Unter dreien

EX-IN will Menschen, die selbst psychisch krank waren, als Vermittler einsetzen zwischen psychisch Kranken und dem medizinischen Fachpersonal. Eine gute Idee, aber in der Praxis läuft es noch nicht überall nach Plan. Das Problem liegt, wie so oft, im System.


Text ELISA HOLZ

Illustration LUCIE LANGSTON

Uli Zemlin* weiß, wovon sie spricht. Trotzdem spricht sie nicht besonders gern über ihre Krankheitsgeschichte. Aber es hilft nichts. Auch sie muss vorn anfangen, um zu erklären, wo sie heute steht und was sie tut. Mit 26 Jahren erlebte Uli Zemlin, damals noch Studentin der Soziologie, ihre erste Psychose. Sie wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. „Die steckten mich in ein Hemdchen und reduzierten meine Welt auf ein Bett und ein Nachtkästchen“, erzählt sie. Sie hatte kaum Kontakte und keiner sprach mit ihr. „Dabei war ich trotz meiner schweren Psychose ein Mensch, der fühlen, empfinden und denken konnte“, sagt Zemlin. Diese erste Erfahrung dieser Art sollte nicht die letzte sein. Im Verlauf ihrer Krankheit hat Uli Zemlin so ziemlich alles durchgemacht, was für einen psychisch kranken Menschen vor gar nicht allzu langer Zeit noch schreckliche Realität war: Fixierung, Unterbringung in riesigen Bettsälen oder eben Isolation, sehr viele Medikamente, wenig alternative Therapieangebote – und eine von Uli Zemlin stark empfundene Sprach- und Verständnislosigkeit angesichts ihrer Situation.

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BISS-Ausgabe Juni 2021 | Vom Suchen und Finden

Cover des BISS-Magazins Juni 2021

Thema | Neue Wege finden | Für die einen selbstverständlich, für andere völliges Neuland. Nicht nur unsere VerkäuferInnen lernen neue Wege der Teilhabe kennen. | 6 Freiwilliges Ordensjahr: Antworten auf Fragen finden | 12 Schmerzmittelabhängigkeit: Die verborgene Sucht | 16 Christian Lindner im Interview | 20 Armutskongress: Eine BISS-Verkäuferin und zwei BISS-Verkäufer bereiten sich auf die Teilnahme vor | Schreibwerkstatt | 5 Wie ich wohne | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

BISS-Verkäufer*innen auf dem Armutskongress

„Wenn ich mir Gedanken darüber machen würde, was andere haben, würde ich mich selbst vergessen“

Wie und warum BISS-VerkäuferInnen für einen digitalen Armutskongress schreiben oder reden wollen

Von CHRISTOPH LINDENMEYER

Fotos HANNES ROHRER

Roland Herzog gehört zu der Generation, die noch ohne Computer aufgewachsen ist.

Ein Computerkurs der anderen Art. Keiner der Teilnehmenden besitzt einen Laptop oder ein iPad. Aber zwei von den drei Anwesenden, die Monat für Monat das BISS-Magazin in München verkaufen, besitzen ein Handy. Einer hat kein Mobiltelefon. Er hat noch nie eines besessen. Bis vor Kurzem verfügten die zwei Handy-Benutzer über keine E-Mail-Adresse. Wozu auch? Telefonieren, SMS schreiben genügte. Bis sie sich einen Account einrichteten, um E-Mails empfangen und senden zu können. Denn das sind Probleme, die sich lösen lassen. Ein Laptop wird zur Verfügung gestellt. Der Zugang auf dem Handy der Kursleiterin hilft dabei, eine E-Mail-Adresse einzurichten und zu verifizieren. Das Konto eines Teilnehmers wurde sehr schnell gesperrt. „Herr Herzog hatte sich große Sorgen gemacht“, erzählt die Kursleiterin, „weshalb sein E-Mail-Zugang gesperrt wurde.“ Und dann war da noch das Problem, die Passwörter einzutragen. Die drei Personen hatten bisher keine Erfahrung damit. Eine ganz andere Dimension des Denkens wurde verlangt. Als es so weit war, sich eine Adresse und ein Passwort auszudenken, waren sie aufgeregt. Es ist nicht leicht, ein Passwort zu erfinden. Keiner von ihnen verfügt zu Hause über einen Computer, niemand über ein Netzwerk. Vielleicht ein Passwort mit Lieblingszahlen und dem geliebten Fußballverein? So zeigten sich in den ersten Stunden die Probleme. Die Geschichte soll aber von Anfang an erzählt werden.

„Alles ist anders, wenn es uns Armen begegnet“ Anton Wildgans, „Dichter und Dramatiker der Armut“

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BISS-Ausgabe Mai 2021 | Anpacken

Cover des BISS-Magazins Mai 2021

Thema | Gemeinsam anpacken | Ein Neuanfang oder schwierige Situationen lassen sich gemeinsam besser bewältigen | 6 Weitblick: Ein Projekt gibt Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen eine neue Chance | 10 Angehörige pflegen: Zwischen Glück und Erschöpfung | 14 Im Gespräch mit Christine Umpfenbach: Die Münchner Theaterregisseurin und Autorin scheut sich nicht vor politischen Themen | 18 Berufseinstieg: Die Pandemie macht es Schülern schwer, den Berufseinstieg zu schaffen | 22 Olaf Scholz im Interview | Schreibwerkstatt | 5 Wie ich wohne | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 25 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Vom Systemsprenger zum Schreiner

Ohne Halt in der Familie und ohne Unterstützung können Jugendliche in eine Abwärtsspirale geraten. Das Projekt „Weitblick“ zeigt, wie viel die richtige Förderung bewirken kann.

Schreinerei Graham, Weitblick für BISS

Von BENJAMIN EMONTS

Fotos DORO ZINN

Beim Stichwort „Gabelstapler“ entfaltet sich ein breites Grinsen auf Manulitos jungenhaftem Gesicht. Mit einem Satz schwingt er sich auf den Fahrersitz und dreht den Zündschlüssel um. Behutsam manövriert er das Gefährt rückwärts aus der Schreinerei. Ein bisschen lenken, ein bisschen Gas geben, und schon steht er auf der Straße. Nach einer kurzen Ehrenrunde kehrt Manulito mit einem vielsagenden Blick zurück. „Seht ihr, ich hab hier oben alles im Griff “, soll seine Mimik wohl sagen. Er ist sichtlich stolz auf seine Leistung.
Manulito, 18, hat viel gelernt, seit der Jugendhilfeverein Weitblick ihm eine Ausbildung ermöglicht hat: Er kann jetzt Gabelstapler fahren, Tischsägen bedienen und Dachstühle isolieren. Noch wichtiger jedoch ist: Er bekommt endlich Anerkennung und Vertrauen. Es sind Werte, die er vorher kaum kannte. Manulito wurde seit seiner Kindheit von einem Heim zum nächsten gereicht, überall eckte er an. Jugendliche wie er gelten in Fachkreisen als „Systemsprenger“ oder „Grenzgänger“. Die Behörden wissen mit ihnen oft nicht mehr weiter, weil sie durch alle herkömmlichen Raster fallen. Sie gehen nicht zur Schule, sind gewalttätig, nehmen Drogen und erscheinen beratungsresistent. Oft sind ihre Verhaltensmuster auf traumatische Kindheitserfahrungen zurückzuführen. Sie wuchsen in zerrütteten Familien auf, litten unter häuslicher Gewalt, wurden misshandelt oder vernachlässigt.
Ein Besuch in der Schreinerei. In einer Pause nimmt sich Manulito Zeit, um seine Geschichte zu erzählen. Er lässt die Blicke nur selten sich kreuzen, als hätte er Angst, dass seine Augen etwas über seine verletzte Seele verraten – doch andererseits ist er sehr mitteilsam. Manulito war sechs Jahre alt, als er das erste Mal in ein Heim kam. Seine Mutter war mit der Erziehung überfordert, sein drogensüchtiger Vater lebte in Berlin. Richtig prekär wurde die Situation, als der Vater an einer Überdosis Heroin starb, wie Manulito später erfuhr. „Ich war fix und fertig, ich konnte seinen Tod überhaupt nicht verkraften“, sagt er rückblickend. In jener Zeit begannen seine Aggressionen. Der damals Zwölfjährige schlug alle Hilfsangebote aus, er wollte nicht mehr zur Schule gehen und geriet ständig in Konflikte. Wenn andere Kinder Sprüche auf Kosten seines Vaters machten, schlug Manulito zu. Einmal brach er einem Jungen den Kiefer, ein anderes Mal trat er die Tür ein und bedrohte einen Betreuer. Seine Gewaltausbrüche führten zu Strafanzeigen. Zweimal verbüßte Manulito einen mehrwöchigen Jugendarrest in München-Stadelheim; fürs Blaumachen und Sachbeschädigungen leistete er unzählige Sozialstunden. Mehrmals, so erzählt er, brachte ihn die Polizei vor den Augen der Mitschüler in den Unterricht, eine Demütigung für den Jungen. In nur einem Jahr wechselte er siebenmal die Schule. Noch im Kindesalter war Manulito zu einer Bedrohung für sich und andere geworden. Sein Weg schien vorgezeichnet. Er würde geradewegs ins Gefängnis führen, sollte sich nicht grundlegend etwas ändern.
Der Dachauer Jugendhilfeverein Weitblick nahm sich seiner an: aus heutiger Sicht ein Glücksfall. Die Zahl der Minderjährigen, die in Heimen leben, ist laut Bundesamt für Statistik von 30.000 im Jahr 2005 auf rund 91.000 im Jahr 2018 gestiegen. Jugendämter nahmen 2019 fast 50.000 Kinder vorübergehend in Obhut. Die häufigsten Gründe sind Überforderung der Eltern, unbegleitete Einreise aus dem Ausland, Vernachlässigung, Beziehungsprobleme und Misshandlungen. Speziell für Systemsprenger, die wegen ihres aggressiven Verhaltens schwer zu integrieren sind, gibt es deutlich zu wenige Plätze in geeigneten Einrichtungen. Die Scheu vor ihnen ist groß, auch auf dem Arbeitsmarkt. Wer Straftaten, aber keinen Schulabschluss vorweisen kann, hat in der Gesellschaft kaum eine Chance.

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