Wie ich wohne

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto MARTIN FENGEL

Der Tiefschläfer

Manchmal hört man jemanden nachts weinen, manchmal winselt jemand, weil er Schmerzen hat. Mir macht das nicht so viel aus. Ich bin mit elf Geschwistern aufgewachsen, da musste man beim Fernsehen schnell sein, um einen Platz auf dem Sofa zu ergattern, sonst saß man auf dem Boden. Mit drei von meinen Brüdern teilte ich mir das Bett. Später beim Wehrdienst fiel es mir demnach leicht, in einem Saal mit 18 anderen zu schlafen. Eine Zeitlang habe ich allein gewohnt. Es war schön, etwas nur für sich zu haben, aber ich fühlte mich auch einsam. Hier in der neu gebauten Notschlafstelle im Euro-Industriepark sind wir maximal vier in einem Zimmer, verteilt auf zwei Etagenbetten, darin ist jeweils eine Matratze mit abwaschbarem Kunststoffbezug. Dazu kriegt man wöchentlich ein Laken und eine dünne Decke aus Papiervlies. Weiteres Bettzeug gibt es nicht, und es ist aus hygienischen Gründen auch nicht erlaubt, sich welches mitzubringen. Von Wohnen kann nicht die Rede sein, es ist vielmehr ein Platz, an dem man vor Kälte geschützt sein Haupt niederlegen kann. Zudem hat jeder einen Spind zur Verfügung, ich schließe dort meine Kleider ein. Sonst steht in dem Zimmer nur ein kleiner quadratischer Tisch mit drei Stühlen. Vom Fenster aus blickt man auf die gegenüberliegende Hauswand mit ebensolchen Fenstern und Zimmern. Wegen einer Schlägerei saß ich mal im Gefängnis in Bernau am Chiemsee. Dort war ich immer drinnen oder im Innenhof. Nur wenn ich auf die Krankenstation verlegt wurde, gelangte ich kurz nach draußen auf eine ganz gewöhnliche Straße. Den See habe ich gar nicht zu Gesicht bekommen. In der Notschlafstelle hingegen muss man morgens das Zimmer verlassen. Es gibt die Möglichkeit, sich im Tageszentrum aufzuhalten. Tische und Stühle stehen dort und an einem Ausschank kann man sich Kaffee holen. Oft bin ich da nicht, ich muss ja zur Arbeit. Ein- bis zweimal die Woche ziehe ich Büros um, manchmal auch Privathaushalte. In diesem Job verdiene ich zu wenig, um davon leben zu können, deshalb verkaufe ich zusätzlich die BISS. Ab 17 Uhr kann ich in die Notschlafstelle rein. Wenn man so früh dran ist, muss man allerdings warten, weil viele gleich nach der Arbeit herkommen. Zwei Stunden später ist es besser, aber nicht nach 22 Uhr, dann kriegt man kein Bett mehr, sondern muss sich mit einer Isomatte auf dem Boden eines Ruheraums begnügen. Früher war die Notschlafstelle in der Bayernkaserne. Dort konnte man besser duschen, hier ist mir das Wasser zu kalt und davon dringt auch zu wenig aus dem Brausekopf heraus. Deshalb bevorzuge ich es, für eine Dusche zum Bahnhof oder zur Obdachlosenhilfe von St. Bonifaz zu gehen. Meine Freundin übernachtet draußen, so wie ich es auch lange Zeit getan habe. Manchmal bleibe ich nachts bei ihr, damit sie nicht allein ist. Auf der Straße zu leben heißt, ständig im Stress zu schlafen. Es kann immer sein, dass dir einer eine überbrät oder was stiehlt. Mein großer Wunsch ist es, mit meiner Freundin zusammenzuziehen. Eine kleine Einzimmerwohnung würde uns beiden völlig ausreichen.