Raum und Zeit

Es gibt in München seit dem Jahr 2023 eine Tagesstätte für Erwachsene aus dem Autismus-Spektrum. Sie gehört zu „autkom“, dem Autismus-Kompetenz-Zentrum München und Oberbayern. Autismus oder Autismus-Spektrum-Störung (kurz: ASS) ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Man wird damit geboren.

Menschen aus dem Autismus-Spektrum sind sehr verschieden. Manche sind normal begabt oder sehr begabt. Manche haben eine starke Behinderung. Manche sprechen wenig oder gar nicht, manche sprechen schon als Kleinkind sehr gut.

Martina Schabert arbeitet bei „autkom“.

Denn jeder Autist ist anders. Aber allgemein kann man sagen: Autismus ist eine besondere Art, die Welt wahrzunehmen. Menschen aus dem Autismus-Spektrum denken, fühlen und lernen anders als viele andere Menschen. Zum Beispiel können viele die verschiedenen Reize wie Geräusche, Gerüche, Licht oder Berührungen nicht filtern. Sie können nichts ausblenden. Sie hören, riechen, sehen und fühlen alles gleichzeitig. Alles ist laut und grell. Auch deshalb kann der Kontakt zu anderen Menschen für manche schwierig sein, zum Beispiel beim Gespräch. Klare Regeln und feste Abläufe helfen vielen Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Manche haben auch besondere Stärken, zum Beispiel eine gute Konzentration oder ein gutes Gedächtnis. Oder eine große Offenheit und Ehrlichkeit.

In der Tagesstätte von „autkom“ sind alle Erwachsenen aus dem Autismus-Spektrum willkommen. Sie müssen selbständig zur Tagesstätte kommen können. Und sich in der Nähe von anderen Menschen wohlfühlen. Das gemeinsame Kochen und Mittagessen ist ein festes Ritual im Tages-Ablauf. Es gibt außerdem verschiedene Workshops wie Malen und kreatives Gestalten. Es gibt Gesprächsrunden, Musik und Entspannung, eine Podcast-Gruppe, Schach, Tischtennis und Gesellschaftsspiele. Es gibt immer die Möglichkeit, sich in einem Raum auszuruhen. Gabriela Schimpf ist Kunst-Therapeutin. Sie sagt:

Gabriela Schimpf leitet gemeinsam mit Monik Gupta die Tagesstätte von „autkom“. Monik Gupta ist Psychologe. Er sagt: „Für etwa 10 Personen haben wir Platz. Und es kommen auch etwa 10 Personen jeden Tag.“ Insgesamt sind es etwa 30 Personen, die die Tagesstätte an unterschiedlichen Tagen besuchen. Viele sind in einer Übergangssituation. Zum Beispiel haben sie gerade einen Klinik-Aufenthalt hinter sich oder sie hatten eine längere Depression. Und sie fühlen sind noch nicht gut genug, in die Ausbildung oder zur Arbeit zu gehen.

Das Angebot von der Tagesstätte ist niedrigschwellig. Das bedeutet, dass man sich nicht vorher anmelden muss. Man kann einfach vorbeikommen, regelmäßig oder nur ab und zu.

Gabriela Schimpf sagt: „Wir möchten, dass sich alle bei uns wohlfühlen. Wir wollen ihr Selbstbewusstsein stärken und ihnen helfen, ihre Stärken zu nutzen.

Die Tagesstätte ist ein Begegnungsort und ein geschützter Raum. Für viele hier ist es das erste Mal, dass sie andere Betroffene näher kennenlernen. Und es wird hier sehr viel gesprochen. Das ist anders als bei einer Therapie. Denn hier können die Betroffenen soziales Verhalten auf Augenhöhe üben. Zusammen mit anderen aus dem Autismus-Spektrum. Sie machen direkt die Erfahrung, wie es ist, wenn man anderen ständig ins Wort fällt und sie nicht ausreden lässt. Und es entstehen auch Freundschaften.

Eine Besucherin der Tagesstätte sagt: „Wenn ich hier bin, dann fühle ich mich nicht allein. Hier muss ich nicht erklären, warum ich so bin, wie ich bin. Die akzeptieren mich.“ Das wünscht sie sich auch außerhalb der Tagesstätte, dass die Menschen sie ohne Vorurteile akzeptieren.

Mehr Infos zur Tagesstätte von autkom: https://www.autkom-obb.de/angebote/tagesstaette

AUTISPoint – Tagesstätte für erwachsene Autist*innen

Zamdorfer Straße 100, 81677 München

Montag bis Donnerstag: ca. 10:30 – 16:30 Uhr.

Telefon: 089 4522587-45 oder 0151 26882388

Original-Text von Beatrice Ossberger

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de

BISS-Ausgabe Januar 2026 | Ungleichheit

Cover des BISS-Magazins Januar 2026


Inhalt | Ungleichheit | Die Schere zwischen Reich und Arm geht immer weiter auseinander. | 6 Interview: Martyna Linartas Ungleichheit in unserer Gesellschaft | 10 autkom: Hilfe und Beratung für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung | 16 Benko-Ruinen: Glanz versprochen, Ruinen geliefert | 20 Stiftung BISS: Unverhofft kommt oft | 5 Wie ich wohne | 24 SCHREIBWERKSTATT: BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 27 Adressen

Wie ich wohne

Protokoll HANS ALBRECHT LUSZNAT

Foto MARTIN FENGEL

Der Brotbäcker

Das Haus, in dem ich wohne, wurde vor 25 Jahren in Riem neu gebaut, auf dem Gelände, wo vorher die Start- und Landebahn des Flughafens Riem war. Ich wohne im dritten Stock und gleich hinter der Haustür – die eigentlich ein Gittertor in einem luftigen Durchgang ist – gibt es einen Lift als frei stehenden Turm. Mit dem komme ich in den dritten Stock. Dann geht es über eine Art Brücke und einen Außengang am Gebäude entlang zu den einzelnen Wohnungstüren. Rechts schaut man in die große Grünfläche zwischen den Häusern. Meine Wohnungstür ist die vorletzte an dem 88 Meter langen Gang. Im ganzen Gebäude gibt es insgesamt 98 Wohnungen. Ich bin hier vor 15 Jahren mit meiner Frau eingezogen. Die Wohnung hat zwei Zimmer und geht über 2 Etagen. Es sieht großzügig aus, es sind aber nur 48 Quadratmeter. Wenn man in meine Wohnung kommt, gibt es zunächst einen Windfang mit Garderobe, dann einen ersten Durchgangsraum mit Küche, einem Tisch und Stühlen und einer Treppe ins obere Stockwerk. Geht man geradeaus, liegt links das Bad und man kommt ins Schlafzimmer, wo auch der Fernseher steht. Oben ist ein weiteres Zimmer, ungefähr so groß wie der Raum darunter. Zusammen kostet es 580 Euro Miete, ich bekomme Rente und etwas Hilfe und mit dem, was ich bei BISS verdiene, kann ich die Miete bezahlen. Gebürtig komme ich aus Breslau, war dort bis zum 30. Lebensjahr und bin dann nach Katowice (Kattowitz) umgezogen. Ich habe Automechaniker gelernt und in diesem Beruf in Polen gearbeitet. Dann bin ich so um die Jahrtausendwende nach Deutschland gekommen und war Fahrer für eine große Apotheke und habe Medikamente ausgeliefert an Filialen in München. Die letzten 15 Jahre sind wie im Flug vergangen und ich bin jetzt schon 75 und habe Probleme mit dem Herzen. Wenn ich Treppen steige oder weit laufe, dann muss ich immer wieder Pausen einlegen. Deshalb habe ich den BISS-Verkauf auch auf ein paar Stunden begrenzt, denn langes Sitzen am Verkaufsplatz verursacht mir dann nach einiger Zeit Schmerzen.
Hier um unsere Wohnung bekommt man alles, was man zum Leben braucht. Es gibt Geschäfte und ein Stück weiter vorn in der Straße gegenüber dem Messegelände auch ein Café mit Bäckerei. Da gehe ich ein- bis zweimal in der Woche einen Kaffee trinken. Mit den Nachbarn haben wir wenig Kontakt; es wohnen hier im Haus sehr viele alleinstehende Personen. Die Tochter und die zwei Enkelkinder leben in Polen und augenblicklich ist meine Frau auch dort, weil sie krank ist und sich dort besser fühlt. Am Wochenende gehe ich manchmal in die Kirche, entweder hier in der Nähe oder in Schwabing am Josephsplatz. Dort wird mittags ein Gottesdienst der polnischen Gemeinde gefeiert. Manchmal besuche ich am Wochenende die „Maratonga Bar“ zum Tanztee, das ist speziell für ältere Leute. Jetzt, wo ich nicht mehr ganz so beweglich bin und nicht mehr viel mit dem Fahrrad durch die Gegend fahre, verbringe ich einen großen Teil meiner Zeit in der Wohnung. Alle zwei Wochen backe ich Brot, weil das ist 1.-Klasse-Brot und schmeckt mir besser als die Ware aus dem Supermarkt.

Arm sein in der Slowakei

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Robert Kalocsay

Ich stamme aus der kleinen slowakischen Stadt Rimavská Sobota. Dort habe ich mein ganzes Leben verbracht, bis ich nach Deutschland gekommen bin. Wenn man in der Slowakei arm ist, tut man sich schwer, denn man bekommt keine Sozialleistungen vom Staat, wenn man nicht mindestens 32 Stunden pro Monat einer Arbeit nachgeht. Dann kriegt man 60 Euro Unterstützung, was auch in der Slowakei sehr wenig Geld ist. Arbeitet man dagegen nicht, erhält man auch nichts, selbst wenn man krank ist. Dazu kommt, dass es wenige Jobs gibt. Aufgewachsen bin ich in einem Viertel mit vier Häuserblocks, in dem nur Leute leben, die sehr wenig Geld haben. In den Wohnungen gibt es keine funktionierende Heizung und kein fließendes Wasser, das muss man sich draußen von einem Brunnen abpumpen. Die Häuserblocks stammen noch aus der Zeit des Sozialismus. Früher war es schön, da zu wohnen, Heizung und Wasser haben noch funktioniert, ich habe mit den Nachbarskindern Fußball oder mit der Playstation gespielt. Doch nach der Wende hat der Staat kein Geld mehr in die Häuserblocks reingesteckt und alles verkommen lassen und dann die Wohnungen billig verscherbelt. Den Leuten, die darin leben, gehören die eigenen vier Wände zwar nun, aber sie sind zu arm, um sich eine Sanierung leisten zu können. Als mein zweiter Sohn geboren wurde, habe ich über Freunde eine Zweizimmer-Wohnung in einem anderen Viertel gefunden, dort ist alles auf normalem Niveau. Mein Vater ist mittlerweile verstorben, meine Mutter aber lebt noch in dem Arme-Leute-Viertel und auch meine Schwester und mein Bruder haben jeweils eine eigene Wohnung dort. Nach der Schule habe ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, an die ich meistens über Mundpropaganda herangekommen bin. Freunde haben zu mir gesagt: „Komm, hier gibt es Arbeit!“, und dann hatte ich mal für einen Monat einen Putzjob oder habe beim Umzug geholfen. Verdient habe ich mehr schlecht als recht. Darum bin ich auch irgendwann mal nach Deutschland gegangen, genauso wie viele andere meiner Freunde woanders hingegangen sind, um ein besseres Leben zu führen. Gerade kann ich gar nichts Positives über die Slowakei sagen, dennoch ist es bei mir wie bei allen Leuten mit ihrer Heimat, dort bin ich daheim. Dort kenne ich jeden, weiß, wo alles ist, dort sind meine Freunde und meine Familie. Dort, wo du aufgewachsen bist, hängt nun mal dein Herz.

Ein guter Plan für 2026

Karin Lohr, BISS-Geschäftsführung (Foto: Volker Derlath)

In den vergangenen Wochen diskutierte die Öffentlichkeit heftig über das neue Rentenpaket. Dabei entstand der Eindruck, die Älteren, die schon in Rente sind oder bald gehen, lebten auf Kosten der Jüngeren in Saus und Braus. Dass das nicht stimmt, sehen wir bei BISS jeden Tag. Denn das Lebensalter allein sagt erst einmal nichts über die soziale Situation eines Menschen aus. Wir wissen, dass Armut in der Kindheit die Heranwachsenden ausbremst und eine unglaublich hohe Hürde für einen aussichtsreichen Schul- und Berufsabschluss ist. Und am Ende eines Lebens sind diejenigen, die schon immer arm waren, arm geblieben. Denn es wird immer schwieriger, sich durch eigene Leistung ein gutes Leben zu erarbeiten. In Deutschland arbeiten rund 16 Prozent aller Beschäftigten im Niedriglohnbereich. Wenn Miete und Essen bezahlt sind, bleibt nichts mehr übrig, was in eine private Altersvorsorge eingezahlt werden könnte. Darum ist es so wichtig, dass wir uns darauf verständigen, was gerecht ist und was nicht in unserer Gesellschaft. Wie ungerecht die Einkommen aus Erwerbsarbeit im Vergleich zu den Einkünften aus Vermögen und Erbschaften besteuert werden, kritisiert die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas im Interview (S. 6 bis S. 9). Obwohl das Bundesverfassungsgericht seit Längerem eine Neuordnung der Vermögenssteuer eingefordert hat, hat die Politik hier nichts zustande gebracht. Im Gegenteil, wenn man sich mit Aufstieg und Fall des Immobilienspekulanten René Benko beschäftigt, stellt sich die Frage, ob diese Milliardenpleite durch Benkos Nähe zur Politik ermöglicht wurde. Zur Rettung seiner Geschäfte sind Millionen Euro aus Steuergeldern ausgegeben worden, vergeblich. In München sind von dem versprochenen Glanz ein paar Spekulationsruinen in prominenter Lage übrig geblieben (S. 16 bis S. 19). Die kann man sich auf einem Stadtspaziergang anschauen und darüber nachdenken, was genau mit dem Graffiti „Benko war es nicht alleine“ gemeint ist. Wie gut, dass wir BISSler mit so vielen Menschen verbündet sind, die sich wie wir für ein gerechtes Miteinander in der Gesellschaft nach ihren Kräften stark machen. Die Bilanz der Stiftung BISS, die sich insbesondere für bezahlbaren Wohnraum für sozial benachteiligte Menschen einsetzt, ist ausgesprochen erfreulich (S. 20 bis S. 23). Wir schauen zuversichtlich auf das neue Jahr 2026, denn bei Redaktionsschluss hatten wir schon für die meisten unserer 57 angestellten Verkäufer und Verkäuferinnen einen Paten gefunden. Überhaupt haben wir viel vor, denn wir wollen mit Ihnen an der Seite die Welt ein bisschen besser machen. Das ist doch ein guter Plan!

Karin Lohr, Geschäftsführerin