„Es ist der beste Platz, seit ich nach Deutschland kam“

Von CHRISTINA HERTEL Foto SIGRID REINICHS

Besonders in den großen Ankerzentren erleben viele geflüchtete Frauen Gewalt. Doch geschützte Unterkünfte gibt es in Bayern nur wenige. Eine liegt in München Neuperlach. Irene aus Uganda erzählt, wie sich ihr Leben durch den Umzug dorthin verbesserte.

Biss Irene Burjungji

Mein Name bedeutet Frieden“, sagt Irene, die vor zwei Jahren aus Uganda nach Deutschland flüchtete. Und nur weil dieser Name so gut zu ihr passe, nur weil sie lernte, sich unsichtbar zu machen und ruhig zu bleiben, wenn andere laut wurden, habe sie die Zeit in der Asylunterkunft in Fürstenfeldbruck überstanden, ohne in Streit zu geraten, verletzt, beklaut oder begrabscht zu werden. Doch Angst, dass sich das jederzeit ändern könnte, habe sie ständig gehabt – acht Monate lang, bis sie nach München umzog. Dort wohnt sie seit gut einem Jahr in einer Unterkunft im Osten der Stadt, wo keine Männer, sondern nur geflüchtete Frauen leben. Es ist eine der wenigen Einrichtungen dieser Art in Bayern. Betreiberin der Unterkunft ist die Landeshauptstadt München, Träger der Asylsozialberatung ist das Paritätische Kooperationsprojekt bestehend aus den Trägern Condrobs e.V., Frauenhilfe gGmbh,  pro familia München e.V. „Der beste Ort, seitdem ich nach Deutschland kam“, sagt Irene in einem Büro der Unterkunft. Ihr gegenüber sitzt Sophia Berthuet, die bei Condrobs die Abteilung für geflüchtete Frauen leitet. 2016 wurde die erste Frauenunterkunft in München aufgebaut. Inzwischen zog diese von Ramersdorf nach Neuperlach um, in ein neues Gebäude mit blauen Fensterläden, mit einem Spielplatz im Innenhof und einem Eingang voller Kinderwagen. Momentan leben dort 51 Kinder und 67 Frauen, Irene ist eine von ihnen.

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BISS-Ausgabe Juni 2020 | Weitermachen

Cover des BISS-Magazins Juni 2020

Thema | Weitermachen | Krisen verlangen uns viel ab. Umdenken, anpassen und weitermachen ist die Devise vieler Projekte und Firmen | 6 Langzeitfolgen: Das Leben von Sinti und Roma in München | 12 Aus der Not eine Tugend machen: Soziale Projekte in Zeiten von Corona | 16 Die sozialen Strukturen müssen erhalten bleiben Interview mit Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Oberbayern | 18 PhönixPreis: Die Stadt zeichnet herausragende Unternehmer*innen mit Migrationshintergrund aus | 22 Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Eine Studie gibt Aufschluss | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Aus der Not eine Tugend machen

Wie viele Betriebe und Selbstständige sind auch die meisten sozialen Dienstleister und Einrichtungen vom Corona- Shutdown betroffen. Sie leisten wichtige soziale Arbeit und fangen benachteiligte Menschen in ihrem Alltag auf. Das Spektrum reicht von Werkstätten für Menschen mit Behinderung bis hin zu Betrieben der Arbeitsförderung und zu Anbietern von Sprachkursen. Sie alle sind infolge der Coronavirus-Pandemie von schwerwiegenden finanziellen Einbußen bis hin zur Insolvenz bedroht

Von GABRIELE WINTER

Illustrationen AISHA FRANZ

Die Lage ist bitter“, meint Anneliese Durst vom Referat für Arbeit und Wirtschaft (RAW) der Stadt München. Während das ganze Land von Hilfen für die Wirtschaft spricht, geraten die Sozialen Betriebe und die Menschen, die darin arbeiten, in Vergessenheit. Letzteren fehlt die Struktur der täglichen Arbeit, während die Betriebe ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Karin Majewski, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern, sieht die größten Schwierigkeiten bei den Inklusionsfirmen. Sie können keine Mittel durch das neue Sozialdienstleister-Einsatzgesetz (SodEG) bekommen, weil fast alle Beschäftigten mit Behinderung zu Hause bleiben müssen. Vorerst können nur noch diejenigen Betriebe richtig weiterarbeiten, die eine Sondergenehmigung haben, weil sie systemrelevante Aufgaben übernehmen, wie zum Beispiel die Nähwerkstatt des Netzwerks Geburt und Familie. Dort wurde die Produktion auf Mundschutze umgestellt.

Stoffmasken aus der Nähwerkstatt

Andrea Hubbuch, Geschäftsführerin des Netzwerks Geburt und Familie (NGUF), hat deshalb keine allzu großen finanziellen Einbußen zu verbuchen: „Es werden wohl nur ein paar Tausend Euro sein.“ Zwar musste das Café Netzwerk schließen, aber einzelne Mitarbeiterinnen, die keiner gesundheitlichen Risikogruppe angehören, können zur Arbeit kommen. Sie kümmern sich um Bestellungen für bestimmte Anlässe und haben an Ostern Eier gefärbt oder Osterlämmer gebacken. Allerdings wurden die meisten Warenbestellungen gecancelt, um die Kosten niedrig zu halten. In der Nähwerkstatt arbeiten im Moment acht von 20 Mitarbeiterinnen auf Hochtouren. Sie stellen ausschließlich Stoffmasken her. Nadja Meatchi ist eine von ihnen. „Mein Leben ist gerade sehr anstrengend“, seufzt sie. Ihre drei Kinder im Alter von 9, 14 und 17 Jahren können nicht zur Schule und wollen versorgt und beschäftigt werden. Das ist nicht einfach, vor allem, weil Nadja Meatchi nicht mal eine richtige Wohnung hat, sondern mit ihrer Familie in einer Pension lebt. Sie stammt aus Togo und hat ihren Mann vor drei Jahren verloren. Seitdem versucht sie alles allein zu meistern: eine Wohnung finden, beruflich auf die Beine kommen und die Kinder bestmöglich unterstützen.

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BISS-Ausgabe Mai 2020 | Nimm zwei!

Cover des BISS-Magazins Mai 2020

Thema | Friedliche Orte | Den einen gibt die Nacht ein Gefühl von Ruhe  und Frieden, andere finden in einer Tagesstätte einen Ort, an dem sie spielen, basteln und ausruhen können| 6 Obdachlose EU-Bürger: Nachts schlafen sie in der Bayernkaserne, tagsüber finden sie bei FamAra einen sicheren Ort | 1O Heaven Shall Burn: Eine Metalband engagiert sich für Umweltschutz und gegen rechte Gewalt| 14 Nachtarbeiter: Ihr Arbeitstag beginnt, wenn andere schlafen gehen | 22 Der Mensch dahinter: Gedanken zu den Wohnungen der BISS-Verkäufer, fotografiert von Rainer Viertlböck | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Zeige mir deine Wohnung, und ich weiß nicht, wer du bist

Die Fotografien von Rainer Viertlböck in der Ausstellung „BISS Einblicke“

Von CHRISTOPH LINDENMEYER

Tritt ein, bring Glück herein!“ Wir haben nicht geläutet, nicht angeklopft. Wir waren nicht einmal in den Wohnungen, die hier gezeigt werden, und stehen doch mitten in ihnen. Anonyme Heimaten, neue Geborgenheiten für BISS-Zeitungsverkäufer: endlich eine eigene Wohnung. Rainer Viertlböcks Fotografien benennen nicht die Wohnungsinhaber. Dabei könnten sie leicht zugeordnet werden, denn eine Fototafel mit 15 Einzelporträtaufnahmen in der Ecke zeigt die Menschen, einzelne und Familien, die dort wohnen, wo wir jetzt hineinschauen. Sofas, auf denen sie sitzen, Bilder an der Wand, dieser und jener Vorhangstoff, dieser und jener Blick aus dem Fenster. Diese Motive tauchen auch auf den großformatigen Fotos auf. Aber das wäre nicht aufregend: zu wissen, wer wo wohnt. Aufregend ist eine Spurensuche in den Wohnräumen ohne Namen: Welche Identität geben sie preis, welche Erinnerungen, welche Hoffnungen, welche Biografien? Wer wohnt hier? Was wollte er oder sie behalten, worauf kommt es an, außer eines Tages ein Obdach zu haben? Man muss nicht Ermittler sein, Profiler, Spurensicherer. Es genügt, hinzusehen. Genau hinzusehen.

Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt HEINRICH ZILLE

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