Weihnachten 2025

Karin Lohr (Foto: Derlath)

Unser Dezemberheft ist auch dieses Jahr etwas ganz Besonderes. Es hat Tradition, dass darin alle angestellten BISS-Verkäuferinnen und BISSVerkäufer mit Foto und dem Jahr ihrer Einstellung abgebildet sind (siehe Seiten 22 bis 27). Mit den Festanstellungen hat BISS von Anfang an aus der Not eine Tugend gemacht. Denn der ursprüngliche Plan, arme und obdachlose Menschen, nachdem sie mit Hilfe von BISS wieder auf die Beine gekommen sind, in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln, hat so nicht geklappt. Aus diesem Grund übernimmt der gemeinnützige Verein seit 1998 die Rolle des Arbeitgebers und bietet sozial benachteiligten Menschen unbefristete und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Von Anfang an dabei ist natürlich Tibor Adamec. Er gehört zu den drei Ersten, die BISS damals mit Mut und Herzklopfen angestellt hat. Das Grundprinzip ist gleich geblieben, das Ergebnis hat sich weiterentwickelt und wächst, fast wie ein immer kräftigerer Baum, bei dem Jahr um Jahr ein neuer Ring dazukommt. Mittlerweile gibt es viele langjährige Verkäufer, aber auch die „Neuen“, so wie die Personen, die ihren Arbeitsvertrag in diesem Jahr unterschrieben haben. Es freut mich immer ganz besonders, wenn eine Vertragsunterzeichnung ansteht und wir uns nach einem persönlichen Gespräch freundlich in die Augen schauen, uns fest die Hände schütteln und uns gegenseitig eine gute Zusammenarbeit wünschen. Dieses grundsätzliche Wohlwollen und unsere engagierte Sozialarbeit machen es möglich, dass der Alltag läuft und jemand nach einer schweren Lebenskrise Vertrauen fassen kann und einen neuen Anfang im Leben wagt. Unsere großartigen Verkäuferinnen und Verkäufer sind der Mittelpunkt von BISS, auf sie kommt es an. Dank der wunderbaren Unterstützung unseres Netzwerkes können wir sozial benachteiligten Menschen vieles bieten: Beschäftigung, feste Arbeitsplätze, Unterstützung bei der Suche nach bezahlbarem Wohnraum, individuelle Einzelfallhilfen beispielsweise bei Zahnersatz, Zuzahlungen zu Medikamenten und Krankenhausaufenthalten und vieles mehr. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen und Ihre Großzügigkeit, denn Sie alle bilden das Fundament unserer Arbeit: die BISS-Leserinnen und -Leser, unsere Freundinnen und Gönner, die mit kleinen und größeren Spenden helfen, sowie allen Patinnen und Paten. Bleiben Sie weiterhin an unserer Seite, wir brauchen Sie.
Im Namen aller BISSler wünsche ich Ihnen frohe und friedliche Weihnachten.


Karin Lohr, Geschäftsführerin

Unsere schöne Reise

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Unser diesjähriger Betriebsausflug fand nicht wie sonst im Juli vor der Sommerpause, sondern erst Mitte September statt. Eigentlich hatten wir nach Nördlingen fahren wollen, haben aber dort keine Gastwirtschaft gefunden, in der wir mit rund 50 Personen zum Mittagessen hätten einkehren können. Im Nachhinein hatte das etwas Gutes, denn im Juli hat es an dem zunächst geplanten Tag wie aus Eimern gegossen, da wäre der Spaziergang auf der Stadtmauer wohl ins Wasser gefallen. Wir sind dann mit dem Bus nach Giengen an der Brenz gefahren, ein Ziel, das für uns Oberbayern für einen Tagesausflug eher abseitig liegt. Treffpunkt war das BISS-Büro in der Metzstraße und wir starteten früh an einem freundlichen Spätsommertag Richtung Ulm. Nach einem kleinen Frühstück mit Butterbrezn und Kaffee ging es gleich richtig los mit der vorab gebuchten Führung im Margarete Steiff Museum. Das ist eine wirklich gut gemachte Show, für kleine und für große Kinder, die allseits für gute Laune sorgte. Danach ging es in einen kleinen Biergarten in Hürben, ganz in der Nähe. Dort wirbt man für sich, eine „Höhlenerlebniswelt“ zu sein, das ist nicht zu viel versprochen. Wir sind freundlich empfangen worden, das Mittagsbuffet mit Schnitzelchen, Gemüsetalern, hausgemachten Salaten und Pommes frites war vorbereitet und wir haben köstlich gespeist. Angeblich hätten sie dort noch nie eine Gruppe gehabt, die so viel gegessen hat wie wir. Im Anschluss daran konnte jeder machen, was er wollte – spazieren gehen, ein Eis essen oder einfach nur im Liegestuhl liegen und ein Mittagsschläfchen halten. Der Höhepunkt des Tages war eine Führung durch die 532 Meter lange Charlottenhöhle. Sogar den viertelstündigen Aufstieg zum Höhleneingang haben 30 BISSler ohne zu murren mitgemacht, um vor Ort etwas über die Entstehung der Schwäbischen Alb vor Millionen von Jahren zu erfahren. Natürlich passieren auf so einem Ausflug mit fast 50 Leuten auch Dinge, die man nicht geplant hat: So erlitt einer unserer Verkäufer in der Höhle eine Panikattacke und musste von unserer Sozialarbeiterin zum Ausgang begleitet werden. Eine Verkäuferin, die aufgrund einer chronischen Erkrankung viel mehr Kraft und Mühe braucht beim Gehen als andere, hat den Rückweg zum Bus mit letzter Mühe bewältigt und ist auf der Heimfahrt erschöpft eingeschlafen. Was zählt, ist aber, dass sie und alle anderen dabei waren und wir gemeinsam einen guten Tag verbracht haben. Man hat mit den Kolleginnen und Kollegen geredet und gelacht, wir haben nicht nur anderen beim Leben zugeschaut, wie man das etwa beim Fernsehen oder auf Instagram tut. So etwas machen wir nächstes Jahr wieder, denn es war, wie BISS-Verkäufer Pietro Dorigo es am nächsten Tag treffend gesagt hat:

„Eine schöne Reise.“


Karin Lohr, Geschäftsführerin

Sündenböcke

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Neulich kamen zwei jüngere Frauen in unser Büro, sie wollten das BISS-Magazin verkaufen. Unsere Sozialarbeiterin klärte die beiden Freundinnen auf, dass sie viel zu jung dafür seien und man, bis auf ganz wenige Ausnahmen, erst ab 40 Jahren die BISS verkaufen könne. Das hatten sie gleich verstanden, bis unvermittelt eine meinte: „Kann ich Ihnen dann meine Eltern schicken?“ In dieser flapsigen und vielleicht nicht ganz ernst gemeinten Bemerkung steckt eine bittere Wahrheit: In keinem anderen europäischen Land hängen die Bildungs- und Berufschancen von Kindern so deutlich vom sozialen Status ihrer Eltern ab wie in Deutschland. Kinder und Heranwachsende aus ärmeren Familien gehen früher von der Schule ab, besuchen seltener eine weiterführende Schule und bleiben öfter ohne beruflichen Abschluss. Nicht weil sie dümmer sind als der Nachwuchs aus besseren Verhältnissen, sondern weil sie von ihren Eltern weniger unterstützt werden können und sie im schlechtesten Fall an den ersten Hürden scheitern. Dabei müsste das nicht sein, die Entwicklungschancen der Kinder werden positiv beeinflusst, wenn sie und ihre Eltern so früh wie möglich Förder- und Unterstützungsangebote erhalten. So können Armutsverhältnisse verhindert werden oder deren Weitergabe in die nächste Generation. Bei der Diskussion um das Bürgergeld kommt dieses Thema überhaupt nicht vor. Diejenigen, die sich für Kürzungen stark machen, erwecken den Eindruck, das Bürgergeld ermögliche ein Leben in Saus und Braus, ohne zu arbeiten oder sich anders dafür anzustrengen. Das stimmt nicht, jedenfalls ist mir in den vielen Jahren bei BISS selten jemand begegnet, auf den das zutrifft. Viel öfter trifft es zu, dass jemand aufgrund schlechter Startchancen und ohne Vorsatz in eine Notlage gerät und ohne Hilfe da nicht wieder rauskommt. Ganz schlecht ist es, wenn jemand obdachlos und auf das System der Notunterkünfte angewiesen ist. In unserem Artikel „Auf Kosten der Allgemeinheit“ (S. 10 bis S. 15) wird offengelegt, wie viel Geld in dem System der Notunterkünfte steckt und wer dabei kassiert. Es sind nicht die armen und obdachlosen Menschen, denen das Bürgergeld zu einem üppigen Lebensstil verhilft. Es sind zunehmend kommerzielle Betreiber, die ihre Rendite steigern und andere dafür bezahlen lassen. Der Einzelne kann das nicht regeln, dieses System muss die Politik im Bund in den Blick nehmen und bearbeiten – und nicht die Betroffenen zu Sündenböcken machen. Von denen wollen alle lieber heute als morgen raus aus dem Bürgergeld in ein besseres und selbstbestimmtes Leben mit einer ordentlichen Wohnung, einem Job und Freunden und Familie – wenn sie es denn könnten. Ich hoffe sehr, dass die beiden jungen Frauen nicht aufgeben, sondern erfinderisch bleiben und Verbündete auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben finden.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Ein guter Platz zum Leben

Karin Lohr, BISS-Geschäftsführerin. Foto: Derlath

Mit dem Erscheinen unserer Septemberausgabe geht für die meisten unserer Verkäuferinnen und Verkäufer der Sommer und ihr Urlaub zu Ende. Bei unserem monatlichen Treffen mit gemeinsamem Frühstück sehen wir uns wieder, es gibt viel zu erzählen und das neue Heft wird vorgestellt. Das Titelbild zeigt eine Ansicht von München, die jeder kennt: die Frauenkirche mit ihren Türmen und davor das Münchner Oktoberfest, das dieses Jahr am 20. September beginnt. Die meisten BISSler mögen die Wiesn, es rührt sich was in der Stadt, und es sind mehr Leute als sonst unterwegs, die das Magazin kaufen können. Außerdem gibt es bei BISS, wie man das von anderen traditionsreichen Firmen kennt, ein Wiesngeld für die Beschäftigten, denn so ein knuspriges Hendl oder so einen feinen Steckerlfisch muss man sich ja leisten können. Diese Ausgabe, die von außen so leichtfüßig und gut gelaunt daherkommt, ist ein Heft, in dem Menschen zu Wort kommen, deren normales Leben durch Krieg und Gewalt von einer Sekunde zur nächsten zu Ende war. Robert Höckmayr erzählt, wie er am 26. September 1980 bei dem Oktoberfest-Attentat zwei Geschwister verlor und jahrelang darum kämpfte, als Opfer rechter Gewalt anerkannt zu werden (S. 20 bis S. 23). Bis heute wirft man Behörden vor, auf dem rechten Auge blind zu sein und den Terror rechter Täter und ihrer Netzwerke zu verharmlosen. Wenn in Deutschland zunehmend Menschen angemacht und bedroht werden, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe oder äußeren Erscheinung vermeintlich anders ausschauen, dann dürfen wir das nicht hinnehmen. Im Alltag müssen wir Zivilcourage zeigen, den Betroffenen in der Situation beistehen und Hilfe holen. Unterstützung leisten müssen auch die Personen, deren Stimmen in der Öffentlichkeit gehört werden, aus Politik und Wirtschaft. Wo bleiben die klaren Statements gegen Rassismus und rechten Terror von den Unternehmen und Organisationen, die sich sonst auch zu Wort melden, beispielsweise den Automobilkonzernen wie BMW und Audi, Arbeitgebervereinigungen, Bauernverband, Haus- und Grundbesitzervereinen sowie Hotel- und Gaststättenverbänden? Was sagen milliardenschwere Firmen wie Aldi und Lidl? Letztendlich geht es um unser demokratisches und freies Deutschland, das viel mehr als ein profitabler Standort zum Geldverdienen ist. Es ist ein guter Platz zum Leben und – alte und neue – Heimat für viele. Die Wiesn zeigt das im Kleinen, aber auch, wie zerbrechlich so ein Ort ist.


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Print wirkt

Karin Lohr, BISS-Geschäftsführerin, Foto: Volker Derlath

Mir ist der Slogan „Print wirkt“ das erste Mal begegnet, als ich vor vielen Jahren bei einem Münchner Meinungsforschungsinstitut gearbeitet habe. Demzufolge sind Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften besonders wirksam, was auch heute noch zutrifft, obwohl sich die Medienlandschaft seitdem stark verändert hat. Bei BISS wirkt Print noch einmal ganz anders, denn das gedruckte Magazin hilft den Menschen, die es verkaufen, ihre besonderen sozialen Schwierigkeiten zu überwinden. Gerade in den Sommermonaten ist der Verkauf für die BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer erfahrungsgemäß einfacher, denn das Leben findet meist im Freien statt, an der Isar, in den Straßencafés und in den Biergärten. Es kommt vor, dass Leute das ihnen angebotene Magazin nicht kaufen, aber trotzdem den Verkäufern Geld geben. Das ist gut gemeint, besser ist es, wenn diejenigen, die den Verkäufern grundsätzlich wohlgesonnen sind, das Magazin auch in Empfang nehmen. Schon allein deshalb, weil das Grundprinzip aller Straßenzeitungen weltweit seit über 30 Jahren „head up, not hands out“ lautet. Der Verkäufer soll eben nicht um ein Almosen betteln, sondern selbstbewusst ein gutes Produkt verkaufen. Insbesondere sollte man auch die Vorbildfunktion nicht unterschätzen, die eine Person, die die BISS kauft, für ihre Umgebung hat. Denn es ermuntert auch andere, auf den Verkäufer zuzugehen. Überhaupt kann sich unsere Doppelnummer Juli/August sehen lassen, mit der Titelgeschichte über das famose Münchner Kartoffelkombinat und natürlich den unvergleichlichen Texten aus der Schreibwerkstatt (Seiten 26/27). Ich finde ja, Papier wird unterschätzt, denn gerade auf Reisen bietet das Magazin viele Vorteile, handlich, mit nur 75 Gramm fast federleicht und es braucht keinen Strom und keinen WLAN-Zugang. Man kann es mit an den Strand nehmen oder auf eine Berghütte, es raschelt so schön beim Umblättern, was will man mehr? Die meisten unserer angestellten Verkäuferinnen und Verkäufer machen im August bezahlten Urlaub. Sie bekommen, wie andere Beschäftigte auch, das Monatsgehalt auf ihr Konto überwiesen. Aktuell sind es sogar 61 Frauen und Männer (Patenseite 25), das ist neuer Rekord, so viele waren es noch nie zuvor. Ihnen und ihren Familien bietet der Verkauf des Magazins einen Ausweg aus Armut und Obdachlosigkeit – Print wirkt, aber wie! Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer.


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin