BISS-Ausgabe Oktober 2019 | Friedenskämpfer

Cover des BISS-Magazins Oktober 2019

Thema | Poesie des Widerstands |Für eine friedlichere Welt kämpfen in München viele:  zum Beispiel Konstantin Wecker mit seinen Lieder, die Seniorpartner in Schulen und MitarbeiterInnen in Frauenhäusern | 6 Konfliktlösung in Schulen: Senioren unterstützen Schüler und Schülerinnen bei Streitigkeiten | 12 Kinder in Frauenhäusern: zwischen Schutz vor Gewalt und Einschränkungen | 16 Poetisch und politisch: Konstantin Wecker im Interview | 22 Finanzwirtschaft: Warum wir eine Wende brauchen | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde & Gönner | 28 Rückblick mit Ausblick | 30 Impressum & unsere Kooperationspartner | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

SELBSTSTÄNDIGKEIT

Protokoll: FELICITAS WILKE

Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

ACHIM KRUPP: Iskender und mich verbindet mehr als nur unser Arbeitsplatz. Wir waren beide selbstständig, bevor wir zu Dynamo Fahrradservice kamen, wir haben keinen ganz geradlinigen Lebenslauf. Und wir fahren sehr gern Rad.

Achim Krupp, 51, Mitarbeiter bei Dynamo Fahrradservice und Iskender Beeck, 35, Umschüler bei Dynamo Fahrradservice

ISKENDER BEECK: Schon als Kind habe ich die Freiheit auf dem Fahrrad gemocht. Ich bin immer ein bisschen weiter gefahren, als es mir meine Mutter erlaubt hat.

AK: Eigentlich bin ich Diplom-Grafiker. Mal hab ich als Angestellter gearbeitet, mal selbstständig. Das lief leider nicht so gut. Ich war acht Jahre lang arbeitslos und bin jetzt seit zwei Monaten bei Dynamo. Hier demontiere ich Räder, begutachte sie und baue sie wieder zusammen. Ich vermisse manchmal die Freiheit, die ich als Selbstständiger hatte. Gleichzeitig tut es mir gut, wieder zu arbeiten und einen geregelten Tagesablauf zu haben.

IB: So geht es mir auch. Ich habe zehn Jahre lang als Rikschafahrer in München gearbeitet, nachdem ich mein Physikstudium abgebrochen hatte. Ich habe die Freiheit der Selbstständigkeit lange genossen, aber die Strukturlosigkeit riss mich in ein persönliches Tief. Bei Dynamo mache ich eine Umschulung zum Zweiradmechatroniker. In einem Jahr habe ich meinen Abschluss.

AK: Ich würde später gern wieder ein Künstlerleben führen, mit festen Auftraggebern und vielen Freiheiten. So wie vor 20 Jahren. Der Job bei Dynamo hilft mir, die dafür nötige Struktur zu erlernen.

IB: Ich brauche die Freiheit auch, aber ich weiß nicht, ob ich mit ihr umgehen kann. Deshalb möchte ich den Beruf als Zweiradmechatroniker gern ausüben und irgendwann mein Wissen weitergeben.

Heimatlos behütet

Garten, Spielhaus, keine Gewalt. Kinder, die in Frauenhäusern aufwachsen, haben einen schweren Rucksack zu tragen. Sie sind zwar endlich in Sicherheit, aber ohne Freiräume

Von CAROLINE VON EICHHORN Illustration CHARLOTTE FU

Wenn Max*, neun Jahre alt, von der Schule kommt, nimmt er keine Mitschüler mit zu sich nach Hause. Im Gegenteil: Er geht lieber mit zu ihnen. Zu denen, die ein richtiges Zuhause haben. Denn Max lebt in einem Frauenhaus, in einem 20 Quadratmeter großen Zimmer, mit seiner Mutter Natalia*, 37, und seiner kleinen Schwester Emma*, zwei Jahre. Max’ Vater ist Alkoholiker. Er beleidigte seine Frau und seine Kinder. Als er anfing, Max’ Mutter zu schlagen, rief sie die Polizei. Das war vor drei Monaten. Natalia, Max und Emma hatten ein Riesenglück, dass sie sofort in das Frauenhaus einziehen konnten. Doch für Max ist es auch ein Stigma, hier zu leben, auf beengtem Raum, ohne Rückzugsmöglichkeiten. Frauenhäuser bieten misshandelten Frauen und deren Kindern – neben Beratung und Unterstützung – vor allem Schutz und Unterkunft zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die ersten deutschen Frauenhäuser öffneten 1976 in Köln und Berlin. Mittlerweile wachsen in Deutschland je – des Jahr etwa 16.000 Kinder in Frauenhäusern auf. Manche bleiben nur ein paar Wochen, andere mehr als ein Jahr. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs der Kinder, die häusliche Gewalt erleben, schätzen Experten. Jede vierte Frau erlebt in ihrem Leben häusliche Gewalt – so die Statistik. Und meist auch etliche Kinder. „Wenn sie kommen, haben die Kinder einen schweren Rucksack zu tragen“, sagt Adina Schnabel, die als Sozialpädagogin im Haus für die Kinder zuständig ist. Fast alle haben Gewalt gesehen, viele sie am eigenen Leib erfahren. Von außen ahnt man nicht, dass das Frauenhaus, in dem Max derzeit wohnt, kein eigentliches Zuhause ist.

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Urlaub in Kroatien

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

VON Dalibor Cacuga Andrea Schönle

Wir sind im Mai zusammen im Urlaub gewesen. Es war unser erster gemeinsamer Urlaub. Am liebsten wären wir gar nicht mehr zurückgekommen. Wir waren 14 Tage weg, mit einem geliehenen Wohnmobil. Unterwegs waren wir zu dritt, noch mit meinem Mann, der ist gefahren. Wir kennen uns vom BISS-Verkaufen und sind gute Freunde geworden. Nachts sind wir losgefahren, erst durch Österreich, dann durch Slowenien. Es ist eine etwas kurvige Strecke, aber wir haben uns immer auf unser Navigationsgerät verlassen. Als wir ankamen, war es schon hell. Unser Ziel war ein Campingplatz bei Zadar, den hatten wir im Internet gefunden. Wir haben unser Wohnmobil aufgestellt und sind erst mal einkaufen gegangen. Während des Urlaubs waren wir mal auf einem Campingplatz, mal sind wir rumgefahren. Ans Meer konnte man nicht, dafür war es zu kalt. Aber wir haben Nin angeschaut, Krk angeschaut und in Zadar den Fischmarkt. Dort gibt es eine schöne Altstadt, man kann eigentlich Bootsfahrten machen, aber die Saison war noch nicht losgegangen. Die Leute waren nett und sehr hilfsbereit. Wir sind viel essen gegangen, haben Pizza, Tintenfisch und Schwertfisch gegessen. Der war ein bisschen ungewohnt und bitter. Aber es war frischer Fisch und er war lecker. Wir haben auch am Campingplatz gegrillt, Fisch und Fleisch. Einmal haben wir auch im Wohnmobil gekocht, Carbonara gab es. Es war toll: Die salzhaltige Luft, man geht raus aus dem Wohnmobil, hat sofort frische Luft und den Blick aufs Meer. Und wir haben uns alle gut verstanden, sind abends spazieren gegangen. Anfangs hatten wir noch schönes Wetter, am Abend fing es aber dann auch an, schlecht zu werden. In den folgenden Tagen kamen ein paar Stürme, da hat alles gewackelt und es sind sogar Wohnmobile umgestürzt. Wir waren dann viel im Wohnmobil, haben Karten gespielt, Poker. Am vierten Tag, als es wieder sonnig war, kamen die Betreiber des Campingplatzes und haben uns Schnaps angeboten. Wir haben viele nette Bekanntschaften auf dem Campingplatz geschlossen. Es gibt sogar Camper, die wohnen da! Wenn wir gekonnt hätten, wären wir auch dageblieben. Bevor wir gefahren sind, haben wir andere Campingplätze angeschaut, um zu gucken, wo wir das nächste Mal hinfahren. Bevor wir gefahren sind, mussten wir alles wieder einräumen. Die Rückfahrt haben wir gegen zwölf Uhr Mittag angetreten. Kaum waren wir hier angekommen, hatten wir schon wieder Fernweh. Nächstes Jahr geht es auf jeden Fall wieder nach Kroatien, hoffentlich wieder mit dem Wohnmobil.

Armut sehen, nicht übersehen

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Gelegentlich fragen uns Leser, woran man arme Menschen erkennen kann. Für BISS ist diese Frage einfach zu beantworten, denn das sind die Menschen, die uns um Hilfe bitten. Beim ersten Kontakt mit dem Sozialarbeiter erzählen sie, woher sie kommen, wovon sie leben und wie sie im Moment wohnen. Diejenigen, die gerade obdachlos sind, haben in der Regel ihr ganzes Hab und Gut dabei, denn Schließfächer im Bahnhof kosten Geld, das für etwas anderes dringender gebraucht wird. Hier ist Krisenintervention gefragt, denn der Bedürftige muss am besten sofort weg von der Straße, beispielsweise indem man ihn in eine Notunterkunft vermittelt. Nicht immer ist Armut so offensichtlich, vielen sozial Schwachen sieht man ihre miserablen Lebensumstände nicht auf den ersten Blick an. Da gibt es insbesondere die Rentner mit den kleinen Renten, die Alleinerziehenden, die um den Unterhalt bangen, und die Langzeitarbeitslosen. Sie scheinen gut gekleidet und oft wohlgenährt, in Wahrheit müssen sie jeden Euro zweimal umdrehen und es reicht trotzdem hinten und vorne nicht. Es ist zum Haareraufen, dass sich Geschäftemacher gerade an armen Menschen bereichern, indem sie ihnen schlechte Unterkünfte zu Wucherpreisen vermieten, sündteure Handyverträge aufschwatzen oder Konsumkredite andrehen. Schon klar, unterschreiben tut letztendlich jeder selbst und auf eigene Verantwortung. Wer aber keine Chance auf ein gutes Leben hat, denkt nicht langfristig und ist leichte Beute. Noch schlimmer ist, dass Arme in unserer Gesellschaft meist unsichtbar sind, weil ihnen zunächst das Geld und zunehmend die Erfahrungen fehlen, am sozialen Leben teilzunehmen. Bei vielen kommt die Scham dazu, es im Leben scheinbar zu nichts gebracht zu haben. BISS-Verkäufer sind besser dran, denn sie verdienen durch den Verkauf der Hefte nicht nur wieder ihr eigenes Geld, sondern haben auch einen Grund, außer Haus zu gehen. Sie wissen, dass ihre Kunden auf sie warten und sie vermissen, wenn sie einmal länger nicht an ihrem Stammplatz stehen. Und fast alle BISS-Verkäufer haben ordentliche Zähne, oft nach langwierigen Behandlungen. Für Betroffene und soziale Projekte, die sich um Obdach- und Arbeitslose kümmern, hat BISS im Jahr 2018 insgesamt 1.452.507,75 Euro ausgegeben (siehe Seiten 28/29 „Rückblick mit Ausblick“). Übrigens ist der 17. Oktober der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut. Danke, dass Sie die BISS gekauft haben, und bitte bleiben Sie uns auch in Zukunft gewogen!

Herzlichst Karin Lohr, Geschäftsführerin