Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.
Der Freizeitjäger
Protokoll HANS ALBRECHT LUSZNAT
Foto MARTIN FENGEL

An der Wand über dem Kopfende meines Bettes habe ich vier Jagdtrophäen aufgehängt, „Rehkrickerl“, wie man hier in Bayern sagen würde. Die habe ich aus Rumänien mitgebracht, aus der Zeit, als ich noch auf die Jagd gegangen bin, aber das ist lange her. Ich stamme aus Buhuși in der Nähe der Stadt Bacău, östlich der Karpaten im Nordosten von Rumänien. Jetzt lebe ich seit zehn Monaten in meiner neuen Wohnung und habe sie mir nach meinem Geschmack eingerichtet, obwohl ich vieles von meinem Vormieter übernommen habe. Der war auch ein BISS-Verkäufer. Ich habe ein großes Zimmer, von dem aus man auf einen Balkon gehen kann. Von dort blickt man auf den Garten hinter dem Haus; die nächste Häuserzeile ist etwas entfernt. Tagsüber ist es dort sehr ruhig, obwohl alles nur 400 Meter von der BMW-Zentrale am Mittleren Ring entfernt ist. Gegenüber dem Bett habe ich ein Sideboard aufgestellt, darauf steht ein Fernseher. Es gibt eine Kochnische und einen großen Kühlschrank. 20 Jahre lang habe ich als Koch gearbeitet, bevor ich aus Rumänien weggegangen bin. Heute koche ich noch immer gern, wenn auch nur für mich, und weil ich allein bin, portioniere ich die Gerichte und friere sie ein. Dafür der große Kühlschrank. Ein leerer Kühlschrank würde mich traurig machen. Meine Wohnung liegt in einem Wohnviertel und außer ein paar Gaststätten gibt es kaum Gewerbebetriebe und keine Einkaufsmöglichkeiten. Die Woche über bin ich immer unterwegs. Als Verkäufer habe ich einen Stammplatz in Karlsfeld bei Rewe und mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert es eine Stunde, um zu meinem Stammplatz zu gelangen. Meine Zeitungen transportiere ich in einem Einkaufs-Trolley, das macht es einfacher. Ich bin noch gut zu Fuß, aber durch eine Operation am Kehlkopf bin ich stark eingeschränkt und habe Probleme beim Luftholen. Unser Haus hat einen Lift, und da ich im zweiten Stock wohne, wird mir das auch in Zukunft das Leben erleichtern, wenn ich nach Hause komme und nicht mit meinem Trolley die Treppen hochmuss. Zur Wohnung gehören ein kleiner Flur als Eingangsbereich und ein Badezimmer. Wenn ich Wäsche wasche, benutze ich die Gemeinschaftswaschmaschine. Zum Trocknen hänge ich die Sachen auf dem Balkon auf. Die Wohnung, es sind vielleicht etwas mehr als 30 Quadratmeter, kostet im Monat 600 Euro. Über die Festanstellung bei BISS und die neue Wohnung bin ich sehr glücklich, weil mir beides eine gewisse Sicherheit gibt. Ich bin nämlich schon seit 30 Jahren staatenlos. 1995 habe ich die Staatsangehörigkeit meines Geburtslandes verloren. Wer aber einen festen Wohnsitz hat und eine Anstellung und seinen Lebensunterhalt selbst verdient, der kann die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen. Das sind doch gute Zukunftsaussichten.



