Mammographie

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Dirk Schuchardt

Neulich musste ich – bekanntlich ein Mann – zur Mammographie. Über meiner linken Brustwarze hatte ich nämlich durch Zufall einen Knoten festgestellt. Ich machte mich also auf in eine Arztpraxis, die sich auf diese Art von Untersuchung spezialisiert hatte, allerdings in der Regel nur bei Frauen. Ich sollte einen Zettel mit mehreren Fragen beantworten, die mir bislang eher selten gestellt wurden, darunter: „Könnten Sie schwanger sein?“ Ich schaute an mir runter, sah meine Leibesfülle und dachte: „Könnte sein, mal fühlen …“, und streichelte über meinen Bauch. Da ich keine Bewegung spürte, kreuzte ich „Nein“ an. Dann
ging es zur eigentlichen Untersuchung. Man führte mich zu einer Apparatur, die wie eine Presse aussah. Die Arzthelferin sagte zu mir, ich solle meine linke Brust auf den unteren Teil der – ich nenne es mal – „Brustquetsche“ legen. Wenn man wie ich als Mann nur ein „BMW“ hat, also ein „Brett mit Warzen“, dann ist das gar nicht so einfach. Es kam dann eine weitere Helferin dazu, um der ersten beim Einquetschen meiner Brust zu helfen. Irgendwann war die ganze Prozedur endlich vorbei. Nun nahm sich der Arzt meiner an – und hatte zum Glück positive Nachrichten: Nach einer Ultraschalluntersuchung stellte er fest, dass der Knoten harmlos war und nicht operativ entfernt werden musste. Nun also weiß ich, als Mann, aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, zur Mammographie zu müssen.

Warum ich BISS verkaufe

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Dirk Schuchardt

Als ich im August 2006 bei BISS anfing, wollte ich eigentlich nur einige Tage hier in München Station machen, um ein wenig Reisegeld zu verdienen. Ich war als Obdachloser auf der Wanderschaft und bestens ausgerüstet mit Ruck- und Schlafsack, Koch- und Essgeschirr und so weiter – alles war vorhanden. Allerdings brachte ich auch schon meinen Diabetes und andere nicht ansteckende Erkrankungen mit. Da der Verkauf für mich sehr gut anlief, reiste ich dann nicht wie geplant weiter, sondern beschloss, länger zu bleiben. Mittlerweile bin ich jetzt im 16. Jahr bei BISS angestellt. Es gibt immer wieder Menschen, die mich fragen, warum ich dieses Magazin verkaufe und nicht was „Richtiges“ arbeite. Laut deren Meinungen sei ich doch meiner körperlichen Beschaffenheit nach in der Lage, was ganz anderes zu machen. Nun ja, ich sehe zwar äußerlich aus wie eine deutsche Eiche, aber innerlich ist diese – symbolisch gesehen –mittlerweile ziemlich hohl. Die Folgeerkrankungen durch meinen Diabetes und meine Stoffwechselstörung sind so extrem, dass es mir mittlerweile unmöglich ist, einer anderen Tätigkeit nachzugehen. Außerdem geht es den Verkäufern, die sich an die Verkaufsregeln halten, wirklich gut. Einkommen stimmt, Betriebsklima passt auch, nette Kundschaft, also was will man mehr? Ich verkaufe die BISS, weil ich von dem Projekt absolut überzeugt bin und weil ich viel Freude dabei habe. Außerdem bin ich mit meiner Frau und den drei Kindern durch den Verkauf finanziell unabhängig von Sozialleistungen, wobei meine Frau ihren Teil mit einem Job als Hauswirtschafterin dazu beiträgt.

Einbürgerung 1. Teil

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Tibor Adamec

Der Streifenwagen hielt neben mir. So was hatten die Polizeibeamten noch nicht gesehen. Wahrscheinlich dachten sie, ich wäre betrunken. Dabei konnten sie kaum mehr irren. Seit meiner Militärzeit in der Tschechoslowakei war ich es gewohnt, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen und nur in Hosen und mit freiem Oberkörper, selbst bei eisigen Temperaturen, mich warm zu laufen. So joggte ich auch an diesem Morgen in Unterhemd und kurzer Hose bei minus 15°C, als die Polizei mich verwundert anhielt. 60 Jahre lang bin ich Marathon gelaufen, eine Zeitlang in 2 Stunden und 36 Minuten. Mit mittlerweile 85 Jahren habe ich mit dem Laufen aufgehört. Mein Leben lang bin ich nie ernsthaft krank gewesen. Ich bin der dienstälteste BISS-Verkäufer und war in diesen 29 Jahren niemals krankgeschrieben. Das liegt sicher auch daran, dass ich nicht rauche und keinen Alkohol trinke. Letzteres war der Grund, warum ich damals die Armee der CSSR verlassen habe. Als Sportler war ich ein Gegner des Alkohols, im Gegensatz zu den anderen dort. Bei den feuchtfröhlichen Feiern im Offizierskasino habe ich nicht mitgemacht. Einmal bestellte ich Milch in einer Kneipe, um die Alkoholtrinker zu ärgern, wohl wissend, dass dort keine Milch ausgeschenkt wurde. Meine Enthaltsamkeit kam einem Politoffizier der kommunistischen Partei zu Ohren. Er beauftragte mich, zu ihm nach Hause zu kommen, um sein Radiogerät zu reparieren, da ich den Beruf des Radio-und Fernsehtechnikers gelernt hatte. Als ich in seiner Wohnung war, bot er mir gleich einen Schnaps an, den ich abschlug. Stattdessen trank ich Limonade. Bald schon merkte ich, dass das Radio absichtlich kaputtgemacht worden war. Der Major erzählte mir nun, er hätte mich sechs Monate lang beobachtet, da er sich davon überzeugen wollte, dass ich tatsächlich nichts trank. Er meinte, solche Leute wie mich brauche man bei der Armee, und er werde dafür sorgen, dass ich auf die Akademie käme. Das war überhaupt nicht in meinem Sinn, mit diesem dem Alkohol zugeneigten Haufen wollte ich nichts zu tun haben. So kam es, dass ich aus der Armee desertierte und nach Deutschland floh. 1960 – ich war schon längst nicht mehr in der CSSR – entzog mir der tschechoslowakische Staat die Staatsbürgerschaft. Seitdem bin ich staatenlos. Seit 1958 lebe ich in Deutschland und warte diese Tage auf das Ergebnis meines Einbürgerungsverfahrens. Es ist nicht das erste Mal, dass ich versuche, deutscher Staatsbürger zu werden, und ich hoffe, dass es nun klappt.

Ankommen, Teil 2

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Husnain Akbar

Während meiner ersten sechs Monate in Deutschland arbeitete ich nicht. Die meiste Zeit verbrachte ich in meinem Zimmer im Auffanglager. Das machte mir sehr zu schaffen. Jeden Monat erhielt ich 300 Euro, doch ich schämte mich, es anzunehmen, weil ich nichts dafür geleistet hatte. Ich wollte auf jeden Fall arbeiten, auch weil meine Eltern in Pakistan sehr alt waren und ich ihnen Geld schicken wollte. Eine ehrenamtliche Helferin sagte mir, dass ich schlechte Chancen auf dem Berufsmarkt hätte. Doch nur eine Woche später kehrte sie wieder zurück mit einer überraschend guten Nachricht: Sie hatte etwas für mich gefunden, und das war mein Job bei BISS! Die Frau begleitete mich zu meinem Verkaufsort, zeigte mir, wie man die S-Bahn benutzt, und sprach mit dem Supermarktleiter, damit ich vor dem Laden bleiben konnte. Den ersten Monat tat ich mich schwer, ich schämte mich und hielt die ganze Zeit den Kopf gesenkt. Meine Arbeit als Goldschmied in Libyen war schließlich ganz anders gewesen. Doch die Leute in Herrsching waren unheimlich nett und brachten mir viel Respekt entgegen. Mir fehlen die Worte, zu beschreiben, wie großartig die Menschen dort waren bzw. immer noch sind. Sie sind wie eine Familie. Wenn ich mal einen Tag nicht an meiner Verkaufsstelle bin, rufen sie gleich bei mir an, um zu fragen, ob alles in Ordnung mit mir ist. 2018 gab es dann große Veränderungen für mich. Erst 2016, also ein ganzes Jahr nach meinem Ankommen in Deutschland, bekam ich die Gelegenheit, mit den Beamten zu sprechen, damit mein Asylantrag bearbeitet werden konnte. Hierfür wurde ich acht Stunden lang interviewt. Man wollte wissen, woher ich komme und weshalb ich Libyen verlassen habe. Nach diesem Gespräch hat es noch zwei weitere Jahre gedauert, bis ich wusste, dass ich bleiben konnte. Die Zeit dazwischen war äußerst zermürbend. Immer wenn ich die Post holen ging, blieb mir das Herz stehen. Jedes Mal dachte ich, ich müsste sterben. Mein Zimmernachbar hatte schließlich fünf Jahre in Deutschland gelebt, hatte Deutsch gelernt, eine dreijährige Ausbildung abgeschlossen und wurde letztendlich doch abgeschoben. Ich hatte wesentlich mehr Glück und 2018 war es dann so weit: Ich erhielt den offiziellen Bescheid, dass ich dauerhaft in Deutschland leben darf. Außerdem wurde mein Auffanglager geschlossen und ich zog um in ein Heim nach München. 2018 heiratete ich auch meine Verlobte in Libyen, was ich mich bis dahin aufgrund meiner unsicheren Lebenssituation nicht getraut hatte. Im Februar 2022 gelang es mir mithilfe von BISS, auch eine bezahlbare Wohnung zu finden. Nun hoffe ich, dass ich in nächster Zeit meine Frau zu mir holen und endlich ein ganz normales Leben führen kann.

Auf Schatzsuche

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Cristian Vasiliu

Was für Mark Twain einst der Mississippi war, ist für mich das Donaudelta. Ich bin in dem Ort Sulina geboren, der liegt an der Stelle, wo die Donau ins Schwarze Meer fließt. Letzten Sommer war ich nach über 20 Jahren wieder dort. Ich habe Verwandte besucht und mir das Haus angesehen, in dem ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr gewohnt habe. Wir lebten damals auf einer Insel. Man hat dort sowohl das Meer mit dem Strand als auch den Fluss und selbstverständlich das Delta. Spielen konnte man nur am Wasser. Zur gleichen Zeit, als ich laufen gelernt habe, lernte ich auch schwimmen. Schwimmen war überlebenswichtig. Mittlerweile hat sich viel verändert. Man hört in den Straßen Chinesisch, Italienisch, Spanisch, Französisch oder Dänisch, alles ist voller Touristen. Früher war es hier viel ursprünglicher und naturnaher. Zur Zeit des Kommunismus war es schon schwer, ein Eis zu bekommen. Heute gibt es viele neue Gebäude, Hotels und Pensionen. Man darf allerdings nicht allzu hoch bauen, das hält der Sandboden nicht aus. Die Wirtschaftszweige sind der Tourismus und die Fischerei. Wobei die Fischerei aber nicht mehr so ein großes Geschäft ist. Früher wurde mehr gefischt, was die Fischmenge reduzierte. Jetzt gibt es viele Regeln und das Fischen wird hauptsächlich im kleinen Stil betrieben. Es leben im Meer, im Fluss und im Delta übrigens jeweils unterschiedliche Fischarten. In Sulina gibt es nur sechs parallele Straßen, die auch Namen haben, aber wir nennen sie immer nur erste oder vierte oder fünfte Straße. Fragt man einen Einheimischen nach dem Weg und sagt man den richtigen Namen, wird er einen wahrscheinlich ganz verdutzt anschauen und gar nicht wissen, was gemeint ist. Als ich ein Kind war, gab es auch nur zwei Autos, eines gehörte der Feuerwehr, das andere dem Brotlieferanten. Tatsächlich schafften es diese beiden eines Tages, einen Unfall zu bauen! Meine Freunde und ich liebten es, die Abenteuer von Tom Sawyer zu lesen. Inspiriert von den Büchern, begaben wir uns auch regelmäßig auf Schatzsuche. Etwas wirklich Wertvolles haben wir dabei nie gefunden. Zwei Wochen bevor ich im Sommer in meine alte Heimat gereist bin, habe ich einen Freund in Stuttgart besucht und dabei bei Ulm die Donau gesehen. Da habe ich mich gefragt, ob das Wasser, das jetzt an mir vorbeifließt, wohl dasselbe sein wird, das ich 14 Tage später im Donaudelta sehen werde. Auf jeden Fall möchte ich noch einmal in den Ort meiner Kindheit fahren, allerdings will ich das nächste Mal meine Reise etwas länger im Voraus planen, damit ich nicht mehr bei meinen Verwandten auf dem Boden schlafen muss, weil alle Unterkünfte ausgebucht sind. Den Schatz, den ich als Kind gesucht habe, habe ich jetzt gefunden: Es ist mein Geburtsort.