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Das Dorf meiner Kindheit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Leontin Buda

Ich bin in einem Dorf in Rumänien aufgewachsen, etwa 20 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Als ich klein war, arbeitete mein Vater in einer Kupfermine. Meine Mutter machte die Büros der Minenverwaltung sauber, hat dann aber ihren Job aufgegeben. Meine Eltern meinten, es sei so einfacher, weil wir vieles selbst anbauten wie Kartoffeln, Mais, Tomaten, Gurken und Obst. Außerdem hatten wir Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Pferde und Hühner, immer zwei bis drei Tiere von jeder Art, mal mehr, mal weniger, nur Schafe hatten wir immer so um die 10 bis 20 und die Hühner waren auch mindestens 20, manchmal sogar 50. All das reichte für uns aus, es war sogar etwas mehr, als wir brauchten, sodass wir auch ein bisschen was verkaufen konnten. Damals im Sozialismus war das viel wert, da die Lebensmittel rationiert waren und man nicht viel kaufen konnte. Geld hatte man genug, aber die Läden waren leer. Auch halfen uns Leute aus dem Dorf, die dann selbst gemachten Käse oder Kartoffeln von uns erhielten. Mir gefiel es als Kind, dass bei uns immer was los war. Wenn es nach Regen aussah, kamen die Leute und halfen, das Heu einzubringen. Abends, nach getaner Arbeit, grillten wir alle miteinander an einem Lagerfeuer. Wir brieten Speck am Stock, aßen dazu Käse und Gemüse. Fleisch gab es nicht so oft, nur hin und wieder. Welches zu kaufen, war nicht möglich, und unsere Kühe und Kälber durften wir nur schlachten, wenn der Veterinär es sagte. Nur Hühner und Schafe zu schlachten, war dagegen kein Problem. Unsere Schweine waren groß, brachten 200 bis 250 Kilo auf die Waage. Da es keine Möglichkeit gab, zu kühlen, kamen sie nur im Winter, vor Weihnachten, unters Messer, meist schlachteten wir ein Schwein für uns selbst und eins verkauften wir. Das Fleisch wurde eingeräuchert, in Schmalz gelegt oder es wurden Würstchen daraus gemacht. Es wurde genau berechnet, was alles bis Ostern reichte, wenn auch mal ein Lamm geschlachtet wurde. So hatte man das ganze Jahr was vom Schwein.

Es ranzelt?

Karin Lohr, BISS-Geschaftsführerin, Foto: Volker Derlath

Von unserem Titelbild im Mai bin ich total begeistert. Es zeigt den Musiker und Künstler Hans Well, der sich schon sein Leben lang für soziale Gerechtigkeit und gelebte Demokratie engagiert. Uns BISSlern ist Hans Well seit vielen Jahren treu verbunden. Er kommt, wenn wir ihn brauchen, wie das bei ganz besonderen Ereignissen in der Vergangenheit der Fall war. So bei der Eröffnung des Kunstpavillons am Wittelsbacher Platz zu unserem 25-jährigen Jubiläum am 30. Juni 2018, als er und die Wellbappn an einem perfekten Frühsommertag unter weiß-blauem Himmel vor Hunderten von Gästen aufspielten. Ebenfalls unvergesslich bleibt sein hinreißender Auftritt am 17. Oktober 2023 im Alten Rathaussaal, als BISS sein 30-jähriges Jubiläum feierte. Unsere 400 Gäste, darunter sehr viele BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer, jubelten schon bei den ersten Tönen und so mancher wäre gern auf einen Stuhl gesprungen und hätte mitgetanzt. Überhaupt finde ich es bemerkenswert, wie sehr die Musik Menschen verbinden kann. Hans Well spricht noch dazu so richtig und herzerwärmend Bairisch, das hört man nicht mehr oft und erfordert selbst von mir als „Muttersprachlerin“ volle Aufmerksamkeit. Im Interview (S. 6 bis 11) spricht er von „ranzeln“, bezogen auf durch die Wirklichkeit längst überholte Einstellungen bei politisch Verantwortlichen. Ich bin schon gespannt, wie wir den Ausdruck ranzeln, der ja ranzig bzw. nach verdorbenem Fett riechend bedeutet, bei unserer Verkäufersitzung im Mai vorstellen werden. Sollte es eine entsprechende Bezeichnung in rumänischer und bulgarischer Sprache geben, werden wir es ab 5. Mai wissen. Ein Thema, das Hans Well und die BISS verbindet, ist der Protest gegen die seit vielen Jahren explodierenden Mieten in München und die Tatenlosigkeit der Politiker. Es ist mir unverständlich, wie sehr die steigenden Benzinpreise die aktuelle Diskussion beherrschen und einen Aktionismus in der Bundespolitik auslösen, während die exorbitanten Mieten in München und anderen deutschen Großstädten stillschweigend ignoriert werden. Autofahren kann doch nicht wichtiger sein als bezahlbarer Wohnraum? In den Städten steigt die Mietbelastungsquote unaufhörlich, das heißt, der Anteil der Mietkosten am zur Verfügung stehenden Einkommen wird größer, und damit steht weniger Geld für Lebensmittel und andere Dinge zur Verfügung. Daran ändert nichts, dass einkommensschwächere Haushalte etwa Wohngeld oder ergänzende Leistungen für die Miete beantragen können, denn das wird aus Steuergeldern und damit von der Allgemeinheit finanziert. Die Bayerische Verfassung beauftragt die Politik, die Verteilung und Nutzung des Bodens zu überwachen und Missbräuche abzustellen (Artikel 161). Da ranzelt nichts, dieser Auftrag ist so frisch und zeitgemäß wie im Jahr 1946.


Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe April 2026 | Abwärtsspirale

Cover des BISS-Magazins April 2026


Inhalt | Abwärtsspirale | Schwarzfahren ist in vielen Teilen Deutschlands eine Straftat. Besonders Arme können dadurch im Knast landen. | 6 „TrommelPower“ Rhythmus und soziale Integration | 10 Essstörungen Eine digitale Streetworkerin versucht auf Social Media zu helfen | 12 Schwarzfahren Fahren ohne Ticket sollte nicht kriminalisiert werden | 16 Suizid in der Familie Wie kann es weitergehen? | 20 MiA e.V Teilhabe durch eine Ausbildung | 5 Wie ich wohne | 26 SCHREIBWERKSTATT BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Ausbildung bei MIA

Foto: Katherina Sellin

Der Münchner Verein MiA bietet eine besondere Ausbildung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung (Menschen mit Lernschwierigkeiten) an.

MiA ist die Abkürzung für Münchner inklusive Arbeitswelt. Inklusiv bedeutet, dass Menschen mit Behinderung genauso mitmachen können wie Menschen ohne Behinderung. Menschen mit Behinderung haben die gleichen Rechte wie Menschen ohne Behinderung. Das steht in der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland im Jahr 2009 unterschrieben hat. Damit hat sich Deutschland verpflichtet, für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu sorgen.

Der Verein MiA möchte eine Alternative zu den Werkstätten für Menschen mit Behinderung bieten.Die MiA-Akademie bereitet Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung (Menschen mit Lernschwierigkeiten) gut darauf vor, einen Arbeitsplatz auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Das bedeutet, dass sie in Betrieben wie Restaurants, Cafés oder Hotels arbeiten – gemeinsam mit Menschen ohne Behinderung.

Martina Köhne ist die Geschäftsführerin bei MiA. Sie sagt: „MiA ist aus einem Elternverein entstanden, im Jahr 2018. Wir wollten die Inklusion im Arbeitsleben voranbringen. Wir kümmern uns um den Übergang zwischen Schule und Beruf.“ Das Besondere bei MiA ist, dass es Mentoren gibt. Die Mentoren sind Begleiter und Ansprechpartner. Sie haben eine pädagogische Ausbildung. Sie begleiten die Teilnehmenden in den Betrieben. Und sie sind auch Ansprechpartner für die Betriebe. Denn jede und jeder Teilnehmende braucht etwas anderes, hat unterschiedliche Stärken und Schwächen. Gerade am Anfang ist es wichtig, jeden gut und eng zu begleiten.

Etwa 24 Teilnehmende bekommen zurzeit bei MiA die Möglichkeit, langfristig eine Arbeit zu finden. Eine Arbeit, die ihren Stärken, Wünschen und Möglichkeiten entspricht. Eine Arbeit, die sie fordert, ohne sie zu überfordern. Ein wichtiger Teil der Ausbildung sind Praktika in echten Betrieben. Dort sammeln die Teilnehmenden Erfahrungen im Arbeitsalltag. MiA arbeitet dafür mit verschiedenen Hotels und Gastronomiebetrieben zusammen. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden nach der Ausbildung dort oder in ähnlichen Betrieben arbeiten können.

Die Ausbildung bei der MiA-Akademie besteht aus verschiedenen Teilen. Zuerst bekommen die Teilnehmenden eine Grundqualifizierung. Eine Hotelfachfrau bietet Hotel- und Serviceschulungen an. Und sie lernen in der Küche. Sie lernen wichtige Fähigkeiten, zum Beispiel wie man Lebensmittel vorbereitet und wie man den Arbeitsplatz organisiert. Auch Hygiene, Ordnung und Teamarbeit gehören dazu. Zusätzlich gibt es Unterricht und die Möglichkeit, ein IHK-Zeugnis zu bekommen. So haben die Teilnehmenden später bessere Chancen auf einen festen Arbeitsplatz.

Zum Beispiel Elisa. Sie hat Trisomie 21 und macht eine Ausbildung zur Assistentin im Hotel- und Gaststättengewerbe. Sie arbeitet in der Kantine des Landratsamts München. Dort in der Küche schneidet sie zum Beispiel Gemüse. Sie arbeitet sehr konzentriert und genau.

Mandy Joseph ist Elisas Vorgesetzte und Küchenchefin in der Kantine. Sie sagt: „Seit Februar ist Elisa da und sie macht sich super. Alles geht zwar etwas langsamer, aber Elisa ist sehr gewissenhaft. Ich sage ihr ganz genau, was sie machen soll. Wenn ich ihr zum Beispiel eine Aufgabe gebe und nach zwei Minuten will ich etwas anderes von ihr, dann geht das nicht.

Es ist wichtig, konzentriert eine Aufgabe nach der anderen zu tun statt vieles gleichzeitig. Da lerne ich was von Elisa.“

Emilia ist eine andere Teilnehmerin der MiA-Akademie. Sie arbeitet in einer Hotel-Küche. Das Salatschleudern macht ihr am meisten Spaß. Und letzte Woche hat sie einen ganzen Sack Kartoffeln geschält. Danach kam ihr Chef, um zu prüfen, ob noch Reste von Schalen dran sind. Emilia sagt stolz: „Da war nichts dran, gar nichts!“

Auch in der Küche vom Salesianum arbeiten Teilnehmende der MiA-Akademie.

Das Salesianum ist eine Einrichtung für Jugendliche. Etwa 650 Essen müssen dort täglich zubereitet werden. Der Küchenmeister Max hat vorher schon in einer Förderschule mit Menschen mit Lernbeeinträchtigung gearbeitet. Er sagt: „In unserer Großküche kann

man schon ordentlich was lernen. Denn in der Küche braucht es vor allem Routine. Und die bekommt man durchs Üben.“

Es gibt viele Hilfsmittel wie zum Beispiel Plastikschieber. Sie helfen beim klein geschnittenen Gemüse, wenn man mit den Händen nicht richtig greifen kann.

Tipp! MiA hat auch ein eigenes Ausbildungscafé in der Auerfeldstraße 15 in München. Das ist direkt gegenüber vom Salesianum. Es hat Dienstag, Mittwoch und Donnerstag zwischen 11 und 16 Uhr geöffnet. Die Auszubildenden servieren Frühstück und selbst gemachtes Mittagessen: www.miaev.org/cafe-mia/

Mehr Infos zur MiA-Akademie: www.miaev.org/mia-akademie

Sind Sie zwischen 18 und 28 Jahre alt? Können Sie selbstständig mit Bus, U-Bahn und S-Bahn fahren? Haben Sie die Berufsschulpflicht erfüllt?
Dann können Sie bei der MiA-Akademie teilnehmen.

Sie brauchen eine Bescheinigung von der Bundesagentur für Arbeit: darüber, dass Sie für das Eingangsverfahren und den Berufsbildungsbereich einer W/M (Werkstatt für behinderte Menschen) geeignet sind.

In der MiA-Akademie lernen Sie: Theorie und Praxis aus diesen Berufen: Hotel- und Gaststättengewerbe, Hauswirtschaft und Hausmeisterdienste,

Umgang mit anderen Menschen ( zum Beispiel Teamarbeit, Gespräche führen, Verhalten bei Konflikten), Arbeit in Partnerbetrieben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Kontakt: Münchner inklusive Arbeitswelt MiA e.V. St.-Wolfgangs-Platz 11, 81669 München, Tel. 089 32960242, E-Mail: info@miaev.org, www.miaev.org

Pädagogische Leitung: Isolde Gertig (Soz.päd.) E-Mail: isolde.gertig@miaev.org

Original-Text von Vera von Wolffersdorff

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de

Wie ich wohne

Der Historiker

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto: Martin Fengel

Im Spind hängen meine Kleider, neben meinem Bett stehen zwei Paar Schuhe und einige Flaschen mit Saft und Softdrinks. Im Zimmer gibt es neben einem weiteren Bett und einem weiteren Spind noch einen Tisch mit Stühlen, allerdings ist der, wie überhaupt der ganze Raum, vollgestellt mit den Sachen meines Mitbewohners, sogar unter meinem Bett lagert er seinen Krempel. Gegenüber von unserem Zimmer ist die Gemeinschaftsküche mit sechs Herdplatten, zwei Mikrowellen und zwei Spülen. Regelmäßig koche ich hier Kohlrouladen, Frikadellen oder Gemüseeintöpfe. Am Ende des Ganges sind saubere Toiletten und Duschen. Seit acht Monaten wohne ich in diesem Notquartier der Stadt München und zahle für das Zimmer 289 Euro im Monat. Am besten gefällt mir hier, dass es ruhig ist. Zuvor war ich in einer ähnlichen Einrichtung untergebracht, da waren aber viele gefährliche Typen und es war sehr laut. Ursprünglich stamme ich aus der polnischen Stadt Legnica, wo ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in einer 230 m2 großen Altbauwohnung mit sieben Zimmern aufwuchs. Ein Raum war so riesig, dass wir darin an Feiertagen mit unseren ganzen Verwandten und Freunden –insgesamt an die 60 Leute – sitzen konnten. Meinem Vater gehörte ein Gemischtwarenladen, die Wohnung hatte er einem Parteisekretär abgekauft. Ich besaß ein eigenes Zimmer, wo ich für die Schule lernte und viel las, vor allem Abenteuergeschichten und historische Bücher. Später studierte ich sogar Geschichte. Einmal war ich für zwei Monate bei einer Ausgrabung in Ägypten, in der antiken Stadt Memphis, wo wir in Zelten schliefen. Obwohl es tagsüber 30 bis 40° C heiß war, brauchten wir nachts unsere Schlafsäcke, denn die Temperaturen fielen nach Einbruch der Dunkelheit manchmal auf 12° C. Auch in Berlin habe ich als Historiker gearbeitet, im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf übertrug ich die Beschilderung der Objekte ins Polnische. Nachdem diese Aufgabe beendet war, gelang es mir nur noch, mit dem Verkauf von Straßenzeitungen Geld zu verdienen. In Hamburg und London habe ich auch gelebt. Meine Tochter hat einen Briten geheiratet und so habe ich drei Jahre lang in einem typisch englischen Reihenhaus mit ihr und ihrer Familie gewohnt. Sowohl in Berlin als auch in Hamburg hatte ich das Pech, dass das Haus, in dem sich meine Wohnung befand, verkauft wurde. In Berlin geschah das während der Zeit, in der ich in England war. Obwohl ich brav meine Miete bezahlt hatte, wurden alle meine Sachen entsorgt. Immerhin hatte ich in Hamburg drei Monate Zeit, um auszuziehen. Leider fand ich nichts anderes, so ging ich nach München, weil eine Bekannte und eine Cousine von mir hier wohnten. Mit meiner jetzigen Unterkunft bin ich im Grunde genommen zufrieden, nur möchte ich mein Zimmer tauschen. Abgesehen davon, dass ich kaum Platz habe, schläft mein Mitbewohner tagsüber, wenn ich arbeite, und sieht dafür die ganze Nacht fern. Die ersten Monate habe ich mit anderen Leuten zusammengewohnt, was wesentlich angenehmer war. Eine eigene Wohnung wäre noch mal was ganz anderes. Aber im Moment reicht mir schon ein neues Zimmer.