Die stade Zeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Wolfgang Räuschl

Schön langsam geht das Jahr zu Ende und wir feiern das Fest der Geburt Christi. Weihnachten – ein großes Fest der Familie, der Freunde und vor allem der Kinder. Als ich noch im Gastgewerbe gearbeitet habe, hatten wir in dem Hotel an Weihnachten immer alle Hände voll zu tun. Das Hotel war ausgebucht, auch in der Heiligen Nacht. Der Speisesaal war sehr schön geschmückt, genauso die Empfangshalle, in der ein großer, hell erleuchteter Tannenbaum stand. Am Nachmittag waren unsere Gäste auf der Skipiste und so konnten wir den Speisesaal für den Abend festlich schmücken und die Tische in aller Ruhe eindecken. Am frühen Abend begann alles mit einem Dreigängemenü und am Empfang wurden die Gäste mit Stubenmusik und Weihnachtsliedern begrüßt. Jeder Gast bekam ein kleines Präsent von unserem Hotelchef. Nach dem Essen kam der Dorfpfarrer und las das Weihnachtsevangelium vor, danach gab es noch Weihnachtsgebäck und Glühwein. Ich habe noch in Erinnerung, wie alle dieses Fest feierten, egal aus welchen Ländern sie waren. Eben ein friedvolles und harmonisches Fest. Heute bin ich alleinstehend und verbringe die Feiertage zu Hause, weil mir diese Zeit zu hektisch und zu modern ist und ich für diesen Konsumtrubel kein Verständnis habe. Nichts ist mehr übrig von der staden Zeit. Bereits im September kann man in den Supermärkten Lebkuchen kaufen, gleich nach dem Oktoberfest die ersten Adventskalender und ab Mitte November erklingt Weihnachtsmusik und die ersten Weihnachtsmärkte öffnen. Und währenddessen beginnt der große Konsumrausch, der jedes Jahr noch größer wird. Sind die Feiertage dann endlich da, ist jeder nur noch genervt und abgespannt und verspricht sich, dass im nächsten Jahr alles ruhiger werden soll. Doch nach den Feiertagen beginnt die Sause von vorn. Schließlich müssen Gutscheine eingelöst und Geschenke umgetauscht werden. Da lobe ich mir Weihnachten in meiner Kindheit: Welch ein schönes Fest das doch war, vor allem sehr besinnlich. Ich denke gern daran zurück. Ich würde mich freuen, wenn wir alle ein bisschen nachdenklicher werden und uns wieder auf das Wesentliche besinnen würden. Weihnachten sollte wieder eine stade Zeit werden. Ich wünsche allen Kollegen und Stammkunden ein ruhiges und vor allem frohes Weihnachtsfest!

Meine frühere Arbeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Solomon Vantu

Meine Familie in Rumänien war weder arm noch reich. Immerhin war es möglich, dass ich bis zur elften Klasse in die Schule gehen konnte. Aber als meine Mutter schwer krank wurde, musste ich arbeiten, damit die Familie genug Geld hatte – ich war dafür zuständig, dass meine Mutter, mein kleiner Bruder und meine Schwester und ich genug Essen auf dem Tisch hatten, weil mein Vater nicht da war. In Rumänien ist das normal, da arbeiten Kinder ab 14 Jahren öfter, manchmal, wenn sie kräftig sind, schon ab 13 Jahren. Das war unschön: Ich habe bis mittags Unterricht gehabt und bis nachts um zwölf Uhr gearbeitet. Ich habe auf einem großen landwirtschaftlichen Hof geputzt, den Tieren Gras gegeben, die Milch abgeholt und mit zwei Eseln ins Dorf transportiert. Ich habe auch um die 40 Pferde betreut, auf die Weide geführt und dafür gesorgt, dass sie fressen. Das Gleiche auch mit Schafen. Besonders anstrengend war die Arbeit im Winter. Nicht, weil es so kalt war, sondern, weil es mehr zu tun gab. Wenn die Tiere viel draußen sind, fressen sie selbst, man muss weniger putzen. Aber im Winter muss man manchmal die Tiere waschen und das Futter bereitstellen. Auch der Chef war nicht wirklich nett, er war hochnäsig, oft hat er seine Mitarbeiter nicht pünktlich bezahlt. Weil er nicht viel bezahlen wollte, hat er vor allem Kinder beschäftigt. Verdient habe auch ich mit der Arbeit nur sehr wenig Geld, das waren rund 80 Euro im Monat. Diesen Job hatte ich von meinem 14. bis 20. Lebensjahr. Weil ich so viel gearbeitet habe, hatte ich keine Zeit, für die Schule zu lernen. Ich wurde die ganze Zeit von den Lehrern geschlagen, die haben gefragt: „Warum hast du nicht gelernt?“ Ich hätte schon Lust gehabt, zu lernen, aber es war auch unangenehm, in die Schule zu gehen: Ich hatte kaum Klamotten, habe mir ein Paar Schuhe mit meinen Geschwistern geteilt und habe nicht gut gerochen. Gekündigt habe ich erst, als ich mit 19 Jahren beschloss, nach Deutschland zu gehen. Danach wurde alles besser.

Urlaub in Kroatien

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

VON Dalibor Cacuga Andrea Schönle

Wir sind im Mai zusammen im Urlaub gewesen. Es war unser erster gemeinsamer Urlaub. Am liebsten wären wir gar nicht mehr zurückgekommen. Wir waren 14 Tage weg, mit einem geliehenen Wohnmobil. Unterwegs waren wir zu dritt, noch mit meinem Mann, der ist gefahren. Wir kennen uns vom BISS-Verkaufen und sind gute Freunde geworden. Nachts sind wir losgefahren, erst durch Österreich, dann durch Slowenien. Es ist eine etwas kurvige Strecke, aber wir haben uns immer auf unser Navigationsgerät verlassen. Als wir ankamen, war es schon hell. Unser Ziel war ein Campingplatz bei Zadar, den hatten wir im Internet gefunden. Wir haben unser Wohnmobil aufgestellt und sind erst mal einkaufen gegangen. Während des Urlaubs waren wir mal auf einem Campingplatz, mal sind wir rumgefahren. Ans Meer konnte man nicht, dafür war es zu kalt. Aber wir haben Nin angeschaut, Krk angeschaut und in Zadar den Fischmarkt. Dort gibt es eine schöne Altstadt, man kann eigentlich Bootsfahrten machen, aber die Saison war noch nicht losgegangen. Die Leute waren nett und sehr hilfsbereit. Wir sind viel essen gegangen, haben Pizza, Tintenfisch und Schwertfisch gegessen. Der war ein bisschen ungewohnt und bitter. Aber es war frischer Fisch und er war lecker. Wir haben auch am Campingplatz gegrillt, Fisch und Fleisch. Einmal haben wir auch im Wohnmobil gekocht, Carbonara gab es. Es war toll: Die salzhaltige Luft, man geht raus aus dem Wohnmobil, hat sofort frische Luft und den Blick aufs Meer. Und wir haben uns alle gut verstanden, sind abends spazieren gegangen. Anfangs hatten wir noch schönes Wetter, am Abend fing es aber dann auch an, schlecht zu werden. In den folgenden Tagen kamen ein paar Stürme, da hat alles gewackelt und es sind sogar Wohnmobile umgestürzt. Wir waren dann viel im Wohnmobil, haben Karten gespielt, Poker. Am vierten Tag, als es wieder sonnig war, kamen die Betreiber des Campingplatzes und haben uns Schnaps angeboten. Wir haben viele nette Bekanntschaften auf dem Campingplatz geschlossen. Es gibt sogar Camper, die wohnen da! Wenn wir gekonnt hätten, wären wir auch dageblieben. Bevor wir gefahren sind, haben wir andere Campingplätze angeschaut, um zu gucken, wo wir das nächste Mal hinfahren. Bevor wir gefahren sind, mussten wir alles wieder einräumen. Die Rückfahrt haben wir gegen zwölf Uhr Mittag angetreten. Kaum waren wir hier angekommen, hatten wir schon wieder Fernweh. Nächstes Jahr geht es auf jeden Fall wieder nach Kroatien, hoffentlich wieder mit dem Wohnmobil.

Mein Leben auf dem Wasser

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ion Plesa

Geboren bin ich in einem kleinen Dorf im Süden von Rumänien. Von meinem siebten bis zu meinem 15. Lebensjahr war ich in einem Kinderheim. Warum genau, weiß ich nicht – aber damals haben sich meine Eltern scheiden lassen und das war wohl der Grund. In Rumänien sind acht Schulklassen Pflicht, am Ende hat man einen Abschluss, der dem Realschulabschluss hier ähnelt. Danach habe ich mir überlegt, was ich weiter machen will: Gehe ich weiter in die Schule oder lerne ich einen Beruf? Ich habe mich für einen Beruf entschieden und habe mich zum Matrosen ausbilden lassen. Bei uns in der Heimat ist ein großer Hafen, der hat mich schon als Kind fasziniert, dort haben wir mit der Schule Ausflüge hin gemacht. Es war mein Traum, dort zu arbeiten – und Gott hat mir meinen Wunsch erfüllt: Vier Jahre hat die Ausbildung gedauert, ich war auf dem Schiff, habe navigieren gelernt und danach habe ich noch zwei Jahre Praxis gesammelt. Drei Monate habe ich das gemacht, als Anfänger – und dann wurde ich schon zum Militär einberufen. Da war ich so ungefähr 21 Jahre alt. Fast zwei Jahre dauerte der Dienst beim Militär. Keine zwei Tage nach der Armee habe ich wieder als Matrose angeheuert. Ich war auf dem Schwarzen Meer unterwegs, wir sind auch die Donau entlanggefahren, bis Passau sind wir gekommen. Wir haben Waren transportiert. Über die Jahre war ich viel auch am Schwarzen Meer direkt im Einsatz, bei den Serben und den Bulgaren. Ich habe große Schiffe, die ankamen, in den Hafen geschleppt. Ich selbst habe nie daran gedacht, einfach auf einer der Reisen außerhalb von Rumänien zu bleiben, nicht einmal zu Zeiten des Ceausescu-Regimes. Aber als in Rumänien Brot und Fleisch knapp wurden, haben ein paar Kollegen mir vorgeschlagen, das zu tun. Der Plan war, nach Serbien zu fahren, dort das Benzin zu verkaufen und das Geld zu nutzen, um weiter nach Italien zu fahren. Die sind tatsächlich geblieben, ich weiß allerdings nicht, wie weit sie es geschafft haben. Ich dagegen habe mit einem Teil der restlichen Crew das Schiff zurückgebracht, das Benzin war mir zum Glück geblieben. Zum einen war mir das Geld nicht so wichtig, ich liebe mein Land und in Rumänien war ich angesehen, hatte einen Beruf, eine Sicherheit. Und ich wusste ja auch gar nicht, welche Perspektiven ich in Serbien haben würde. Zum anderen hatte ich Angst, erwischt zu werden, schon vorher in Rumänien, aber auch, wenn ich von den Serben geschnappt und zurück nach Rumänien geschickt worden wäre – das hätte drastische Konsequenzen haben können. Ich mochte die Arbeit und das Leben war schön. Aber es war einsam. Ich war viel allein und von zu Hause weg. Ich hatte zwar Kollegen, aber die Familie ist natürlich etwas anderes. Meine Mutter, mein Bruder haben mir gefehlt. Und ich fand es auch schade, selbst keine Familie zu haben. Ich hatte mehrere Gelegenheiten, zu heiraten, habe mich aber dagegen entschieden, weil das für die Frau nicht schön gewesen wäre – ich war ja immer mehrere Monate am Stück weg gewesen, schließlich dauert es, wenn man mit sieben Stundenkilometern vom Schwarzen Meer nach Passau fährt. Wenn wir dann noch Kinder gehabt hätten, hätte die Frau alles alleine machen müssen. Insgesamt habe ich 13 Jahre als Matrose gearbeitet, ungefähr bis 1998.

Blut ist dicker als Wasser

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT‘

Von Zuheir Takiyan

Es gab einmal einen Mann im Irak, der hatte zwei Söhne. Als er starb, erbten sie seine Firma. Doch die Brüder waren sich nicht einig, was sie mit ihr machen wollten. Der große Bruder wollte sie übernehmen und weiterführen, der kleine Bruder wollte lieber viel Geld haben, statt zu arbeiten. Und so kaufte der Ältere die Firma dem Jüngeren schließlich ab. Der kleinere Bruder war nun auf einmal sehr reich, er gab all sein Geld einem Börsenmakler. Am Anfang lief alles gut für ihn, die Kurse seiner Aktien stiegen und er machte gute Gewinne. Er kaufte sich daraufhin Autos und Uhren und Schmuck und Kleider für seine Frau, sie reisten durch die Welt und genossen das Leben, doch dann brach die Börse ein, alles Geld war weg. Es kam immer öfter zu Streit zwischen dem kleinen Bruder und seiner Frau, am Ende trennten sie sich. Bei der Scheidung verlor er die gemeinsame Wohnung und so landete er am Schluss auf der Straße, wie ein Bettler. Und so ging er eines Tages zu seinem großen Bruder. Dieser war immer noch Chef der einstigen Firma des Vaters, er hatte sie modernisiert, neue Maschinen gekauft, das Geschäft lief gut, er hatte viel Geld verdient und sogar eine zweite Firma gegründet. Der kleine Bruder sah all das und sagte: „Bruder, hilf mir, ich habe alles Geld verloren, gib mir neues.“ Aber der große Bruder dachte, dass es ein Fehler wäre, seinem kleinen Bruder Geld zu geben, schließlich würde dieser es doch wieder nur für Luxus ausgeben. Also sagte er: „Ich kann dir nicht helfen, du hast dein Erbe schon bekommen. Mein Geld brauche ich für mich und meine Familie.“ Doch als der kleine Bruder gegangen war, hatte der große Bruder ein schlechtes Gewissen: Würde er ihm Geld schenken, wäre es so schnell weg wie das Erbe. Würde er ihm nicht helfen, würde sein Bruder verhungern. Am Ende ging er zu einem seiner Angestellten und sagte: „Geh in den Park, dort sitzt mein kleiner Bruder. Sprich ihn an und frage ihn, warum er traurig ist. Dann sollst du ihm eine Arbeit geben in meiner zweiten Firma, aber sage ihm nicht, dass diese auch mir gehört.“ So geschah es. Der kleine Bruder war nun auch wirklich fleißig, er arbeitete hart in der Firma und hatte bald Erfolg. Er fand eine neue Frau und lebte glücklich. Doch dann gab es ein großes Treffen, alle saßen zusammen, die Firmen sollten zusammengelegt werden und ein neuer Chef gewählt werden. Da sah der kleine Bruder, dass die Firma, in der er arbeitete, auch seinem großen Bruder gehörte. Sie hatten sich seit ihrem letzten Treffen nicht gesehen, der kleine Bruder hatte dem großen nie verziehen, dass dieser ihm damals nicht geholfen hatte. Also stimmte er bei der Wahl gegen ihn. Doch da erklärte ihm der große Bruder, dass er es war, der seinem Angestellten damals gesagt hatte, er solle den kleinen Bruder einstellen. „Ich wollte, dass du dir deinen Reichtum selbst erarbeitest“, sagte der große Bruder. „Denn nun bist du reich, aber du hast dir alles selbst verdient und wirst dein Geld nicht mehr einfach vergeuden.“ Und so war am Ende aller Streit vergessen und die beiden Brüder führten die Firmen gemeinsam bis zu ihrem Tod.