Das große Tabu

In Deutschland kommt jeden dritten Tag eine Frau durch partnerschaftliche Gewalt zu Tode. Wir haben mit der Rechtsanwältin Christina Clemm darüber gesprochen, welchen Gefahren von partnerschaftlicher Gewalt Frauen immer noch ausgesetzt sind, welche Ursachen es dafür gibt und warum in Deutschland immer noch viel zu wenig gegen diese Form der Gewalt unternommen wird.

Interview GABRIELA HERPELL Illustration CLEON PETERSON

CHRISTINA CLEMM ist Rechtsanwältin und Fachanwältin für Strafrecht und Familienrecht in Berlin. Sie vertritt zahlreiche Verletzte sexualisierter, aber auch rassistisch motivierter und rechtsextremer Gewalt. Sie spricht und schreibt vor allem über Frauenrecht und Partnerschaftsgewalt. 2020 ist ihr Buch „Akteneinsicht – Geschichten von Frauen und Gewalt“ bei Kunstmann erschienen.

Frau Clemm, wie kam es, dass Sie zur Expertin für die Gewalt in Familien geworden sind?

Ich habe schon als Studierende bei einer Anwältin gearbeitet, die sehr viele Nebenklagen in dem Bereich gemacht hat. Ich verteidige auch oft, aber in anderen Bereichen, in Jugendstrafverfahren, Demoverfahren, Terrorismus, aber ich verteidige nicht bei Vorwürfen der Gewalt gegen Frauen, sexualisierter Gewalt, bei rassistisch motivierter Gewalt, also die Umkehrung dessen, was ich auf Nebenklageseite mache.

Wie nahe gehen Ihnen die Fälle, in denen es um häusliche Gewalt oder Gewalt gegen Frauen geht?

Ich mache das seit über 20 Jahren. Ich bin häufig sehr beeindruckt davon, wie die Betroffenen damit umgehen. Wie sie es schaffen, aus so unendlich viel Leid und Gewalt herauszukommen. Und ich kann ihnen ein kleines Stück ihres Weges beistehen und oft etwas für sie erreichen, das ist auch eine unglaublich schöne Arbeit. Die Frauen sind meistens schon im Frauenhaus, haben den Partner oder Ex-Partner angezeigt und sind getrennt, wenn sie zu mir kommen. Das ist eine andere Situation, als sie Sozialarbeitende häufig vorfinden. Die einzigen Verfahren, in denen es meist anders ist, sind die Stalking-Verfahren, denn in diesen Verfahren sind die Straftaten oft noch nicht beendet.

Gehen die Frauen nicht sehr oft zurück?

Das passiert natürlich auch, vor allem, wenn sie erst kurz getrennt sind und keine Perspektive haben. Es gibt leider häufig gute Gründe dafür, zurückzugehen.

Versuchen Sie, die Frauen davon abzuhalten?

Nein, das steht mir nicht zu. Ich sage aber schon im Erstgespräch, dass ich, sofern das Mandat beendet werden soll, ein persönliches Gespräch führen möchte. Es reicht mir nicht, wenn der Ehemann anruft und sagt, seine Frau möchte nicht mehr von mir vertreten werden. Das muss ich schon von der Betroffenen selbst hören. In vielen Fällen kommen die Betroffenen irgendwann wieder, ein zweites, ein drittes Mal. Mir ist wichtig, dass es ihnen nicht unangenehm ist, mir ein halbes Jahr später zu sagen, dass es doch nicht geklappt hat.

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