unerwartet zu Hause gestorben. Er wurde nur 53 Jahre alt. Wir werden uns an Ercan Uzun stets in Liebe und Dankbarkeit erinnern.

Karin Lohr

Er nickte immer kurz, reichte die Hand, an manchen Tagen skeptischer, an anderen lächelnd. Wenn Ercan am Dienstag in die Schreibwerkstatt kam, war das – zumindest auf den ersten Blick – ein stiller, unauffälliger Besuch. Seine Geschichten prägten seit vielen Jahren die Doppelseite im Heft: sein Kampf mit dem Rauchen, die Erzählungen von anstrengenden Reisen in die Türkei und, natürlich, die Gedanken um seine Familie. Gerade seine zurückhaltende und höfliche Art hat die zwei Stunden oft wesentlich mitbestimmt. War er fertig, gab Ercan das Blatt ab, wartete, ließ sich das getippte Ergebnis vorlesen – oder sagte, in weichem Münchner Dialekt: „Ich vertrau dir“, und zog gen Sendlinger Tor. Dass er dort nicht mehr stehen wird, erzählen wird, wie es grad mit der Baustelle um ihn herum läuft, dass er nicht mehr schreiben wird und nicht mehr Teil des Alltags in dieser Stadt sein wird, ist unglaublich schwer vorstellbar.

Christine Auerbach, Lea Hampel und Felicitas Wilke

Meine Zeit in Istanbul

von Ercan Uzun

Ich gehe zurück ins Jahr 1984. Da kam im türkischsprachigen Programm im WDR die Information, dass in Istanbul eine Schule eigens für Rückkehrer eröffnet wird. Sie war für Jugendliche, deren Eltern sich entschieden hatten, in die Türkei zurückzugehen. Ich beschloss, es zu versuchen. Meine Eltern blieben in Deutschland. Spontan flog ich nach Istanbul, um nach meiner mittleren Reife in einigen Jahren die Hochschulreife zu erlangen. Die plötzlich eingetretene Freiheit von den Eltern nutzte ich aus. Ich wohnte in einer eigenen Wohnung, ging zwar meinen schulischen Verpflichtungen nach, aber sonst war ich recht undiszipliniert und gab sinnlos Geld aus. So fing ich das Rauchen an und ernährte mich recht ungesund. Ich ging an den Wochenenden im Stadtteil Taksim in einschlägige Kinos und sah mir freizügige Filme an. Schöne Erlebnisse waren unter anderem die Annäherungsversuche zweier Mädels, die ich in meine Wohnung einlud. Ich hatte viele Verwandte dort mütterlicherseits, die meine Verhaltensänderung kritisch beobachteten. Aber meine Noten waren gut, nur in den Fächern Philosophie und Logik hatte ich bescheidene Zensuren. Diese Fächer waren für mich Neuland. Und eines Tages kam sogar der damalige türkische Staatspräsident Kenan Evren in unsere Schule, das Üsküdar Anadolu Lisesi. Noch vor dem Zwischenzeugnis sollte sich dann das einstellen, was mich bis heute im Leben prägt: meine psychischen Störungen. Sie kamen einher mit diversen Wahnvorstellungen, Verfolgungsängsten und irrationalen Gedanken. Dreimal innerhalb von drei Monaten war ich stationär in der Klinik im Stadtteil Capa. In meiner Erinnerung waren 50 Kranke in einem Saal, und es gab jeden Tag eine Handvoll Tabletten. Erst kam meine Mutter, um mich vor dem Schlimmsten zu bewahren, nach abgeschlossener Behandlung holte mich mein Vater zurück nach Deutschland, wo ich das Glück hatte, nicht den Aufenthaltstitel verloren zu haben. Daher sehe ich meine Zeit in Istanbul stets mit gemischten Gefühlen. Und möchte hier vielen, die an meiner Stelle stehen, den Rat mitgeben: Bevor jemand studieren will – eine ordentliche Ausbildung tut es auch!

„ Für viele arme Menschen ist es nicht möglich, ihre Rechte vor Gericht wahrzunehmen “

Interview CHRISTINA HERTEL

Warum der Kontostand in vielen Fällen entscheidend ist, ob jemand vor Gericht ziehen kann, erklärt der Jurist Gerhard Grossmann im Interview.

GERHARD GROSSMANN Er ist seit zehn Jahren ehrenamtlich als Rechtsberater für das H-Team tätig. Davor war er Vorsitzender Richter einer Zivilkammer und Dozent für Kommunikation und Rhetorik an der Richterakademie. (Foto: privat)

Jeder hat das Recht auf Verteidigung, heißt ein Grundsatz. Rechtsanwalt Gerhard Grossmann sagt jedoch, dass nicht jeder dieses Recht gleichermaßen einfordern kann. Entscheidend sei in vielen Fällen, wie gut gefüllt der Geldbeutel ist. Zu dieser Meinung kommt Grossmann durch seine Arbeit beim H-Team. Seit zehn Jahren berät er dort arme Menschen in Rechtsfragen und erlebt häufig, dass es schwierig für sie ist, einen Anwalt zu finden oder einen Prozess zu beginnen, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Eigentlich gibt es für bedürftige Menschen die Möglichkeit, Prozesskostenhilfe zu beantragen. Doch nicht immer bewilligen die Gerichte diese. Das Amtsgericht München wies im vergangenen Jahr von rund 4.760 Anträgen 700 ab. Im Bereich des Miet- und Verkehrsrechts zum Beispiel gewährte es 386 von 607 gestellten Anträgen. Interpretieren möchte das Gericht diese Zahlen nicht. Doch Rechtsanwalt Grossmann erklärt im Interview, weshalb es für arme Menschen schwieriger sein kann, vor Gericht zu ziehen, und warum nicht nur die Gier Anwälte dazu bringt, lieber Reiche zu verteidigen.

Bekommt in Deutschland jeder Bürger Rechtsbeistand?

GERHARD GROSSMANN: Grundsätzlich stimmt das. Menschen, die sich keinen Anwalt leisten können, haben die Möglichkeit, bei Gericht einen Antrag auf Prozesskostenhilfe zu stellen. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich allerdings sagen: Einen Anwalt und dessen Kosten erstattet zu bekommen setzt einiges voraus. Ich sage meinen Klienten deshalb immer, dass sie einen langen Atem haben müssen.

Wie lange dauert es, bis sie einen Anwalt gefunden haben?

Ich würde schätzen, dass meine Klienten vielleicht bei einem von zehn Anwälten Glück haben und er ihren Fall annimmt. Natürlich gibt es dazu keine Statistiken. Doch von Kollegen, die auch beraten, höre ich immer wieder, dass sie ähnliche Erfahrungen machen.

Warum ist es für arme Menschen so schwierig, einen Anwalt zu finden?

Für Anwälte sind solche Verfahren mit einem hohen Aufwand verbunden. Als Erstes, noch bevor der Anwalt den Antrag stellt, muss er prüfen, ob der Mandant bedürftig ist und ob das beabsichtigte Verfahren Aussicht auf Erfolg hat. Nur wenn der Anwalt das eingehend begründet, gewährt das Gericht die Prozesskostenhilfe. Das ist ein enormer Aufwand. Lehnt das Gericht den Antrag am Ende trotzdem ab, bezahlt niemand für seine Arbeit. Ein weiteres Problem entsteht, wenn der Prozess verloren geht. Dann müssen die Mandanten die Kosten des gegnerischen Anwalts übernehmen. Auch das schreckt viele ab.

Was müssen Anwälte und ihre Mandanten tun, um einen Antrag auf Prozesskostenhilfe zu stellen?

Zuerst müssen meine Klienten auf einem vierseitigen Formblatt verschiedene Fragen zu ihrer finanziellen Situation beantworten. Was verdienen Sie? Haben Sie Unterhaltsansprüche? Welche Wohnkosten haben Sie? Das klingt erst einmal banal. Doch oftmals ist es gar nicht so leicht, zu sagen, aus was sich die Wohnkosten insgesamt zusammensetzen. Dann müssen die Mandanten für all diese Fragen Belege finden. Außerdem müssen sie detailliert darüber Auskunft geben, wie viel Bargeld sie besitzen, ob sie Lebensversicherungen oder andere Vermögenswerte haben.

Warum ist das ein Problem?

Vielen Menschen ist es unangenehm, das alles offenzulegen. Es gibt keine Garantie, dass der Antrag bewilligt wird. Bei Klienten, die Hartz IV bekommen, ist das meistens der Fall. Aber wenn sie eine kleine Rente oder ein geringes Einkommen beziehen, schauen die Gerichte in München oft sehr genau hin. Dann kann es sein, dass sie noch mehr Belege sehen wollen. Für den Anwalt geht die Arbeit dann wieder von vorne los.

Können Sie mir von einem typischen Fall erzählen?

Vor Kurzem habe ich eine wohnungslose Frau vertreten, deren früherer Vermieter behauptete, sie habe noch Mietrückstände bei ihm. Sie hat ausgeführt, dass sie in Unfrieden aus der Wohnung ausgezogen sei, die Miete aber immer persönlich bar bezahlt habe. Ich habe ihr dabei geholfen, das Formblatt auszufüllen. Das Nettoeinkommen der Frau schwankte zwischen 1.200 und 750 Euro. Weil ihr Einkommen so gering war, fand sie keine bezahlbare Wohnung und schlief unter der Woche bei Freunden und am Wochenende bei ihrer Tochter. Das Gericht lehnte den Antrag auf Prozesskostenhilfe jedoch ab, weil die Frau angeblich zu viel verdiene.

Wie kam das Gericht darauf ?

Die Richterin ist deshalb zu diesem Ergebnis gekommen, weil meine Mandantin als Wohnungslose keine Miete von ihrem Einkommen absetzen konnte. Als ich eindringlich nachfragte, stellte sich jedoch heraus, dass sie für die Übernachtungen bei ihrer Tochter 200 Euro Miete zahlte. Trotzdem genehmigte das Gericht den Antrag nicht sofort, weil zwischen Mutter und Tochter kein Untermietvertrag bestand. Eigentlich ist das zwischen Verwandten nicht erforderlich, jedoch genehmigte das Gericht die Prozesskostenhilfe erst, als wir diesen vorlegen konnten. Mein Honorar betrug 300 Euro; der Arbeitsaufwand lag bei etwa 20 Stunden. Wenn Anwälte eine Büromiete oder Angestellte bezahlen müssen, können sie sich nicht leisten, solche Fälle häufiger zu übernehmen.

Wonach richtet sich das Honorar in so einem Fall?

Das Honorar richtet sich nach der Höhe des Streitwerts. In dem geschilderten Fall betrug der Streitwert 650 Euro.

Müssen Anwälte solche Fälle trotzdem annehmen?

Theoretisch ja, aber sie können sich immer damit herausreden, dass sie sagen, sie seien gerade überlastet. Ich kann ihnen das nicht verdenken. Denn Anwälte haben mit solchen Fällen auch dann noch Arbeit, wenn sie bereits abgeschlossen sind. Bis zu vier Jahre kann das Gericht von dem Anwalt Nachweise verlangen, die beweisen, dass der Mandant nicht plötzlich einen neuen Job gefunden oder im Lotto gewonnen hat. Der Anwalt ist verpflichtet, zu melden, wenn sein Mandant umzieht.

Könnte ein Grund auch sein, dass sich die Anwälte schämen, wenn ihre Mandanten nicht so aussehen, als würden sie ihre Garderobe auf der Maximilianstraße kaufen?

Sicherlich kann das sein. Aber man kann die Anwälte ja auch schlecht dazu verdonnern, solche Fälle zu übernehmen. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass es für viele arme Menschen nicht möglich ist, ihre Rechte vor Gericht wahrzunehmen.

Was müsste passieren, dass sich daran etwas ändert?

Die rechtlichen Vorschriften müssten geändert werden, die Einkommensgrenzen sollten heraufgesetzt werden und es sollten auch die Kosten für den gegnerischen Anwalt übernommen werden. Für besonders aufwendige Verfahren, etwa Umgangsrecht bei Kindern, sollten die Streitwerte heraufgesetzt werden. Denn heute kommt es oft vor, dass ein Prozesskostenhilfe-Anwalt nur halb so viel Honorar wie ein normaler Anwalt bekommt.

„Außerordentlich leidenschaftliche Menschen“

Das Internationale Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP) feiert 25-jähriges Jubiläum

Straßenzeitungsmacher aus aller Welt in Hannover

Interview HANNELE HUHTALA von der Finnischen Straßenzeitung „Iso Numero“, Mel Young, Gründer des INSP sowie des Homeless World Cup (HWC), im Gespräch mit Fay Selvan, Big Issue North und INSP-Vorstand Foto: Sebastian Sellhorst, Text: Margit Roth

Dieses Jahr feierten beim internationalen Treffen der Straßenzeitungen in Hannover gleich zwei Anwesende ihr 25-jähriges Jubiläum: Einmal die gastgebende Straßenzeitung Asphalt und der INSP selbst. Aus 25 Ländern schickten 50 Straßenzeitungen insgesamt 120 Delegierte. In den Workshops wurden Erfahrungen ausgetauscht und engagiert diskutiert. Auch wenn es nationale und regionale Besonderheiten gibt, so sind in allen Ländern diejenigen, die die Zeitungen verkaufen, von Armut und Obdachlosigkeit direkt betroffen oder bedroht. Alle Straßenzeitungen machen das Leben der Verkäufer besser, durch Einnahmen aus dem Verkauf, Vermittlung in medizinische Versorgung und Unterstützung bei der Wohnungssuche. Festanstellungen für Verkäufer bietet weltweit fast nur die BISS.

HANNELE HUHTALA (HH): Wie ging es mit INSP los?

MEL YOUNG (MY): Damals waren die ersten Straßenzeitungen in Großbritannien erfolgreich, andere Länder folgten dem Beispiel und gründeten ihre eigenen Zeitungen. Daraus entstand die Idee, uns zu treffen und auszutauschen. Außerdem gab es eine sehr erfolgreiche, pro- fit orientierte Straßenzeitung, deren Macher aber ziemlich fragwürdige Gestalten waren. Deshalb entschlossen wir uns, Verhaltensregeln zu entwickeln, damit unsere Leser wissen, wie wir arbeiten und was uns wichtig ist. Es gab also zwei Gründe: ein Netzwerk aufzubauen und unsere Werte zu formulieren und unseren Lesern zu erklären. Die Anfangsjahre waren ziemlich schwierig. Wir waren alle außerordentlich leidenschaftliche Menschen und wir waren uns in vielen Dingen nicht einig. Wir stritten uns manchmal bis aufs Messer. Ein Thema war beispielsweise, ob Werbung im Heft sein sollte oder nicht. Darüber konnten wir bis tief in die Nacht diskutieren. Irgendwann kamen wir dann zu dem Schluss, dass wir eine Organisation sind, in der es viele verschiedene Meinungen und Vorgehensweisen geben kann. Diese Einigung war die Basis von allem.

HH: Was ist das Besondere am INSP?

FAY SELVAN (FS): Das, was wir rund um den Globus tun, ist einzigartig. Die Personengruppe, für die wir arbeiten, ist in einem ständigen Wandel. Diejenigen, die die Ärmsten in einer Gesellschaft sind oder am meisten ausgeschlossen werden, ändern sich beständig. Deshalb sind wir so etwas wie ein gesellschaftliches Barometer. Auch wenn sich die Struktur unserer Klienten ständig ändert, sind wir beständig. Wir bieten jedem die Möglichkeit, eigenes Geld jenseits des geregelten Arbeitsmarktes zu verdienen. Deshalb sind wir so etwas wie ein Sicherheitsnetz für die Ärmsten.

HH: Welches sind die größten Herausforderungen für Straßenzeitungen heute?

FS: Bargeldloses Bezahlen und Auflagenrückgänge in manchen Regionen. Mit zunehmendem Alter lernt man aber, die Dinge besser einzuordnen. Als Videos auf den Markt kamen, prophezeiten alle den Untergang von Kinos. Es gibt sie immer noch, denn sie erfüllen auch eine soziale Aufgabe. Genauso ist es mit Straßenzeitungen. Wir bringen Menschen, die Gutes tun wollen, und Menschen, die Hilfe benötigen, in Kontakt. Dabei ist es keine Beziehung zwischen Bettler und Wohltäter, sondern zwischen Verkäufer und Käufer. Diese soziale Komponente dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Sie ist es, die Straßenzeitungen einzigartig macht. Wir werden uns gegenüber technischen Weiterentwicklungen nicht verschließen können, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es das Zwischenmenschliche ist, das im Mittelpunkt stehen muss.

HH: Es gibt sehr viele unterschiedliche Arten von Straßenzeitungen, und an manchen Stellen herrscht immer noch Uneinigkeit darüber, welcher Weg der richtige ist. Warum ist es so schwierig, dafür einen Konsens zu finden?

MY: Das ist ganz einfach – wir arbeiten alle in sehr verschiedenen Kulturen und Ländern. Auch wenn es oft schwierig ist zu verstehen, aus welchem Grund im jeweiligen Land so und nicht anders vorgegangen wird, über die Grundwerte sind wir uns einig. Wichtig ist es nur, in der Unterschiedlichkeit auch eine Chance zu sehen und voneinander zu lernen. Solange wir alle das Wohl der Verkäufer im Blick behalten, sind wir als Netzwerk effektiv. HH: Zurzeit gibt es viele politische und gesellschaftliche Veränderungen. Wie beeinflusst das die Straßenzeitungen?

FS: In Großbritannien sind durch den Brexit vor allen Dingen unsere rumänischen Verkäufer betroffen. Sie sind nach England gekommen, um Geld zu verdienen und ein besseres Leben führen zu können. Durch den Brexit sind sie sehr verunsichert. Sollten unsere rumänischen Verkäufer England verlassen müssen, hätte das massive Auswirkungen auf die Straßenzeitungen. Ein anderes drängendes Thema sind die durch den Brexit anwachsende Fremdenfeindlichkeit, der zunehmende Populismus und die Ablehnung, mit der arme Menschen immer mehr konfrontiert werden. Wir haben aktuell einen Prime Minister, der nicht nur Menschen, die anders sind, respektlos behandelt, sondern auch deren Rechte untergräbt. Es ist sogar zu befürchten, dass der Human Rights Act aufgekündigt wird. Laut Statistik hat die Kindersterblichkeit 2019 in Großbritannien zugenommen. Zum ersten Mal seit ungefähr 100 Jahren sterben im ersten Lebensjahr mehr Babys als in den folgenden Lebensjahren. Die Situation verschlechtert sich in England zunehmend.

MY: Ich würde mich Fay gern anschließen. Die politischen Entwicklungen gehen über England hinaus. Es betrifft ganz Europa, wenn nicht die ganze Welt. Wir als Straßenzeitungen müssen uns dagegen auflehnen und kämpfen. Eine rassistische, sexistische Ideologie wie die, die durch den Brexit offenkundig geworden ist und auch von Donald Trump vertreten wird, widerspricht dem, wie wir uns Gesellschaft vorstellen. Wir wissen, was in Deutschland in den 1930ern passiert ist. Obdachlose wurden kriminalisiert. Noch sind Menschen, die diese Position wieder vertreten, in der Minderzahl. Darum ist es jetzt wichtig, aufzustehen und dagegen anzukämpfen. Die Aufgabe der Straßenzeitungen ist es, bei all den Dis- kussionen um Fake News vertrauenswürdigen, investigativen Journalismus zu machen. Die Menschen sind verunsichert, was sie noch glauben sollen, und fallen auf Propaganda herein. Das, was in Straßenzeitungen steht, ist deshalb sehr wichtig. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und für die Pressefreiheit kämpfen.

HH: Schließt das für euch auch ein, Demonstrationen zu organisieren?

MY: Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, Demos zu organisieren. Ich denke vielmehr, dass wir das Mittel des Journalismus nutzen müssen, indem wir uns auf guten, investigativen Journalismus konzentrieren. Momentan gehen bei vielen Straßenzeitungen die Verkaufszahlen zurück. Ich denke, das wird sich wieder ändern, wenn wir uns auf guten, investigativen Journalismus konzentrieren. Es gibt so viele Projekte und positive Entwicklungen, die es wert sind, darüber zu berichten, und dringend Aufmerksamkeit benötigen. Das ist es, was die Menschen lesen wollen.

HH: Mit welchen Herausforderungen sind Straßenzeitung noch konfrontiert?

FS: Ein großer Wandel besteht darin, wie Menschen einkaufen. Menschen kaufen mehr online, deshalb verwaisen frühere Stadtzentren. Verkäufern fehlt dadurch die Laufkundschaft. In England sind Shoppingcenter sehr populär. Die Einkaufszentren sind in Privatbesitz, unsere Verkäufer dürfen dort nicht verkaufen. Für Verkäufer wird es dadurch immer schwieriger, mit ihren Käufern in Kontakt zu kommen. Wir müssen innovativ sein und Wege finden, damit unsere Verkäufer und die Leser wieder zusammenfinden.

MY: Wenn ich sehe, wie sich die jungen Menschen für den Klimaschutz einsetzen, bin ich überzeugt davon, dass nicht alles schlecht und aussichtslos ist. Diese jungen, politisch engagierten Menschen sind die Straßenzeitungskäufer von morgen. Von uns wird es abhängen, weiterhin präsent zu bleiben und neue Verkaufsstrategien zu finden. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, über Armut und Obdachlosigkeit zu schreiben. Die Situation für obdachlose Menschen war vor 10, 15 Jahren schon einmal deutlich besser. Wir müssen darüber schreiben, welche politischen Veränderungen notwendig sind, welche Strukturen geändert werden müssen, um Armut zu bekämpfen. Unser Ziel ist es, uns überflüssig zu machen, aber das wird wohl noch einige Zeit dauern.

Zu Besuch bei der Montrealer Straßenzeitung „L’Itinéraire“

Zwischen Montreal und München liegen über 6.000 Kilometer. In Montreal sind es jedoch die Gemeinsamkeiten, die zuerst ins Auge fallen. In beiden Städten wurden in den 1970er-Jahren Olympische Spiele ausgetragen, in beiden Städten wird es im Winter ziemlich kalt, und wie die BISS blickt auch die Montrealer Straßenzeitung „L’Itinéraire“ (dt. Obdachlose) auf eine fast 25-jährige Geschichte zurück. Ich bin mit der Chefredakteurin Josée Panet-Raymond verabredet, um von ihr mehr über die Situation der Obdachlosen in Montreal zu erfahren.

von Margit Roth

Wann wurde „L’Itinéraire“ gegründet?

Die ersten Anfänge gab es 1989, in einer Zeit, in der es dreimal so viele Obdachlose in Montreal gab wie heute. Ein Mitarbeiter einer Obdachloseneinrichtung ermunterte Obdachlose dazu, über ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu schreiben. Dann kam es zu einer Art Schneeball­ Effekt. Begonnen hat es also 1989 mit vier fotokopierten Seiten, 1992 wurde daraus ein kleines Journal und 1994 die Straßenzeitung „L’Itinéraire“.

Wie viele Menschen arbeiten heute für „L’Itinéraire“?

Die Straßenzeitung erscheint zweimal im Monat mit einer Auflage von jeweils ca. 15.000 Stück. Momentan sind ungefähr 120 Verkäufer in Montreal und fünf kleineren Städten im Umland unterwegs. In der Redaktion und im Café arbeiten 14 Angestellte, vier davon im Rahmen eines Reintegrationsprogramms, und viele Ehrenamtliche. Einige der Angestellten waren früher selbst obdachlos.

Wie viele Menschen leben in Montreal auf der Straße?

Laut einer Erhebung im letzten Jahr gibt es in Montreal 3.016 rough sleeper, also Menschen, die draußen schlafen. Über die tatsächlichen Zahlen lässt sich jedoch schwer etwas sagen. Besonders obdachlose Frauen kommen mal hier, mal dort irgendwo unter. Sie leben nicht auf der Straße, haben aber auch keine eigene Wohnung. Die Winter in Montreal sind sehr kalt und lang.

Dürfen Obdachlose in Montreal in der Underground City, also der Stadt unter der Stadt, oder der U-Bahn schlafen?

In Montreal gibt es vier große Notschlafstellen und einige kleinere Einrichtungen. Es gibt aber immer wieder Menschen, die es ablehnen, in diese Notunterkünfte zu gehen. Diese Menschen leiden häufig unter schweren psychische Erkrankungen und wollen auf keinen Fall in eine Notschlafstelle. Wenn die Temperaturen unter minus 20 Grad fallen, erlauben die Verkehrsbetriebe, dass Menschen dort übernachten. In sehr kalten Nächten sind städtische Angestellte und Ehrenamtliche in der Stadt unterwegs und versuchen, Obdachlose davon zu überzeugen, dass es lebensgefährlich ist, draußen zu bleiben. In einem extra dafür bereitgestellten Bus können sich Obdachlose wenigstens aufwärmen. Während wirklich kalter Phasen werden darüber hinaus zusätzliche Notschlafstellen angeboten.

Der jetzige linksliberale Premierminister Justin Trudeau ist auch in Deutschland bekannt und beliebt. Hat sich durch seine Wahl die Situation für Obdachlose in Kanada geändert?

Trudeau ist sehr viel fortschrittlicher, als es sein Vorgänger Stephen Harper von der Konservativen Partei war. Trudeau hat die Mittel für das Housing First Program spürbar erhöht. Regionalgruppen und Obdachlosenorganisationen sehen darin einen Schritt in die richtige Richtung. Aber es ist immer noch viel zu tun. In der Provinz Québec hat die Provinzregierung zwar mehr Wohnungen für Wohnungslose und Arme bereitgestellt, das angestrebte Ziel aber noch nicht erreicht. Nach der Wahl Trumps gab es zahlreiche Berichte, dass Bürger aus den USA nach Kanada auswandern.

Um welche Art von Migranten handelt es sich?

Zurzeit kommen die meisten Asylsuchenden, die aus den USA weggehen, ursprünglich aus Haiti. Sie haben Angst davor, von Trump nach Haiti zurückgeschickt zu werden. Außerdem haben wir viele Menschen aus Syrien und Somalia aufgenommen. In den Sommermonaten sind Migranten aus den USA zu Tausenden über die grüne Grenze aus dem Staat New York in die Provinz Québec gekommen. In den USA gab es Gerüchte, dass Flüchtlinge in Kanada in jedem Fall akzeptiert werden würden. Fakt ist jedoch, dass jeder Einzelfall geprüft wird und es keineswegs sicher ist, dass ein Antrag positiv beschieden wird. Momentan bekommen Migranten bei uns in jedem Fall Sozialhilfe und eine Krankenkassenkarte. Wie ihre Zukunft aussehen wird, ist jedoch noch sehr unsicher. Kanada ist ein sehr offenes Land. Wir haben beispielsweise im letzten Jahr 25.000 Syrer aufgenommen. Es wird jedoch bei jedem Migranten sehr genau geprüft, ob er oder sie zu Kanada passt. Vorbestrafte und Terroristen werden sofort des Landes verwiesen.

Verkaufen mittlerweile auch Flüchtlinge die Straßenzeitung?

Nein, bislang nicht. Das könnte sich jedoch in den nächsten Jahren ändern.

Nach vielen spannenden Begegnungen, intensiven Gesprächen, einer herzlichen Verabschiedung und dem Versprechen, sich beim nächsten ISNP-Kongress wiederzusehen, fahre ich ein wenig traurig zum Flughafen.