Wie ich wohne

Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto MARTIN FENGEL

Der über den Dächern der Stadt thront

Meistens liegen viele Stunden Arbeit hinter mir, wenn ich die dunkel verfärbten, ausgetretenen Holzstufen hinaufgehe, nicht selten beladen mit Einkäufen. Ich hatte mal Tuberkulose und auch eine Operation am Bein, da macht mir das schon zu schaffen. Aber es hat auch seine Vorteile, so weit oben zu wohnen: Keiner steigt an meiner Wohnung vorbei, um ein höheres Stockwerk zu erreichen, und stört mich durch seine lauten Schritte. Es ist ruhig hier über den Dächern der Stadt. Mit den Nachbarn verstehe ich mich gut, allerdings sehe ich sie selten. Abends möchte ich einfach nur nach Hause und habe keinen Sinn für lange Unterhaltungen. Zu meiner Wohnung gehören ein 24 m2 großes Zimmer, eine Küche, ein Bad und ein Flur, insgesamt sind es 46 m2 . Dafür zahle ich mittlerweile 1.200 Euro warm. Das halte ich für zu viel. Bis auf die hohe Miete und das Treppensteigen gefällt mir die Wohnung aber gut, und doch empfinde ich sie auch als Gefängnis. Das mag daran liegen, dass ich als Kind mit meiner Familie in Rumänien in einem Haus gelebt habe. Mein Vater war Parteimitglied und es ging uns materiell gut. Schade nur, dass meine Eltern sich scheiden ließen, als ich neun Jahr alt war. In meinem Elternhaus war ich es gewohnt, einfach raus in den Garten zu gehen. Hier in der Wohnung habe ich einige Blumentöpfe aufgestellt, die mir die Natur ein wenig ersetzen sollen. Nach der Wende verkaufte mein Vater das Haus und zog in ein Altenheim. Meinen Anteil aus dem Verkauf investierte ich in einen Stand, an dem ich Lebensmittel, Zigaretten und Drogerieartikel verkaufte. Dann, als sich das wegen der steigenden Preise nicht mehr rentierte, jobbte ich in einer Kabel- sowie in einer Schuhfabrik. Straßenkehrer war ich auch, aber ich verdiente immer so wenig, dass ich mich nicht über Wasser halten konnte. Also verließ ich Rumänien. Gleich am zweiten Tag nachdem ich in Deutschland angekommen war, habe ich mir ein Zelt gekauft. Es war geräumig, für sechs Personen ausgelegt. Aus Dämmmaterialien und einer Matratze habe ich mir ein Bett gebaut, ich hatte Töpfe, Teller und einen Gaskocher, auf dem ich kochte, bis ein ehemaliger Freund mich aus meinem Zelt vertrieb. Zum Glück wollte ich sowieso gerade in eine Pension ziehen. Dort wohnte ich neben dem Hausmeister, teilte Bad und Küche mit ihm. Wir verstanden uns gut, aber dann erhielt ich die Nachricht, dass die Pension in drei Monaten aufgelöst werden sollte. Einen Monat später zog ich hier ein. Fünf Jahre lang war ich arbeitslos, bevor ich bei BISS anfing. Die Urkunde, die ich erhalten habe, als ich schon mehr als fünf Jahre fester Verkäufer war, bewahre ich gerahmt über dem Sofa auf. Wenn ich jetzt nur noch eine Wohnung mit Aufzug fände oder zumindest eine im Erdgeschoss, wäre alles perfekt. Ganz wunderbar wäre es natürlich, wenn sie noch einen kleinen Garten hätte und wenn sie unmöbliert wäre, damit ich sie mir selbst einrichten könnte.

Wie ich wohne

Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Die Sonntagsköchin

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto MARTIN FENGEL

„Blitzeblank ist es in unserem Dreigenerationenhaushalt, wir lieben es sauber und ordentlich. Selbst mein dreijähriger Enkel räumt nach dem Spielen seine zahlreichen Kuscheltiere und Autos allein wieder ins Regal. Vor allem hält aber meine Tochter alles im Reinen, da ich unter der Woche von morgens bis abends beim Verkaufen bin. Nur sonntags arbeite ich nicht. Dann koche ich für die beiden, gehe mit dem Kleinen auf den Spielplatz, erhole mich, um am Montag wieder fit zu sein. Mit den Männern hatten meine Tochter und ich Pech, darum sind wir nur zu dritt. Mein Enkel liebt es, im Kinderzimmer zu spielen. Nachts teilt er sich im Schlafzimmer ein großes Doppelbett mit meiner Tochter. Auch ich übernachte manchmal dort, allerdings wacht der Kleine oft auf, darum bevorzuge ich das Sofa im Wohnzimmer. Bevor wir hierhergezogen sind, haben wir mit meiner Schwester und deren Familie gewohnt, insgesamt waren wir sechs Personen. Das war mir zu viel Trubel, darum bin ich froh, dass meine Tochter diese Wohnung gefunden hat. Wir haben sie gemeinsam eingerichtet in den Farben Weiß, Beige, Hellbraun und Schwarz mit ein paar goldenen und silbernen Elementen. Auch haben wir viele Blumenmotive, mal gedruckt auf den Vorhängen oder als Bild an der Wand, mal als Stoffblumen in Vasen. An den Wänden hängen viele Fotos von meinem Enkel, aber auch von anderen Familienmitgliedern. Für die 75 Quadratmeter große Wohnung zahlen wir 1.900 Euro warm. 500 Euro steuere ich hinzu, außerdem kaufe ich ein. In meiner Heimat Rumänien wuchs ich in einem kleinen Haus auf, das mein Vater selbst gebaut hatte. Wir vier Geschwister schliefen in einem Zimmer, meine Eltern in einem anderen, außerdem gab es noch einen weiteren Raum. Wir hatten nicht viel, aber wir waren zufrieden. Alle kamen wir gut miteinander aus. Dann starb mein Vater mit nur 47 Jahren an einem Herzinfarkt. Bis dahin war er derjenige gewesen, der das Geld verdient hatte. Meine Mutter fand keinen Job und sah sich gezwungen, das Haus zu verkaufen. Wir alle fünf gingen nach Belgien, wo wir in der Küche eines Restaurants arbeiteten. Meine Mutter, meine Geschwister und ich teilten uns hier zwei Zimmer in einem Wohnheim. Leider erkrankte meine Mutter an Gebärmutterkrebs und starb sechs Monate nach Erhalt der Diagnose. Ich lernte einen Mann aus Frankfurt kennen und zog zu ihm. Nach einiger Zeit begann er mich zu betrügen und zu schlagen, woraufhin ich mich von ihm trennte und mit meiner Tochter in eine Zweizimmerwohnung einzog. Das Bad und die Küche teilten wir uns mit anderen Bewohnern; kochten sie, zogen unangenehme Gerüche zu uns rein. In Frankfurt war es kaum möglich, eine Arbeit zu finden. Von Bekannten hörten wir, dass es in München besser sei. Deshalb kamen wir hierher, aber so leicht war es dann auch nicht. Ich putzte hier und da, fand jedoch keine Festanstellung. Da hörte ich von BISS und bin seit drei Jahren Verkäuferin, etwa so lange, wie wir in dieser Wohnung leben. Seitdem ist alles gut.“