BISS-Ausgabe März 2019 | Omas gegen rechts

Cover des BISS-Magazins März 2019

Thema | Lust am Widerstand | Wann immer in München für Menschenrechte und eine offene Gesellschaft demonstriert wird, sind die „Omas gegen rechts“ dabei | 6 Studieren mit Handicap: Wie steht es mit der Inklusion an den Hochschulen? | 12 Ausgeliefert: Frühere Heimkinder und ihre traumatischen Erfahrungen | 16 Haltung bewahren: Was Berufsbetreuer alles leisten müssen | 20 Sorgsamer Umgang: Wohin mit den Sachen, wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss? | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen g

Heimweh

Etwa 700.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche lebten in den Jahren 1949 bis 1975 vollständig oder zeitweise in Heimen. Was sie dort erleben und erleiden mussten, blieb viele Jahre von der Öffentlichkeit unbeachtet. Eine Studie des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München dokumentiert jetzt dieses Leid und die Auswirkungen der Traumata aus der Kindheit und Jugend auf die spätere Biografie1. Die wesentlichen Erkenntnisse hat Helga Dill, eine der Mitautorinnen der Studie, für BISS zusammengefasst

Von  HELGA DILL

Illustration  BARBARA YELIN

Klaus Müller* war zwölf Jahre alt, als er 1954 in ein Heim kam. Die Eltern hatten sich getrennt. Der einflussreiche, gut situierte Vater schickte den Jungen in ein Landschulheim. Die Kinder mussten dort Gewaltmärsche machen, Prügel und andere Strafen waren an der Tagesordnung. Vor der Schule mussten schwere Garten-­, Feld­- und Küchenarbeiten erledigt werden. Als Klaus wieder einmal mit einem harten Gegenstand verprügelt wurde, lief er aus diesem Landschulheim weg. Seine Mutter nahm ihn auf. Klaus ging ins Gymnasium. Aber dieses Familienleben dauerte nur ein Jahr. Der zweite Mann der Mutter starb. Klaus musste zu seinem Vater ziehen. Der schickte den Sohn auf ein Internat, aus dem er ebenso weglief. Auf Betreiben des Vaters übernahm das Jugendamt die Regie über den jetzt 14-Jährigen, es wies ihn in ein Jugendheim ein. Klaus floh wieder, wurde in ein anderes, strengeres Heim verlegt. 1959 verfügten Vater und Jugendamt die Unterbringung des Jungen in Freistatt, einem der berüchtigtsten Heime für Jugendliche in jener Zeit. In Freistatt wurde Klaus zu einer namenlosen Nummer, Nummer 12. Zweimal pro Tag durften die Nummern auf Befehl aufs Klo. Der Schlafsaal war ein ehemaliger vergitterter Viehstall; die Hauskleidung ein grüner zerlumpter Leinenanzug, dazu Holzschuhe, die zu klein waren. Klaus musste – wie die anderen Jungen – schwere Arbeit verrichten, Torfstechen im Moor. Das Essen war karg und kaum genießbar, die Strafen sadistisch und brutal: Stehzwang beim Essen, Stehen den ganzen Tag, Kostentzug, oft tagelanges Sprechverbot, Latrinendienst oder Arrest. Die Arrestzelle, das sogenannte Besinnungsstübchen, war tagsüber mit einem Hocker möbliert, dazu gab es die Bibel zu lesen. Nachts bekam Klaus einen Strohsack und eine Decke. Die Zelle wurde mit einem eiskalten Wasserstrahl ausgespritzt, dem man nicht ausweichen konnte. Klaus versuchte abermals zu fliehen, wurde aufgegriffen und so brutal verprügelt, dass er mehrere Knochenbrüche erlitt. Ärztliche Versorgung gab es nicht. Die Folgen dieser Verletzungen spürt Klaus noch heute. Ein Diakon versorgte Klaus mit Essen und Tabak und versprach, ihn zu schützen. Dafür verlangte er Sex. Er vergewaltigte Klaus mehrfach, auch mit harten Gegenständen. Körperliche und seelische Verletzungen waren die Folge, Ekel, Scham und Widerwillen. Klaus wandte sich an den Heimleiter, erzählte von den Vergewaltigungen. Der Heimleiter bezichtigte ihn der Lüge, verpflichtete ihn zu schweigen. Weitere Repressalien folgten. Klaus durfte seiner Mutter nicht mehr schreiben. Er fühlte sich absolut ohnmächtig, ausgeliefert und dachte nur an Flucht. Im Januar 1961 wurde er endlich aus der Fürsorgeentziehung entlassen. Freistatt ist ein besonders brutales Beispiel für die Heimerziehung in der frühen Bundesrepublik. Aber Klaus ist kein Einzelfall. 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Die darin festgeschriebenen Menschenrechte galten allerdings nicht für alle. In vielen Heimen für Kinder und Jugendliche kam es zu Misshandlungen der Schutzbefohlenen, zu drakonischen körperlichen und psychischen Strafmaßnahmen, zu Demütigungen, militärischem Drill, sexueller Gewalt. Die Kinder waren diesen Übergriffen schutzlos ausgesetzt. Sie hatten keine Lobby, niemanden, der sie vertrat.

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BISS-Ausgabe Februar 2019 | Pflegeleicht?

Cover des BISS-Magazins Februar 2019

Thema | Wohin? | Wo sollen alte oder kranke Menschen am besten betreut werden? Zuhause? Im Heim? Und wohin mit den Sachen, wenn jemand stirbt oder ins Pflegeheim kommt?  Zum Wegwerfen sind sie zu schade, oft sind sie mit wertvollen Erinnerungen verbunden. | 6 Pflegeleicht: Über die Arbeitsbedingungen privater Pflegekräfte | 10 Umstritten: Das BayPsychKHG Gesetz zur Unterbringung psychisch Kranker | 14 Mietwahnsinn: Münchner berichten von ihrer Wohnungssuche | 20 Wohnungsauflösung: Wohin mit den Sachen, wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss? | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Pflegeleicht

Frauen aus Osteuropa arbeiten vermehrt als Pflegerinnen in Privathaushalten. Agenturen vermitteln sie nach Deutschland und statten sie mit einem nach deutschem Recht gültigen Arbeitsvertrag aus. Doch oft arbeiten die Frauen deutlich mehr als die vorgeschriebene Stundenzahl, ihr Gehalt liegt dann deutlich unter dem Mindestlohn, die Freizeit ist knapp. Wie geht es diesen Frauen?

Von LINUS FREYMARK

Illustration LORENZO GRITTI

In dem Zimmer im Dachgeschoss steht ein Foto. Ein kleiner Junge ist darauf zu sehen, er trägt eine Mütze, lacht in die Kamera. Der Junge ist zwei Jahre alt. Jeden Abend klappt seine Mutter, die in dem Zimmer wohnt, ihren Laptop auf und wartet, bis das Gesicht des Jungen auf dem Display erscheint. „Draga mea“, sagt sie dann zu ihm, mein Schatz. „Mama“, antwortet der Junge auf dem Bildschirm. Mutter und Sohn, 1.500 Kilometer voneinander getrennt. Der Junge in dem kleinen Dorf in Rumänien, eine Autostunde von Bukarest entfernt. Die Frau in dem Dachgeschoss eines Hauses im Münchner Westen. Jeden Tag skypen sie miteinander. Am Ende des Gesprächs, wenn es spät ist und der Junge von seiner Oma, bei der er lebt, ins Bett gebracht werden soll, drückt Liana Stancescu* ihre Hand gegen die Linse der Webcam. Der Junge macht dasselbe. Das mit der Hand ist ihr Ritual. Ihr Ritual für die Zeit, in der die Mutter nicht bei ihrem Sohn sein kann. Wie viele Frauen aus Polen, Bulgarien, Ungarn oder eben Rumänien arbeitet Liana Stancescu, 31, als ausländische Pflegekraft in Deutschland. Es gibt Experten, die sagen, ohne diese Arbeitskräfte aus Osteuropa wäre das Pflegesystem in den deutschen Großstädten nicht mehr aufrechtzuerhalten. Manche von ihnen arbeiten in Pflegeheimen, andere wie Liana Stancescu als private Pflegerinnen. Manche nennen das auch 24-Stunden-Pflegekraft.
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BISS-Ausgabe Januar 2019 | Menschen und Projekte

Cover des BISS-Magazins Januar 2019


Thema | Menschen und Projekte |  Eine Stadt wird durch die Menschen, die sich engagieren und andere unterstützen, erst lebenswert | 6 buntkicktgut: Fußball und noch viel mehr | 1O Kontaktbeamter am Bahnhof: Welten treffen aufeinander,  einer vermittelt| 16 Wohnungsnot: Thomas Specht über die Ursachen und was getan werden muss | 20 Zehn Jahre Stiftung BISS: Wir blicken zurück und schauen nach vorn | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum & unsere Kooperationspartner | 31 Adressen