Ausstellung „BISS – Einblicke“

Für die Fotoserie „BISS – Einblicke“ hat der renommierte Fotograf Rainer Viertlböck (Interview im BISS-Magazin 12/2021) Wohnungen von BISS-Verkäuferinnen und –Verkäufern fotografiert. Ausgewählte Arbeiten aus dieser Serie sind wieder ab 10. Januar bis Ende Februar 2022 im Münchner Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Herzog-Wilhelm-Straße 1 zu sehen. Aktuelle Öffnungszeiten finden Sie unter fes.de/fes-in-bayern.

Ganz neu entstanden ist ein Kurzfilm mit Kommentaren von BISS-Verkäuferinnen und –Verkäufern zu ihrer Wohnsituation, den wir Ihnen ans Herz legen möchten:

https://youtu.be/Xs6NDGB3lTg

Ausstellung und Führungen

Noch bis 25. Februar 2022 / wochentags 9.00-16.00 Uhr

Führungen 27. Jan., 4. Feb. und 18. Feb. 2022 / 16.00-17.00 Uhr

Die aktuellen Öffnungszeiten und den Link zur Anmeldung für eine der Führungen
finden Sie unter
http://fes.de/fes-in-bayern

BISS-Ausgabe Januar 2022 | Auf Augenhöhe

Cover des BISS-Magazins Januar 2022

Thema | Gemeinsam ins neue Jahr | 6 Auf Augenhöhe: Führerschein trotz Handicap | 12 Anti-Klassismus an der Uni: Ein Referat kämpft für Chancengleichheit | 18 Über den Tellerrand: Vertreter von Straßenzeitungen berichten über ihre Situation | 20 Ein ganzes Dorf: Die Stiftung BISS blickt auf ein ereignisreiches Jahr zurück | 5 Wie ich wohne | 24 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Wie ich wohne

Wer wohnt wie? In der Kolumne geben BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Protokoll FELICITAS WILKE

Der Löwe

Foto: Martin Fengel

„Ich liebe die Sechzger nicht, ich lebe sie. Das erahnt man schon, wenn man bei mir zur Tür hereinkommt, an der ein großes Schild mit der Aufschrift ‚Giasing‘ prangt. Meine 32-Quadratmeter-Wohnung ist durch und durch blau: Eine Wand ist hellblau gestrichen, die Vorhänge sind blau-weiß. An der Wand über meinem Bett präsentiere ich meine Wimpel von 1860 München genau wie die Schals, meine Kutte und die Trikots, die ich zum 50. und zum 60. Geburtstag geschenkt bekommen habe. Wo andere ein Hirschgeweih an ihrer Wand angebracht haben, ist’s bei mir der Kopf eines Plüschlöwen. Meine Mutter kam aus Untergiesing, doch ich bin in der falschen Stadt geboren und aufgewachsen: in Augsburg. Als Sechsjähriger lernte ich dort nach einem Spiel im Rosenaustadion den Torwart Radi Radenković kennen. Da war es um mich geschehen: Von diesem Moment an war ich ein Blauer. Noch im gleichen Jahr, nämlich 1966, wurden die Löwen sogar Deutscher Meister. Für mich ging es erst einige Jahre später in die Stadt, in die ich gehöre. Dort lebte ich weiterhin für den Sport. Ich war nicht nur Fußballfan, sondern spielte auch Eishockey in der zweiten Bundesliga bei Geretsried und wurde in den 1970er-Jahren bayerischer Vize-Amateurmeister im Boxen. Für die Sechzger natürlich. Zum Boxen kam ich, weil ich als Kind klein und schwach war und öfter eine aufs Maul bekommen hatte. „Immer aufmerksam und brav“, so steht es in meinem Zeugnis der ersten Klasse, das an meiner blauen Wand zu Hause hängt. Haha, damals vielleicht! Nachdem ich mit dem Boxen begonnen hatte, war ich kein so leichtes Opfer mehr.
Zu meinem Leben gehörten Tiefschläge dazu, nicht nur beim Boxen. Ich war zwischenzeitlich verheiratet, doch meine Ehe scheiterte, nachdem unsere Tochter gestorben war. Ein Foto, ebenfalls an meiner blauen Wand, erinnert mich an sie. Meinen Beruf als Metzger auf dem Schlachthof musste ich wegen meiner Bandscheiben aufgeben. Danach wollte man mir einen 1-Euro-Job andrehen – und das nach Jahrzehnten im Berufsleben! So landete ich schließlich bei der BISS, die ich seit viereinhalb Jahren verkaufe. In meiner Wohnung in Giesing, in dem Stadtteil also, wo auch die Löwen daheim sind, wohne ich mittlerweile seit zwölf Jahren. Die Miete für ein Zimmer mit Küchenzeile, Bad und Balkon beträgt 509 Euro kalt plus 50 Euro Nebenkosten. Dafür erhalte ich staatliche Unterstützung. Ich habe hier alles, was ich brauche. Das Stadion ist nicht weit, eine Station mit dem Bus, dann geht’s mit der Tram 25 direkt an die Grünwalder Straße. Und wir haben hier eine gute Gemeinschaft: Meinen Balkon habe nicht etwa ich mit Blumen, Tomaten und Paprika bepflanzt, sondern meine Nachbarin. Ich könnte so was nicht, ich bin eher der Mann fürs Grobe. Wenn sie mal jemanden braucht, um einen alten Schrank zu zerlegen, dann bin ich der Richtige! Auch sonst ist meine Nachbarschaft schwer in Ordnung. Mit einem Roten, der im Haus wohnt, schaue ich manchmal sogar Fußball. Die Zeit der Derbys ist zwar vorbei, aber vielleicht werden wir einander ja mal im DFB-Pokal zugelost.“

Ein braucht ein ganzes Dorf

„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Dieses afrikanische Sprichwort gilt sinngemäß auch für die (Wieder-)Eingliederung von obdachlosen Menschen, egal welcher Herkunft. Es braucht Wohnungen und es braucht die Zusammenarbeit aller. Staat, Länder und Kommunen sind wichtig, können aber wohlmeinende Nachbarn, haupt- und ehrenamtliche Helfer und ein gutes Umfeld vor Ort nicht ersetzen.

Hildegard Denninger und Ferenc Máthé

Text:
HILDEGARD DENNINGER
Fotos:
HANNES ROHRER

Und im letzten Herbst mussten wir akzeptieren, dass, selbst wenn nach unseren Vorstellungen alles passt – Zimmer, Mitbewohner, Lage –, es vorkommen kann, dass die Vorstellungen des betreuten Mieters andere sind als unsere. Und dass sich ein ehemals obdachloser Mensch in seiner neuen Umgebung einsam fühlen kann und kündigt. Obwohl es schon kalt war, ist einer unserer Mieter ausgezogen und schläft nun wieder im Freien. Er hat ordentlich gekündigt, sein Zimmer sauber hinterlassen, die Schlüssel abgegeben und die Möbel, die er mithilfe des Vereins BISS gekauft hatte, in der Wohnung belassen, sodass der Nachmieter sofort einziehen konnte. Es war das erste Mal, seit die Stiftung Wohnungen vermietet, dass jemand ausgezogen ist, ohne eine andere Wohnung zu haben. Wir haben es nicht verstanden und es hat uns sehr leidgetan, aber wir mussten es schweren Herzens akzeptieren. Es gibt aber auch Erfreuliches zu berichten vom letzten Jahr, sehr Erfreuliches sogar!

EIN GLÜCKSFALL

Das Appartement in Laim, das wir 2021 erwerben konnten, liegt gleich um die Ecke von unserer 2-Zimmer-Wohnung, in der seit 2019 eine Verkäuferin mit ihren betagten Eltern wohnt. Wir freuen uns, dass wir nun zwei nah beieinanderliegende Wohnungen haben, denn mit den Standorten unserer Wohnungen können wir nicht allzu wählerisch sein. Wir nehmen, was wir bekommen und bezahlen können, wenn es nicht ganz weit außerhalb Münchens liegt und einigermaßen gut zu erreichen ist. Aber es macht für die Stiftung, für den Sozialarbeiter und die Ehrenamtlichen, die die Menschen in der neuen Bleibe betreuen, einen Unterschied, ob sie eine Stunde oder einen halben Tag lang unterwegs sind, um von einer Wohnung zur anderen zu kommen. Am meisten Grund zur Freude aber hat Herr Máthé, der BISS-Verkäufer, der im Oktober dort eingezogen ist. Herr Máthé hatte mit Gelegenheitsarbeiten sein Geld verdient, bevor er zu BISS kam, und war durch die teilweise schwere körperliche Arbeit gesundheitlich sehr angeschlagen. Seit September 2017 ist er angestellter BISS-Verkäufer. Er lebte bis zum Einzug in das Laimer Appartement im Oktober 2021 als Selbstzahler in einer Pension. Pensionen sind nicht immer gut, aber immer teuer! Herr Máthé hat sich mithilfe von BISS in den letzten vier Jahren berappelt. Er ist sehr zuverlässig und fleißig, hat sich gesundheitlich erholt und alles, was nötig war, gemacht, um auf die Beine zu kommen. Gern zeigt er Fotos von seinen Enkelkindern, die er bei der Taufe eines der Enkel gemacht hat. Er ist stolz auf sie und er kann auch stolz auf sich sein. Denn er hat die Unterstützung, die ihm bei der Stiftung und der Straßenzeitung BISS angeboten wurde, angenommen und seine Chance genutzt. Dabei geholfen haben ihm die freundlichen Mitarbeiter vom BISS-Büro und ein Sozialarbeiter, eine Sozialarbeiterin, eine Praktikantin, ein Ehrenamtlicher, ihm zugewandte Stammkunden und eine BISS-Leserin. Vielleicht kein ganzes Dorf, aber es brauchte viele Leute! Das hat bei Herrn Máthé sogar das Jobcenter des Landkreises München eingesehen und dem Verein BISS einen Eingliederungszuschuss gewährt – wenn auch erst nach einem Gerichtsverfahren.

Weiterlesen „Ein braucht ein ganzes Dorf“

Mein Gesellenbrief

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

VON Wolfgang „Butzi“ Kurz

Nach 43 Jahren fand ich meinen Gesellenbrief wieder. Ganz überrascht war ich, ihn nach mehreren Umzügen und Obdachlosigkeit in einem Ordner zu finden. Ich habe eine dreijährige Ausbildung zum Lastkraftwagen-Mechaniker gemacht. Obwohl ich auf einem Diesel-Lkw gelernt hatte, kam in der Prüfung ein Pkw vor und auch noch ein Benziner, denn damals, 1978/79, waren Diesel-Pkws sehr rar. So kam es, dass ich in der Theorie eine Vier hatte, aber im Praktischen reichte es für eine Drei. Nachdem die Prüfung geschafft war, blieb ich noch ein halbes Jahr bei meinem Lehrbetrieb in Niederbayern, dann verließ ich ihn und ging zu einer Firma nach Prien am Chiemsee. Mein damaliger Chef wollte zwar, dass ich bleibe, aber ich wollte damals in die Welt hinaus.
Von Prien aus fuhr ich Touren bis nach Saudi-Arabien. Darüber habe ich ja auch schon hier an dieser Stelle berichtet. Dass der Gesellenbrief plötzlich wieder da ist, freut mich. Meine Schwägerin wollte mir immer nicht glauben, dass ich einen habe. Jetzt kann ich ihn ihr zeigen. Und damit ihn jeder sehen kann, habe ich ihn in meiner Wohnung an der Wand angebracht. Da hängt er nun, zwischen Bildern von Indianern und Jesus Christus, meinem Tabernakel und dem Weihwasser. Übrigens ist Weihwasser in der heutigen Corona-Zeit ganz selten zu bekommen. Meistens hole ich es am Odeonsplatz bei der schwarzen Madonna in der Theatinerkirche. Aber noch mal zum Aufhängen: Mit dem Nagel musste ich aufpassen, um nicht versehentlich das Stromkabel zu beschädigen. Nicht, dass mein Gesellenbrief am Ende noch einen Kurzschluss verursacht oder mir einen Stromschlag verpasst!

Aufbruchszeit

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Der Verkaufspreis unserer Zeitschrift liegt seit zehn Jahren bei 2,20 Euro. Nun heben wir ihn mit der Januarausgabe 2022 auf 2,80 Euro an. Dadurch nehmen die rund 100 Verkäuferinnen und Verkäufer mehr Geld je verkauftem Exemplar ein (1,40 Euro statt zuvor 1,10 Euro). Für die aktuell 53 angestellten Verkäufer wurden die Gehälter zum 1. Januar deutlich erhöht. Es freut mich außerordentlich, dass wir nahezu für jede und jeden von ihnen einen Paten gefunden bzw. in Aussicht haben, der den Teil des Gehalts übernimmt, den die Person nicht selbst erwirtschaftet (siehe Seiten 26 und 27). Diese Festanstellungen bieten den Menschen einen unvergleichlich starken Halt, der durch nichts zu ersetzen ist. Ergänzend zum Gehalt bietet BISS als Arbeitgeber bezahlte MVV-Monatskarten, geförderte Betriebsrenten mittels Entgeltumwandlung und Zuzahlungen für Zahnersatz, Brillen und andere medizinische Hilfsmittel. Gerade bei Neueinstellungen kommt es vor, dass Hilfesuchende mit Schulden aus ihrer Vergangenheit beladen sind, wie unser neuer Verkäufer ohne Krankenversicherung, der als Notfall ärztlich versorgt wurde und dafür eine hohe Rechnung präsentiert bekam. Hier arbeiten wir eng mit der Schuldnerberatung zusammen und unterstützen die Schuldenregulierung, damit sich der Mensch von dieser Last befreien und neu anfangen kann. Das Thema Wohnen und wie sozial benachteiligten Menschen Zugang zu bezahlbarem Wohnraum möglich wird, liegt uns besonders am Herzen. Hier leistet die Stiftung BISS hervorragende Arbeit (siehe Seiten 20 bis 23). Und wenn es Sie interessiert, wie BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer wohnen, dann empfehle ich Ihnen die Ausstellung „BISS – Einblicke“ zu besuchen, die im Januar und Februar im Münchner Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Herzog-Wilhelm-Straße 1 zu sehen ist. Mit Ihnen und den vielen engagierten Menschen aus unserem großartigen Netzwerk an der Seite sind wir gut aufgestellt für alles, was das Jahr 2022 bringen wird. Lassen Sie uns wieder alles tun, damit arme und obdachlose Menschen, frei nach Friedrich Hölderlin, wieder aufbrechen können zu einem besseren Leben.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern’, Und verstehe die Freiheit, Aufzubrechen, wohin er will.

Friedrich Hölderlin aus „Lebenslauf“

Im Namen aller BISSler wünsche ich Ihnen ein gutes neues Jahr!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin