BISS-Ausgabe April 2021 | Aktiv leben

Thema | Aktiv und gesund | In Bewegung zu bleiben gelingt vielen am besten in der Gruppe. Im übertragenen Sinn müssen sich Politiker*innen bei vielen Punkten bewegen, damit unsere Gesellschaft sozialer werden kann. | 6 Zusammen aktiv bleiben: Gemeinsam über Stock und Stein | 12 Mindestlohn: Ein erster Schritt, aber noch lange nicht perfekt| 16 Ehrenamt: Junge Menschen engagieren sich | 20 Robert Habeck im Interview: Die Vertreter von 15 deutschen Straßenzeitungen sprechen mit Spitzenkandidaten im Wahljahr| Schreibwerkstatt | 5 Wie ich wohne | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Wie ich wohne

Wer wohnt wie? In der Kolumne geben BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Der Bücherwurm

Protokoll: FELICITAS WILKE, Foto: Martin Fengel

„Das Erste, was einem auffällt, wenn man in mein Zimmer kommt, sind meine vielen Bücher. Sie stapeln sich auf Regalen, auf meinem Nachttisch, sogar auf meinem Esstisch. Ich habe mal bis zu 5.000 Stück besessen! Ich lese, was mir in die Finger kommt, am liebsten aber Literatur über Religion – von Romanen über Sachbücher bis hin zu Zeitungen. Wenn mich ein Artikel interessiert, schneide ich ihn aus und bewahre ihn auf. Ich lebe seit fast fünf Jahren in einem Heim des katholischen Männerfürsorgevereins in Haidhausen. Ich muss hier keine Miete zahlen, die Regierung von Oberbayern übernimmt das. In dem Haus sind verschiedene Wohngemeinschaften untergebracht. Ich teile mir mit drei anderen Männern eine Wohnung im Erdgeschoss. Wir haben alle unser eigenes Zimmer und teilen uns eine Küche und ein Bad. Da wir alle viel unterwegs sind, sehen wir uns nicht allzu oft. Aber wir kommen sehr gut miteinander aus. Mein Zimmer ist ungefähr 17 Quadratmeter groß. Darin stehen ein Schrank, ein Bett, ein Esstisch mit zwei Stühlen und mein Lesestoff. Meine Möbel sind aus hellem Holz, genau wie der Fußboden. Am Fenster, das zum Hinterhof hinausgeht, hängt ein gelber Vorhang. Selbst wenn ich einen Wunsch freihätte, würde ich an meiner Wohnsituation nichts ändern. Ich lebe gern hier – und ohnehin finde ich, man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen. Das habe ich in meinem Leben gelernt. Ich bin ursprünglich aus Baden-Württemberg und in Schramberg in der Nähe von Rottweil geboren. Aufgewachsen bin ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr im benachbarten Lauterbach, einem Luftkurort. Dann ist meine Mutter gestorben. Da mein Vater viel gearbeitet hat, teilweise auch nachts, bin ich als Elfjähriger mit meinen Geschwistern zu Verwandten nach Oberndorf am Neckar gezogen. Sie hatten einen Bauernhof, wo wir vorher schon öfter unsere Ferien verbracht hatten. In Oberndorf ging ich auch aufs Gymnasium und machte später meine Mittlere Reife. Nach der Schule begann ich zunächst eine kaufmännische Ausbildung, beschloss dann aber, eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Meine dreijährige Ausbildung führte mich ins Versorgungsamt nach Heidelberg und Rottweil. Doch nicht nur gesundheitliche Probleme machten mir zu schaffen, sondern auch meine politische Einstellung: Ich war damals bekennender Kommunist und Pazifist. Das kostete mich meine Arbeit und mein Leben als Beamter.
Also zog ich im Jahr 1969 nach München. Ich sollte in den folgenden Jahrzehnten vielen Berufen nachgehen: Mal war ich Aushilfsbriefträger, mal sortierte ich Briefe bei der Post, dann war ich Staubsaugervertreter bei Vorwerk, später arbeitete ich als Gebäudereiniger. Seit neun Jahren verkaufe ich die BISS. Ich hatte aber nicht nur viele unterschiedliche Berufe, sondern auch viele verschiedene Adressen in München. Unter anderem habe ich schon am Elisabethplatz gewohnt, zwischendurch in Neuaubing, in der Clemensstraße und in der Nymphenburger Straße. Jetzt bin ich in Haidhausen gelandet – und meine Bücher sind natürlich mit dabei.“

Gute Zeit

Von
ANNA SCHMID

Jugendliche wollen sich engagieren – doch irgendwie muss dieses Engagement in den vollgepackten Alltag passen. Und wer nicht weiß, in welcher Stadt er morgen studieren wird, lässt sich vielleicht nicht gern auf ein längeres Projekt ein. Doch wer will, findet viele Möglichkeiten.

Die 18 jŠhrige Roxy trifft sich im Rahmen ihres Ehrenamtes mit Senioren im Pflegeheim.

Ich habe sie sehr bewundert“, sagt Roxana. Zwei Jahre lang hat die 18-jährige Schülerin eine Bewohnerin in einem Münchner Pflegeheim besucht, jeden Sonntag für eine oder anderthalb Stunden. Die beiden haben Zeit miteinander verbracht, sich unterhalten und zusammen Kuchen gegessen. Roxana möchte nächstes Jahr ihre allgemeine Hochschulreife machen und überlegt gerade, was sie danach studieren will. Anders als die Frau, die in diesem Text Klara Müller heißt, haben sie und ihre Mitschülerinnen heute beinahe alle Möglichkeiten. „Ihr Leben war so anders als meines“, sagt sie. Vor wenigen Wochen ist Klara Müller gestorben. Wie alt sie war, wollte sie ihrer Besucherin nie verraten. 272 Bewohner leben in verschiedenen Wohnbereichen in dem Münchner Pflegeheim, das sich auf die Betreuung und Pflege dementer Menschen spezialisiert hat.

Weiterlesen „Gute Zeit“

Hallo und auf Wiedersehen – oder wie ich einmal einen Vogel hatte

Wolfgang „Butzi“ Kurz

Am 8. Oktober vergangenen Jahres ist einem meiner Söhne ein Vogel zugeflogen. Er gab ihm Brot und der Vogel setzte sich auf seine Schulter. Ich kam dazu und fing an zu pfeifen, und als ich den Vogel mit „Bazi Pou“-Rufen lockte, kam er zu mir. Seitdem ist er mein „Bazi Pou“ und sein Geburtstag ist am 8. Oktober. In einem kleinen Karton transportierte ich den Vogel zu mir nach Hause und besorgte gleich einen Käfig und Leckerlis. Der Vogel war sehr zahm. Er küsste mich auf die Lippen und aß von meinem Zeigefinger, das war wunderschön. Ich schimpfte ihn am Anfang, er solle außerhalb des Käfigs nicht Kacka machen. Er parierte – so einigermaßen. Beim Saubermachen des Käfigs und beim Füttern mit Wasser, Leckereien und Salat schaute er mich aus seinen schwarzen Augen an. Das machte mich sehr glücklich. Dann aber kam der Tag, als er nach circa zwei Monaten und einer Woche von meinem Appartement wegflog. Und ich war auch noch selbst daran schuld: Ich hatte die Balkontür offen gelassen. Obwohl ich vorher schon mit ihm spazieren war und er dabei immer mal wieder weggeflogen war, war er immer wieder zurückgekommen. Und wenn nicht, dann konnte ich ihn finden und zur Rückkehr bewegen. Dieses Mal flog er zu meinen Nachbarn gegenüber. Sie riefen mich gleich, ich solle schnell rüberkommen. Leider habe ich dann einen neuen Fehler gemacht: Als ich bei meinen Nachbarn angekommen war, setzte sich mein Vogel nämlich auf meinen Kopf. Doch ich bewegte meine linke Hand, er flog wieder auf und setzte sich bei meinen Nachbarn auf Schultern und Arme. Ich lockte ihn mit Mais, aber er flog immer weiter weg, bis er über dem Hausdach verschwand. Nur ganz kurz habe ich ihn noch gesehen. Ich pfiff und rief „Bazi Pou“, aber leider ist er nicht zurückgekommen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass er eines Tages zurückkommt.

Sehen mit dem Herzen

Erinnern Sie sich noch an die bayerische Sozialministerin, die vor einigen Jahren für Schlagzeilen sorgte? Leider nicht mit kühnen Ideen und bemerkenswertem Engagement für die Menschen in der Gesellschaft, die auf Unterstützung angewiesen sind. Sondern dadurch, dass sie sich bei einem Termin in einer Flüchtlingsunterkunft in ihrem Dienstwagen verschanzte. Dieser Vorfall hätte wahrscheinlich nicht das Ende ihrer politischen Karriere bedeutet, sondern es war der Geschäftssinn der Ministerin in der sogenannten Modellbau-Affäre. Der gleiche kalkulierende Geschäftssinn begegnet einem auch jetzt wieder.

Einzelne Politiker haben sich persönliche Vorteile verschafft, indem sie für die Vermittlung von Corona-Schutzmasken ungeniert hohe Provisionen kassiert haben. Das Schlimme daran ist einmal, dass hier von sechsstelligen Summen die Rede ist, während dieselben Personen daran beteiligt sind, dass bei der Erhöhung von Sozialleistungen, wie aktuell dem einmaligen Corona-Zuschlag, gefeilscht und geknausert wird. Zum anderen beschädigt ihr Fehlverhalten, auch wenn es möglicherweise strafrechtlich ohne Konsequenzen bleibt, das Ansehen der mehrheitlich ehrlichen und engagierten Politikerinnen und Politiker. Die Bundestagswahl im September ist wieder eine Chance, genau hinzuschauen und zu hören, was diejenigen erzählen, die sich zur Wahl stellen. Hat da jemand eine Ahnung davon, wie es denjenigen geht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen? Hat sich jemand einen persönlichen Eindruck verschafft, indem sie oder er in den Flüchtlingsunterkünften, Pflegeheimen, Krankenhäusern, Obdachloseneinrichtungen und -diensten, Kindergärten, Schulen, Sozialwohnungen und in den Schlachthöfen genau hingeschaut und mit den Menschen dort geredet hat? Wissen die Kandidatinnen und Kandidaten, was die Leute dort im Monat verdienen, wie hoch ihre Miete ist und wie sie es anstellen, dass sie bis Ende des Monats mit ihrem Geld hinkommen? Ein Sprichwort lautet: „Was das Auge nicht sieht, tut dem Herzen nicht weh.“ Das mag ein guter Rat bei Liebeskummer sein, aber was den Alltag der Menschen betrifft, sehe ich das als Aufforderung an uns alle, ganz genau hinzuschauen. Denn wer den Abgrund wahrnimmt, der sich zwischen den Lebenswelten der Menschen in der Gesellschaft auftut, dem muss das Herz wehtun. So jemand bereichert sich nicht auf Kosten der Schwächeren, darauf baue ich.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Foto: Volker Derlath