BISS-Ausgabe Juli 2020 | Wendepunkte

Cover des BISS-Magazins Juli 2020

Thema | Wegweiser | Das Ruder noch einmal herumreißen. Bei BISS-Mitarbeiter Uwe Hinsche und vielen anderen Menschen, die schwierige Zeiten erlebt haben, hat es mit Unterstützung geklappt. Er konnte dem Leben noch einmal eine richtige Wendung geben | 6 Blindes Vertrauen: Wie ein Blindenführhund das Leben verbessert | 12 Leben mit der Sucht: Schwierige Situationen gemeinsam meistern | 16 Frauen auf der Flucht: Sichere Alternativen zu Ankerzentren | 22 25 Jahre Festanstellung: Interview mit dem BISS-Urgestein Uwe Hinsche über sein Leben | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 20 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben.

Schutzmasken

Protokoll: Felicitas Wilke

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

ERCAN UZUN: Seit dem 28. April stehe ich nach der Corona-Pause wieder im Sperrengeschoss am Sendlinger Tor und verkaufe mit Schutzmaske die BISS. Zu meinen Stammkunden gehört seit vielen Jahren auch Frau Reich.

ANGELA REICH: Wir haben zwar auch während der sechs Wochen telefoniert, aber es freut mich sehr, wieder vor Ort mit Herrn Uzun sprechen zu können. Wir kennen uns seit ungefähr 15 Jahren. Er bringt mir viel Vertrauen entgegen, erzählt mir von seinen Kindern und wie es ihm gerade geht.

EU: Frau Reich ist eine gute Zuhörerin. Ich kann mit ihr auch über meine Sorgen sprechen.

Ercan Uzun, BISS-Verkäufer und Angela Reich, BISS-Leserin

AR: Wenn ich Herrn Uzun einmal im Monat besuche, nehme ich mir eine halbe oder Dreiviertelstunde Zeit. Das ist auch für mich ein Geschenk. Es ist mir wichtig, ihn zu begleiten und manchmal auch aufzufangen.

EU: Die Corona-Krise ist für psychisch Kranke wie mich eine schwierige Zeit. Manche Kunden meiden aus Sorge vor dem Virus ganz den Kontakt. Und es belastet mich, wegen der Maske mein Lächeln nicht zeigen zu können.

AR: Aber ein bisschen erkennt man es an den Augen! Die Situation erfordert von uns, diese Maske zu tragen. Wir sollten das Beste daraus machen. Trotzdem freue ich mich schon darauf, Herrn Uzun wieder die Hand geben zu können – und sein ganzes Lächeln zu sehen, wenn ich mich nach der Verabschiedung noch mal umdrehe und winke.

Ein halbes Leben mit BISS

Interview mit Uwe Hinsche von Rainer Stadler; Foto: Julian Baumann

Vor 27 Jahren lernten sich der junge Zeitungspraktikant Rainer Stadler und der ehemals obdachlose Uwe Hinsche kennen, um gemeinsam an der ersten BISS-Nummer zu arbeiten. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen – Rainer Stadler ist heute Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, Uwe Hinsche der Mann für alle Fälle und auch derjenige, der in Schulen geht, um die BISS vorzustellen und von seinem Leben in der Obdachlosigkeit zu berichten.

Uwe Hinsche, 25 Jahre bei BISS

Glückwunsch, Uwe, du bist gerade 65 Jahre alt geworden und seit 25 Jahren bei BISS angestellt! Danke.

Genau gesagt, hatte ich am 1. Mai 1995 meinen ersten Arbeitstag im Büro von BISS.

Knapp zwei Jahre zuvor warst du schon Teil der Gründungsmannschaft, die im Oktober 1993 das erste Heft herausbrachte. Wie hattest du von BISS erfahren?

Schon ein halbes Jahr bevor die erste Ausgabe erschien, haben mich die Sozialarbeiter der Teestube „komm“ gefragt, ob ich bei einer Straßenzeitung mitmachen würde. Ich hab sofort gesagt: Ja, will ich. Hab da auch genügend Ahnung davon. Die Teestube im Schlachthofviertel ist bis heute Anlaufstelle und Aufenthaltsraum für Wohnungslose.

Du hast selbst lange auf der Straße gelebt.

13,5 Jahre, wenn ich auch die Zeit dazuzähle, die ich in der Notunterkunft gelebt habe.

Wie lange hast du getrunken?

Hardcore getrunken habe ich ungefähr 15 Jahre.

Darum ging es ja auch in deinem ersten Text für BISS, den wir damals zusammen geschrieben haben. „Ich war wie ein Walfisch, immer im Tran. Immer besoffen“: So hast du es seinerzeit ausgedrückt.

So war es auch. Ich hab pro Tag einen Kasten Bier und zwei Liter Schnaps gesoffen. Dafür hab ich mich doch ganz gut gehalten, oder?

Na ja, wenn du so weitergemacht hättest, wäre das nicht mehr lange gut gegangen.

Ja, dann wäre ich jetzt wohl nicht mehr da.

Was hattest du damals für Vorstellungen – bei einer Zeitung mitmachen?

Mir ging es darum, die Erfahrungen, die ich auf der Straße und später beim Entzug und in der Therapie gemacht hatte, an andere weiterzugeben. Ich hatte schon damals ein Helfersyndrom und habe in der Suchtberatung gearbeitet. Nach zwei Jahren habe ich damit wieder aufgehört, als ich merkte, dass mir das zu sehr an die Nieren geht, was mir die Betroffenen erzählen.

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Familienzusammenführung

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ludwig Gassner

Im Mai 2019 war meine Frau aus den Philippinen gekommen mit einem Besuchervisum für drei Monate. Wir wollten sehen, ob sie sich hier wohlfühlt. Zum Glück hat es funktioniert und sie hatte sich in Deutschland sehr gut eingelebt. Deshalb haben wir im August eine Familienzusammenführung beantragt. Aber eine Verlängerung des Visums oder eine Familienzusammenführung hat das KVR damals abgelehnt. Die Begründung war, dass man eine normale Familienzusammenführung in Manila beantragen hätte müssen, bevor meine Frau überhaupt hergekommen wäre. Wir haben beschlossen, den legalen Weg einzuschlagen. Am 29. Juli ist meine Frau deshalb zurückgeflogen und wir haben im August eine Familienzusammenführung beantragt. Sämtliche erforderlichen Unterlagen wie beispielsweise ein Einladungsschreiben, notariell bestätigte Ausweise und Adressbestätigungen hatte ich ihr mitgegeben, bevor sie geflogen war. In der Regel hat man danach eine Wartezeit von fünf Monaten. Am 5. Dezember 2019 hatte meine Frau einen Termin in der deutschen Botschaft in Manila. Dazu hat sie ihre Unterlagen wie Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Deutschkurs-Zertifikat und Ausweise mitgebracht. Wir hofften natürlich, dass sie das Visum bekommen und zu Weihnachten wieder in München sein würde. Aber wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht, die deutsche Botschaft. Denn leider kam eine negative Nachricht von meiner Frau schon am 6. Dezember. Das Visum war abgelehnt worden. Die Bearbeiter hatten den Deutschkurs nicht anerkannt, weil das Zertifikat zu alt war. Es war von 2013. Sie sollte sich also noch mal beim Goethe-Institut anmelden und den Test wiederholen. Das wäre noch das kleinste Problem gewesen. Denn zwei Tage später kam eine E-Mail, in der die deutsche Botschaft die kompletten Dokumente ihrer Familie anforderte, wie beispielsweise die Geburtsurkunden ihrer acht Geschwister, die Geburtsurkunde ihrer Mutter und ihres Vaters sowie die Heiratsurkunde und Fotos der Eltern. Auch die Sterbeurkunde ihres Vaters sollte sie einreichen, der schon mit 37 Jahren an einem Herzinfarkt verstorben war; Gleiches forderten sie vom Bruder, der mit 45 Jahren verstorben war. Der Grund für all diese Forderungen war, dass meine Schwiegermutter meine Ehefrau erst mit 21 Jahren im Geburtenregister hatte eintragen lassen. Das Prozedere sollte ihre Identität bestätigen. Schuld an dem ganzen Theater ist meine Schwiegermutter. Wenn sie nicht die Eintragung versäumt hätte, hätten wir uns den ganzen Aufwand sparen können. Deshalb sind meine Frau und auch ich derzeit natürlich nicht gut auf sie zu sprechen. Leider kam der wirkliche Schock dann im Januar, als meine Frau die Dokumente besorgt hatte und feststellen musste, dass zwei ihrer Schwestern überhaupt keine Geburtsurkunden hatten. Aber das große Dilemma war, dass meine Schwiegermutter in ihrer eigenen Geburtsurkunde „Sembrano“ als Mittelname stehen hatte, aber in ihrer Heiratsurkunde der Mittelname „Zembrano“ stand. Deshalb wurden alle ihre Kinder, so auch meine Frau, mit dem Mittelnamen „Zembrano“ getauft. Das war eine einzige Katastrophe, weil man den Geburtsnamen nicht ändern kann und die Behörden das nicht als simplen Schreibfehler anerkannten. Zusätzlich hatte die deutsche Botschaft einen Termin gesetzt, den 15. Februar, für die Erbringung aller Dokumente und auch noch 300 Euro für die Dokumentenprüfung verlangt. Meine Frau zog den Antrag erst einmal zurück. Nun haben wir besprochen, dass sie es noch einmal probieren sollte, und haben eine professionelle Agentur gefunden, die diese Dokumente korrigieren kann. Schließlich müssen alle Geburtsurkunden und Heiratsurkunden geändert werden und ein Teil der Familie braucht neue Ausweise. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. All das kostet und dauert acht Wochen. Wenn alles korrigiert sein wird und sie die Deutschprüfung noch mal gemacht hat, werden wir erneut einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Sollte der jedoch wieder abgelehnt werden, haben wir uns darauf geeinigt, dass ich in zwei Jahren meinen deutschen Wohnsitz aufgeben werde. Irgendwann 2020 haben wir auch ein eigenes Haus, das ihre Schwester, die noch in Wien lebt, uns schenken wird. Ihr Ehemann ist letztes Jahr an Leberkrebs gestorben und sie wird 2020 auf die Philippinen zurückkehren. Es ist kein einfacher Schritt, da ich aus gesundheitlichen Gründen regelmäßige ärztliche Betreuung brauche und letztes Jahr erst einen erneuten Herzinfarkt hatte und ich es mir sehr gut überlegen muss, wenn ich den deutschen Wohnsitz aufgebe. Ich hoffe immer noch auf ein Dauervisum für meine philippinische Frau. Aber wichtig ist nur, dass wir wieder zusammenleben können, egal wo.

Voller Tatendrang

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Hin und wieder sprechen uns Menschen an, die sich gerne ehrenamtlich bei BISS engagieren wollen. Das ist schön, weil es zeigt, dass Menschen nicht nur mitfühlen, sondern auch mit anpacken wollen. Allerdings sind wir bei BISS ein kleines Team und können nur in einem sehr überschaubaren Maße ehrenamtliche Helfer koordinieren und fachlich betreuen. Daher ist für uns das Zusammentreffen mit Frau F., die wir bei unserer Jubiläumsfeier 2018 am Wittelsbacherplatz kennenlernten, ein großer Glücksfall. Sie begleitet seitdem die Familie eines unserer rumänischen Verkäufer und unterstützt sie beispielsweise bei Behördenkontakten, der Gesundheitsfürsorge und Haushaltsthemen. Besonders hilfreich ist, dass sie ein so gutes und vertrauensvolles Verhältnis zu den beiden Kindern aufgebaut hat. Frau F. bäckt mit den Mädchen nicht nur Plätzchen, sondern hat ihnen auch zu fahrtüchtigen Fahrrädern verholfen. Gemeinsam unternehmen sie an den Wochenenden und in den Ferien kleine Ausflüge in München und in der Umgebung. Und alle Familienmitglieder profitieren sprachlich enorm, persönlich mit jemandem Kontakt zu haben, dessen Muttersprache Deutsch ist. Im Vordergrund steht wie immer die Hilfe zur Selbsthilfe. Alle Familienmitglieder, die großen und die kleinen, sollen neue Eindrücke und Erfahrungen machen. Irgendwann werden sie die anfallenden Aufgaben selbstständig bewältigen, sei es der Verlängerungsantrag auf eine Hilfe beim Amt oder, was wesentlich angenehmer ist, am Automaten das richtige Bahnticket für den Wochenendausflug zu ziehen. Während der Coronakrise war Frau F.s Engagement nicht in Gold aufzuwiegen. Sie hat die jüngere Tochter während der langen Schulschließung begleitet und hilft aktuell bei den Anträgen für einen Computer mit Internetanschluss. Gelegentlich sind bei BISS auch kleinere und zeitlich begrenzte Projekte zu vergeben: Das kann der Deutschunterricht für einen Verkäufer sein, eine Stunde pro Woche, bis er den anstehenden Sprachtest besteht. Oder der Kauf eines einfachen, leicht zu bedienenden Mobiltelefons gemeinsam mit einer schon älteren Verkäuferin, weil sie, wahrscheinlich versehentlich, ihren Festnetzanschluss abgemeldet hat. Oder die Unterstützung eines Verkäufers beim Umzug von der Notunterkunft in eine eigene kleine Wohnung, mit allen anfallenden Aufgaben: beim KVR anmelden, Dauerauftrag für die Miete einrichten, hübsche Fußmatte aussuchen und vieles mehr. Liebe BISS-Leser und -Leserinnen, bleiben Sie weiterhin voller Tatendrang und gesund!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin