Ohne Wohnung ist alles nichts!

Karin Lohr, BISS-Geschäftsführerin (Foto: Volker Derlath)

In unserem Magazin gibt es seit Januar 2021 in jeder Ausgabe auf Seite fünf die Kolumne „Wie ich wohne“. Darin erzählen BISS-Verkäufer und ­Verkäuferinnen, wie sie aufgewachsen sind, wie sie aktuell wohnen und welche Hoffnungen sie für die Zukunft haben. Aus diesen Beiträgen und anderen Interviews soll ein kleines, liebevoll gestaltetes Buch entstehen. Als ich die vorliegenden Texte noch einmal durchgeschaut habe, ist mir klar vor Augen geführt worden, wie unterschiedlich die Menschen leben und wie sehr sie versuchen, sich auch unter eigentlich ungünstigen Bedingungen so gut wie möglich zu arrangieren. So wie unser Verkäufer Herr S., der mit seiner Frau, seinem Sohn, der Schwiegertochter und deren zwei Kindern in einer eher kleinen 3-­Zimmer­Wohnung lebt. „Jede Familie hat ein Zimmer“, sagt er und ist stolz, dass er mit seinem Verdienst als angestellter BISS-Verkäufer zum Familieneinkommen beitragen kann. Auch Sohn und Schwiegertochter sind berufstätig, seine Frau führt den Haushalt und die Großeltern freuen sich über den intensiven Kontakt mit den Enkelkindern. Komplizierte Befindlichkeiten kann sich keiner der Beteiligten leisten, sie müssen zusammenhalten, sonst geht es nicht. Oft erfährt man in unseren Geschichten, wie sehr arme Menschen unter schockierend schlechten Wohnbedingungen und horrenden Mietkosten leiden. Wir haben über das Wuchersystem in Unterkünften berichtet (zuletzt BISS 10/2025). Gleichzeitig erreichen uns immer wieder von den Beratungsstellen Horrormeldungen wie diese: „Laut der Klientin kostet ein Bett 800,00 € pro Monat, also für die gesamte Familie 4.000,00 €. Wir haben sie gebeten, von den berichteten Kakerlaken Fotos zu machen.“ Es sind kommerzielle Vermieter, die in heruntergewirtschafteten Häusern Notunterkünfte einrichten und diese an die öff entliche Hand vermieten. Hier muss die Politik endlich handeln und diese Wuchermieten zulasten der Steuerzahlenden verbieten. Das ist zurzeit im Bund die schwarz­rote Koalition, die die Gesetzgebung endlich voranbringen muss. Und in München, der Stadt mit den höchsten Mietpreisen in Deutschland, wird jede Partei und jeder Bürgermeister konstruktive Gesetzesinitiativen für das Grundrecht auf bezahlbaren Wohnraum unterstützen, da bin ich ganz sicher. Auf der großen Mietendemo im Februar sind Herr S. und ich uns begegnet und wir haben uns mit den vielen Menschen auf der Straße zusammengetan. Wohnen ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts!


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Miese Masche

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (Foto: Volker Derlath)

Neulich sprach mich in einer Haidhauser Apotheke eine Frau an. Sie hielt ein aktuelles BISS-Magazin in einer durchsichtigen Dokumentenhülle in der Hand: „Ich sammle Spenden für die BISS-Suppenküche.“ DieDame war gut gekleidet, mittleren Alters und sprach fast akzentfrei Deutsch. Nun weiß ich natürlich, dass BISS erstens keine Suppenküche betreibt und zweitens überhaupt keine Spenden auf der Straße sammelt. Mir stand also eine dreiste Betrügerin gegenüber, der ich mich nicht gleich zu erkennen gab, weil ich mehr aus erster Hand über diese miese Masche erfahren wollte. Auf meine Nachfrage hin zeigte sie mir einen Ausweis, auf dem „Free Streetworker – Vertrieb einer Straßenzeitung“ mit einer Adresse in Darmstadt stand. Im Internet finden sich viele warnende Hinweise dazu, unter anderem, dass die Ordnungsämter in Darmstadt und Rheinland-Pfalz gegen diese Betrügereien längst eingeschritten sind. Das schreckt sie jedoch nicht ab, denn sie versuchen weiterhin, auf Märkten oder in Straßencafés, gut meinende Menschen übers Ohr zu hauen. In München missbrauchen sie dafür die BISS, denn sie wissen, dass wir für seriöse und gute Arbeit stehen. Wahlweise nennen sie andere, ebenfalls seriöse Münchner Organisationen, für die sie angeblich „sammeln“, vorzugsweise für die Suppenküche, die Bahnhofsmission oder die Tafel. Mit dem Verkauf unseres Magazins durch die über 100 Verkäuferinnen und Verkäufer in München hat diese Betrugsmasche rein gar nichts zu tun. Unsere Verkäufer tragen ihren Verkäuferausweis und die aktuelle Verkaufsgenehmigung der Landeshauptstadt München bei sich. Sollte ein Verkäufer mal seinen Verkaufsausweis vergessen haben, fragen Sie freundlich nach. BISS ist eine anerkannt gemeinnützige Organisation, das ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt Spenden annehmen darf. Deren korrekte Verwendung wird jährlich vom zuständigen Finanzamt überprüft. Und wir leisten eine intensive Sozialarbeit vor Ort auf der Straße. Sollte Sie also eine Person mit einer BISS in der Hand um eine „Spende“ anhauen, halten Sie am besten Ausschau nach Unterstützung durch das Ordnungsamt oder die Polizei. Als ich mit der Betrügerin zusammentraf, war leider niemand zu sehen. Sie reagierte auch zunehmend unwirsch auf meine Fragen und hat mich dann stehen lassen. Ich bin ihr noch nachgegangen und habe sehen können, wie sie sich hinter einem Wahlplakat versteckt hat, bevor sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war. Diese Betrugsmasche ist doppelt gemein, denn sie schädigt die wohlmeinenden Spender und unsere aufrichtigen Verkäuferinnen und Verkäufer gleichermaßen. Danke dafür, dass Sie die BISS kaufen, und schauen Sie ruhig genau hin, wem Sie Ihr Vertrauen schenken.

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

München wählt

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (Foto: Volker Derlath)

Am 8. März findet in München die Kommunalwahl statt, bei der Stadtrat, Oberbürgermeister und die Bezirksausschüsse gewählt werden. In dieser Ausgabe haben wir die drei Oberbürgermeisterkandidaten – der Grünen, der SPD und der CSU – gefragt, wie viel sie sparen wollen und in welchen Bereichen. Besonders interessiert haben uns die Vorhaben der Kandidaten für Sparmaßnahmen im sozialen Bereich. Fragen und Antworten wurden schriftlich übermittelt, das ist nicht so lebendig wie ein persönliches Interview, weist jedoch deutlicher auf die unterschiedlichen Schwerpunkte der zukünftigen Politik hin (siehe Seiten 12 bis 19).
BISS besteht als Sozialunternehmen ja ohne staatliche Zuschüsse. Diese Unabhängigkeit lag den Gründerinnen und Gründern schon damals am Herzen. Auch wenn unsere Arbeit daher nicht unmittelbar von drohenden Kürzungen betroffen ist, wissen wir, wie wichtig es ist, dass Menschen in Not sich beraten und helfen lassen können. Dazu braucht es nach wie vor den möglichst persönlichen und unmittelbaren Zugang der Bürgerinnen und Bürger in eine funktionsfähige öffentliche Verwaltung. Das ist nicht selbstverständlich, denn Schlagworte wie Digitalisierung und Bürokratieabbau finden erst einmal Zustimmung. Wenn das aber in der Praxis bedeutet, dass es einem unserer Verkäufer nur mit Unterstützung von zwei Sozialarbeiterinnen, zwei Mobiltelefonen und einem Desktop gelingt, bei der Agentur für Arbeit, einer Bundesbehörde, seinen Antrag auf Arbeitslosengeld abzugeben, dann ist das grotesk. Ich hoffe sehr, er beschreibt diesen Vorgang noch genau in der Schreibwerkstatt, damit wir das in einer unserer nächsten Ausgaben veröffentlichen können.
Wir werden jedenfalls für die Wahl am 8. März bei den BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufern werben, damit sie ebenfalls ihr Wahlrecht wahrnehmen. Das funktioniert erfahrungsgemäß am besten, wenn vorab Muster der unterschiedlichen Stimmzettel aushängen. Wählen darf jede volljährige Person, die die deutsche oder eine andere EU-Staatsangehörigkeit hat und seit mindestens zwei Monaten in München wohnt. Ich bin ganz zuversichtlich, dass die Wahlbeteiligung aller BISSler mindestens so gut sein wird wie der allgemeine Durchschnitt, oder vielleicht sogar darüber?

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

Ein guter Plan für 2026

Karin Lohr, BISS-Geschäftsführung (Foto: Volker Derlath)

In den vergangenen Wochen diskutierte die Öffentlichkeit heftig über das neue Rentenpaket. Dabei entstand der Eindruck, die Älteren, die schon in Rente sind oder bald gehen, lebten auf Kosten der Jüngeren in Saus und Braus. Dass das nicht stimmt, sehen wir bei BISS jeden Tag. Denn das Lebensalter allein sagt erst einmal nichts über die soziale Situation eines Menschen aus. Wir wissen, dass Armut in der Kindheit die Heranwachsenden ausbremst und eine unglaublich hohe Hürde für einen aussichtsreichen Schul- und Berufsabschluss ist. Und am Ende eines Lebens sind diejenigen, die schon immer arm waren, arm geblieben. Denn es wird immer schwieriger, sich durch eigene Leistung ein gutes Leben zu erarbeiten. In Deutschland arbeiten rund 16 Prozent aller Beschäftigten im Niedriglohnbereich. Wenn Miete und Essen bezahlt sind, bleibt nichts mehr übrig, was in eine private Altersvorsorge eingezahlt werden könnte. Darum ist es so wichtig, dass wir uns darauf verständigen, was gerecht ist und was nicht in unserer Gesellschaft. Wie ungerecht die Einkommen aus Erwerbsarbeit im Vergleich zu den Einkünften aus Vermögen und Erbschaften besteuert werden, kritisiert die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas im Interview (S. 6 bis S. 9). Obwohl das Bundesverfassungsgericht seit Längerem eine Neuordnung der Vermögenssteuer eingefordert hat, hat die Politik hier nichts zustande gebracht. Im Gegenteil, wenn man sich mit Aufstieg und Fall des Immobilienspekulanten René Benko beschäftigt, stellt sich die Frage, ob diese Milliardenpleite durch Benkos Nähe zur Politik ermöglicht wurde. Zur Rettung seiner Geschäfte sind Millionen Euro aus Steuergeldern ausgegeben worden, vergeblich. In München sind von dem versprochenen Glanz ein paar Spekulationsruinen in prominenter Lage übrig geblieben (S. 16 bis S. 19). Die kann man sich auf einem Stadtspaziergang anschauen und darüber nachdenken, was genau mit dem Graffiti „Benko war es nicht alleine“ gemeint ist. Wie gut, dass wir BISSler mit so vielen Menschen verbündet sind, die sich wie wir für ein gerechtes Miteinander in der Gesellschaft nach ihren Kräften stark machen. Die Bilanz der Stiftung BISS, die sich insbesondere für bezahlbaren Wohnraum für sozial benachteiligte Menschen einsetzt, ist ausgesprochen erfreulich (S. 20 bis S. 23). Wir schauen zuversichtlich auf das neue Jahr 2026, denn bei Redaktionsschluss hatten wir schon für die meisten unserer 57 angestellten Verkäufer und Verkäuferinnen einen Paten gefunden. Überhaupt haben wir viel vor, denn wir wollen mit Ihnen an der Seite die Welt ein bisschen besser machen. Das ist doch ein guter Plan!

Karin Lohr, Geschäftsführerin