BISS-Ausgabe September 2019 | Bücher auf Rädern

Cover des BISS-Magazins September 2019

Thema | Vom Lesen, Klettern und Vergessen |In München gibt es viele Orte, um Neues zu lernen und sich Unterstützung zu holen | 6 Vergessen werden: Angehörige von an Demenz Erkrankten | 1O Ich will da rauf! Inklusives Klettern in München | 14 Bibliotheken in der Stadt Ein Ort, der allen offensteht | 20 SEEWOLF-Studie Psychische Erkrankung und Obdachlosigkeit | 22 Würdigung Walter Lorenz Mit 75 Jahren ist der „Tee-Walter“ gestorben | 24 Ein Vierteljahrhundert INSP Ein Gespräch über Vergangenes und Kommendes |Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 23 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Impressum & unsere Kooperationspartner | 31 Adressen

Im Teufelskreis

von Mauritius Much

Psychische Erkrankungen sind bei allein lebenden und wohnungslosen Frauen und Männern weit verbreitet: Viele werden wohnungslos, weil sie depressiv sind. Manche werden erst psychisch krank, weil sie kein eigenes Dach über dem Kopf mehr haben. Um sie zu behandeln und um die Hilfsangebote auszubauen, sind ein langer Atem und Hartnäckigkeit gefragt

Den einen wirft der Tod seiner Partnerin vollkommen aus der Bahn. Er wird antriebslos und depressiv. Er hat keine Motivation (Lust) mehr zu arbeiten, weshalb er seinen Job verliert. Daraufhin kann er seine Miete nicht mehr zahlen. Das führt schließlich dazu, dass er zwangsgeräumt wird und auf der Straße landet. Die andere findet keinen Weg raus aus ihrer Drogensucht. Alles Geld, was sie kriegen kann, steckt sie in neuen Stoff. Schulden bei der Familie, den Freunden und beim Vermieter gehen in die Tausende. Irgendwann verliert sie ihre Wohnung und ist obdachlos. Gleichzeitig entwickelt sie infolge ihrer Drogensucht eine Psychose. Solche Beispiele sind etwa in München bei Weitem kein Einzelfall. Im Gegenteil: Depressionen oder andere psychische Erkrankungen sind bei wohnungslosen Männern und Frauen weit verbreitet. Das zeigten in den vergangenen 25 Jahren zwei Studien, die die Situation in München beleuchteten: 1994 untersuchte Professor Manfred Fichter von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München 146 obdachlose Männer und 37 Frauen. Sie lebten entweder auf der Straße oder in Unterkünften. Laut der Fichter-Studie litten 93,2 Prozent dieser wohnungslosen Münchner im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Erkrankung und Sucht.

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Mein Leben auf dem Wasser

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ion Plesa

Geboren bin ich in einem kleinen Dorf im Süden von Rumänien. Von meinem siebten bis zu meinem 15. Lebensjahr war ich in einem Kinderheim. Warum genau, weiß ich nicht – aber damals haben sich meine Eltern scheiden lassen und das war wohl der Grund. In Rumänien sind acht Schulklassen Pflicht, am Ende hat man einen Abschluss, der dem Realschulabschluss hier ähnelt. Danach habe ich mir überlegt, was ich weiter machen will: Gehe ich weiter in die Schule oder lerne ich einen Beruf? Ich habe mich für einen Beruf entschieden und habe mich zum Matrosen ausbilden lassen. Bei uns in der Heimat ist ein großer Hafen, der hat mich schon als Kind fasziniert, dort haben wir mit der Schule Ausflüge hin gemacht. Es war mein Traum, dort zu arbeiten – und Gott hat mir meinen Wunsch erfüllt: Vier Jahre hat die Ausbildung gedauert, ich war auf dem Schiff, habe navigieren gelernt und danach habe ich noch zwei Jahre Praxis gesammelt. Drei Monate habe ich das gemacht, als Anfänger – und dann wurde ich schon zum Militär einberufen. Da war ich so ungefähr 21 Jahre alt. Fast zwei Jahre dauerte der Dienst beim Militär. Keine zwei Tage nach der Armee habe ich wieder als Matrose angeheuert. Ich war auf dem Schwarzen Meer unterwegs, wir sind auch die Donau entlanggefahren, bis Passau sind wir gekommen. Wir haben Waren transportiert. Über die Jahre war ich viel auch am Schwarzen Meer direkt im Einsatz, bei den Serben und den Bulgaren. Ich habe große Schiffe, die ankamen, in den Hafen geschleppt. Ich selbst habe nie daran gedacht, einfach auf einer der Reisen außerhalb von Rumänien zu bleiben, nicht einmal zu Zeiten des Ceausescu-Regimes. Aber als in Rumänien Brot und Fleisch knapp wurden, haben ein paar Kollegen mir vorgeschlagen, das zu tun. Der Plan war, nach Serbien zu fahren, dort das Benzin zu verkaufen und das Geld zu nutzen, um weiter nach Italien zu fahren. Die sind tatsächlich geblieben, ich weiß allerdings nicht, wie weit sie es geschafft haben. Ich dagegen habe mit einem Teil der restlichen Crew das Schiff zurückgebracht, das Benzin war mir zum Glück geblieben. Zum einen war mir das Geld nicht so wichtig, ich liebe mein Land und in Rumänien war ich angesehen, hatte einen Beruf, eine Sicherheit. Und ich wusste ja auch gar nicht, welche Perspektiven ich in Serbien haben würde. Zum anderen hatte ich Angst, erwischt zu werden, schon vorher in Rumänien, aber auch, wenn ich von den Serben geschnappt und zurück nach Rumänien geschickt worden wäre – das hätte drastische Konsequenzen haben können. Ich mochte die Arbeit und das Leben war schön. Aber es war einsam. Ich war viel allein und von zu Hause weg. Ich hatte zwar Kollegen, aber die Familie ist natürlich etwas anderes. Meine Mutter, mein Bruder haben mir gefehlt. Und ich fand es auch schade, selbst keine Familie zu haben. Ich hatte mehrere Gelegenheiten, zu heiraten, habe mich aber dagegen entschieden, weil das für die Frau nicht schön gewesen wäre – ich war ja immer mehrere Monate am Stück weg gewesen, schließlich dauert es, wenn man mit sieben Stundenkilometern vom Schwarzen Meer nach Passau fährt. Wenn wir dann noch Kinder gehabt hätten, hätte die Frau alles alleine machen müssen. Insgesamt habe ich 13 Jahre als Matrose gearbeitet, ungefähr bis 1998.

„Außerordentlich leidenschaftliche Menschen“

Das Internationale Netzwerk der Straßenzeitungen (INSP) feiert 25-jähriges Jubiläum

Straßenzeitungsmacher aus aller Welt in Hannover

Interview HANNELE HUHTALA von der Finnischen Straßenzeitung „Iso Numero“, Mel Young, Gründer des INSP sowie des Homeless World Cup (HWC), im Gespräch mit Fay Selvan, Big Issue North und INSP-Vorstand Foto: Sebastian Sellhorst, Text: Margit Roth

Dieses Jahr feierten beim internationalen Treffen der Straßenzeitungen in Hannover gleich zwei Anwesende ihr 25-jähriges Jubiläum: Einmal die gastgebende Straßenzeitung Asphalt und der INSP selbst. Aus 25 Ländern schickten 50 Straßenzeitungen insgesamt 120 Delegierte. In den Workshops wurden Erfahrungen ausgetauscht und engagiert diskutiert. Auch wenn es nationale und regionale Besonderheiten gibt, so sind in allen Ländern diejenigen, die die Zeitungen verkaufen, von Armut und Obdachlosigkeit direkt betroffen oder bedroht. Alle Straßenzeitungen machen das Leben der Verkäufer besser, durch Einnahmen aus dem Verkauf, Vermittlung in medizinische Versorgung und Unterstützung bei der Wohnungssuche. Festanstellungen für Verkäufer bietet weltweit fast nur die BISS.

HANNELE HUHTALA (HH): Wie ging es mit INSP los?

MEL YOUNG (MY): Damals waren die ersten Straßenzeitungen in Großbritannien erfolgreich, andere Länder folgten dem Beispiel und gründeten ihre eigenen Zeitungen. Daraus entstand die Idee, uns zu treffen und auszutauschen. Außerdem gab es eine sehr erfolgreiche, pro- fit orientierte Straßenzeitung, deren Macher aber ziemlich fragwürdige Gestalten waren. Deshalb entschlossen wir uns, Verhaltensregeln zu entwickeln, damit unsere Leser wissen, wie wir arbeiten und was uns wichtig ist. Es gab also zwei Gründe: ein Netzwerk aufzubauen und unsere Werte zu formulieren und unseren Lesern zu erklären. Die Anfangsjahre waren ziemlich schwierig. Wir waren alle außerordentlich leidenschaftliche Menschen und wir waren uns in vielen Dingen nicht einig. Wir stritten uns manchmal bis aufs Messer. Ein Thema war beispielsweise, ob Werbung im Heft sein sollte oder nicht. Darüber konnten wir bis tief in die Nacht diskutieren. Irgendwann kamen wir dann zu dem Schluss, dass wir eine Organisation sind, in der es viele verschiedene Meinungen und Vorgehensweisen geben kann. Diese Einigung war die Basis von allem.

HH: Was ist das Besondere am INSP?

FAY SELVAN (FS): Das, was wir rund um den Globus tun, ist einzigartig. Die Personengruppe, für die wir arbeiten, ist in einem ständigen Wandel. Diejenigen, die die Ärmsten in einer Gesellschaft sind oder am meisten ausgeschlossen werden, ändern sich beständig. Deshalb sind wir so etwas wie ein gesellschaftliches Barometer. Auch wenn sich die Struktur unserer Klienten ständig ändert, sind wir beständig. Wir bieten jedem die Möglichkeit, eigenes Geld jenseits des geregelten Arbeitsmarktes zu verdienen. Deshalb sind wir so etwas wie ein Sicherheitsnetz für die Ärmsten.

HH: Welches sind die größten Herausforderungen für Straßenzeitungen heute?

FS: Bargeldloses Bezahlen und Auflagenrückgänge in manchen Regionen. Mit zunehmendem Alter lernt man aber, die Dinge besser einzuordnen. Als Videos auf den Markt kamen, prophezeiten alle den Untergang von Kinos. Es gibt sie immer noch, denn sie erfüllen auch eine soziale Aufgabe. Genauso ist es mit Straßenzeitungen. Wir bringen Menschen, die Gutes tun wollen, und Menschen, die Hilfe benötigen, in Kontakt. Dabei ist es keine Beziehung zwischen Bettler und Wohltäter, sondern zwischen Verkäufer und Käufer. Diese soziale Komponente dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Sie ist es, die Straßenzeitungen einzigartig macht. Wir werden uns gegenüber technischen Weiterentwicklungen nicht verschließen können, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es das Zwischenmenschliche ist, das im Mittelpunkt stehen muss.

HH: Es gibt sehr viele unterschiedliche Arten von Straßenzeitungen, und an manchen Stellen herrscht immer noch Uneinigkeit darüber, welcher Weg der richtige ist. Warum ist es so schwierig, dafür einen Konsens zu finden?

MY: Das ist ganz einfach – wir arbeiten alle in sehr verschiedenen Kulturen und Ländern. Auch wenn es oft schwierig ist zu verstehen, aus welchem Grund im jeweiligen Land so und nicht anders vorgegangen wird, über die Grundwerte sind wir uns einig. Wichtig ist es nur, in der Unterschiedlichkeit auch eine Chance zu sehen und voneinander zu lernen. Solange wir alle das Wohl der Verkäufer im Blick behalten, sind wir als Netzwerk effektiv. HH: Zurzeit gibt es viele politische und gesellschaftliche Veränderungen. Wie beeinflusst das die Straßenzeitungen?

FS: In Großbritannien sind durch den Brexit vor allen Dingen unsere rumänischen Verkäufer betroffen. Sie sind nach England gekommen, um Geld zu verdienen und ein besseres Leben führen zu können. Durch den Brexit sind sie sehr verunsichert. Sollten unsere rumänischen Verkäufer England verlassen müssen, hätte das massive Auswirkungen auf die Straßenzeitungen. Ein anderes drängendes Thema sind die durch den Brexit anwachsende Fremdenfeindlichkeit, der zunehmende Populismus und die Ablehnung, mit der arme Menschen immer mehr konfrontiert werden. Wir haben aktuell einen Prime Minister, der nicht nur Menschen, die anders sind, respektlos behandelt, sondern auch deren Rechte untergräbt. Es ist sogar zu befürchten, dass der Human Rights Act aufgekündigt wird. Laut Statistik hat die Kindersterblichkeit 2019 in Großbritannien zugenommen. Zum ersten Mal seit ungefähr 100 Jahren sterben im ersten Lebensjahr mehr Babys als in den folgenden Lebensjahren. Die Situation verschlechtert sich in England zunehmend.

MY: Ich würde mich Fay gern anschließen. Die politischen Entwicklungen gehen über England hinaus. Es betrifft ganz Europa, wenn nicht die ganze Welt. Wir als Straßenzeitungen müssen uns dagegen auflehnen und kämpfen. Eine rassistische, sexistische Ideologie wie die, die durch den Brexit offenkundig geworden ist und auch von Donald Trump vertreten wird, widerspricht dem, wie wir uns Gesellschaft vorstellen. Wir wissen, was in Deutschland in den 1930ern passiert ist. Obdachlose wurden kriminalisiert. Noch sind Menschen, die diese Position wieder vertreten, in der Minderzahl. Darum ist es jetzt wichtig, aufzustehen und dagegen anzukämpfen. Die Aufgabe der Straßenzeitungen ist es, bei all den Dis- kussionen um Fake News vertrauenswürdigen, investigativen Journalismus zu machen. Die Menschen sind verunsichert, was sie noch glauben sollen, und fallen auf Propaganda herein. Das, was in Straßenzeitungen steht, ist deshalb sehr wichtig. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und für die Pressefreiheit kämpfen.

HH: Schließt das für euch auch ein, Demonstrationen zu organisieren?

MY: Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, Demos zu organisieren. Ich denke vielmehr, dass wir das Mittel des Journalismus nutzen müssen, indem wir uns auf guten, investigativen Journalismus konzentrieren. Momentan gehen bei vielen Straßenzeitungen die Verkaufszahlen zurück. Ich denke, das wird sich wieder ändern, wenn wir uns auf guten, investigativen Journalismus konzentrieren. Es gibt so viele Projekte und positive Entwicklungen, die es wert sind, darüber zu berichten, und dringend Aufmerksamkeit benötigen. Das ist es, was die Menschen lesen wollen.

HH: Mit welchen Herausforderungen sind Straßenzeitung noch konfrontiert?

FS: Ein großer Wandel besteht darin, wie Menschen einkaufen. Menschen kaufen mehr online, deshalb verwaisen frühere Stadtzentren. Verkäufern fehlt dadurch die Laufkundschaft. In England sind Shoppingcenter sehr populär. Die Einkaufszentren sind in Privatbesitz, unsere Verkäufer dürfen dort nicht verkaufen. Für Verkäufer wird es dadurch immer schwieriger, mit ihren Käufern in Kontakt zu kommen. Wir müssen innovativ sein und Wege finden, damit unsere Verkäufer und die Leser wieder zusammenfinden.

MY: Wenn ich sehe, wie sich die jungen Menschen für den Klimaschutz einsetzen, bin ich überzeugt davon, dass nicht alles schlecht und aussichtslos ist. Diese jungen, politisch engagierten Menschen sind die Straßenzeitungskäufer von morgen. Von uns wird es abhängen, weiterhin präsent zu bleiben und neue Verkaufsstrategien zu finden. Unsere wichtigste Aufgabe ist es, über Armut und Obdachlosigkeit zu schreiben. Die Situation für obdachlose Menschen war vor 10, 15 Jahren schon einmal deutlich besser. Wir müssen darüber schreiben, welche politischen Veränderungen notwendig sind, welche Strukturen geändert werden müssen, um Armut zu bekämpfen. Unser Ziel ist es, uns überflüssig zu machen, aber das wird wohl noch einige Zeit dauern.