Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.
Der Historiker
Protokoll ANNELIESE WELTHER

Im Spind hängen meine Kleider, neben meinem Bett stehen zwei Paar Schuhe und einige Flaschen mit Saft und Softdrinks. Im Zimmer gibt es neben einem weiteren Bett und einem weiteren Spind noch einen Tisch mit Stühlen, allerdings ist der, wie überhaupt der ganze Raum, vollgestellt mit den Sachen meines Mitbewohners, sogar unter meinem Bett lagert er seinen Krempel. Gegenüber von unserem Zimmer ist die Gemeinschaftsküche mit sechs Herdplatten, zwei Mikrowellen und zwei Spülen. Regelmäßig koche ich hier Kohlrouladen, Frikadellen oder Gemüseeintöpfe. Am Ende des Ganges sind saubere Toiletten und Duschen. Seit acht Monaten wohne ich in diesem Notquartier der Stadt München und zahle für das Zimmer 289 Euro im Monat. Am besten gefällt mir hier, dass es ruhig ist. Zuvor war ich in einer ähnlichen Einrichtung untergebracht, da waren aber viele gefährliche Typen und es war sehr laut. Ursprünglich stamme ich aus der polnischen Stadt Legnica, wo ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in einer 230 m2 großen Altbauwohnung mit sieben Zimmern aufwuchs. Ein Raum war so riesig, dass wir darin an Feiertagen mit unseren ganzen Verwandten und Freunden –insgesamt an die 60 Leute – sitzen konnten. Meinem Vater gehörte ein Gemischtwarenladen, die Wohnung hatte er einem Parteisekretär abgekauft. Ich besaß ein eigenes Zimmer, wo ich für die Schule lernte und viel las, vor allem Abenteuergeschichten und historische Bücher. Später studierte ich sogar Geschichte. Einmal war ich für zwei Monate bei einer Ausgrabung in Ägypten, in der antiken Stadt Memphis, wo wir in Zelten schliefen. Obwohl es tagsüber 30 bis 40° C heiß war, brauchten wir nachts unsere Schlafsäcke, denn die Temperaturen fielen nach Einbruch der Dunkelheit manchmal auf 12° C. Auch in Berlin habe ich als Historiker gearbeitet, im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf übertrug ich die Beschilderung der Objekte ins Polnische. Nachdem diese Aufgabe beendet war, gelang es mir nur noch, mit dem Verkauf von Straßenzeitungen Geld zu verdienen. In Hamburg und London habe ich auch gelebt. Meine Tochter hat einen Briten geheiratet und so habe ich drei Jahre lang in einem typisch englischen Reihenhaus mit ihr und ihrer Familie gewohnt. Sowohl in Berlin als auch in Hamburg hatte ich das Pech, dass das Haus, in dem sich meine Wohnung befand, verkauft wurde. In Berlin geschah das während der Zeit, in der ich in England war. Obwohl ich brav meine Miete bezahlt hatte, wurden alle meine Sachen entsorgt. Immerhin hatte ich in Hamburg drei Monate Zeit, um auszuziehen. Leider fand ich nichts anderes, so ging ich nach München, weil eine Bekannte und eine Cousine von mir hier wohnten. Mit meiner jetzigen Unterkunft bin ich im Grunde genommen zufrieden, nur möchte ich mein Zimmer tauschen. Abgesehen davon, dass ich kaum Platz habe, schläft mein Mitbewohner tagsüber, wenn ich arbeite, und sieht dafür die ganze Nacht fern. Die ersten Monate habe ich mit anderen Leuten zusammengewohnt, was wesentlich angenehmer war. Eine eigene Wohnung wäre noch mal was ganz anderes. Aber im Moment reicht mir schon ein neues Zimmer.

