BISS-Magazin September 2026 | Zurück in Arbeit

Cover des BISS-Magazins September 2026

Inhalt | Zurück in Arbeit | Arbeit ist nicht nur zum Geldverdienen da, sie schafft auch soziale Integration. | 6 Artothek: Kunst zum Leihen 10 Interview mit Anette Farrenkopf: Der Jobcenter-München-Weg | 14 Zurück
in den Beruf
: Unterstützung für Alleinerziehende 18 Digitalisierung: Ein soziales Thema 22 BISS im Museum Brandhorst | 5 Wie ich wohne | 26 SCHREIBWERKSTATT BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 21 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Hilfe für den Umgang mit dem Internet

Martina Hübner ist Sozialpädagogin bei der Caritas in München. Sie leitet das Kinder- und Familienzentrum Am Südpark in München. Sie berät Familien in sozialen Schwierigkeiten. Sie sagt: „Es kommen viele zu uns, die Hilfe im Internet brauchen.“

Immer mehr Dinge werden heute mit dem Computer, dem Smartphone oder im Internet gemacht. Das nennt man Digitalisierung. Das Internet kann vieles einfacher machen. Auch Behördengänge. Aber nur, wenn Menschen das Internet nutzen können. Wer kein Internet hat, Sprachprobleme oder Probleme mit der Technik hat, braucht weiterhin persönliche Unterstützung. Sonst werden gerade die Menschen ausgeschlossen, die Sozialleistungen dringend brauchen. Zum Beispiel wenn es darum geht, Sozialhilfe, Kinderzuschlag oder Wohngeld zu beantragen. Das geht oft nur noch im Internet und das ist für viele Menschen schwierig.

Deshalb gibt es im Familienzentrum ein kleines Büro mit Computer, Drucker und Internet.

Menschen, die Hilfe brauchen, können dort Termine buchen oder Internet-Formulare ausdrucken.

Martina Hübner sagt aber auch, dass manche zwar einen Computer und Internet haben. Aber sie wissen nicht, wie sie beides richtig benutzen können. Besonders arme Familien und Menschen mit wenig Bildung hätten oft nie gelernt, mit Computer und Internet umzugehen. Vielen Menschen fällt es schwer, ein Passwort oder ein Benutzerkonto im Internet zu erstellen. Und viele verzweifeln schon, wenn sie einen Termin beim Kreisverwaltungsreferat (KVR) buchen müssen. Martina Hübner sagt: „Man muss schnell im Internet sein. Denn die Termine sind schnell weg. Das ist besonders schwierig für Menschen mit Behinderungen oder mit sprachlichen Problemen, weil sie länger brauchen. Viele verstehen nicht, was bestimmte Wörter bedeuten und wie man auf den Internetseiten der Behörden die richtigen Informationen findet.“

Außerdem sind viele Internetseiten der Ämter nicht in alle Sprachen übersetzt. Für Menschen aus anderen Ländern ist das ein großes Problem. Telefonisch kommt man oft auch nicht schnell weiter. Ruft man die Behörde an, dann hat man oft lange Wartezeiten und bekommt wenig Hilfe.

Martina Hübner sagt:

Bald könnte dieses Problem noch größer werden – mit der Sozialstaatsreform. Dazu gehört, dass viele Sozialleistungen dann nur noch im Internet beantragt werden können. Viele finden diese Pläne gut. Die Verwaltung soll einfacher und schneller werden. Und die Künstliche Intelligenz soll viel übernehmen, damit die Mitarbeitenden wieder mehr Zeit für Beratungen haben. Doch es gibt auch Kritik. Die Gewerkschaft Verdi warnt davor, dass die Umstellung auf das Internet nur als großes technisches Projekt gesehen wird. Dafür braucht man aber viele Mitarbeitende und Geld.

Der Deutsche Caritasverband warnt vor den Problemen mit dem Internet: Besonders arme Menschen, Menschen ohne Wohnung oder Menschen mit Schulden könnten Probleme mit Anträgen im Internet haben. Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen könnten Probleme damit haben. Oder Menschen, die dem Internet nicht vertrauen. Besonders Frauen haben wegen Beruf und Kindern oft weniger Zeit, ihre Internet-Kenntnisse zu verbessern.

Und viele ältere Menschen haben Schwierigkeiten mit dem Internet, denn sie haben oft nicht einmal ein eigenes Smartphone. Viele haben auch Seh-Probleme und können ihr Handy nicht richtig bedienen. Viele ältere Menschen haben Angst um ihre Daten. Sie haben auch Angst vor Betrug im Internet.

Günter Wolf ist Seniorenvertreter bei der Stadt München. Er findet die Digitalisierung eigentlich gut. Aber er hat Angst, dass ältere Menschen durch das Internet noch stärker ausgeschlossen werden. Er fordert deshalb mehr persönliche Hilfe und weiterhin Anträge auf Papier.

Immer mehr Menschen kommen zu den sozialen Einrichtungen wie dem Caritas-Familienzentrum, weil sie Hilfe bei Internet-Anträgen brauchen. Das Caritas-Familienzentrum sollte aber stattdessen eigentlich Gruppen- und Bildungsarbeit machen.

Martina Hübner sagt:

Original-Text von Max Wochinger

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de

Wie ich wohne

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto MARTIN FENGEL

Der Ladenhüter

Seit ich in München bin, habe ich einen festen Schlafplatz, im Eingang eines Trachtenladens. Ab 20 Uhr kann ich mich dort hinlegen. Alles muss wieder aufgeräumt und sauber sein, bevor das Geschäft um 10 Uhr öffnet. Es hat übrigens auch was davon, dass ich davor übernachte: Wenn einer einbrechen möchte, muss er erst einmal an mir vorbei. Tagsüber schließe ich die Kartons, die ich direkt auf den Boden lege, meine Isomatte, mein Kissen, den Schlafsack und meine Decke in den Kasten meines Lastenfahrrads ein, das am Viktualienmarkt steht. Das Rad hat einen Platten und ist auch nicht mehr gut in Schuss, aber um meine Sachen zu lagern, ist es ideal. Jeden Samstag und Dienstag bringe ich den Schlafsack und meine Kleider in einen Waschsalon. Im Eingang des Trachtenladens schlafe ich nur, zum Essen gehe ich an andere Orte. Meist verzehre ich Konserven vom Discounter, wie zum Beispiel Ravioli. Da ich nichts besitze, mit dem ich sie warm machen kann, nehme ich alles kalt zu mir. Im Winter gönne ich mir manchmal eine warme Mahlzeit in einem türkischen Restaurant am Sendlinger Tor. Waschen oder duschen kann ich mich bei Freunden von mir. Mit den anderen Leuten, die um mich rum auf der Straße leben, habe ich keine Probleme, wir grüßen uns, aber nicht mehr. Die meisten Passanten sind nett, nur vereinzelt habe ich mit Leuten Ärger. So lebe ich schon seit zehn Jahren. Das heißt, zwischendurch habe ich drei Jahre lang versucht, in meinem Elternhaus in Rumänien, in der Nähe der Stadt Galati, zu wohnen. Ich hatte mir eine Schafherde mit 70 Tieren zugelegt, auf Dauer rentierte sich das aber nicht. Die Herde konnte ich einem ehemaligen Schulkameraden verkaufen. Momentan steht das Haus leer und verfällt allmählich. Der Grund, der mir und meinen fünf Geschwistern gehört, ist einen Hektar groß. Was damit passiert, ist noch unklar, das muss ein Anwalt regeln. Meine Kindheit auf dem Land war wunderschön. Wir hatten Kühe und Pferde und in der Nachbarschaft waren an die 20 Kinder, mit denen ich Fußball oder Handball gespielt habe, oder wir gruben ein Loch in die Erde und versuchten, mit Geldmünzen hineinzutreffen. Wir haben auch Rohre von einer Quelle verlegt und das Wasser in eine Kanne fließen lassen. Herrlich frisch schmeckte das. Heute spielen die Kinder in meinem Dorf so was nicht mehr. Es sind auch nur fünf Familien dort geblieben. Als ich klein war, waren es in etwa viermal so viele. Die Leute gingen weg, um Arbeit zu finden. So wie ich auch. Etliche Jahre habe ich in Mailand auf dem Bau gearbeitet und teilte mir eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit einem Kumpel. Von ihm habe ich das Angeln gelernt. Ich hüte mich aber, es auch an der Isar zu probieren, da ich weiß, dass man in Deutschland viele Regeln beachten muss und einen Angelschein benötigt. Auf keinen Fall möchte ich Strafe zahlen. Wahrscheinlich werde ich die nächsten 20 Jahre bis zur Rente hier im Land bleiben. Wenn die kalte Jahreszeit einsetzt, will ich jedoch lieber in einer Wohnung leben. Ich spare schon, um die Kaution zahlen zu können.

Fünf Tage am Meer

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Angela-Rodica Crisan

Als ich acht oder neun Jahre alt war, verbrachte ich mit meinen Klassenkameraden fünf Tage am Schwarzen Meer. Wir fuhren von der Schule um zwei Uhr nachmittags los und wir kamen erst spätabends gegen elf an – eine ziemlich lange Busfahrt. Untergebracht wurden wir in kleinen Hütten mit Etagenbetten, jeweils fünf gemeinsam mit einer Lehrkraft. Die ganze Fahrt war organisiert von einer Freikirche. Damals kamen viele freikirchliche Gruppierungen in unser Kinderheim, brachten Nahrungsmittel, Kleidung und unternahmen viel mit uns. Darunter eben auch diese Fahrt ans Meer. Die Angehörigen der Freikirche kümmerten sich vor Ort um uns, kochten, sangenmit uns und brachten uns in die Kirche. Ich kann mich erinnern, dass wir viel Zeit am Strand verbrachten, nach diesen Tagen war ich ganz braun gebrannt. Wir spielten mit dem Ball und buddelten im Sand. Unsere Betreuer organisierten Spiele, bei denen man etwas gewinnen konnte. Mir gelang es, einen Teddybären zu ergattern. Auf dieser Fahrt gefiel mir alles, die schöne Landschaft, das Meer und auch das Essen war sehr lecker. Nur ins Wasser traute ich mich nicht. Während alle Kinder schon drin waren, stand ich draußen und weinte die ganze Zeit. Eine Amerikanerin, die der Freikirche angehörte, sah das und brachte mir das Schwimmen bei. Im flachen Wasser zeigte sie mir, wie ich mich richtig zu bewegen hatte, und so langsam lernte ich es. Als ich später mit den Kindern aus meinem Kinderheim ins Freibad ging, waren alle erstaunt, dass ich jetzt schwimmen konnte. Ich erinnere mich sehr gern an diese Zeit, erst als ich das Kinderheim verließ, wurde mein Leben schwieriger. Am Meer war ich seitdem nie wieder. Heute, wenn man in Rumänien ans Schwarze Meer möchte, braucht man einen Haufen Geld. Meinen eigenen Kindern habe ich aber häufig von meinen Erlebnissen damals erzählt.

Flaschen sammeln

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (Foto: Volker Derlath)

In der von mir sehr geschätzten Tageszeitung oder vielmehr dem dazugehörigen wöchentlichen Magazin gibt es eine Rubrik, die Fragen diskutiert, die ihre Leserschaft umtreiben. Ich lese sie ausgesprochen gern, gerade weil es um alltägliche Themen geht. Neulich stellte eine Leserin die Frage, ob sie ihren elfjährigen Sohn und seinen Freund davon abhalten sollte, gelegentlich am Wochenende Pfandflaschen zu sammeln, wo doch andere Menschen das zur Aufbesserung ihres „mickrigen Geldes“ als Einkommensquelle nötig haben. Das Thema Flaschenpfand begegnet uns bei BISS im Zusammenhang mit armen und obdachlosen Menschen öfter. Es kommt regelmäßig vor, dass Initiativen fordern, den Zugang zu Pfandflaschen für diejenigen, die sie sammeln, zu erleichtern, sei es durch spezielle Halterungen an den Abfallbehältern oder Aufkleber an Pfandautomaten. Und es scheint genügend Leute zu geben, die ihre leeren Flaschen an dem Ort stehen lassen, an dem sie sie ausgetrunken haben, in der Annahme, armen Menschen einen Dienst zu erweisen. Aber ist das wirklich so? Bei einem Pfand von acht Cent pro Bierflasche muss der Flaschensammler ja 100 Flaschen zurückgeben, damit er acht Euro einnimmt. Aber wie lange ist er unterwegs, bis er 100 Flaschen beieinanderhat, und wie schwer muss er daran schleppen! Was ist, wenn er am nächsten Tag „nur“ 50 Flaschen findet und nur vier Euro in der Tasche hat? Ich meine, die Bequemlichkeit der einen bewirkt maximal ein Almosen für die anderen, mehr nicht. Wer eine Lebenskrise überwinden muss, braucht Anteilnahme, sachkundige und menschenfreundliche Beratung, möglichst eine feste Beschäftigung mit Kranken- und Rentenversicherung und bezahlbaren Wohnraum. Alles Faktoren, die es dem Menschen ermöglichen, einen guten Platz in der Gesellschaft und wieder den Glauben an sich und eine lebenswerte Zukunft zu finden. Und es braucht freundliche Mitmenschen wie Sie, die unsere Verkäuferinnen und Verkäufer ansehen und als Personen wahrnehmen, sie im besten Fall anlächeln und auch mal ansprechen. Überhaupt sind am Rande unserer Wohlstands- und Überflussgesellschaft viele Jobs entstanden, die es denjenigen, die sie ausüben, gerade so erlauben, sich über Wasser zu halten. Wer kauft oder bestellt, zahlt ein bisschen was extra, liefern und die Reste abräumen tun andere. Die Antwort in der Rubrik war nicht ganz so streng, eher so, dass man den Kindern den Spaß und das selbst verdiente Geld lassen soll. Trotzdem wurde darauf hingewiesen, dass es für privilegierte Kinder wichtig ist, zu erfahren, wie es ist, für sein Geld auch selbst zu arbeiten. Gute Antwort, oder?

Herzlichst


Karin Lohr, Vorstand