Wie ich wohne

Der Einheimische

Protokoll HANS ALBRECHT LUSZNAT

Foto MARTIN FENGEL

Der 26. August 2023 hat mir meine Wohn- und Arbeitssituation im wahrsten Sinne des Wortes verhagelt. In nur zehn Minuten wurde Neubeuern von einem Hagelsturm mit tennisballgroßen Hagelkörnern heimgesucht und fast 80 Prozent aller Gebäude waren beschädigt. Ich arbeitete in der Küche einer Gastwirtschaft und wohnte im Haus mit drei anderen Leuten im Dachgeschoss. Wir waren alle vier von einem Tag auf den anderen obdachlos und die Gaststätte hat nie wieder aufgemacht. So war ich meinen Job los. Die Gemeinde hat mir in Folge ein Zimmer zugewiesen, in der ehemaligen Jugendherberge der Don Bosco Schwestern. Da wohne ich jetzt auf ungefähr 15 Quadratmetern im ersten Stock in einem ehemaligen Zimmer der Jugendherberge. Eigentlich finde ich es recht gemütlich. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich auf eine Behelfskinderkrippe, die auf der anderen Straßenseite in Containern untergebracht ist. Morgens, wenn die Eltern die Kinder bringen, ist viel Verkehr auf der Straße, tagsüber kommen Landwirte mit ihren Maschinen vorbei. Augenblicklich sind wir zu zweit hier im Haus untergebracht. Mein Mitbewohner ist aus Eritrea und hat auch schon vorher mit mir in der Gastwirtschaft unterm Dach gewohnt. Er ist Metallbauer und arbeitet seit Jahren in einer Firma in der Nähe. Wir haben hier auch eine Küche und einen Gemeinschaftsraum, der ungefähr 20 Quadratmeter groß ist und in dem es zwei Tische gibt, die früher mal für Besprechungen genutzt wurden. Jeder von uns beiden hat sein Kochgeschirr. Zusammen kochen wir nicht, weil ich eigentlich kaum noch Fleisch esse. Ich komme aus der Landwirtschaft und mir tat es immer weh, wenn eine Kuh hat zum Schlachter müssen oder der Deckbulle nach drei, vier Jahren abgeholt wurde. Das hat mir immer in der Seele sehr wehgetan. Wenn ich Fleisch esse, dann mache ich das mit Bedacht. Richtig kochen tue ich eigentlich nicht, man kann es eher „erwärmen“ nennen. Ich kaufe mir Tiefkühlgerichte im Supermarkt. Die BISS-Zeitung verkaufe ich am Bahnhof, das ist nur ein paar Schritte vom Haus entfernt. Im Haus haben wir 28 Zimmer. Früher, als die Don Bosco Schwestern die Jugendherberge noch betrieben haben, waren hier 125 Betten für die Gäste. Die hat man alle abgeholt und anderweitig verwendet. Außer unseren sind alle anderen Zimmer leer. Demnächst sollen wir wieder umziehen, in das alte Feuerwehrhaus, wenn da eine neue Heizung eingebaut ist. Dieses Haus, in dem wir augenblicklich wohnen, wird mit einem Neubau nebenan zu einer neuen Kinderkrippe und einem Kindergarten umgebaut. Die Gemeinde investiert da richtig viel Geld. Für das Zimmer zahle ich 300 Euro, das heißt, im Augenblick kommt das Jobcenter dafür auf. Mein Mitbewohner ist Selbstzahler, er hat ja eine feste Arbeitsstelle, aber eine bezahlbare Wohnung hier in der doch sehr touristischen Gegend ist schwer zu bekommen. Es ist ja auch wunderschön, wir haben hier die Benediktenwand, den Herzogstand und Brauneck quasi vor der Tür. Ich bin hier groß geworden und aufgewachsen und hier möchte ich auch unbedingt bleiben und sterben.