BISS-Ausgabe November 2019 | Familienbande

Cover des BISS-Magazins November 2019

Thema | Entspannt und glücklich | Das Leben mit einem behinderten Kind stellt Familien vor neue Herausforderungen. Es kann sehr anstrengend sein, aber auch glücklich machen | 6 Wir machen es uns schön: Leben mit einem Kind mit Behinderung | 12 Der letzte Weg: Sterbende begleiten | 18 Musik ohne Grenzen: Musizieren im Kinderheim | 22 Klimapolitik: Interview mit Prof. Dr. Niko Paech | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 25 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Impressum | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

Protokoll: CHRISTINE AUERBACH UND FELICITAS WILKE

Illustration: Martin Fengel;
Foto: Barbara Donaubauer

AUTOS REPARIEREN

WALDEMAR NIKLAUS: Ich habe schon immer an Autos geschraubt. Mit Familie Wojtek bin ich seit über zehn Jahren befreundet. Ein- bis zweimal pro Woche komme ich in die Werkstatt und darf dort umsonst oder für wenig Geld mein Auto reparieren. Angefangen hat es mit dem Sohn der Familie. Er ist mein Nachbar und hat mich zu seinem Vater in die Werkstatt mitgenommen.

Marek Wojtek, Automechaniker, und BISS-Verkäufer am Odeonsplatz Waldemar Niklaus

MAREK WOJTEK: Ich komme ursprünglich aus Polen, bin aber seit 39 Jahren in Deutschland. Zunächst habe ich als Angestellter gearbeitet, seit 21 Jahren habe ich meine eigene Werkstatt. Mit Herrn Niklaus unterhalte ich mich immer auf Polnisch.

WN: Das spreche ich, weil ich einmal Freunde aus Polen hatte. Ursprünglich bin ich aus Kirgistan.

MW: Ich gebe ihm Tipps, wenn er mal nicht weiterkommt mit seinem Volvo. Ich selbst fahre einen Audi. Ich würde gar nicht unbedingt sagen, dass Autos meine Leidenschaft sind, aber sie gehören eben seit vielen Jahren zu meinem Beruf.

WN: Bei den alten Autos war das Reparieren noch leichter – jetzt braucht man immer einen Computer, um die Fehler zu finden, und sehr viel Spezialwerkzeug. Jede Schraube hat ihren eigenen Schlüssel! Für mich ist es super, dass ich in der Werkstatt, so viel es geht, selbst reparieren kann. Dann muss ich weniger bezahlen und weiß außerdem, dass das Auto danach fährt  – schließlich habe ich jedes Teil selbst ausgewechselt und eingebaut! Meinen Volvo kenne ich inzwischen in- und auswendig.

Wie kann ICH die Welt retten?

Interview ULRIKE BLIEFFERT

Foto HANS ALBRECHT LUSZNAT

Er hat sich einen Namen als konsequenter Wachstumsgegner gemacht. Wenn der Volkswirt Niko Paech (58) nicht als Professor an der Universität Siegen forscht und lehrt, fährt er „mit der Eisenbahn“ durch Deutschland, um unter anderem mit Schülerinnen und Schülern darüber zu sprechen, wie sie ihr Leben nachhaltig gestalten und ihre Zukunft eigenverantwortlich sichern können. Dass er bei der Sache ein Vorbild ist, versteht sich – zumindest für ihn – von selbst: Paech ist erst einmal in seinem Leben mit dem Flugzeug gereist, er besitzt weder ein Auto noch ein Smartphone. Und ernährt sich vegetarisch. „Man kann so sehr gut leben“, findet er, „mir fehlt nichts.“

Herr Paech, wir können heute alles tun – mal eben auf die andere Seite der Erde jetten zum Beispiel. Schwer, da Nein zu sagen, oder?

Portaitshooting Plurale Ökonomik 2018

Wir müssen sogar Nein sagen, denn die Freiheit des Individuums wurde – durch Modernisierung und Demokratisierung – auf ein geradezu perverses Niveau gehievt. Es wurden alle Regulative wegdemokratisiert, die dafür sorgen, dass Menschen eigene Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Handlungen übernehmen müssen.

Heißt das, dass der Einzelne jetzt die Verantwortung für den Planeten übernehmen soll? Wo sind denn die Profis – von denen FDP-Chef Christian Lindner gesprochen hat –, denen wir die Umwelt überlassen können?

Klimaschutzpolitik findet bis heute schlicht nirgends statt, am allerwenigsten in Deutschland, und alle technischen Versuche seitens selbst ernannter Experten, unser Wohlstandsmodell von CO2-Emissionen zu reinigen, sind kläglich gescheitert. Der einzig wirksame Klimaschutz besteht darin, sich den ökologisch suizidalen Verführungen zu widersetzen, also individuelle Ansprüche auf ein global übertragbares Maß zu senken. Folglich sind Menschen, die nie in ein Flugzeug steigen, wenig bis gar kein Fleisch essen, möglichst nie Autos nutzen, wenig Wohnraum und Elektronik beanspruchen, viel reparieren und mit anderen gemeinsam nutzen, die wahren Klimaschutz-Profis.

Meistens sieht es doch so aus, dass wir demonstrieren oder kein bzw. etwas weniger Fleisch essen. Aber dann vor den Ferien … sind wir uns selbst wieder am Nächsten und buchen doch die Reise nach Spanien oder Südamerika. Das schlechte Gewissen dabei ist erträglich.

Moderne Menschen waren nie reicher, freier, gebildeter – und lebten nie verantwortungsloser, während gleichzeitig Fanale der moralischen Korrektheit überhandnehmen. Diese bemerkenswerte Doppelmoral lässt sich als reaktivierter, zumeist symbolischer Ablasshandel erklären: Das schlechte Gewissen des Vielfliegers wird in Bionade und fair gehandeltem Kaffee ertränkt. Auf diese Weise schirmen sich Individuen emotional vor der Konfrontation mit den Folgen des eigenen Handelns ab.

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Meine frühere Arbeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Solomon Vantu

Meine Familie in Rumänien war weder arm noch reich. Immerhin war es möglich, dass ich bis zur elften Klasse in die Schule gehen konnte. Aber als meine Mutter schwer krank wurde, musste ich arbeiten, damit die Familie genug Geld hatte – ich war dafür zuständig, dass meine Mutter, mein kleiner Bruder und meine Schwester und ich genug Essen auf dem Tisch hatten, weil mein Vater nicht da war. In Rumänien ist das normal, da arbeiten Kinder ab 14 Jahren öfter, manchmal, wenn sie kräftig sind, schon ab 13 Jahren. Das war unschön: Ich habe bis mittags Unterricht gehabt und bis nachts um zwölf Uhr gearbeitet. Ich habe auf einem großen landwirtschaftlichen Hof geputzt, den Tieren Gras gegeben, die Milch abgeholt und mit zwei Eseln ins Dorf transportiert. Ich habe auch um die 40 Pferde betreut, auf die Weide geführt und dafür gesorgt, dass sie fressen. Das Gleiche auch mit Schafen. Besonders anstrengend war die Arbeit im Winter. Nicht, weil es so kalt war, sondern, weil es mehr zu tun gab. Wenn die Tiere viel draußen sind, fressen sie selbst, man muss weniger putzen. Aber im Winter muss man manchmal die Tiere waschen und das Futter bereitstellen. Auch der Chef war nicht wirklich nett, er war hochnäsig, oft hat er seine Mitarbeiter nicht pünktlich bezahlt. Weil er nicht viel bezahlen wollte, hat er vor allem Kinder beschäftigt. Verdient habe auch ich mit der Arbeit nur sehr wenig Geld, das waren rund 80 Euro im Monat. Diesen Job hatte ich von meinem 14. bis 20. Lebensjahr. Weil ich so viel gearbeitet habe, hatte ich keine Zeit, für die Schule zu lernen. Ich wurde die ganze Zeit von den Lehrern geschlagen, die haben gefragt: „Warum hast du nicht gelernt?“ Ich hätte schon Lust gehabt, zu lernen, aber es war auch unangenehm, in die Schule zu gehen: Ich hatte kaum Klamotten, habe mir ein Paar Schuhe mit meinen Geschwistern geteilt und habe nicht gut gerochen. Gekündigt habe ich erst, als ich mit 19 Jahren beschloss, nach Deutschland zu gehen. Danach wurde alles besser.

Ohne Wohnung ist alles nichts

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Auf einem der letzten Fotos, die es bei BISS von Herrn D. gibt, sieht er ganz entspannt aus. Er sitzt an einem schön gedeckten Tisch, vor sich ein Glas Orangensaft und eine Etagère mit aufgeschnittenem Schinken und Käse. Um ihn herum sieht man viele andere BISS-Verkäufer, die im vergangenen Jahr wie Herr D. zu unserem Jubiläumsfrühstück im feinen „Café Luitpold“ gekommen sind. Herr D. verkaufte die BISS, anfangs nur gelegentlich, dann aber regelmäßig und seine Festanstellung stand kurz bevor. Daraus ist nichts geworden, denn er ist im April 2019 völlig überraschend gestorben. Er wurde nur 60 Jahre alt. Man hat ihn von Amts wegen in einem Münchner Friedhof beigesetzt. Es war ein würdevoller Abschied, zu dem viele seiner Freunde und Bekannten gekommen sind, jeder von ihnen noch fassungslos, dass es gerade ihren Freund D. getroffen hat, wo der doch einen so vitalen und unverwüstlichen Eindruck gemacht hatte. Sollten Sie bei Gelegenheit im Ostfriedhof am BISS-Grab – Nähe Eingang Balanstraße – vorbeigehen, werden Sie sehen, dass die 13 Verkäuferinnen und Verkäufer, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben, alle nicht sehr alt geworden sind. Ein Leben in Armut, womöglich sogar mit Phasen der Obdachlosigkeit, legt den Betroffenen eine schwere Last auf. Es macht die Menschen krank und letztendlich kaputt, egal ob sie in München oder Berlin auf der Straße, in Deutschland zu lange in schlechten Gemeinschaftsunterkünften oder unter unsäglichen Bedingungen in Flüchtlingslagern im Libanon leben müssen. BISS setzt sich dafür ein, armen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, sei es durch niedrigschwellige Beschäftigung, feste Arbeitsplätze, medizinische Hilfen und natürlich Unterstützung bei der Wohnungssuche. „Eine Wohnung ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts“ – der Leitspruch der bundesweiten Wohnungslosenhilfe ist aktueller als je zuvor, weil bezahlbarer Wohnraum zum Nutzen weniger und zum Schaden vieler Menschen jeden Tag vernichtet wird. Es ist jedoch nicht zwingend, aus allem den maximalen Profit herauszuschlagen. Der kritische Ökonom Niko Paech rät im Interview, auf eine ständige Steigerung des Konsums zu verzichten und Selbstbeschränkung zu üben – für eine bessere Welt (siehe Interview S. 22 bis 24). Und auch die Kunst beschäftigt sich mit dem Thema: Ich kann Ihnen nur empfehlen, die Ausstellung des bekannten Fotografen Rainer Viertlböck im Kunstkreis Gräfelfing zu besuchen. Zu sehen sind bekannte Bilder aus Viertlböcks Serie „Der neue Blick auf München“, die er aktuellen Innenaufnahmen der Wohnsituation von BISS-Verkäufern gegenüberstellt.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin