Bundestagswahl 2021

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Am 26. September wird der nächste Bundestag gewählt. Wie schon bei früheren Wahlen bemühen wir uns im Vorfeld, möglichst viele wahlberechtigte BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer zu motivieren, ihr Wahlrecht wahrzunehmen. Dafür hat es sich in der Vergangenheit bewährt, offizielle Muster der Wahlunterlagen auszuhängen, damit man sich in aller Ruhe anschauen kann, wie so ein Stimmzettel aufgebaut ist und wo und wie man es anstellen muss, eine gültige Stimme abzugeben. Das ist nicht so simpel, wie es sich anhört, und schon gar nicht selbstverständlich für jemanden, der das möglicherweise zum ersten Mal vorhat, weil er sich zuvor noch nie in ein Wahllokal getraut hat.
Wer in puncto Selbstvertrauen und politischer Meinungsbildung keine Schwierigkeiten hat, ist unsere langjährige, fest angestellte Verkäuferin Frau G. Sie wurde von einem Fernsehsender befragt, der anlässlich der Wahl unterschiedliche Menschen in ganz Deutschland in kurzen Porträts vorstellen möchte. Das Vorgespräch fand per Videoschaltung im BISS-Büro statt und Frau G. erzählte aus ihrem Leben: welche Schwierigkeiten sie bewältigt hat, was gesundheitlich besser sein könnte, wie sie in einer kleinen Wohnung wohnt, für die das Jobcenter die Miete bezahlt, aber wie stolz sie ist, dass sie ihren Lebensunterhalt durch den BISS-Verkauf selbst finanziert. Mich hat beeindruckt, wie wach Frau G. das politische Geschehen verfolgt und was ihr besonders wichtig ist: dass endlich mehr für die Umwelt getan wird und dass keine Partei Steuersenkungen versprechen darf, wenn man doch weiß, dass das Geld im Staat dringend gebraucht wird. Außerdem weiß Frau G. schon genau, welche der kandidierenden Personen unserer noch amtierenden Bundeskanzlerin am besten nachfolgen soll.
BISS ist politisch unabhängig und arbeitet mit allen demokratischen Kräften zusammen, die sich dafür stark machen, armen und benachteiligten Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen. Die Explosion der Boden- und Mietpreise trifft insbesondere Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen. Viele haben den Skandal nicht vergessen, als im Jahr 2013 der damalige bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) rund 33.000 GBW-Wohnungen in Bayern ohne Not an kommerzielle Immobilieninvestoren verkaufte. Im Gegensatz dazu fordern wir von der Politik, dass bezahlbarer Wohnraum unbedingt erhalten und neu geschaffen wird. Ohne bezahlbaren Wohnraum haben Menschen keine Lebensgrundlage, denn sie kommen trotz Arbeit und aller Anstrengungen auf keinen grünen Zweig. Wir setzen auf eine Politik, die das erkennt und umsetzt!


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

PS: Und wir BISSler erinnern uns auch nach zehn Jahren noch daran, wie die bayerische CSU/FDP-Regierung bei der Vergabe des ehemaligen Frauengefängnisses am Neudeck einem Immobilienverwerter den Vorzug vor „Hotel BISS“ gab.

Sommer 2021

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Auch wenn aus den bekannten Gründen niemand weiß, wie der Sommer so laufen wird, war bei den BISS-Verkäuferinnen und BISS-Verkäufern bei Redaktionsschluss die Stimmung bestens. Sie alle hoffen auf eine noch deutlichere Rückkehr zur Normalität im öffentlichen Leben. Unser „Außendienst“ freut sich auf gut gelaunte Gäste in den Biergärten und Restaurants und darauf, langjährige gute Bekannte unter den Gastronomen endlich wiederzusehen. Sogar unser Sorgenkind Herr S., der große Angst vor einer Ansteckung hatte, hat seine Blockade überwunden und ist wieder aktiv. Das BISS-Sommerheft ist traditionell eine Doppelnummer für die Monate Juli und August. Alle unsere aktuell 56 Angestellten bekommen im August ihr volles Gehalt bezahlt, auch wenn sie nicht verkaufen, weil August als Urlaubsmonat gilt. Wer will, kann verreisen, so wie andere Leute eben auch. Wer dieses Jahr aber auf alle Fälle zu Hause bleiben wird, sind zwei unserer ehemals obdachlosen Verkäufer, die kürzlich in eine tolle Wohnung eingezogen sind. Es ist ein absoluter Glücksfall, dass ein Ehepaar, langjährige Leser und Freunde von BISS, uns vertrauensvoll diese Wohnung angeboten haben. Da haben wir natürlich sofort zugegriffen. Beim Umzug und allem, was dazugehört, von der Anmeldung beim Einwohnermeldeamt, den einzurichtenden Daueraufträgen für Miete und Strom bis hin zum Einkauf der Möbel, sind die beiden Herren von einem engagierten Ehrenamtlichen unterstützt worden. Ich stelle mir gerne vor, wie sie im 5. Stock in ihrer eigenen Wohnung auf ihrem Balkon sitzen und weit ins Grüne schauen – wo sollte es da noch schöner sein?
Im Interview in dieser Ausgabe (Seiten 20 bis 23) betont der Soziologe und Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (IfS) Stephan Lessenich, dass es auf eine praktische Solidarität ankommt, bei der gemeinsam mit anderen gesellschaftliche Missstände behoben werden. Armut und Obdachlosigkeit sind solche Missstände. Aber dagegen lässt sich etwas unternehmen, wie der Einzelfall aus unserer Praxis und viele andere Beispiele beweisen.
Wenn Sie noch auf der Suche nach einer Urlaubslektüre sind, kann ich Ihnen unser Sommerheft empfehlen. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen schöne Tage, eine gute Zeit und freue mich auf ein Wiedersehen im September.


Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

Angebote

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Wie attraktiv ein Angebot ist, kann man fast immer an der Nachfrage feststellen. Das gilt aktuell für das Angebot der Impfung gegen Corona, das entsprechend der festgelegten Priorisierung für alle gleich zugänglich sein sollte. Dass arme und obdachlose Menschen dieses Angebot seltener nachfragen, ist leider typisch. Denn das Impfangebot mag medizinisch und technisch zwar einwandfrei sein, es ist aber noch nicht gut genug, damit es sozial benachteiligte Personen wirklich erreicht. Damit das geschieht, darf man sich nicht von einem ersten Nein abschrecken lassen. Wie das Beispiel unserer Verkäuferin Frau B. zeigt, die vor ein paar Monaten noch vehement die Meinung vertrat, Corona sei eine Erfindung der Politik. Sie hat sich kürzlich für eine Impfung entschieden und diese gut vertragen. Es ist jedoch nicht nur die Gesundheitsfürsorge, bei der arme Menschen schlechter gestellt sind. Es geht um ihre grundsätzliche Teilhabe an der Gesellschaft und insbesondere darum, dass sie gesehen werden. Das ist der Grund, warum BISS sich an dem Projekt „Armut? Abschaffen!“ des Paritätischen Gesamtverbands beteiligt hat, der im Juni einen digitalen Kongress gegen Armut veranstaltet. Eine BISS-Verkäuferin und zwei -Verkäufer bereiten sich seit Monaten darauf vor, an der Veranstaltung teilzunehmen. Dabei werden sie von einer Studentin der sozialen Arbeit unterstützt. Ohne Frau K. wäre nichts gelaufen, trotz guter Ausstattung mit Hardware, weil die „Heartware“ noch wichtiger ist. Es ist so schön, zu sehen, was Engagement, Geduld und Freundlichkeit bewirken können (Seiten 20 bis 25)!
Die vergangenen Monate waren für unsere Verkäuferinnen und Verkäufer nicht einfach. Es waren viel weniger Menschen in der Stadt unterwegs und dazu kam noch das wochenlange schlechte Wetter. Einige haben sich neue Verkaufsplätze auf Wochenmärkten und vor Lebensmittelgeschäften gesucht, nachdem U- und S-Bahnhöfe deutlich weniger frequentiert sind als zu früheren Zeiten. Trotzdem haben fast alle den Mut nicht verloren. BISS ist in der glücklichen Lage, trotz der Pandemie die Arbeit zum Wohle armer und obdachloser Menschen aufrechtzuerhalten. Dank der Hilfe unseres fantastischen Netzwerkes können wir gute Angebote machen und Hilfe leisten.Wie attraktiv ein Angebot ist, kann man fast immer an der Nachfrage feststellen. Das gilt aktuell für das Angebot der Impfung gegen Corona, das entsprechend der festgelegten Priorisierung für alle gleich zugänglich sein sollte. Dass arme und obdachlose Menschen dieses Angebot seltener nachfragen, ist leider typisch. Denn das Impfangebot mag medizinisch und technisch zwar einwandfrei sein, es ist aber noch nicht gut genug, damit es sozial benachteiligte Personen wirklich erreicht. Damit das geschieht, darf man sich nicht von einem ersten Nein abschrecken lassen. Wie das Beispiel unserer Verkäuferin Frau B. zeigt, die vor ein paar Monaten noch vehement die Meinung vertrat, Corona sei eine Erfindung der Politik. Sie hat sich kürzlich für eine Impfung entschieden und diese gut vertragen.
Es ist jedoch nicht nur die Gesundheitsfürsorge, bei der arme Menschen schlechter gestellt sind. Es geht um ihre grundsätzliche Teilhabe an der Gesellschaft und insbesondere darum, dass sie gesehen werden. Das ist der Grund, warum BISS sich an dem Projekt „Armut? Abschaffen!“ des Paritätischen Gesamtverbands beteiligt hat, der im Juni einen digitalen Kongress gegen Armut veranstaltet. Eine BISS-Verkäuferin und zwei -Verkäufer bereiten sich seit Monaten darauf vor, an der Veranstaltung teilzunehmen. Dabei werden sie von einer Studentin der sozialen Arbeit unterstützt. Ohne Frau K. wäre nichts gelaufen, trotz guter Ausstattung mit Hardware, weil die „Heartware“ noch wichtiger ist. Es ist so schön, zu sehen, was Engagement, Geduld und Freundlichkeit bewirken können (Seiten 20 bis 25)!
Die vergangenen Monate waren für unsere Verkäuferinnen und Verkäufer nicht einfach. Es waren viel weniger Menschen in der Stadt unterwegs und dazu kam noch das wochenlange schlechte Wetter. Einige haben sich neue Verkaufsplätze auf Wochenmärkten und vor Lebensmittelgeschäften gesucht, nachdem U- und S-Bahnhöfe deutlich weniger frequentiert sind als zu früheren Zeiten. Trotzdem haben fast alle den Mut nicht verloren. BISS ist in der glücklichen Lage, trotz der Pandemie die Arbeit zum Wohle armer und obdachloser Menschen aufrechtzuerhalten. Dank der Hilfe unseres fantastischen Netzwerkes können wir gute Angebote machen und Hilfe leisten.


Dafür danke ich Ihnen!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Impfen und Vertrauen

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Das Thema Impfen gegen COVID hat auch bei uns zurzeit Hochkonjunktur. Und es wird unter den BISSlern ebenso kontrovers diskutiert wie überall in Deutschland: Einige wenige sind schon geimpft, weil sie aufgrund ihres Alters als Erste an der Reihe waren, andere Impfbereite haben zumindest Termine, manche wollen sich unter gar keinen Umständen impfen lassen, und dann gibt es diejenigen, die sich noch nicht endgültig entschieden haben. Ich finde es gut, dass diskutiert wird, und halte es für alle Beteiligten von Vorteil, zu erleben, dass man über denselben Sachverhalt höchst unterschiedlicher Meinung sein kann, sich aber deswegen nicht beleidigen oder total überwerfen muss. Was zählt, ist, dass diejenigen, die sich impfen lassen wollen, auch die Möglichkeit dazu bekommen. Zwar kann sich theoretisch jeder über das Online-Registrierungssystem anmelden, aber in der Praxis kommt die große Mehrheit unserer Verkäuferinnen und Verkäufer nicht über diese erste Hürde, denn dazu bräuchten sie solide Computer- und Deutschkenntnisse, eine E-Mail-Adresse und einen funktionierenden PC, weil das am Handy ein elendes Gefummel ist. Damit es in der Sache vorangeht, meldet das BISS-Büro impfbereite Personen auf Wunsch über eine Sammeladresse an, übersetzt und klärt relevante Fragen in den wichtigsten europäischen Sprachen und bestätigt den
Impftermin, wenn es so weit ist.
Obwohl viele unserer Leute gesundheitlich angeschlagen und damit im Falle einer COVID-Erkrankung besonders gefährdet sind, haben manche sehr große Vorbehalte gegenüber einer Impfung. Mir scheint, dass ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Autoritäten der wichtigste Grund dafür ist. Das wiederum wundert nicht, denn arme Menschen haben von staatlicher Seite kaum Vorteile oder gar Großzügigkeit zu erwarten. Im Extremfall haben sie mit der „Obrigkeit“ negative Erfahrungen gemacht und eine Kindheit im Heim oder einen Aufenthalt in der Psychiatrie hinter sich. Dieses Vertrauen kann jedoch wieder aufgebaut werden, wenn sozial benachteiligte Menschen Aussicht auf ein besseres Leben und Beteiligung an der Gesellschaft haben, dazu gehören ein Arbeitsplatz, bezahlbarer Wohnraum und soziale Anerkennung.
Unser Verkäufer Herr S., der aus Angst vor einer Ansteckung kaum mehr seine Wohnung verlässt, hatte bei Redaktionsschluss einen Impftermin. Er will, so sagt er, mit Impfung endlich wieder unter die Leute und die BISS verkaufen. Drücken wir ihm die Daumen, dass das so läuft.

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

Sehen mit dem Herzen

Erinnern Sie sich noch an die bayerische Sozialministerin, die vor einigen Jahren für Schlagzeilen sorgte? Leider nicht mit kühnen Ideen und bemerkenswertem Engagement für die Menschen in der Gesellschaft, die auf Unterstützung angewiesen sind. Sondern dadurch, dass sie sich bei einem Termin in einer Flüchtlingsunterkunft in ihrem Dienstwagen verschanzte. Dieser Vorfall hätte wahrscheinlich nicht das Ende ihrer politischen Karriere bedeutet, sondern es war der Geschäftssinn der Ministerin in der sogenannten Modellbau-Affäre. Der gleiche kalkulierende Geschäftssinn begegnet einem auch jetzt wieder.

Einzelne Politiker haben sich persönliche Vorteile verschafft, indem sie für die Vermittlung von Corona-Schutzmasken ungeniert hohe Provisionen kassiert haben. Das Schlimme daran ist einmal, dass hier von sechsstelligen Summen die Rede ist, während dieselben Personen daran beteiligt sind, dass bei der Erhöhung von Sozialleistungen, wie aktuell dem einmaligen Corona-Zuschlag, gefeilscht und geknausert wird. Zum anderen beschädigt ihr Fehlverhalten, auch wenn es möglicherweise strafrechtlich ohne Konsequenzen bleibt, das Ansehen der mehrheitlich ehrlichen und engagierten Politikerinnen und Politiker. Die Bundestagswahl im September ist wieder eine Chance, genau hinzuschauen und zu hören, was diejenigen erzählen, die sich zur Wahl stellen. Hat da jemand eine Ahnung davon, wie es denjenigen geht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen? Hat sich jemand einen persönlichen Eindruck verschafft, indem sie oder er in den Flüchtlingsunterkünften, Pflegeheimen, Krankenhäusern, Obdachloseneinrichtungen und -diensten, Kindergärten, Schulen, Sozialwohnungen und in den Schlachthöfen genau hingeschaut und mit den Menschen dort geredet hat? Wissen die Kandidatinnen und Kandidaten, was die Leute dort im Monat verdienen, wie hoch ihre Miete ist und wie sie es anstellen, dass sie bis Ende des Monats mit ihrem Geld hinkommen? Ein Sprichwort lautet: „Was das Auge nicht sieht, tut dem Herzen nicht weh.“ Das mag ein guter Rat bei Liebeskummer sein, aber was den Alltag der Menschen betrifft, sehe ich das als Aufforderung an uns alle, ganz genau hinzuschauen. Denn wer den Abgrund wahrnimmt, der sich zwischen den Lebenswelten der Menschen in der Gesellschaft auftut, dem muss das Herz wehtun. So jemand bereichert sich nicht auf Kosten der Schwächeren, darauf baue ich.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Foto: Volker Derlath