Tapetenwechsel

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Man hört jetzt oft, dass sich viele einen Tapetenwechsel wünschen. Ich muss dann immer an meine schon lange verstorbene Großtante Elisabeth denken, die in den frühen 1970er Jahren eine Fototapete an eine Wand in ihrem Wohnzimmer anbringen ließ. Das exotische Motiv mit Palmen, weißem Sandstrand und blauem Himmel hat sich, weil es schmäler als die Wand war, mehrfach wiederholt. Gestört hat das niemand, weder meine Tante noch ihre Gäste. Zur generell freundlichen und entspannten Stimmung im Haushalt hat es wahrscheinlich beigetragen. Bei BISS hat es Tradition, schon im betrieblichen Alltag für Abwechslung und neue Anregungen zu sorgen. Dazu gehört die monatliche Verkäufersitzung in Sankt Bonifaz, bei der wir gemeinsam frühstücken, die neue Ausgabe vorgestellt wird und man in großer Runde aktuelle und wichtige Themen bespricht. Dort stellen sich neue Verkäufer vor, verabschieden sich manche, die aus München weggehen, und manchmal muss man mitteilen, dass einer gestorben ist. Leider finden aus den bekannten Gründen seit März bis auf Weiteres keine gemeinsamen Veranstaltungen mit allen Verkäufern statt. Zum allgemeinen Bedauern wurde auch unser Betriebsausflug abgesagt, der für Juli geplant war. Das ist besonders schade, denn wir BISSler freuen uns jedes Jahr schon sehr darauf, im Reisebus durch schöne Landschaften zu fahren, im Restaurant einzukehren und überhaupt mal an einem Tag etwas ganz anderes zu erleben. Vor allem begegnet jeder vielen anderen Kollegen, auch solchen, die er noch nicht persönlich kannte. Wir essen zusammen, reden und lachen – das wird hoffentlich bald wieder möglich sein. Insbesondere für diejenigen, die dieses Jahr gar nicht oder nur kurz verreisen, haben wir diese Augustausgabe gedruckt. Das ist eine Ausnahme als Ausgleich, weil es keine Aprilausgabe gegeben hat. Damit Ihnen sonst nicht langweilig wird, könnten Sie auch an einer BISS-Stadtführung teilnehmen, es gibt im August Termine zur Auswahl. Mein persönlicher Tipp für Daheimgebliebene ist, mal mit dem Fahrrad dahin zu fahren, wo man sonst nie hinkommt. Sie könnten beispielsweise Richtung Süden nach Schäftlarn radeln, das Isarhochufer entlang. Oder nach Norden auf der ehemaligen Trambahntrasse ins Hasenbergl und weiter bis Schloss Schleißheim. Oder Sie tapezieren Ihr Wohnzimmer neu, warum eigentlich nicht? Ich wünsche Ihnen schöne Sommertage und freue mich auf ein Wiedersehen!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Voller Tatendrang

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Hin und wieder sprechen uns Menschen an, die sich gerne ehrenamtlich bei BISS engagieren wollen. Das ist schön, weil es zeigt, dass Menschen nicht nur mitfühlen, sondern auch mit anpacken wollen. Allerdings sind wir bei BISS ein kleines Team und können nur in einem sehr überschaubaren Maße ehrenamtliche Helfer koordinieren und fachlich betreuen. Daher ist für uns das Zusammentreffen mit Frau F., die wir bei unserer Jubiläumsfeier 2018 am Wittelsbacherplatz kennenlernten, ein großer Glücksfall. Sie begleitet seitdem die Familie eines unserer rumänischen Verkäufer und unterstützt sie beispielsweise bei Behördenkontakten, der Gesundheitsfürsorge und Haushaltsthemen. Besonders hilfreich ist, dass sie ein so gutes und vertrauensvolles Verhältnis zu den beiden Kindern aufgebaut hat. Frau F. bäckt mit den Mädchen nicht nur Plätzchen, sondern hat ihnen auch zu fahrtüchtigen Fahrrädern verholfen. Gemeinsam unternehmen sie an den Wochenenden und in den Ferien kleine Ausflüge in München und in der Umgebung. Und alle Familienmitglieder profitieren sprachlich enorm, persönlich mit jemandem Kontakt zu haben, dessen Muttersprache Deutsch ist. Im Vordergrund steht wie immer die Hilfe zur Selbsthilfe. Alle Familienmitglieder, die großen und die kleinen, sollen neue Eindrücke und Erfahrungen machen. Irgendwann werden sie die anfallenden Aufgaben selbstständig bewältigen, sei es der Verlängerungsantrag auf eine Hilfe beim Amt oder, was wesentlich angenehmer ist, am Automaten das richtige Bahnticket für den Wochenendausflug zu ziehen. Während der Coronakrise war Frau F.s Engagement nicht in Gold aufzuwiegen. Sie hat die jüngere Tochter während der langen Schulschließung begleitet und hilft aktuell bei den Anträgen für einen Computer mit Internetanschluss. Gelegentlich sind bei BISS auch kleinere und zeitlich begrenzte Projekte zu vergeben: Das kann der Deutschunterricht für einen Verkäufer sein, eine Stunde pro Woche, bis er den anstehenden Sprachtest besteht. Oder der Kauf eines einfachen, leicht zu bedienenden Mobiltelefons gemeinsam mit einer schon älteren Verkäuferin, weil sie, wahrscheinlich versehentlich, ihren Festnetzanschluss abgemeldet hat. Oder die Unterstützung eines Verkäufers beim Umzug von der Notunterkunft in eine eigene kleine Wohnung, mit allen anfallenden Aufgaben: beim KVR anmelden, Dauerauftrag für die Miete einrichten, hübsche Fußmatte aussuchen und vieles mehr. Liebe BISS-Leser und -Leserinnen, bleiben Sie weiterhin voller Tatendrang und gesund!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Innovationsprämien

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Erinnern Sie sich noch, was Sie am ersten Tag der bayerischen Ausgangsbeschränkungen gemacht haben? Ich weiß noch, dass es ein eher ungemütlicher und grauer Tag war, an dem ich frühmorgens mit dem Fahrrad zum Einkaufen gefahren bin. Damals ist mir vor einem Wohnblock ein Junge aufgefallen, der allein und mit einer zu dünnen Jacke dort saß. Möglicherweise gab es dafür eine harmlose Erklärung, und doch hätte es sein können, wie es schien: Da hat es einer nicht gut und gemütlich zu Hause, sonst wäre er ja dort, hätte vielleicht nach einem Streit die Tür zu seinem Zimmer zugeknallt und sich vor den Computer gesetzt oder was auch immer man macht, wenn man ein Kind ist und wütend auf die Welt. Kinder aus armen und sozial benachteiligten Familien erleben gerade eine unglaublich schwere Zeit. Sie haben einen besonders großen Nachteil von den Schulschließungen, den ausgefallenen Förderstunden und gestrichenen Sport- und Freizeitangeboten. Sie haben keinen Garten, in dem sie nachmittags spielen und abends mit den Eltern grillen können. Häufig fehlt ein Computer für die Hausaufgaben, die im besten Fall per E-Mail kommen. Und in einer kleinen Wohnung, in der sie mit den Eltern und Geschwistern leben, können sie sich kaum zum Lernen in eine ruhige Ecke oder gar ein eigenes Zimmer zurückziehen. Von den Folgen der Pandemie sind die Menschen, egal ob in Deutschland oder anderswo, unterschiedlich betroffen. Wer Glück hat, ist gesund, arbeitet im Homeoffice und kann seine privaten Vorhaben verschieben. Andere verlieren gerade ihre Existenz, so wie viele Gastronomen oder freischaffende Künstler, die nicht wissen, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen. Es ist richtig, dass die Politik in Bund und Land Hilfen beschlossen hat. Aber die Lasten dürfen nicht den Schwachen im selben Maß wie den Wohlhabenden aufgebürdet werden. Die Staatsschulden werden auch so zukünftig von der Generation getragen, die im schlechtesten Fall gerade den Anschluss in den Schulen verliert. Die Automobilindustrie fordert Kaufprämien von bis zu 4.000 Euro je Autokauf. Aber warum soll jemand, der sein Auto selbst bezahlen kann, einen Zuschuss aus Steuermitteln bekommen? Viel sinnvoller wäre es doch, mit dem Geld funktionierende Computer, Fahrräder und Musikunterricht für Kinder aus armen Familien zu finanzieren. Wenn es „Innovationsprämien“ geben soll, dann für die Menschen, die durch ihr Denken und Handeln die zukünftige Gesellschaft gestalten. Kinder ohne Schulabschluss geraten als Erwachsene schneller ins Abseits. Das muss eine gezielte Förderung verhindern!

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

Gerade in diesen Zeiten

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Als wir am Montag, den 16. März die Abgabe der Zeitschrift an unsere Verkäufer einstellten, wussten wir nicht, wie lange die Pause dauern würde. Im Vordergrund der Entscheidung stand, Verkäufer und Kunden in der Coronakrise zu schützen und erst einmal die Kontakte der Verkäufer zu anderen Menschen zu reduzieren. An diesem Montag stand frühmorgens einer unserer erst seit Kurzem angestellten Verkäufer zur monatlichen Abrechnung vor der Tür. Es waren damals noch bitterkalte Nächte und jemand wie er, obdachlos, war in besonders großer Not. Eine Wohnung konnte ich nicht anbieten, aber immerhin konnte BISS ihm sein Gehalt ausbezahlen. Insbesondere in der Krise bewährt sich die konsequente Festanstellung der Verkäufer, die eben nicht über Nacht wieder auf Almosen angewiesen sind, sondern als Arbeitnehmer auf die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und den Schutz der Sozialversicherung vertrauen können. BISS hat den angestellten Verkäufern im März und im April das Gehalt weitergezahlt. Als einzige Straßenzeitung weltweit haben wir für über 50 Verkäufer Kurzarbeitergeld beantragt und auch schon genehmigt bekommen. Zugleich war es wichtig, auch in der Zeit der Ausgangsbeschränkungen denjenigen Menschen Beratung und Hilfe zu leisten, die sie brauchen. So fand der Kontakt mit der Sozialarbeit, dem Innendienst und den Journalistinnen der Schreibwerkstatt per Telefon und, falls dringend erforderlich, im persönlichen Gespräch mit Termin und Abstand statt. Das alles trägt dazu bei, die Lage stabil zu halten. Trotzdem fehlt unseren Verkäufern der persönliche Kontakt zu ihren Kunden. Sie vermissen die alltäglichen Begegnungen, die freundlichen Grüße und die wohlwollenden Worte, die jeden spüren lassen, dass er ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft ist. Das ist unersetzbar und auch deshalb werden wir Schritt für Schritt wieder in den Straßenverkauf einsteigen, freiwillig, für die Verkäufer, die wollen. Im Namen aller BISSler danke ich unseren Freunden und allen Menschen in unserem Netzwerk, die BISS zur Seite stehen. Ihr Zuspruch und Ihre Unterstützung, sei es per E-Mail, am Telefon und persönlich, haben geholfen, dass wir in den letzten Wochen den Humor und die Zuversicht behalten haben. Liebe BISS-Leser, bleiben Sie gesund, wir brauchen Sie, gerade in diesen Zeiten.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

PS: Und sollten Sie das Märzheft noch nicht haben, kaufen Sie es doch zum Maiheft dazu – Nimm 2 sozusagen!

Wählen? Unbedingt!

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Zuerst hab ich es gar nicht glauben wollen, dass nur 42 Prozent der Münchner Wahlberechtigten bei der letzten Kommunalwahl, 2014, ihre Stimme abgegeben haben! Schließlich dürfen alle Personen wählen, die die deutsche oder eine andere EU-Staatsangehörigkeit haben, am Wahltag 18 Jahre alt sind und seit mindestens zwei Monaten ihren Hauptwohnsitz in München haben oder sich mit dem Schwerpunkt ihrer Lebensbeziehungen in München aufhalten. Von den BISS-Verkäufern erfüllen fast alle diese Voraussetzungen, trotzdem liegen für sie, wie für viele andere Menschen, die im Leben Armut und Benachteiligung erfahren haben, die Hürden, sich zu beteiligen, besonders hoch. Manchmal liegt das an fehlenden Deutsch- und Ortskenntnissen. Noch stärker wiegt, dass benachteiligte Menschen es nicht wagen, ihnen zustehende Rechte einzufordern und wahrzunehmen. Wir BISSler haben uns für die kommende Kommunalwahl am 15. März zum Ziel gesetzt, so viele Verkäufer wie möglich zu motivieren, zur Wahl zu gehen. Von der Europawahl wissen wir, dass das nicht mit einem Aufruf allein getan ist, sondern dass man das mit langem Vorlauf anschaulich gestalten muss. So ist im Büro in der Metzstraße eine Tafel mit den wichtigsten Informationen und Musterdokumenten aufgestellt, mit deren Hilfe man alle Verkäufer, die ins Büro kommen, direkt ansprechen kann. Und wir wollen natürlich gute Stimmung machen und zeigen, dass Wählen keine schwere Last ist, sondern Spaß machen kann. Wir haben für die Verkäufer, die glaubwürdig versichern, dass sie am 15. März bei der Kommunalwahl mit abgestimmt haben, einen Preis ausgelobt: eine Reise für zwei Personen in einen bayerischen Ort der Wahl, An- und Abreise mit der Bahn sowie zwei Übernachtungen mit Frühstück in einem schönen Hotel. Ich bin schon gespannt darauf, wer gewinnt und wohin die Reise geht – vielleicht nach Aschaffenburg, oder gar nach Zwiesel? Welcher Partei und welchem Kandidaten jemand seine Stimme gibt, bleibt selbstverständlich ihm überlassen. Wir BISSler setzen darauf, dass die Wähler eine Vorstellung davon haben, welche demokratischen Parteien für eine Gesellschaft eintreten, in der auch die Schwächeren einen lebenswerten Platz finden. Und dass sie diejenigen Politikerinnen und Politiker wählen, die sich dafür einsetzen, dass wieder mehr kluge Kinder aus einfachen Verhältnissen auf höhere Schulen gehen. Eine Politik, die natürlich das Eigentum der Menschen schützt und trotzdem verhindert, dass Spekulanten sich auf Kosten der Schwächeren bereichern. Ich bin da zuversichtlich, dass die Münchner Stadtgesellschaft und auch die anderen Bayern am 15. März eine gute Wahl treffen werden!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin