Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.
Protokoll ANNELIESE WELTHER
Foto MARTIN FENGEL
Der Familienvater

Der Weg zur Haustür führt an bunt beklebten Fenstern vorbei, einem Schuppen mit zahlreichen Kinderwagen, und hinter dem Gebäude gibt es einen Spielplatz. Was aussieht wie eine Kindertagesstätte, ist in Wirklichkeit eine Einrichtung zur Unterbringung obdachloser Familien, die auch über eine eigene Kinderbetreuung im Erdgeschoss verfügt. Im Treppenhaus stehen auf jeder Etage mehrere Wäscheständer mit frisch gewaschenen Kleidern, auch vor dem Aufzug. Das macht niemandem etwas aus, denn seitdem wir hier wohnen, also seit über einem Monat, funktioniert der Lift nicht. Meinen Einkaufstrolley muss ich immer bis in den zweiten Stock schleppen. Als Kind in Bulgarien habe ich auf einer Matratze geschlafen, die direkt auf dem Boden ausgebreitet lag. Erst mit 15 Jahren hatte ich dann ein Bett, was viel besser war, denn zuvor tat mir ständig der Rücken weh. Zumindest ein Bett habe ich jetzt, genauer gesagt, es sind drei Betten in dem länglichen Zimmer mit Fenster, dazu ein Schrank und ein Tisch mit drei Stühlen. Für mehr ist kein Platz. Obwohl der Schrank schon recht geräumig ist, reicht er nicht aus. Wir haben unsere Sachen auch obendrauf gestellt sowie in einer Plastikbox am Boden und in Kartons unter den Betten verstaut. Der eine Raum ist einfach zu klein für meine Frau, meinen 17-jährigen Sohn und mich. Das Wohnungsamt hat uns hier untergebracht, nachdem unser Vermieter den Mietvertrag nicht mehr verlängern wollte. Vier Jahre hatten wir in einer Wohnung gelebt, die auch nur ein Zimmer hatte, allerdings war der Schlafplatz durch einen Schrank getrennt und auch die Küche und das Bad waren separat. Hier müssen wir uns das sehr kleine Badezimmer mit der Nachbarfamilie teilen. Das ist schrecklich, sehr oft muss man warten, bis es frei wird. Die Gemeinschaftsküche ist für alle 21 Familien auf der Etage gedacht. Wie auch in den Hausfluren hängt hier ein langer, schmaler Papierstreifen von der Decke, an dem Hunderte verendeter Fliegen kleben. Da wir die Küche nicht so gemütlich finden, essen wir oft fertige Backwaren, anstatt uns selbst etwas zuzubereiten. Früher war das ganz anders. In unserer ersten Zeit in Deutschland haben wir oft mit unseren Verwandten gekocht. Als Großfamilie arbeiteten wir in einer Pension in der Nähe von Karlsfeld als Reinigungspersonal und waren dort vor Ort untergebracht. Die erwachsenen Ehepaare hatten je ein Zimmer für sich, während die Kinder einen großen gemeinsamen Raum bewohnten. Das war eine gute Zeit. Doch dann wurde die Pension komplett renoviert und für uns war kein Platz mehr. In der Familienunterkunft kennen wir noch so gut wie niemanden, aber wir wohnen ja noch nicht so lange hier. Dennoch wollen wir so bald wie möglich wieder umziehen. Günstig ist es übrigens hier nicht, wir zahlen 575 Euro pro Person im Monat, das ist mehr, als unser vorheriges Ein-Zimmer-Appartement gekostet hat, da waren es nur 1.330 Euro. Unser großer Wunsch ist nun eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit etwas mehr Privatsphäre.



