Nahe am Wasser

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Auch in diesem Jahr erscheint für die Monate Juli und August eine Doppelausgabe, in der es ums Fußballspielen und Verreisen geht und darum, wie man mit der Sommerhitze in einer Großstadt wie München gut leben kann (siehe Seiten 12 bis 15). Ein Platz am oder sogar im Wasser tut gut, sei es an der Isar oder in einem der städtischen Freibäder. Mir gefällt, dass das Orte sind, an denen die ganze Stadtgesellschaft zusammenkommt und sich die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit bestaunen und zugleich friedlich ertragen können. Gute Gründe, die städtischen Bäder zu pflegen und zu erhalten. Das ist bei Weitem keine Selbstverständlichkeit in Kommunen, von denen die meisten ihr Geld zusammenhalten müssen. Deshalb hatte ich auch kein Verständnis für die Dame, die sich neulich im Freibad darüber beschwerte, dass die Bäderbetriebe zu wenige Sonnenliegen am Beckenrand platzierten. Denn die sechs Euro Eintritt decken, wie ein Aushang vor Ort beschreibt, nur rund ein Drittel der tatsächlichen Kosten, der Rest wird aus Steuergeldern bezuschusst. Mein Einwand, es hieße ja „Schwimmbad“ und nicht „Liegenbad“, blieb ohne Resonanz. Stattdessen echauffierte sich die Dame zunehmend, dass ich ihrer Klage widersprach, in Deutschland gehe es aufgrund bekannter Faktoren – Ausländer, Fahrradfahrer und die Bundesregierung – bergab. Ein schönes Beispiel, wie man, statt zu motzen, Dinge besser machen kann, habe ich auf meiner diesjährigen Radltour in Ostfriesland erlebt. Dort wird das kleine Freibad Neuenkruge in Wiefelstede (Nähe Oldenburg) in den Sommermonaten von einer Runde gut gelaunter Ehrenamtlicher unterstützt. Ebenfalls nicht vom Niedergang, sondern von Wegen zu mehr Gerechtigkeit in Deutschland lesen kann man in dem Buch „Alles schrecklich ungerecht?“ von Georg Cremer, das ich Ihnen als Reiselektüre empfehlen kann. Viele unserer angestellten Verkäuferinnen und Verkäufer machen nun ebenfalls Urlaub, also wundern Sie sich nicht, wenn Sie „Ihren Verkäufer“ nicht an seinem Standort antreffen. Der August gilt als Urlaubsmonat, d.h. die angestellten Verkäufer bekommen ihr volles Gehalt aufs Konto überwiesen. Dazu werden vorher noch die Kontoverbindungen abgeglichen und für diejenigen, die (noch) kein eigenes Konto haben, zahlen wir das Gehalt auf Wunsch bar aus. So ist die Reisekasse gefüllt und es kann losgehen auf die Reise, wohin sie auch führt. Auf jeden Fall sehen wir uns im September wieder. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen schönen Sommer nahe am Wasser.

Herzlichst

Karin Lohr, Vorstand

Gut gelaunter Maibesuch

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Die Amtszeit von Münchens neuem Oberbürgermeister Dominik Krause hat für uns BISSler sensationell angefangen, denn Krause kam für sein erstes Interview als OB zu uns in die Redaktion. Gleich frühmorgens am 1. Mai, der ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch war, mit strahlend blauem Himmel, Vogelgezwitscher und Haidhausen in voller Blütenpracht. Bei uns war schon lebhafter Geschäftsbetrieb, wie immer am Erscheinungstag der neuen Ausgabe, an dem sich viele Verkäuferinnen und Verkäufer die Hefte zum Verkauf holen. Natürlich haben wir uns die Chance auf ein Titelfoto mit dem OB nicht entgehen lassen. Jetzt ist er darauf zu sehen, mit Waldemar Niklaus, Marioara Cirpaci und Pietro Dorigo (v.l.n.r.). Das Foto wurde in dem kleinen Garten hinter unserem Büro aufgenommen, wo trotz der frühen Stunde schon die Morgensonne hineinscheint. In das Gärtlein sind dann auch alle anderen Verkäuferinnen und Verkäufer für das Gruppenfoto gekommen, da war richtig was los, und man hat unmittelbar erleben können, wie wichtig ein Platz im Grünen für eine Stadt sein kann. In dem Interview (siehe S. 12 bis S. 15) geht es um das Thema Nummer eins in der Stadt, die Wohnungsnot und wie die neu gewählte Stadtregierung mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen will. Mir gefällt, dass der OB konkret benennt, wo die Stadt selbst handeln kann, wie bei der Umwandlung von Büro- in Wohnflächen, dass aber zu einer Verbesserung der Lage sowohl die Politik der Bundesregierung als auch die bayerische Landesregierung gebraucht werden. Unser Verein verhilft Menschen, die von Armut und Obdachlosigkeit bedroht oder betroffen sind, zu bezahlbarem Wohnraum. Das gelingt uns seit über 30 Jahren, oft mit Unterstützung unserer engagierten Leserinnen und Leser. Dafür machen wir, was geht. So kommt es vor, dass BISS zunächst als Hauptmieter fungiert und mit Erlaubnis des Eigentümers untervermietet. Und wir arbeiten eng mit der Stiftung BISS zusammen, die verfügbaren Wohnraum an Menschen mit dringendem Bedarf bezahlbar vermietet. Ich meine, wenn diejenigen, die handeln können, ihren Teil dazu beitragen, dann geht auch etwas voran – private Vermieter, Münchner Firmen mit Werkswohnungen und alte und neue Genossenschaften. Und die Politik, die, wenn sie so auftritt wie Münchens Oberbürgermeister – sachkundig, zuversichtlich, freundlich und gut gelaunt –, so vieles bewirken kann. Wir BISSler wünschen ihm alles Gute!


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Es ranzelt?

Karin Lohr, BISS-Geschaftsführerin, Foto: Volker Derlath

Von unserem Titelbild im Mai bin ich total begeistert. Es zeigt den Musiker und Künstler Hans Well, der sich schon sein Leben lang für soziale Gerechtigkeit und gelebte Demokratie engagiert. Uns BISSlern ist Hans Well seit vielen Jahren treu verbunden. Er kommt, wenn wir ihn brauchen, wie das bei ganz besonderen Ereignissen in der Vergangenheit der Fall war. So bei der Eröffnung des Kunstpavillons am Wittelsbacher Platz zu unserem 25-jährigen Jubiläum am 30. Juni 2018, als er und die Wellbappn an einem perfekten Frühsommertag unter weiß-blauem Himmel vor Hunderten von Gästen aufspielten. Ebenfalls unvergesslich bleibt sein hinreißender Auftritt am 17. Oktober 2023 im Alten Rathaussaal, als BISS sein 30-jähriges Jubiläum feierte. Unsere 400 Gäste, darunter sehr viele BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer, jubelten schon bei den ersten Tönen und so mancher wäre gern auf einen Stuhl gesprungen und hätte mitgetanzt. Überhaupt finde ich es bemerkenswert, wie sehr die Musik Menschen verbinden kann. Hans Well spricht noch dazu so richtig und herzerwärmend Bairisch, das hört man nicht mehr oft und erfordert selbst von mir als „Muttersprachlerin“ volle Aufmerksamkeit. Im Interview (S. 6 bis 11) spricht er von „ranzeln“, bezogen auf durch die Wirklichkeit längst überholte Einstellungen bei politisch Verantwortlichen. Ich bin schon gespannt, wie wir den Ausdruck ranzeln, der ja ranzig bzw. nach verdorbenem Fett riechend bedeutet, bei unserer Verkäufersitzung im Mai vorstellen werden. Sollte es eine entsprechende Bezeichnung in rumänischer und bulgarischer Sprache geben, werden wir es ab 5. Mai wissen. Ein Thema, das Hans Well und die BISS verbindet, ist der Protest gegen die seit vielen Jahren explodierenden Mieten in München und die Tatenlosigkeit der Politiker. Es ist mir unverständlich, wie sehr die steigenden Benzinpreise die aktuelle Diskussion beherrschen und einen Aktionismus in der Bundespolitik auslösen, während die exorbitanten Mieten in München und anderen deutschen Großstädten stillschweigend ignoriert werden. Autofahren kann doch nicht wichtiger sein als bezahlbarer Wohnraum? In den Städten steigt die Mietbelastungsquote unaufhörlich, das heißt, der Anteil der Mietkosten am zur Verfügung stehenden Einkommen wird größer, und damit steht weniger Geld für Lebensmittel und andere Dinge zur Verfügung. Daran ändert nichts, dass einkommensschwächere Haushalte etwa Wohngeld oder ergänzende Leistungen für die Miete beantragen können, denn das wird aus Steuergeldern und damit von der Allgemeinheit finanziert. Die Bayerische Verfassung beauftragt die Politik, die Verteilung und Nutzung des Bodens zu überwachen und Missbräuche abzustellen (Artikel 161). Da ranzelt nichts, dieser Auftrag ist so frisch und zeitgemäß wie im Jahr 1946.


Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

Ohne Wohnung ist alles nichts!

Karin Lohr, BISS-Geschäftsführerin (Foto: Volker Derlath)

In unserem Magazin gibt es seit Januar 2021 in jeder Ausgabe auf Seite fünf die Kolumne „Wie ich wohne“. Darin erzählen BISS-Verkäufer und ­Verkäuferinnen, wie sie aufgewachsen sind, wie sie aktuell wohnen und welche Hoffnungen sie für die Zukunft haben. Aus diesen Beiträgen und anderen Interviews soll ein kleines, liebevoll gestaltetes Buch entstehen. Als ich die vorliegenden Texte noch einmal durchgeschaut habe, ist mir klar vor Augen geführt worden, wie unterschiedlich die Menschen leben und wie sehr sie versuchen, sich auch unter eigentlich ungünstigen Bedingungen so gut wie möglich zu arrangieren. So wie unser Verkäufer Herr S., der mit seiner Frau, seinem Sohn, der Schwiegertochter und deren zwei Kindern in einer eher kleinen 3-­Zimmer­Wohnung lebt. „Jede Familie hat ein Zimmer“, sagt er und ist stolz, dass er mit seinem Verdienst als angestellter BISS-Verkäufer zum Familieneinkommen beitragen kann. Auch Sohn und Schwiegertochter sind berufstätig, seine Frau führt den Haushalt und die Großeltern freuen sich über den intensiven Kontakt mit den Enkelkindern. Komplizierte Befindlichkeiten kann sich keiner der Beteiligten leisten, sie müssen zusammenhalten, sonst geht es nicht. Oft erfährt man in unseren Geschichten, wie sehr arme Menschen unter schockierend schlechten Wohnbedingungen und horrenden Mietkosten leiden. Wir haben über das Wuchersystem in Unterkünften berichtet (zuletzt BISS 10/2025). Gleichzeitig erreichen uns immer wieder von den Beratungsstellen Horrormeldungen wie diese: „Laut der Klientin kostet ein Bett 800,00 € pro Monat, also für die gesamte Familie 4.000,00 €. Wir haben sie gebeten, von den berichteten Kakerlaken Fotos zu machen.“ Es sind kommerzielle Vermieter, die in heruntergewirtschafteten Häusern Notunterkünfte einrichten und diese an die öff entliche Hand vermieten. Hier muss die Politik endlich handeln und diese Wuchermieten zulasten der Steuerzahlenden verbieten. Das ist zurzeit im Bund die schwarz­rote Koalition, die die Gesetzgebung endlich voranbringen muss. Und in München, der Stadt mit den höchsten Mietpreisen in Deutschland, wird jede Partei und jeder Bürgermeister konstruktive Gesetzesinitiativen für das Grundrecht auf bezahlbaren Wohnraum unterstützen, da bin ich ganz sicher. Auf der großen Mietendemo im Februar sind Herr S. und ich uns begegnet und wir haben uns mit den vielen Menschen auf der Straße zusammengetan. Wohnen ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts!


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Miese Masche

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (Foto: Volker Derlath)

Neulich sprach mich in einer Haidhauser Apotheke eine Frau an. Sie hielt ein aktuelles BISS-Magazin in einer durchsichtigen Dokumentenhülle in der Hand: „Ich sammle Spenden für die BISS-Suppenküche.“ DieDame war gut gekleidet, mittleren Alters und sprach fast akzentfrei Deutsch. Nun weiß ich natürlich, dass BISS erstens keine Suppenküche betreibt und zweitens überhaupt keine Spenden auf der Straße sammelt. Mir stand also eine dreiste Betrügerin gegenüber, der ich mich nicht gleich zu erkennen gab, weil ich mehr aus erster Hand über diese miese Masche erfahren wollte. Auf meine Nachfrage hin zeigte sie mir einen Ausweis, auf dem „Free Streetworker – Vertrieb einer Straßenzeitung“ mit einer Adresse in Darmstadt stand. Im Internet finden sich viele warnende Hinweise dazu, unter anderem, dass die Ordnungsämter in Darmstadt und Rheinland-Pfalz gegen diese Betrügereien längst eingeschritten sind. Das schreckt sie jedoch nicht ab, denn sie versuchen weiterhin, auf Märkten oder in Straßencafés, gut meinende Menschen übers Ohr zu hauen. In München missbrauchen sie dafür die BISS, denn sie wissen, dass wir für seriöse und gute Arbeit stehen. Wahlweise nennen sie andere, ebenfalls seriöse Münchner Organisationen, für die sie angeblich „sammeln“, vorzugsweise für die Suppenküche, die Bahnhofsmission oder die Tafel. Mit dem Verkauf unseres Magazins durch die über 100 Verkäuferinnen und Verkäufer in München hat diese Betrugsmasche rein gar nichts zu tun. Unsere Verkäufer tragen ihren Verkäuferausweis und die aktuelle Verkaufsgenehmigung der Landeshauptstadt München bei sich. Sollte ein Verkäufer mal seinen Verkaufsausweis vergessen haben, fragen Sie freundlich nach. BISS ist eine anerkannt gemeinnützige Organisation, das ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt Spenden annehmen darf. Deren korrekte Verwendung wird jährlich vom zuständigen Finanzamt überprüft. Und wir leisten eine intensive Sozialarbeit vor Ort auf der Straße. Sollte Sie also eine Person mit einer BISS in der Hand um eine „Spende“ anhauen, halten Sie am besten Ausschau nach Unterstützung durch das Ordnungsamt oder die Polizei. Als ich mit der Betrügerin zusammentraf, war leider niemand zu sehen. Sie reagierte auch zunehmend unwirsch auf meine Fragen und hat mich dann stehen lassen. Ich bin ihr noch nachgegangen und habe sehen können, wie sie sich hinter einem Wahlplakat versteckt hat, bevor sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war. Diese Betrugsmasche ist doppelt gemein, denn sie schädigt die wohlmeinenden Spender und unsere aufrichtigen Verkäuferinnen und Verkäufer gleichermaßen. Danke dafür, dass Sie die BISS kaufen, und schauen Sie ruhig genau hin, wem Sie Ihr Vertrauen schenken.

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin