Sehen mit dem Herzen

Erinnern Sie sich noch an die bayerische Sozialministerin, die vor einigen Jahren für Schlagzeilen sorgte? Leider nicht mit kühnen Ideen und bemerkenswertem Engagement für die Menschen in der Gesellschaft, die auf Unterstützung angewiesen sind. Sondern dadurch, dass sie sich bei einem Termin in einer Flüchtlingsunterkunft in ihrem Dienstwagen verschanzte. Dieser Vorfall hätte wahrscheinlich nicht das Ende ihrer politischen Karriere bedeutet, sondern es war der Geschäftssinn der Ministerin in der sogenannten Modellbau-Affäre. Der gleiche kalkulierende Geschäftssinn begegnet einem auch jetzt wieder.

Einzelne Politiker haben sich persönliche Vorteile verschafft, indem sie für die Vermittlung von Corona-Schutzmasken ungeniert hohe Provisionen kassiert haben. Das Schlimme daran ist einmal, dass hier von sechsstelligen Summen die Rede ist, während dieselben Personen daran beteiligt sind, dass bei der Erhöhung von Sozialleistungen, wie aktuell dem einmaligen Corona-Zuschlag, gefeilscht und geknausert wird. Zum anderen beschädigt ihr Fehlverhalten, auch wenn es möglicherweise strafrechtlich ohne Konsequenzen bleibt, das Ansehen der mehrheitlich ehrlichen und engagierten Politikerinnen und Politiker. Die Bundestagswahl im September ist wieder eine Chance, genau hinzuschauen und zu hören, was diejenigen erzählen, die sich zur Wahl stellen. Hat da jemand eine Ahnung davon, wie es denjenigen geht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen? Hat sich jemand einen persönlichen Eindruck verschafft, indem sie oder er in den Flüchtlingsunterkünften, Pflegeheimen, Krankenhäusern, Obdachloseneinrichtungen und -diensten, Kindergärten, Schulen, Sozialwohnungen und in den Schlachthöfen genau hingeschaut und mit den Menschen dort geredet hat? Wissen die Kandidatinnen und Kandidaten, was die Leute dort im Monat verdienen, wie hoch ihre Miete ist und wie sie es anstellen, dass sie bis Ende des Monats mit ihrem Geld hinkommen? Ein Sprichwort lautet: „Was das Auge nicht sieht, tut dem Herzen nicht weh.“ Das mag ein guter Rat bei Liebeskummer sein, aber was den Alltag der Menschen betrifft, sehe ich das als Aufforderung an uns alle, ganz genau hinzuschauen. Denn wer den Abgrund wahrnimmt, der sich zwischen den Lebenswelten der Menschen in der Gesellschaft auftut, dem muss das Herz wehtun. So jemand bereichert sich nicht auf Kosten der Schwächeren, darauf baue ich.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Foto: Volker Derlath

Endlich Frühling

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Ohne die Amsel, die vergangenes Jahr in den Frühlingswochen so berückend schön in unserem Innenhof gesungen hat, hätte ich die ersten Wochen der Pandemie wahrscheinlich nicht so gut überstanden. Denn als wir damals die Verkaufspause einlegten, konnte ja niemand wissen, wie lange sie dauern und vor allem ob und wie wir unsere über 100 Verkäuferinnen und Verkäufer durch diese Zeit bringen würden. Die zwitschernde Amsel hat mir persönlich mehr Mut und Zuversicht gegeben als beispielsweise die markigen Sprüche eines bayerischen Ministerpräsidenten. Ich verstehe schon, dass die muntere Amsel vergleichsweise weniger Druck verspürt, wobei, sehr allgemein formuliert, der Ton auch in der Politik und insbesondere in einer Demokratie die Musik macht. Jetzt geht es hoffnungsvoll in den Frühling und Sommer, und ich freue mich auf vieles, was irgendwann wieder möglich sein wird, etwa unsere monatlichen Treffen mit allen BISSlern, dem Innen- und dem Außendienst, bei einem gemeinsamen Frühstück in St. Bonifaz. Wir werden über einen Betriebsausflug nachdenken und darüber, wie man die verschobene Weihnachtsfeier 2020 im Sommer unter freiem Himmel nachholen kann. Vor allem aber werden für diejenigen Menschen wieder bessere Zeiten kommen, die sehr große Angst davor haben, sich mit Covid anzustecken. So wie unser Verkäufer Herr S., der das letzte halbe Jahr seine kleine Wohnung kaum mehr verlassen hat. Aus dem Fernsehen weiß er zwar alles über Inzidenzwerte und gefährliche Mutanten, er selbst verschiebt einen dringenden Arztbesuch jedoch immer wieder aufs Neue. Ich bin sicher, seine Stammkundschaft wird sich wie wir freuen, wenn Herr S. wieder in der Innenstadt in den Straßencafés und Kneipen unterwegs sein wird. In der Krise ist vieles nicht möglich gewesen und wird auch nicht so schnell wiederkommen. Da ist es gut, dass sich BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer und ihre Kundschaft gegenseitig aufmuntern können. BISS hat in den vergangenen Monaten enorm viel Hilfsbereitschaft und Unterstützung erlebt, die uns durch diese besondere Zeit tragen. Dafür möchte ich Ihnen allen von Herzen danken und wünsche Ihnen schöne Frühlingstage!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

PS: Die Vogelfans unter Ihnen wird es freuen zu hören, dass wir vor unserem Bürofenster ein kleines Vogelhäuschen aufgebaut haben, für alle Vögel, nicht nur für die Amseln. Aber wer Letztere besonders mag, kann sie noch bis 19. März zum Vogel des Jahres wählen.

Systemrelevant

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Eigentlich geht es uns von der Straßenzeitung BISS den Umständen entsprechend gut. Denn wir können unsere Arbeit für sozial benachteiligte Menschen unter den Bedingungen der Pandemie – Abstand, Mund-Nasen-Schutz und frische Luft – leisten. Wir können die Zeitung ausgeben, deren Verkauf für unsere Verkäuferinnen und Verkäufer oft der einzige Anlass ist, ihre Wohnung oder die Unterkunft zu verlassen. An ihren Standplätzen haben sie die Chance, auf andere Menschen zu treffen, die sie freundlich grüßen, ihnen die Zeitung abkaufen und im besten Fall auf einen kurzen Plausch stehen bleiben. Das tut allen Beteiligten gut. In der Diskussion, was in einer Gesellschaft systemrelevant ist, ist das ein wichtiger Punkt. Darüber hinaus sehen wir täglich, wie wichtig es ist, dass sozial benachteiligte Menschen möglichst einfach und direkt Zugang zu Hilfsangeboten und Unterstützung haben. Wenn also ein Verkäufer aus einer Notunterkunft voller Panik die BISS-Sozialarbeiterin anruft, weil er verstanden hat, er dürfe sein Zweibettzimmer für die nächsten Wochen nicht verlassen und würde zwangsweise geimpft, lässt sich dieses Missverständnis ausräumen. Für andere ist es der Anruf bei der Krankenkasse, weil die Versichertenkarte fehlt, oder das zunächst unverständliche Behördenschreiben, dessen Inhalt man „übersetzt“ und so erst verständlich macht. Diese „Übersetzungsleistung“ von sozialen Diensten für Arme und Obdachlose ist immer notwendig, in Pandemiezeiten ist sie überlebensnotwendig. Das funktioniert nicht im Homeoffice, sondern es braucht den direkten Kontakt zu den Betroffenen. Diejenigen, die bei BISS Hilfe suchen, sind zwar in der Regel arm, jedoch in ihrer Persönlichkeit und in ihren Einstellungen genauso unterschiedlich wie alle anderen Menschen. BISS funktioniert im Kleinen nach vergleichbaren Regeln und Gesetzen wie die Gesellschaft im Großen. Überhaupt halte ich es aktuell für eine enorme gesellschaftliche Herausforderung, die drastischen Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Pandemie verordnet werden, den Menschen bestmöglich zu vermitteln und nachvollziehbar zu machen. Dafür müssen soziale Dienste, Betriebe, Schulen, Theater und Museen maximal beteiligt werden. Das System, also wir alle, muss sich bemühen, möglichst alle anderen Menschen einzubeziehen. Sonst haben böse Demagogen leichtes Spiel. Wie lange es dauert, bis man so jemand wieder los wird, hat man in Amerika erlebt. Immerhin gibt es dort einen neuen Präsidenten!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin