„Ohne Karin würde ich es nicht schaffen“

Rund ein Viertel der Azubis in Deutschland bricht die Ausbildung ab, häufig schon im ersten Jahr. Initiativen wie das bundesweite Coaching-Programm „VerAplus“ sind deshalb Gold wert, wenn es Stress in der Berufsschule oder im Betrieb gibt. Hier betreuen Fachleute im Ruhestand Lehrlinge in Not – und das ehrenamtlich und kostenlos. Eine von ihnen ist Karin Münzer (68) aus dem Landkreis Erding, die als Senior-Expertin derzeit drei jungen Leuten rund um München unter die Arme greift, unter anderem Hotelfachfrau-Azubi Dilfuza Ablakulova (27). BISS war bei einem ihrer Treffen dabei.

Von KERSTIN GÜNTZEL

Foto TOBY BINDER

Draußen ist es an diesem Freitagabend unwirtlich und feucht, drinnen in der Lobby des HR-Hotels in Oberding am Münchner Flughafen dagegen heimelig und warm. Leise Musik und Stimmengemurmel dringen von der Bar herüber: Dilfuza Ablakulova, die hier im ersten Ausbildungsjahr arbeitet und wohnt, hat es sich mit Karin Münzer gemütlich gemacht. Die beiden könnten Mutter und Tochter sein, wie sie da am Tisch sitzen, lachen, sich fürsorglich am Arm berühren und fröhlich schwatzen. Die lebhaften Frauen treffen sich mindestens einmal wöchentlich. Wenn Prüfungen anstehen, auch öfter. Denn Dilfuza Ablakulova, die erst 2021 aus der 1,2-Millionen-Stadt Duschanbe in Tadschikistan nach Deutschland kam, hat noch ziemliche Schwierigkeiten mit Deutsch, vor allem schriftlich. Zu Anfang ihrer Coaching-Tätigkeit stellte sich die Rentnerin auf eine reine Nachhilfe ein. Mittlerweile weiß sie, dass aber gerade der seelische Beistand auch enorm wichtig ist: „Meine Schützlinge sind hier mutterseelenallein. Das kann einem schon mal auf die Psyche schlagen. In ein fremdes Land mit einer komplett anderen Sprache zu kommen, ganz ohne Rückhalt – ich glaube, meine beiden Söhne, die heute 30 und 32 sind, hätten das nicht geschafft. Unser Nachwuchs ist ja oft verwöhnt. Auch deshalb fühle ich mich für meine Schützlinge verantwortlich wie für meine eigenen Kinder.“

Die Frauen treffen sich manchmal bei Karin Münzer zu Hause, damit Dilfuza Ablakulova ab und zu aus dem Hotel herauskommt. Dann kochen sie zusammen. Mal bayerisch, mal tadschikisch. Semmelknödel versus Lamm. Bei Tisch sprechen sie über Gott und die Welt. Zum Beispiel darüber, dass Dilfuza Ablakulova in Duschanbe bereits Biomedizin studiert hat, aber keinen adäquaten Job nach ihrem Uniabschluss fand. Deshalb arbeitete sie fünf Jahre lang als Lehrerin in einer internationalen Schule. Dort bemerkte sie, wie respektvoll Ausländer sie behandelten. Außerdem störte sie die Korruption in ihrer Heimat: „Man muss sogar seinem Chef Geld geben, um eine bessere Stelle zu bekommen.“ Deshalb wollte sie in ein Land ziehen, in dem Rechtssicherheit herrscht. Aber obwohl ihr Studium in Deutschland anerkannt wurde, durfte sie nicht in ihrem ursprünglichen Beruf arbeiten. Der Grund: Sie stammt nicht aus der EU. So trat sie eine Stelle als Au-pair in einer Münchner Familie an. Um langfristig bleiben zu können, verlangten die Behörden eine zweite Ausbildung. Nach der Lehre zur Hotelfachfrau kann sie dann jedoch auch in ihrem studierten Beruf in Deutschland arbeiten.

„Die Gesetze treiben hier manchmal seltsame Blüten“, findet Karin Münzer. Und selbst noch in ihrer Ausbildung verkomplizieren die Behörden der jungen Tadschikin das Leben. Karin Münzer steht ihr auch hier (un)bürokratisch zur Seite: „Das Amtsdeutsch in den Schreiben ist ein Albtraum! Ohne Unterstützung sind die Briefe für ausländische Azubis gar nicht machbar. Selbst als Deutsche verstehe ich auf den ersten Blick oft nur Bahnhof und muss erst mal googeln, was die eigentlich wollen. Ich beantworte die Schreiben dann meist direkt per Mail und setze Dilfuza oder Tati in CC. Ganz ehrlich: Ich habe mir vor meinem Job als Senior-Expertin nicht vorstellen können, wie schwer es Arbeitsmigranten, die nicht aus Europa stammen, gemacht wird, hier Fuß zu fassen. Obwohl sie einen Job haben und keinen Cent vom Staat bekommen. Ich verstehe das auch nicht: Einerseits braucht man Fachkräfte, andererseits stimmt die Gesetzeslage nicht.“

Dilfuza Ablakulova hatte Glück, dass sie Karin Münzer fand. Ihre Freundin Tati aus Tiflis in Georgien, die im HR-Hotel die gleiche Ausbildung macht und schon länger von der Senior-Expertin betreut wird, stellte den Kontakt her. „Ich bin Muslimin und habe vor meiner Abreise nach Deutschland gebetet, dass mir jemand in der Fremde hilft. Dann kam Karin: Meine Gebete wurden erhört. Sie ist mittlerweile meine deutsche Ersatz-Mama. Wenn ich mit ihr rede, bin ich einfach nur glücklich. Es macht Spaß – sogar das Lernen“, lacht die junge Frau. Sie vertraue Karin und könne sie alles fragen, ohne abwägen zu müssen, was sie sagen könne und was nicht. Ohne sie würde sie die Ausbildung nicht schaffen. Was die Berufsschule betrifft, hilft Karin Münzer, gelernte Industrie- und Versicherungsfachwirtin, besonders gern bei Wirtschaft- und Sozialkunde: „Das Fach ist ja schon für viele deutsche Azubis eine Herausforderung. Dazu die ganzen schwierigen Wörter wie „Berufsgenossenschaft“ oder „Streikrecht“. Generell ist die Ausbildung zur Hotelfachfrau umfangreich. Ernährungslehre kommt ebenfalls dazu. Man muss wissen, wie viele Kohlenhydrate in bestimmten Lebensmitteln und Gerichten enthalten sind oder wie ein Drink gemixt wird.“

Vor Dilfuza Ablakulova und Tati begleitete die Senior-Expertin die Tadschikin Nusha (24) eineinhalb Jahre lang bis zum erfolgreichen Abschluss als Hotelfachfrau. Daher wisse sie genau, was in Ausbildung und Berufsschule erwartet werde. Dilfuza Ablakulova zum Beispiel hat vor allem Schwierigkeiten mit der Mail-Dokumentation im Hotel. Karin Münzer hilft ihr hier mit den Formulierungen und der Rechtschreibung. Auch notenmäßig schaut es gerade düster aus. „Besser, wir lassen dieses Thema“, grinst die Auszubildende leicht verschämt. Doch die Zwischenprüfung nach 18 Monaten muss nun mal bestanden werden, um weiterzukommen. Und 20 Prozent davon zählen zur Endnote. „Leider werden sich die Azubis oft erst im zweiten Ausbildungsjahr bewusst, dass es in der Schule nicht klappt. Prozentrechnungen sind zum Beispiel beim Hotelfachkaufmann wichtig. Sie bereiten aber häufig auch die größten Probleme. Deshalb werden wir demnächst anfangen zu üben. Schwer sind für Dilfuza auch die Textaufgaben, die sie ja erst mal sprachlich verstehen muss. Ich merke aber, dass sich ihr Deutsch verbessert, weil wir viel miteinander reden. Im Notfall haben wir zudem ein Übersetzungsprogramm auf dem Handy. Das kriegen wir hin“, ist die Senior-Expertin zuversichtlich. Karin Münzer, die die letzten 20 Jahre vor der Rente gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten eine Raumausstattung leitete, ist nicht nur ein optimistischer, sondern auch ein wissbegieriger und quirliger Mensch. Ihr war deshalb sofort klar: „Wenn ich in den Ruhestand gehe, ist mir sowieso gleich fad. Mein VerAplus-Projekt habe ich mir bewusst über die Berufsschule meines zweiten Sohnes gesucht, weil ich gut mit Jugendlichen umgehen kann. Mein Jüngster hatte ebenfalls große Schwierigkeiten in Schule und Berufsschule und wir mussten eineinhalb Jahre durchgängig zusammen lernen. Außerdem bleibt man flexibler, dynamischer und jünger, wenn man sich mit der Jugend beschäftigt.“ Auch ihre Familie steht hinter dem Ehrenamt. Was sie an „ihren“ drei ausländischen Mädchen vor allem bewundert, ist ihr unglaublicher Überlebenswille, dieses kämpferische Ich-schaffe-das und den unglaublichen Einfallsreichtum. Das Schicksal habe ihr zu den beiden Söhnen drei Töchter geschenkt. Seit Kurzem betreut sie zudem einen jungen Mann, ihren ersten deutschen Jugendlichen. „Meine derzeit drei Azubis sind aber das Maximum. Ich will ja auch noch leben“, sagt Karin Münzer. Ob sie sich manchmal bewusst abgrenzen muss, um sich nicht zu verausgaben? Ja, sie mache sich immer wieder klar, dass sie nicht mit in die Schule gehen und gewisse Dinge nicht für die Jugendlichen klären könne. Vieles müssten sie einfach selbst lernen. Zum Beispiel das Flirten: Am Ende des Treffens erzählt Dilfuza Ablakulova, dass sie sich unwohl fühle, wenn männliche Hotelgäste mit ihr schäkerten: „So etwas gibt es im muslimischen Tadschikistan nicht. Ich will das auch nicht, benötige Distanz. Da brauche ich, glaube ich, noch zehn Jahre. Aber ich möchte ja in Deutschland bleiben, ich fühle mich hier wie in meiner zweiten Heimat und vermisse in Tadschikistan nur meine Familie. Sonst nichts. Mir das Flirten beizubringen ist dann vielleicht doch wichtig und die nächste Aufgabe für Karin.“ Sagt sie und verschwindet kichernd in den labyrinthartigen Gängen ihres Hotels.

289
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München
52
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22.371
seit Dezember 2008
deutschlandweit
unterstützte Azubis

VERAPLUS:
WER KANN MITMACHEN?
Das bundesweite kostenlose Coaching-Programm des Senior Expert
Service (SES) aus Bonn, das vor 15 Jahren gemeinsam mit der IHK
und der Handwerkskammer gegründet wurde, erhält eine Förderung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Mitmachen können alle jungen Menschen, die sich in einer Ausbildung oder
in einem Vorbereitungskurs zur Ausbildung befinden. Sie haben zum Beispiel die
Möglichkeit, unter vera.ses-bonn.de einen Fragebogen auszufüllen.
VerAplus-Mitarbeiter teilen ihnen dann passende Senior-Experten zu, die in Rente
oder Vorruhestand sein sowie ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis
nachweisen müssen.
Zunächst probieren Coach und Azubi ein paar Mal aus, ob es gemeinsam
funktioniert und sich alle Beteiligten wohlfühlen. In der Gestaltung
ihrer Treffen sind sie absolut frei: Sie können sich einmal die Woche oder auch
dreimal verabreden. Monatlich gibt es eine Ehrenamtspauschale pro
Auszubildenden von 50 Euro.
Und das Ziel der 1:1-Betreuung?
Hilfe zur Selbsthilfe und natürlich der erfolgreiche Abschluss der Ausbildung.
Laut Tanja Laidig, Referentin Kommunikation des SES, haben aktuell
76 Prozent der gecoachten Jugendlichen einen Migrationshintergrund: „Deshalb
hat sich unser inhaltlicher Fokus stark verändert. Unsere Senior-Experten
werden in einem zweitägigen Einführungsseminar extra geschult. Im Workshop
geht es etwa um die Inhalte der Betreuung und darum, wie das duale
Ausbildungssystem funktioniert, aber auch um psychologische Aspekte.“
Wann die Begleitung endet?
Spätestens mit dem Ende oder dem Abschluss der Ausbildung.