BISS-Ausgabe September 2022 | Goldenes Handwerk

Cover des BISS-Magazins September 2022

Thema | Goldenes Handwerk | Ein Studium aufzugeben ist kein Beinbruch, ganz im Gegenteil: Die Berufschancen sind prächtig, das Einkommen gut | 6 Meister statt Master: Zuerst studiert, dann eine Lehre gemacht | 12 Telefonseelsorge: Manchmal hilft schon ein offenes Ohr | 16 Laufen gegen Depressionen: In der Gruppe geht es leichter |20 Bezahlung in Behindertenwerkstätten: Taschengeld oder Mindestlohn? | 5 Wie ich wohne | 26 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 25 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum

Wenn das System behindert

Ein Gespräch mit Oswald Utz, dem ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten der Stadt München, über neoliberale Strukturen, Unternehmensvorteile und Parallelwelten.

INTERVIEW
Von
STEPHANIE STEIDL

Foto: privat

Reformieren oder abschaffen – in welche Richtung sollten sich die Werkstätten Ihrer Meinung nach entwickeln?
Das Thema ist komplex, aber die eigentlich spannende Frage lautet: Passen neoliberaler Arbeitsmarkt und Menschen mit Behinderungen überhaupt zusammen? Denn in unserem System scheitern immer mehr Menschen und werden aussortiert – nicht nur solche mit Behinderungen, sondern auch Ältere, Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss oder mit längeren Familienzeiten. Auch ich würde die Werkstätten gern abschaffen. Aber wohin dann mit diesen Menschen? Seien wir ehrlich: Auf dem Arbeitsmarkt, wie er aktuell beschaffen ist, haben viele von ihnen keine Chance.

Also bleibt vorerst nur eine Reform.
Das System der Werkstätten ist extrem verlogen. Eigentlich sollte es fit machen für den ersten Arbeitsmarkt. Aber das passiert so gut wie gar nicht.

Verhindern Werkstätten in ihrer jetzigen Struktur die Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt?
Unternehmen müssen eine Ausgleichsabgabe zahlen, wenn sie nicht genügend Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Aber wenn sie Leistungen in einer Werkstatt einkaufen, können sie die Ausgleichsabgabe gegenrechnen. Und sie erhalten weitere Vergünstigungen wie zum Beispiel einen reduzierten Mehrwertsteuersatz. Warum also sollte ein Unternehmen Menschen mit Behinderungen einstellen, wenn es über den Weg Werkstatt viel einfacher und günstiger geht? Und warum sollte die Werkstatt ihre Beschäftigten weitervermitteln, wenn sie innerhalb ihrer eigenen Struktur viel mehr von ihnen profitiert? Also ja, die Teilhabe wird durch dieses System erschwert.

Warum wird von politischer Seite so wenig Druck ausgeübt? Manchmal kommt mir das vor wie eine stillschweigende Übereinkunft: Die Werkstätten werden üppig gefördert und als Gegenleistung schaffen sie eine Parallelwelt für Menschen mit Behinderungen. Dort sind diese dann versorgt und aufgeräumt und fallen der Öffentlichkeit und den Behörden nicht weiter zur Last.


Können Sie Werkstätten auch etwas Positives abgewinnen?
Selbstverständlich. Es gibt Menschen, die sich dort sehr aufgehoben fühlen: weil kein Druck ausgeübt wird, weil sie ihren Therapien nachgehen können, weil sie dort ihr soziales Umfeld haben. Für sie ist der Schutzraum Werkstatt gut und passend. Das darf man ihnen auch nicht wegnehmen, das wäre geradezu fahrlässig. Perspektivisch müsste es aber darum gehen, dass keine neuen Beschäftigten in die Werkstätten nachrücken, sondern Alternativen für eine echte Teilhabe gefunden werden.

BISS-Ausgabe Juli-August 2022 | Sommerzeit

Cover des BISS-Magazins Juli-August 2022

Thema | Sommerzeit | Liebe über Grenzen hinweg, Große und Kleine, die die Welt ein wenig besser machen wollen, und das Zusammenleben mit einer geflüchteten Familie | 6 Umweltschulen: Klimaschutz, ganz praktisch | 12 Binationale Partnerschaften: Nicht immer leicht, aber sehr bereichernd | 16 Interview: Der Schauspieler Ralf Bauer | 20 Wie also helfen? Über das Zusammenleben mit einer ukrainischen Familie | 26 Endlich Deutscher: Tibor Adamec ist eingebürgert worden | 5 Wie ich wohne | 24 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 27 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Endlich angekommen!

Die Einbürgerung von Tibor Adamec

Tibor Adamec ist ein BISSler der ersten Stunde. Er ist einer der ersten drei Verkäufer, die schon 1998 fest angestellt wurden. Seitdem verkauft er die Straßenzeitung an seinem Verkaufsplatz am Marienplatz im Zwischengeschoss, stets freundlich und gut gekleidet, zur Freude seiner vielen Stammkunden, die ihn sofort vermissen, wenn er einmal nicht zur gewohnten Zeit am späteren Vormittag erscheint. Tibor Adamec ist mit sich im Reinen.

Text KARIN LOHR

Foto: Magdalena Jooss

Fleißig und diszipliniert hat er sich ein gutes Leben aufbauen können. Es gab eigentlich nur einen Punkt, der ihm Verdruss bereitete: Er war staatenlos. Ein erster Versuch, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, hat vor vielen Jahren nicht gleich geklappt. Damals war Herr Adamec auch ein bisschen gekränkt, weil er den Eindruck hatte, dass Deutschland ihn nicht als neuen Bürger haben wollte. Der zweite Anlauf, begleitet von unserer Werkstudentin Rita Rostschupkin, lief besser und so kam endlich der langersehnte Tag, an dem Herrn Adamec die deutsche Staatsangehörigkeit verliehen wurde. Das Kreisverwaltungsreferat in der Ruppertstraße ist ein eher schmuckloser Ort, aber Tibor Adamec hat der Behörde an diesem für ihn besonderen Tag Glamour verliehen: Er war wie aus dem Ei gepellt, makellose weiße Jeans, weißes Hemd, schwarz-weiß gemustertes Sakko und Krawatte, mutig im Mustermix und natürlich mit Hut! Fast hätte ihn der Pfortendienst zum Standesamt geschickt, als er sich mit dem Strauß roter und weißer Pfingstrosen nach der angegebenen Zimmernummer erkundigte. Dort lief alles reibungslos, Herr Adamec unterschrieb, nahm die Urkunde in Empfang und am Ende strahlten alle Anwesenden vor Freude und Erleichterung.
Natürlich hat Herr Adamec Pläne: Erst einmal will er verreisen, dazu braucht er einen Reisepass, den hat er gleich zwei Tage später beantragt. „Einmal wollte ich nach Dubai, da haben sie mich nicht reingelassen“, das könnte ihm jetzt nicht mehr passieren. BISS-Leser Reinhold H. mailte: „Ich wünsche Herrn Adamec noch eine sehr lange Reihe von sehr guten Jahren in München“ – danach sieht es aus!

BISS-Ausgabe Juni 2022 | Spontan helfen

Cover des BISS-Magazins Juni 2022

Thema | Spontan helfen | Der Krieg in der Ukraine hat wieder gezeigt: Viele Menschen sind bereit, schnell und unbürokratisch zu helfen. Damit das funktioniert, sind Strukturen unerlässlich | 6 Münchner Freiwillige: Wenn Menschen spontan helfen | 12 Demenz-Tagespflege: Den Tag geschützt gestalten | 16 Helma Sick im Interview: Ein Mann ist keine Altersvorsorge | 20 Schülersprecher*innen Schülervertretungen an Mittelschulen| 5 Wie ich wohne | 26 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 25 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen