Thema | Unter Menschen | Zusammenkommen, miteinander reden, neue Dinge lernen.| 6 „Wir beißen nicht“: Gehörgeschädigte haben noch immer mit vielen Vorurteilen zu kämpfen | 12 Frauen lernen schwimmen … und profitieren davon in vielen Lebensbereichen | 16 „Mein Herz schlägt für BISS-Verkäufer“: Der Fotograf Rainer Viertlböck im Gespräch | 24 Eine Patenuhr für … Unsere fest angestellten BISS-Verkäufer suchen Paten für 2022 | 5 Wie ich wohne | 22 BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Buchtipp | 31 Adressen
Wer wohnt wie? In der Kolumne geben BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer Einblicke in ihrenWohnalltag. Sie erzählen,wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.
Protokoll IRINI BAFAS
Die Ordentliche
Foto: Martin Fengel
„Ich bin sehr, sehr zufrieden mit meiner neuen Wohnung. Seit etwa einem Jahr wohne ich in Bogenhausen und ich finde gar keine Worte dafür, wie gut es mir jetzt geht. Das Gebäude ist ganz neu, alles hier funktioniert. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich WLAN! Die Wohnung ist 26 Quadratmeter groß und besteht aus nur einem Zimmer. Ich habe ein Bett, ein Sofa, einen Couchtisch, einen Fernseher, ein Regal und eine Küchenzeile mit einem richtig schönen Herd. Das Bad gehört mir allein, ich muss es mit niemandem teilen. Die Möbel waren schon da, als ich eingezogen bin, BISS hat sie besorgt. Ich bin in Bulgarien aufgewachsen. Dort habe ich mit meiner Familie in einem Haus gelebt, in dem es nichts gab. Kein warmes Wasser, keine Heizung, kein Bad, nicht mal eine Kanalisation. Früher habe ich als Schneiderin gearbeitet, aber leider hat das Geld trotzdem nicht gereicht. Also bin ich vor über 13 Jahren mit meinem Bruder und seiner Familie nach München gekommen. Fast zehn Jahre lang habe ich in einem Hotel geputzt und durfte dort auch eine Weile wohnen. Irgendwann hat mich der Chef rausgeschmissen, weil ich krank wurde und für längere Zeit ausgefallen bin. Das hier ist jetzt meine vierte Wohnung und mit Abstand die beste. Zwischendurch habe ich in einer Unterkunft gelebt, in der ich mir das Zimmer mit einer Frau teilen musste. Das war sehr unangenehm. Sie hat viel getrunken, ist ständig nachts aufgestanden, hat das Licht angemacht und ist mitten in der Nacht duschen gegangen. Mir ging es zu der Zeit total schlecht, ich war krank, hatte Asthma und Rückenprobleme. Danach zog ich in eine Wohnung, die mir das Jobcenter zugewiesen hatte. Das Zimmer war in Ordnung, aber ich musste mir das Bad und die Toilette mit anderen Bewohnern teilen, und es war oft kalt. Die Menschen dort waren krank und auch mir ging es noch nicht gut. Ich wollte weg und dort wohnen, wo ich meine Ruhe habe. Meine jetzige Wohnung hat mir BISS vermittelt. Nachdem ich fast ein Jahr lang Zeitschriften verkauft habe, kam der Chef zu mir und sagte: „So, ich habe eine Wohnung für Sie.“ Ich war so glücklich. Die Wohnung gehört der Wohnbaugenossenschaft Wogeno und kostet 370 Euro Miete. Sie ist perfekt für mich. Hier kann ich endlich in Ruhe auf dem Sofa sitzen und meinen Kaffee trinken, ohne dass mich jemand stört. Das Einrichten der Wohnung ging schnell, ich brauche nicht viel Kram. Vor Kurzem habe ich mir zwei Kissen mit Leoparden darauf gekauft und einen Teppich mit Glitzer. Ansonsten besitze ich vor allem praktische Dinge: eine schöne Teekanne und die dazu passenden Porzellantassen, die ich in einem Secondhand-Laden in der Nähe gefunden habe. Einen Toaster, einen Sandwichmaker und das Wichtigste: eine Kaffeemaschine. Das Sofa habe ich mit Blümchen-Bettwäsche verschönert. Ich bin ein sehr ordentlicher Mensch. Bei mir ist es immer aufgeräumt und ich liebe es, zu putzen. Das war schon immer so, egal wo und wie ich gelebt habe. Mein Bad ist immer sauber, und wenn ich Besuch bekomme, fällt den Leuten auf, wie gepflegt hier alles ist. Viele Menschen sagen mir, dass das die sauberste Wohnung sei, die sie je gesehen haben. Das ist für mich ein großes Kompliment.
Rainer Viertlböck, Jahrgang 1958, kam auf Umwegen zur Fotografie, nachdem er zunächst 20 Jahre lang als Komponist für Film und Fernsehen gearbeitet hatte. Der Autodidakt wird zum Haus-und-Hof-Fotografen des New Yorker Stararchitekten Helmut Jahn, gewinnt 2008 als erster Deutscher einen „International Photography Award“.
„Strukturen der Vernichtung“, sein ambitioniertestes Projekt, soll die Geschichte des Umnutzens, Vergessens und Verdrängens von Nazi-Konzentrationslagern visualisieren. Geplant sind Aufnahmen an 1.200 Standorten. www.tangential.de/recent
Die Fotoserie „Einblicke“, bei der Viertlböck die Wohnungen von BISS-Verkäufern fotografiert hat, ist vom 1.12.21 – 31.1.22 in der Friedrich-Ebert-Stiftung in München, Herzog-Wilhelm-Straße 1, zu sehen. fes.de/fes-in-bayern
Die Umwelt abbilden, ohne mit ihr in Kontakt zu treten. Zeigen, was man nicht sieht. Das ist der eigenwillige Ansatz desFotografen Rainer Viertlböck. Ausgezeichnet für seine Inszenierung moderner Architektur, bekannt durch seine München-Ansichten, setzt er sich mittlerweile verstärkt mit sozialen und politischen Themen auseinander – wie auch seine Interiors der Wohnungen von BISS-Verkäufern zeigen. Die sind jetzt in der Friedrich-Ebert-Stiftung zu sehen.
In der Mathildenstraße befand sich ab 1942 die NS-Verwaltungsstelle Lebensborn.
Herr Viertlböck, mögen Sie Menschen?
RAINER VIERTLBÖCK: Oh, so pauschal kann ich die Frage gar nicht beantworten! Ich mag Menschen, mit denen man sich gut unterhalten kann, wo’s ne gute Schwingung gibt. Und ich hab’ auf jeden Fall eine Affinität zu offenen, herzlichen Menschen. Aber es gibt auch genug Leute, die ich nicht so mag – und einige wenige, wo ich denke: Wär’ vielleicht kein Fehler, wenn die nicht da wären. Ich glaube, Hannah Arendt hat mal gesagt: Ein Prozent der Menschen sind wirkliche Bestien, ein Prozent selbstlose Heroen, die nur ihrem Herzen folgen. Und die anderen 98 Prozent spreizen sich irgendwie dazwischen. So sehe ich das auch.
Ich frag’ deshalb, weil ich mir vor unserem Gespräch noch einmal Ihre Fotografien angesehen habe – und da sind keine Porträts dabei, keine situativen Momentaufnahmen mit Menschen.
Es gibt bei mir Menschenmassen, aber wenig Individuen. Das stimmt.
Gibt’s dafür einen Grund?
Es liegt daran, dass ich die Art der Arbeit nicht so mag. Menschen gegenüberzusitzen und mit der Kamera in sie einzudringen, ist nicht mein Ding. Es stresst mich, Menschen zu porträtieren: Die haben Erwartungen. Die freuen sich, wenn’s vorbei ist, oder auch nicht. Die posen oder posen nicht. Es kommt auf jeden Fall zu einer Interaktion – und ich arbeite lieber aus der Ruhe heraus. Die habe ich aber nicht, wenn ich mich im Timeframe eines Gegenübers befinde.
Wie sehr Sie beim Fotografieren auf Distanz gehen, ist mir bewusst geworden, als ich neulich die Wiesnbilder Ihres Kollegen Volker Derlath gesehen habe, der sich dafür ins Getümmel der Bierzelte gestürzt hat. Bei Derlath riecht man förmlich die Ausdünstungen der Menschen, so nah kommt er ihnen. Ihre aus sicherer Entfernung aufgenommenen Oktoberfest-Bilder wirken dagegen richtig steril.
Ich lasse dem Betrachter den Freiraum, ein Bild emotional zu besetzen. Das ist ein Prinzip meiner Arbeit. Auf die Spitze getrieben habe ich das in meinem größten Projekt, an dem ich seit Jahren arbeite: der Welt der Konzentrationslager. Da fotografiere ich tatsächlich über weite Strecken Unsichtbares. Was ich dort aufnehme, sieht man nicht. Weil nichts mehr da ist.
Ja, aber zum Beispiel in Oświęcim, dem früheren Auschwitz, leben aktuell knapp 40.000 Menschen, die mit dem Stigma und der Geschichte des Ortes irgendwie klarkommen müssen. Kein Thema für einen Fotografen?
Am 2. Oktober fand im Werksviertel Mitte, gleich hinter dem Ostbahnhof, eine großartige Veranstaltung statt, und BISS wurde vom Paritätischen Wohlfahrtsverband eingeladen, daran teilzunehmen. Frau Lohr als Geschäftsführerin und ich als Verkäufer vertraten daraufhin unsere Straßenzeitung an diesem Abend. Bevor es losging, gab es die eine oder andere Besprechung, wurde bei Kaffee und Kuchen der weitere Ablauf erläutert, dabei lernten wir das Team besser kennen. Die Planung für den Abend war folgende: In dem dort stehenden Riesenrad, übrigens dem größten in ganz Deutschland, erhielten wir eine eigene Gondel für uns beide von BISS und für zwei Leute vom Wohlfahrtsverband. Insgesamt durften, wegen der Corona-Vorschriften, nur acht Personen hinein. Also warteten wir auf vier weitere Menschen, die zufällig mit uns fahren wollten und mit denen wir uns über unser Tun und Handeln sowie auch über ihre eigenen Vorstellungen unterhalten konnten. So begann eine lustige, aber auch sehr interessante Nacht in der Gondel. Bei der ersten Fahrt hatten wir leider kein Glück, es gesellte sich niemand zu uns. Also noch einmal im Kreis fahren, und siehe da, jetzt ging die Tür auf und eine chinesische Familie mit drei kleinen Kindern stieg ein. Wir stellten uns vor und befragten sie anschließend über den heutigen Abend, mussten aber die Fragen gleich wieder einstellen, denn die Kinder waren so laut, dass wir das eigene Wort nicht verstehen konnten. Endlich wieder am Boden angelangt, beschlossen wir, noch eine Runde zu machen, denn schlimmer konnte es ja nicht mehr kommen. Dann kam es aber anders als gedacht: Es stiegen vier Leute von einer Behindertenwerkstatt ein, die erst einmal keinerlei Ahnung zu haben schienen, was in der Gondel vor sich gehen sollte. Abermals stellten wir uns vor, und siehe da: Gleich kamen die ersten Fragen. Wir erhielten die Gelegenheit, uns kennenzulernen, und es wurde eine sehr lustige Runde mit dem Riesenrad. Nach erneut einer halben Stunde – so lange dauerte in etwa eine Fahrt – stiegen wir mit dem guten Gefühl aus, unsere Pflicht getan zu haben. Wir machten noch eine kleine Einkehr und ließen den Abend erfolgreich ausklingen. Diese Veranstaltung war für mich sehr lehrreich, aber ich habe auch etwas an der Organisation zu kritisieren: Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass zwar sehr viele Menschen dem Ganzen beiwohnten, sogar einige Prominente waren darunter, aber die Mehrheit der Leute wusste gar nicht, dass in jeder Gondel ein Demokratie-Workshop stattfindet. Die meisten waren nur wegen der Freifahrt mit dem Riesenrad gekommen und wollten bei schönem Wetter den Ausblick über die Dächer von München genießen. Trotzdem war es eine gelungene Veranstaltung mit lediglich ein paar kleinen Fehlern. Sollte es erneut eine Lange Nacht der Demokratie geben, kann man sich darauf freuen. Ich werde auf alle Fälle wieder gerne dabei sein.
Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen ist grausam. Wie schlimm die Verhältnisse sind, in denen Menschen in Not überleben müssen, können sich die meisten von uns nicht einmal vorstellen. Was für ein Albtraum, wenn eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern in einem 24 Quadratmeter großen Zimmer lebt, weil der schwer kranke und deshalb arbeitslose Vater kein Einkommen mehr erzielt. Unsere Sozialarbeit setzt alle Hebel in Bewegung, um für diese Familie und andere arme und obdachlose Menschen angemessenen Wohnraum zu finden. Fast aussichtslos, denn den gibt es kaum. Wenn eine Gesellschaft sozial Schwächeren kein Recht auf Wohnraum zugesteht, wie sollen sie dann ihren Platz in einem Gemeinwesen finden und sich mitverantwortlich dafür fühlen? In diesem Jahr haben wir BISSler erleben dürfen, wie unglaublich stark das Netzwerk unserer Unterstützer ist und wie sicher wir von ihm getragen werden. BISS konnte sich felsenfest auf alle verlassen, die jeden Tag auf ihre Weise dazu beitragen, dass es bei uns läuft: Da sind allen voran unsere treuen Leserinnen und Leser, die diskussionsfreudige Themenkonferenz, die anspruchsvolle Chefredakteurin, die versierten Journalisten und Fotografinnen, die fantasievollen Grafikerinnen, unsere sorgfältige Schlussredakteurin und natürlich der aufmerksame BISS-Innendienst. Und was wären wir ohne unsere klugen Anzeigenkunden, zuverlässigen Kooperationspartnerinnen, sorgsamen Ehrenamtlichen sowie die Abtei St. Bonifaz mit ihrem gewissenhaften Pfortenteam? Wir können auf die Großzügigkeit und Treue der Spender und Spenderinnen bauen sowie auf die Patinnen und Paten der 54 angestellten Verkäufer, das ist wunderbar. Und last, not least unser großartiger Außendienst, die über 100 fantastischen BISS-Verkäufe[1]rinnen und -Verkäufer, die im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen! BISS hat in diesem Jahr armen und obdachlosen Menschen in vielen Fällen helfen können, bei der Wohnungssuche, durch Zuzahlungen zu Zahnersatz und Medikamenten, mit Kleidung, Erstausstattung von Wohnungen, Haushaltsgeräten, Fahrtkosten, Kursgebühren, Führerschein und vielem mehr. Unser soziales Netz hat getragen, gerade in diesem Jahr, in dem uns die Corona-Pandemie in vielen alltäglichen Dingen sehr beansprucht, aber nicht total überwältigt hat. Allen, die dazu beigetragen haben, danken wir für ihre Freundlichkeit und dafür, dass sie für schwächere Menschen Platz in ihrem Herzen finden.
Ich wünsche Ihnen im Namen aller BISSler ein schönes und entspanntes Weihnachtsfest!