Ohne Wohnung ist alles nichts

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Auf einem der letzten Fotos, die es bei BISS von Herrn D. gibt, sieht er ganz entspannt aus. Er sitzt an einem schön gedeckten Tisch, vor sich ein Glas Orangensaft und eine Etagère mit aufgeschnittenem Schinken und Käse. Um ihn herum sieht man viele andere BISS-Verkäufer, die im vergangenen Jahr wie Herr D. zu unserem Jubiläumsfrühstück im feinen „Café Luitpold“ gekommen sind. Herr D. verkaufte die BISS, anfangs nur gelegentlich, dann aber regelmäßig und seine Festanstellung stand kurz bevor. Daraus ist nichts geworden, denn er ist im April 2019 völlig überraschend gestorben. Er wurde nur 60 Jahre alt. Man hat ihn von Amts wegen in einem Münchner Friedhof beigesetzt. Es war ein würdevoller Abschied, zu dem viele seiner Freunde und Bekannten gekommen sind, jeder von ihnen noch fassungslos, dass es gerade ihren Freund D. getroffen hat, wo der doch einen so vitalen und unverwüstlichen Eindruck gemacht hatte. Sollten Sie bei Gelegenheit im Ostfriedhof am BISS-Grab – Nähe Eingang Balanstraße – vorbeigehen, werden Sie sehen, dass die 13 Verkäuferinnen und Verkäufer, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben, alle nicht sehr alt geworden sind. Ein Leben in Armut, womöglich sogar mit Phasen der Obdachlosigkeit, legt den Betroffenen eine schwere Last auf. Es macht die Menschen krank und letztendlich kaputt, egal ob sie in München oder Berlin auf der Straße, in Deutschland zu lange in schlechten Gemeinschaftsunterkünften oder unter unsäglichen Bedingungen in Flüchtlingslagern im Libanon leben müssen. BISS setzt sich dafür ein, armen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, sei es durch niedrigschwellige Beschäftigung, feste Arbeitsplätze, medizinische Hilfen und natürlich Unterstützung bei der Wohnungssuche. „Eine Wohnung ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts“ – der Leitspruch der bundesweiten Wohnungslosenhilfe ist aktueller als je zuvor, weil bezahlbarer Wohnraum zum Nutzen weniger und zum Schaden vieler Menschen jeden Tag vernichtet wird. Es ist jedoch nicht zwingend, aus allem den maximalen Profit herauszuschlagen. Der kritische Ökonom Niko Paech rät im Interview, auf eine ständige Steigerung des Konsums zu verzichten und Selbstbeschränkung zu üben – für eine bessere Welt (siehe Interview S. 22 bis 24). Und auch die Kunst beschäftigt sich mit dem Thema: Ich kann Ihnen nur empfehlen, die Ausstellung des bekannten Fotografen Rainer Viertlböck im Kunstkreis Gräfelfing zu besuchen. Zu sehen sind bekannte Bilder aus Viertlböcks Serie „Der neue Blick auf München“, die er aktuellen Innenaufnahmen der Wohnsituation von BISS-Verkäufern gegenüberstellt.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Armut sehen, nicht übersehen

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Gelegentlich fragen uns Leser, woran man arme Menschen erkennen kann. Für BISS ist diese Frage einfach zu beantworten, denn das sind die Menschen, die uns um Hilfe bitten. Beim ersten Kontakt mit dem Sozialarbeiter erzählen sie, woher sie kommen, wovon sie leben und wie sie im Moment wohnen. Diejenigen, die gerade obdachlos sind, haben in der Regel ihr ganzes Hab und Gut dabei, denn Schließfächer im Bahnhof kosten Geld, das für etwas anderes dringender gebraucht wird. Hier ist Krisenintervention gefragt, denn der Bedürftige muss am besten sofort weg von der Straße, beispielsweise indem man ihn in eine Notunterkunft vermittelt. Nicht immer ist Armut so offensichtlich, vielen sozial Schwachen sieht man ihre miserablen Lebensumstände nicht auf den ersten Blick an. Da gibt es insbesondere die Rentner mit den kleinen Renten, die Alleinerziehenden, die um den Unterhalt bangen, und die Langzeitarbeitslosen. Sie scheinen gut gekleidet und oft wohlgenährt, in Wahrheit müssen sie jeden Euro zweimal umdrehen und es reicht trotzdem hinten und vorne nicht. Es ist zum Haareraufen, dass sich Geschäftemacher gerade an armen Menschen bereichern, indem sie ihnen schlechte Unterkünfte zu Wucherpreisen vermieten, sündteure Handyverträge aufschwatzen oder Konsumkredite andrehen. Schon klar, unterschreiben tut letztendlich jeder selbst und auf eigene Verantwortung. Wer aber keine Chance auf ein gutes Leben hat, denkt nicht langfristig und ist leichte Beute. Noch schlimmer ist, dass Arme in unserer Gesellschaft meist unsichtbar sind, weil ihnen zunächst das Geld und zunehmend die Erfahrungen fehlen, am sozialen Leben teilzunehmen. Bei vielen kommt die Scham dazu, es im Leben scheinbar zu nichts gebracht zu haben. BISS-Verkäufer sind besser dran, denn sie verdienen durch den Verkauf der Hefte nicht nur wieder ihr eigenes Geld, sondern haben auch einen Grund, außer Haus zu gehen. Sie wissen, dass ihre Kunden auf sie warten und sie vermissen, wenn sie einmal länger nicht an ihrem Stammplatz stehen. Und fast alle BISS-Verkäufer haben ordentliche Zähne, oft nach langwierigen Behandlungen. Für Betroffene und soziale Projekte, die sich um Obdach- und Arbeitslose kümmern, hat BISS im Jahr 2018 insgesamt 1.452.507,75 Euro ausgegeben (siehe Seiten 28/29 „Rückblick mit Ausblick“). Übrigens ist der 17. Oktober der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut. Danke, dass Sie die BISS gekauft haben, und bitte bleiben Sie uns auch in Zukunft gewogen!

Herzlichst Karin Lohr, Geschäftsführerin

Goldene Geigen

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Auch wenn kein einziger unserer Verkäufer – alle in den besten Jahren, also Ü40 – im schulpflichtigen Alter ist, begegnet uns das Thema Schule und Ausbildung öfter. Wir begleiten nicht nur die Kinder unserer Verkäufer, deren Entwicklung wir erleben, auch der kleine und größere Nachwuchs von Familien in unserem Aktionsfeld findet sich regelmäßig im BISS-Büro ein. Denn traditionell werden vorgelegte Schulzeugnisse nach folgendem bewährten Vorgehen honoriert: Für ein „sehr gut“ gibt es sechs Euro, für „gut“ immerhin vier Euro und selbst ein „befriedigend“ bringt noch zwei Euro. Aber auch eine gute Bemerkung im Zeugnis wirkt sich mit einem Aufschlag aus, sodass alles zusammen, die Belohnung und das Interesse an ihren Schulnoten, den Kindern etwas bringt und sie fürs nächste Jahr anspornt. Wenn im Laufe der Jahre aus den Kindern schon fast junge Erwachsene geworden sind, ergibt sich manchmal ein Gespräch mit unserem Sozialarbeiter, der gerade denjenigen, die sich mit dem Lernen zunächst schwertun, dazu rät, erst einmal eine berufliche Ausbildung zu machen. Genau das hat die Tochter von Herrn U., einem unserer Verkäufer, getan – sie ist jetzt fertige Kinderpflegerin und hat eine solide Basis für ihren weiteren Weg. Gerade diejenigen Eltern, die selbst erfahren haben, dass ohne Schul- und Berufsabschluss kaum Fuß zu fassen ist, wünschen sich für ihre Kinder ein besseres Leben. Der Politik kann man jedoch in Sachen Chancengleichheit nur die Note „Sechs“, ein „ungenügend“ geben, denn in Deutschland werden Kinder, denen im Elternhaus keine „goldenen Geigen“ hinterhergetragen werden, viel zu wenig unterstützt. Das ist ungerecht und schadet allen, sowohl den benachteiligten Menschen als auch dem Land, denn da geht ein Potenzial an klugen Köpfen verloren, das kann sich eine Gesellschaft bei den Herausforderungen in allen Politikbereichen – Bildung, Klima, Verkehr, Rente – nicht leisten. Dort braucht es gescheite, tatkräftige und menschenfreundliche Frauen und Männer, wie eigentlich überall im Leben. Mich begeistert es besonderes, wenn jemand in einem späten Anlauf noch einen Abschluss hinbekommt und wir gratulieren dürfen. So wie Frau H., die ihre drei Kinder alleine großgezogen hat und ihren Wunschberuf Kinderpflegerin nicht erlernen konnte. Jetzt ist sie Hauswirtschafterin, staatlich anerkannt mit Urkunde – das war für alle Beteiligten eine große Freude. Denen, die im September in der Schule oder in den Betrieben neu anfangen, wünschen wir BISSler einen guten Start!

Herzlichst Karin Lohr, Geschäftsführerin

Ins Blaue

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Mit dieser Ausgabe für Juli und August beginnt für uns BISSler endgültig der Sommer. So haben an hoffentlich vielen lauen Abenden Cafés und Biergärten geöffnet, in denen gut gelaunte Menschen sitzen. Denn dort sind auch unsere mobilen Verkäufer besonders gerne mit der Zeitung unterwegs und freuen sich über rege Geschäfte. Außerdem unternehmen wir Mitte Juli wieder unseren traditionellen Betriebsausflug, bei dem Innen- und Außendienst zusammen einen Tag ins Blaue fahren. Dieses Mal geht es in den Pfaffenwinkel, der Reisebus und das Mittagessen sind schon reserviert. Kunst und Kultur kommen natürlich auch nicht zu kurz, denn es ist eine Führung in der Wieskirche in Steingaden vorgesehen. Für die 49 angestellten BISS-Verkäufer gilt August als der Urlaubsmonat, in dem sie ihr Gehalt, auch ohne zu arbeiten, bezahlt bekommen. Für unseren Verkäufer Herrn P. und seine Frau geht die Reise dieses Jahr mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV für ein Wochenende nach Straßburg. Herr P. ist nämlich der glückliche Gewinner der Reise, die BISS unter den Verkäufern, die bei der Europawahl im Mai zur Wahl gegangen sind, ausgelobt hat. So manchen unter ihnen hat man in den Wochen vor der Wahl überzeugen können, wie wichtig unser friedliches Europa ist, das hat uns gefreut. Selbst wenn Sie dieses Jahr nicht wie Herr P. verreisen, haben wir für Sie einige schöne Überraschungen bereit. Unter dem Motto „I will be with you, whatever – 25 Jahre BISS“ zeigen wir in den Räumen des H-Teams in der Plinganserstraße die schönsten Bilder unseres Jubiläumsprojekts 2018, des spektakulären Kunstpavillons am Wittelsbacherplatz. Ab sofort können Sie auch bei dem BISS-Verkäufer Ihres Vertrauens den Katalog zum Projekt kaufen, mit tollen Fotos und vielen spannenden Interviews. Und sollten Sie zufällig mit einem Lieferwagen nach Wales fahren, in dem noch Ladefläche frei ist, könnten Sie uns einen Gefallen tun und für die Künstler von Studio Morison zwei Elemente des Kunstpavillons mitnehmen. Dass aus den vielen Begegnungen und Gesprächen in den Monaten am Wittelsbacherplatz in den Menschen etwas weitergewachsen ist, erleben wir seitdem Tag für Tag. Was aus insgesamt 24 Pavillonelementen sprießt, können Sie auf Seite 26 im Heft lesen. Allen unseren Lesern, Freunden und Unterstützern wünschen wir einen schönen, langen Sommer und freuen uns auf ein Wiedersehen im September!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Vom Säen und Ernten

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Zugegeben, auf den ersten Blick hätte der Mann, der vor ein paar Wochen an einem trüben Tag im Untergeschoss der Münchner Freiheit die BISS zum Kauf anbot, auch Mitarbeiter eines nahöstlichen Geheimdienstes sein können: verspiegelte Sonnenbrille, hochgestellter Mantelkragen und die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Selbst ich habe ihn erst aus unmittelbarer Nähe als unseren Verkäufer Herrn K. erkannt, als ich ihn angesprochen habe, warum er denn seinen Verkäuferausweis nicht sichtbar trägt. Im Falle von Herrn K. gab es eine harmlose Erklärung, denn an seinem Ausweis war das Bändel abgerissen, was man vor Ort, zumindest provisorisch, mittels einer Paketschnur aus dem nahe gelegenen Kaufhaus reparieren konnte. Trotzdem hatte die Leserin, die auf den vermeintlichen Betrüger hinweisen wollte, recht gehabt, uns anzurufen. Denn leider passiert es immer wieder, dass Betrüger aus dem guten Ruf von BISS Kapital schlagen wollen. Zu diesen Betrügern gehören die falschen „Spendensammlerinnen“, die meist zu zweit mit einer Unterschriftenliste Menschen auf der Straße und in Cafés ansprechen. Und dazu gehören diejenigen, die sich widerrechtlich die aktuelle Ausgabe besorgen und vortäuschen, legale BISS-Verkäufer zu sein. Diese Betrüger schädigen alle: die Menschen, die helfen wollen, und den BISS-Verkäufer, der sich bemüht, aber keine Zeitung verkaufen kann (siehe Seite 25 in dieser Ausgabe). Wir hören von Straßenzeitungen in anderen Städten, dass auch dort Trittbrettfahrer profitieren wollen, besonders gravierend beim Berliner „Straßenfeger“, der 2018 sein Erscheinen einstellte. Nun zeichnet BISS eine sehr intensive Verkäuferbetreuung aus, dazu gehören die monatlichen Treffen mit allen Verkäufern sowie viele Einzelgespräche und Beratungen. Vor allem aber ist unser Sozialarbeiter oft auf der Straße unterwegs und spricht mit den Verkäufern an ihren Standplätzen. Er erfährt so von kleinen und größeren Nöten. Unseren Verkäufern gebührt aller Respekt, denn sie sind es, die sich jeden Tag aufs Neue bemühen, persönliche Schwierigkeiten zu überwinden. Deshalb sollen sie auch die Früchte ihrer Mühen ernten, das ist nur gerecht. Sie, liebe BISS-Leser, können Ihren Teil dazu beitragen, indem Sie bitte nur bei Verkäufern kaufen, die ihren Verkäuferausweis sichtbar tragen. Einige von ihnen tragen seit Kurzem eine rote Weste. Wenn sich das bewährt, werden wir nach und nach unseren „Außendienst“ damit ausstatten. Die Verkäufer wären dann fast wie rote Blumen – größere und kleinere –, die an vielen Orten in der Stadt blühen. Eine ganz schöne Vorstellung, oder?

Herzlichst

Geschäftsführerin Karin Lohr

Karin Lohr, Geschäftsführerin