Ein Dreirad mit 41 Jahren

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Jasmin Nejmi

Ich habe Fahrradfahren, verglichen mit anderen Kindern, erst spät gelernt, mit sieben Jahren. Dann aber hat es mir schnell viel Freude bereitet. Bei jedem Wetter war ich damit unterwegs, sogar freihändig bin ich gefahren. Leider wurde mir das Rad irgendwann geklaut, worüber ich sehr traurig war. Später, als Erwachsene, bekam ich von meiner Kirchengemeinde ein neues geschenkt. Ich hatte wieder viel Spaß damit, doch leider wurde es mir abermals geklaut. Damals dachte ich: Jetzt lasse ich es bleiben, ich habe einfach kein Glück mit Fahrrädern. Doch dann habe ich von meiner Betreuerin bei der Schuldnerberatung den Tipp bekommen, dass es noch Stiftungsmittel gibt, auf die man sich bewerben kann, und dass ich mir damit ein neues Rad kaufen könnte. Da ich es allein raus aus meinen Schulden geschafft habe, schlug sie mich für das Programm vor. Ich kann wegen meiner MS-Erkrankung nicht mehr Fahrrad fahren, aber ein Lastenrad mit drei Rädern kann ich steuern. Tatsächlich bekam ich das nötige Geld und konnte mir in einem Geschäft in Feldkirchen ein Lastenrad aussuchen. Es hat vorne ein Rad und hinten zwei, über denen der große Gepäckträger angebracht ist. Der einzige Nachteil ist die etwas hässliche Farbe irgendwo zwischen Gold und Beige. Dafür hat das Rad zwei Schlösser, die es vor einem Diebstahl schützen. Das Gefährt bringt mich zum Ostbahnhof, zum Arzt oder zur Krankengymnastik. Dank des großen Gepäckträgers kann ich auch Katzenstreu oder Katzenfutter transportieren. Als ich kürzlich einen Platten hatte und das Rad bis zur Reparatur nicht nutzen konnte, habe ich erst gemerkt, was mir fehlt, wenn es mal nicht da ist. Jetzt kann ich aber zum Glück wieder damit fahren.

Abschied von einem lieben Kollegen

Ein Text aus der schreibwerkstatt

von Wolfgang „Butzi“ Kurz

Er war einer der besten Kollegen, die ich hatte, fast wie ein Freund. Toni hieß er, und was die Rechtschreibung angeht, war er sehr viel begabter als ich. Seine Kundschaft liebte seine Artikel, auch wenn er nicht so viel schrieb wie ich. Doch seine Artikel blieben den Menschen in Erinnerung. Zum Beispiel der, in dem er über eine Frau schrieb, die er sehr liebte. Oder der, in dem er über den Tod dieser Frau schrieb. Er wollte schon aufhören mit dem Schreiben, aber ich machte ihm vor ein paar Jahren Mut, dass er weitermachen soll. Das tat er auch. Jetzt ist er gestorben, mit 63. Er hatte es am Herzen. Vielleicht hat er den Kummer über den Verlust seiner großen Liebe nie verkraftet. Aber wer weiß es schon, nur der Papa im Himmel! So geh’ hin in Frieden, lieber Toni, und mach’s gut.

Schicksalstag 16. April

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Pietro Dorigo

Bis letztes Jahr hatte der 16. April in meinem Leben eine traurige Bedeutung. An diesem Tag ist vor vielen, vielen Jahren mein Opa Amadeo mit 69 Jahren gestorben. Am 16. April 1990 ist leider auch mein Vater gestorben, ebenfalls mit 69 Jahren. Seit dem Tod meines Vaters habe ich mich immer wieder gefragt, manchmal im vollen Ernst, manchmal weniger ernsthaft: „Wann bin ich dran?“ Ich habe gleich kalkuliert, dass es am 16.4.2023 passieren müsste, wenn ich selbst 69 Jahre alt wäre. Bis Ende der 90er-Jahre hat mich dieses Datum immer mal beschäftigt, aber dann habe ich nicht mehr so oft daran gedacht. Ab 2020 kam mir der Gedanke wieder öfter. Seit März 2023 habe ich fast jeden Tag daran gedacht und mich gefragt: „Bin ich jetzt dran oder noch nicht?“ Am 15. April letzten Jahres war ich ganz normal zu Hause und es war mir vollends bewusst, dass morgen der besagte Tag sein würde. Der 15. war ein Samstag und Gott sei Dank musste ich am Tag danach keine BISS verkaufen. Ich bin die ganze Nacht wach geblieben, einzige Gesellschaft war meine Freundin Carmensita, eine italienische Kaffeemaschine. Sie hat mich die ganze Nacht wachgehalten. Gegen halb sechs am Sonntagmorgen wurden die Gedanken immer ernster, weil mein Opa gegen halb sieben gestorben war und mein Vater kurz nach sieben. Immerzu habe ich auf die Uhr geschaut und Kaffee getrunken. Als es halb acht wurde, habe ich unbeabsichtigt einen lauten Befreiungsschrei losgelassen, den, glaube ich, beide Nachbarn gehört haben. Ich weiß nicht, was sie dachten, aber ein paar Tage später habe ich einen von ihnen getroffen, der zu mir sagte: „Hast du laut geträumt?“ Ich antwortete ihm nur „Gott sei Dank!“, ohne ihm eine weitere Erklärung zu geben. Einige Zeit später habe ich mich an eine andere Begebenheit erinnert: Vor langer Zeit, ich war noch sehr jung, vielleicht 15 oder 16, hatte mir ein Magier aus meiner Gegend, der ebenfalls den Namen Pietro trug, ein langes Leben vorausgesagt. Über 90 Jahre alt sollte ich werden. Heute denke ich, vielleicht hat er recht gehabt.

Einfach kann jeder

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Olaf Grunow

Seit wir verheiratet sind, ist unser Leben bunter und schöner geworden. Das heißt aber nicht, dass es einfacher geworden ist. Da sind zum Beispiel Ärgernisse mit Ämtern, aber auch Krankheiten und Operationen. Meine Frau wird nun zum zweiten Mal am Herzen operiert und wir hoffen, dass diese OP gut verläuft. Auch bei mir steht eine Operation an, dieses Mal an den Augen: Ich muss mich einer Hornhauttransplantation unterziehen und meinen Grauen Star behandeln lassen. Aber auch das wird hoffentlich gut gehen. Ansonsten versuchen wir gerade, immer öfter nach Berlin zu meiner 86-jährigen Mutter zu fahren, denn keiner weiß, wie lange sie noch hat. Außerdem freuen wir uns, bei dieser Gelegenheit auch jedes Mal meine Geschwister zu sehen. Wie viele von Ihnen schon wissen, stamme ich aus einer Großfamilie mit sieben Geschwistern. Trotz der großen Entfernungen ist unser Verhältnis untereinander sehr liebevoll. Wir halten immer zusammen – so, wie es eigentlich auch sein sollte. Deswegen sind wir auch Silvester 2023/2024 wieder nach Berlin zu unserer Familie gefahren. Es war ein tolles Fest mit reichlich Essen: So gab es etwa Kartoffelsalat mit Würstchen, Soljanka und eine selbst gemachte kalte Platte mit verschiedenen Belägen. Doch am schönsten war, dass wir als Familie zusammenkamen. Meine Mutter hielt von 18 Uhr bis vier Uhr morgens durch, und das in ihrem Alter! Meine Frau wurde von meiner Familie von Anfang an herzlich aufgenommen. Wir werden die Hürden des Lebens weiterhin meistern, denn wir haben uns. Doch auch Sie tragen einen Teil dazu bei

Der traurigste Tag

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Thabit Gorgies Dinha

Ein neuer Priester kam ins Dorf und ging in die Kirche, um Abendmesse zu halten, aber niemand kam. 15 Minuten später kamen drei Kinder herein, 20 Minuten später noch zwei junge Männer. So beschloss der Priester, mit diesen fünf Menschen die Messe abzuhalten. Nachdem der Gottesdienst schon begonnen hatte, trat ein Pärchen herein und setzte sich. Als der Priester mit seiner Predigt anfing, kam ein weiterer, leicht verschmutzter Mann mit einem zerschnittenen Strick in der Hand herein. Enttäuscht und ohne zu verstehen, warum die Gläubigen sich so eigenartig verhielten, übte der Priester den Dienst dennoch liebevoll aus und predigte mit Begeisterung. Nach Beendigung der Liturgie, der Priester befand sich bereits auf dem Heimweg, wurde er von zwei Dieben angegriffen und geschlagen. Die Tasche, in der er seine Bibel mitsamt anderen Gegenständen aufbewahrte, entrissen sie ihm. Als er zu Hause angekommen war und gerade dabei war, seine Wunden zu versorgen, fasste er den Tag wie folgt zusammen: „Es war der traurigste meines Lebens und mein Dienst ist völlig gescheitert … Aber das macht nichts, ich tue alles in Christus!“ Nach fünf Jahren in diesem Dorf beschloss der Pfarrer, die Erlebnisse jenes Tages mit den Gemeindemitgliedern in der Kirche zu teilen. Als er die Geschichte zu Ende erzählt hatte, hielt ihn ein Ehepaar aus der Gemeinde an und sagte: „Vater, das Paar, das hinten saß: Wir waren es. Wir hatten vor, uns scheiden zu lassen, aber zuerst wollten wir in die Kirche gehen und den Ehering dort lassen, dann sollte jeder von uns seinen eigenen Weg gehen. Aber wir haben die Trennung nach der Teilnahme an der Messe aufgegeben. Wir hörten uns die Predigt an, und nun sind wir hier mit unserer Familie, die wiederhergestellt ist.“ Während das Ehepaar sprach, sagte einer der erfolgreichsten Unternehmer im Ort, der diese Kirche unterstützte: „Vater, ich bin der Mann, der schmutzig mit einem Strick in der Hand zur Messe kam. Ich stand am Rande des Bankrotts, hatte alles verloren. Meine Frau und meine Kinder hatten mich verlassen, weil ich sie geschlagen und beleidigt hatte. An diesem Abend versuchte ich mich umzubringen, aber das Seil riss, also ging ich los, um ein neues zu kaufen. Während ich unterwegs war, sah ich die Kirche geöffnet und ich beschloss, einzutreten, obwohl ich sehr schmutzig war. An diesem Abend durchbohrte deine Predigt mein Herz und ich kam mutig aus der Kirche, um zu leben. Heute geht es mir gut, meine Familie ist zu mir zurückgekehrt und ich habe es zum erfolgreichsten Geschäftsmann im Dorf gebracht.“ Nun rief der Diakon der Kirche: „Vater, ich war einer von den Dieben, die dir deine Tasche gestohlen haben. Der andere starb noch in dieser Nacht, als er einen zweiten Diebstahl beging. Ich aber fand in der Tasche, die ich dir gestohlen hatte, die Bibel, in der ich seitdem jeden Tag lese. Nach einiger Zeit beschloss ich, Gott in dieser Gemeinde zu dienen.“ Der Priester erschauderte, fing an zu weinen und sagte zu den Gläubigen: „Nach all den Jahren erfahre ich, dass dieser Tag, den ich für einen schlechten hielt, ein großartiger und gesegneter war! Und wir wissen, dass alle Dinge zum Wohl derer zusammenwirken, die den Namen Gottes lieben, die nach seinem Ratschluss berufen sind. (Römer 8,28) Wir danken dir, Gott!“