Zeige mir deine Wohnung, und ich weiß nicht, wer du bist

Die Fotografien von Rainer Viertlböck in der Ausstellung „BISS Einblicke“

Von CHRISTOPH LINDENMEYER

Tritt ein, bring Glück herein!“ Wir haben nicht geläutet, nicht angeklopft. Wir waren nicht einmal in den Wohnungen, die hier gezeigt werden, und stehen doch mitten in ihnen. Anonyme Heimaten, neue Geborgenheiten für BISS-Zeitungsverkäufer: endlich eine eigene Wohnung. Rainer Viertlböcks Fotografien benennen nicht die Wohnungsinhaber. Dabei könnten sie leicht zugeordnet werden, denn eine Fototafel mit 15 Einzelporträtaufnahmen in der Ecke zeigt die Menschen, einzelne und Familien, die dort wohnen, wo wir jetzt hineinschauen. Sofas, auf denen sie sitzen, Bilder an der Wand, dieser und jener Vorhangstoff, dieser und jener Blick aus dem Fenster. Diese Motive tauchen auch auf den großformatigen Fotos auf. Aber das wäre nicht aufregend: zu wissen, wer wo wohnt. Aufregend ist eine Spurensuche in den Wohnräumen ohne Namen: Welche Identität geben sie preis, welche Erinnerungen, welche Hoffnungen, welche Biografien? Wer wohnt hier? Was wollte er oder sie behalten, worauf kommt es an, außer eines Tages ein Obdach zu haben? Man muss nicht Ermittler sein, Profiler, Spurensicherer. Es genügt, hinzusehen. Genau hinzusehen.

Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt HEINRICH ZILLE

Dieses Wohnzimmer zum Beispiel. Eine Vase für langstielige Blumen. Leer. Blumen sind nicht billig. Wer würde schon einen Blumenstrauß hier abgeben? Aber im Schatten steht eine Grünpflanze. Sie muss gegossen werden. Pflanzen haben Ansprüche. An der Wand sind Familienfotos mit Heftpflaster festgeklebt. Sie haben die Zeiten überlebt, bevor diese Wohnung zur Heimat wurde. 1 Klebestreifen ist übrig. Das Foto ist abgefallen, oder es wurde abgenommen. CDs liegen da. Vielleicht werden sie nach der Tagesarbeit gehört. Auf dem Bett ein Kissen mit dem Motiv eines Pferdekopfs. Ein Poster mit einem Delphin. Dann aber dies: vor dem Fernseher die kleine Figur einer hinduistischen vielarmigen Gottheit. Neben ihr eine kleine Buddha-­Statue aus Glas. Und daneben, vielleicht aus Papier, eine Kreuzigungsgruppe auf Golgatha. Sehnsucht, Erinnerung oder Vergewisserung in einer erstaunlichen Dreifaltigkeit. An der Wohnungstüre innen, sich verdoppelnd im Garderobenspiegel, ein Rosenkranz. Eine andere Wohnung. Die Fußmatte zeigt ein Eulenmotiv. Irgendwo hängt ein blaues Tuch mit Goldborte, nur ein kleines Stück ist zu sehen. Ein Fund? Ein Geschenk? Ein Erinnerungsstück? Ein Rucksack. Was siehst du jetzt? Da steht ein Koffer. Ich hatte früher einen aus Prag stammenden Nachbarn. „Dass ich Jude bin, habt ihr Deutschen mir beigebracht, früher wusste ich das nicht.“ Hanusz H. hatte immer einen gepackten Koffer in seiner Wohnung. „Damit ich sofort weggehen kann!“, sagte er. In der Dämmerung ließ er die Rollladen herunter. Und jetzt fällt in dieser Ausstellung dieser Koffer auf. Unübersehbar. Ein Begleiter der zurückliegenden Jahre oder schnell zu bepacken, um eines Tages in eine neue Zukunft aufzubrechen?

Ohne Heimat sein heißt leiden FJODOR MICHAILOWITSCH DOSTOJEWSKI

In Talksendungen werden Museumsleiterinnen und ­-leiter gelegentlich gerne gefragt, welches Kunstwerk sie bei einem Feuerausbruch in ihrem Haus nach draußen mitnehmen würden, um es zu retten. Ein Ausstellungskurator antwortete: „Meinen Terminkalender mit dem Adressbuch.“ Was würden wir mitnehmen? Was könnten wir tragen und ertragen bei der Flucht aus unseren Biografien und den Abstürzen und Krisen im Leben? Auf dem nächsten Foto eine elektrische Zahnbürste, ein Mobiltelefon auf dem Couchtisch. Die Wand ist mit zwei Keramiktellern geschmückt: Blumenmotive. Neben der Küchenzeile fällt eine Dart­Zielscheibe auf. Fast nichts verrät, wer hier wohnt. Da aber: auf dem Boden ein Wassernapf, zwei Fressnäpfe. Katze oder Hund? Vor dem Küchentisch steht ein voll bepackter Einkaufstrolley. Ob mit ihm die Druckexemplare von BISS transportiert werden? Der Blick geht zur Wohnungstüre. An der Türklinke hängt eine Hundeleine. So ist das also. Wer hier wohnt, ist nicht ganz allein. Der Fotograf Rainer Viertlböck erzählt, dass er die Wohnungen der BISS-Zeitungsverkäufer nur allein fotografieren konnte. Niemand soll aus Versehen einen Schatten in das Licht werfen. Er bittet die Bewohner um Vertrauen und darum, die Wohnung zu verlassen. Für 15 Minuten. Länger braucht er nicht. Kein Kunstlicht, keine Reflektoren. Viertlböck fängt das natürliche Licht ein, manchmal auch das kalte Leuchten einer Energiesparbirne, die von der Decke hängt. Das fällt als Erstes auf: wie der Fotograf mit Licht umgeht. Selbst eine karge Wohnung behält so ihren Glanz. „Alles ist Licht in unserer Kunst“, sagte mir der Kameramann Michael Ballhaus einmal, er, der berühmte Hollywood­ Director of Photographie, „und der Umgang mit dem Licht!“ Bei Viertlböck ist das nicht anders. Selbst ein Kühlschrank leuchtet, klarer, als wenn wir unseren Kühlschrank öffnen. Milch. Wein. Cola. Wasser. Das Tiefkühlfach, jetzt offen stehend, ist randvoll mit Gefrorenem bestückt. Gemüse. Eingelegte Paprika im Glas. Eier. Eine Scheibe Wammerl. Wer hat den Kühlschrank gefüllt? In einem Fach ein Kochtopf. Hier hat jemand vorgekocht. Das Essen wartet auf den Hungrigen. Was ist persönlich? Dies vielleicht: rechts hinter dem Kühlschrank mit seinem Gefrierfach ein Handtuch, links ein blauer Frottee­Bademantel. Was bleibt von uns, wenn wir einmal nicht mehr existieren? Vielleicht solche Sachen wie auf einem anderen Foto: Am Heizkörper des Zimmers hängt ein Einkaufsbeutel aus Stoff mit dem Aufdruck „25 Jahre BISS“. Auf dem Tisch ein Aschenbecher. An der Wand ein Bild mit Blüten. Ein Strohhut. Dann aber: Bewegung inmitten dieser Ruhe. Auf dem Boden liegt ein Plüschtier, auf dem Bett ein anderes. Das eine hat jemand fallen lassen, das andere bewusst auf das Bett platziert. Wer nach Hause kommt, wird von beiden begrüßt. Nichts deutet darauf hin, dass zu den Plüschtieren Kinder gehören. Denn sonst liegt in der Wohnung nichts herum. Was braucht der Mensch zum Wohnen? Vielleicht das hier: Ein Foto zeigt eine rustikale Eckbank, an die sich eine Sofaecke anschließt. Sechs Bilder an der Wand, in vier Rahmen stecken Kinderfotos. Und eine besondere Aufnahme: Ein Paar posiert vor einem Riesenrad. Vielleicht waren die Zeiten einmal leichter. Auf dem zusammenklappbaren Gartentisch liegt eine Puppe. Eine andere Entdeckung: auf dem Tisch mit seinem steinernen Fundament, vielleicht Marmor?, ein Laptop, ein Granatapfel, eine Lesebrille, ein Meterstab. Ein rotes Buch. Ein amtliches Schreiben. Zwei Teppiche schmücken den Raum, im Schatten der Küchenzeile trägt eine Orchidee zwei Blüten. Der Tisch wirkt voll, überall sonst herrscht Ordnung. Altpapier ist in Kartons gestapelt. Was braucht der Mensch zum Wohnen?

Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern, wo man verstanden wird CHRISTIAN MORGENSTERN

Anfang Februar hatte der neue evangelische Regionalbischof von München und Oberbayern, Christian Kopp, in seiner Predigt zur Einführung in sein neues Amt das „Menschenrecht auf Wohnen“ als das zentrale soziale Thema der Gegenwart bezeichnet. „Da muss alle Energie hinein“, sagte Kopp. „Wir leben in ruppigen Zeiten.“ Wohnen ist nicht Existenz im leeren Raum – das zeigen Rainer Viertlböcks Einblicke in die Wohnungen von BISS-Zeitungsverkäufern. In einem Kellerraum aber gibt es nur Neonröhren, anderswo nackte Glühbirnen. Einmal klebt an der Decke in der Mitte des Wohnzimmers eine Art zusammengepresster Kronleuchter, in einer anderen Wohnung steht eine Leuchte mit einem altgewohnte Geborgenheit ausstrahlenden Lampenschirm. „Vorhänge müssen sein“, sagt Johannes Denninger, und eine Küche ist Voraussetzung für den Wohnungsinhaber, um zu Hause zu sein. Vielleicht entwickelt ein Architekt demnächst auch Funktionsmöbel, die solchen Ansprüchen genügen. Der BISS-Verein besitzt oder mietet Wohnungen an für seine Zeitungsverkäufer. In ruppigen Zeiten gilt der Glaubenssatz: Ich wohne, also bin ich! Was sehen wir noch? Hier einen aus Metall gestanzten kleinen Weihnachtsengel, dort ein rotes Band mit Glöckchen, vielleicht vom Hals eines Osterlamms abgefallen. Ein Gemälde an die Wand gelehnt, der Rückenakt einer Frau. Ob es noch am Mut fehlt, das Bild aufzuhängen? Über einem Tisch, dominant wie ein Gemälde, Kacheln, umrahmt von einer goldenen Zierleiste. Es ist eine aufgeklebte Tapete, die an asiatische Fayencearbeiten erinnert. Lebt Erinnerung in diesen Wohnungen? Oder sollen sie bewusst draußen bleiben, die Gegenstände aus einem früheren Leben: vor der Türe und damit vor jeder Dominanz, sich der Gegenwart aufzudrängen? Die Wohnungen unterscheiden sich, nicht nur in ihrer Größe, nicht nur in ihrer Ausstattungsqualität für den behausten Menschen. Es gibt Räume, die fast unbewohnt aussehen. Kein Bild, kein persönlicher Gegenstand, kein Anhaltspunkt, um den Menschen zu erkennen, der hier zu Hause ist. Wer lange unterwegs war, trägt kein schweres Gepäck mit sich herum. Besitz wird erworben. Wer nichts hat, besitzt wenig. Oder nichts.

Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause NOVALIS

Dieser Kellerraum. Besser, als unter freiem Himmel zu leben. Das Fenster ist vergittert. Eine Toilette gibt es nicht, ein Waschbecken ist nicht zu sehen. An der Außenwand lehnt ein alter Garderobenspiegel. Die schmalen Tische erinnern an die Werkbank eines Hausmeisters, so wie eben Werkbänke von Hausmeistern in Kellern aussehen. Zwei Einkaufstrolleys, ein Trolley für Werkzeug. Ob die Mikrowelle noch funktioniert? Es gibt eine italienische Espressokanne. Wer hier lebt, wird froh sein, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, aber es kann nur eine Zwischenstation vor einem neuen Ortswechsel sein. Das Licht zwischen den Gittern ist freundlich. Wie wohnen wir? Und was erführe der Betrachter der Fototafeln über uns, wenn Rainer Viertlböck uns gebeten hätte, für eine Viertelstunde unsere Wohnung zu verlassen, um festzuhalten, wie Wohnungen in Deutschland aussehen und wie wir darin leben? Vor 40 Jahren realisierte Herlinde Koelbl ihren berühmt gewordenen Bildband „Das deutsche Wohnzimmer“ mit Texten von Manfred Sack, aber sie zeigte die Räume mit ihren Bewohnern. Die Fotos dokumentieren Idylle und Gegenidylle, Kunst und Kitsch, Enge und Weite. Menschen, die Wohnungen gestalten, und Wohnungen, die ihre Bewohner prägen. Rainer Viertlböck entführt die Betrachter in Wohnungen, die zum Teil und offensichtlich noch Übungsräume sind: um das Ankommen zu lernen, das Hierbleiben, das Zurruhekommen. Das Sesshaftsein. Die Gewissheit, irgendwann einmal sagen zu dürfen: Hier bin ich zu Hause!

AUSSTELLUNG
Ein Bild der Serie „BISS Einblicke“ ist bei BISS in der Metzstraße 29 zu sehen. Die Termine der kommenden Ausstellungen veröffentlichen wir auf unserer Website und im Heft.