Wir wollen auf Erden glücklich sein

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Für meine Abiturfahrt im Jahr 1980 standen zwei Ziele zur Auswahl: Athen oder Prag. Athen war aufgrund der erforderlichen Flugreise teurer und, so habe ich das damals wahrgenommen, das Wunschziel von Zahnarzttöchtern und Steuerberatersöhnen des gleichen Jahrgangs. Schon aus diesen Gründen fuhr fast der gesamte Deutsch-Leistungskurs, den auch ich zwei Jahre belegt hatte, nach Prag. Alle, bis auf Hermann G., dessen Verliebtheit in die Zahnarzttochter größer war als seine Liebe zur Stadt von Franz Kafka. Die „Athener“ hatten herrliches Sommerwetter und sind in der Ägäis Wasserski gefahren. In Prag hat es tagelang geregnet, allerdings konnte man sich mit dem übrig gebliebenen Geld aus dem Zwangsumtausch Bücher kaufen. Seitdem besitze ich eine Ausgabe des Werkes Heinrich Heines (1797–1856) in fünf Bänden. Ganz unerwartet ist mir vor Kurzem der Name dieses großen Dichters und politischen Schriftstellers wieder begegnet, und das kam so. In den vergangenen Monaten hat der BISS-Deutschkurs für die Verkäufer aus den bekannten Gründen öfter im Freien bei gemeinsamen Spaziergängen stattgefunden. Einer dieser Spaziergänge führte den Kurs in den Finanzgarten, eine Grünanlage hinter der Staatskanzlei. Dort, erzählte BISS-Verkäufer Herr M., hätte er sich einmal im Dunkeln auf der Suche nach einem sicheren Schlafplatz sehr erschrocken. Der Platz, den er sich ausgesucht hatte, schien durch einen anderen bereits belegt, was sich, bei Licht betrachtet, als ein Denkmal zu Ehren Heinrich Heines herausstellte. Heine, Freund aller Menschen, „wenn sie vernünftig und gut sind“, hat in seinem Werk „Deutschland. Ein Wintermärchen“ programmatisch formuliert, was für unsere Arbeit heute so gelten kann:

Wir wollen auf Erden glücklich sein Und wollen nicht mehr darben; Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hiernieden Brot genug Für alle Menschenkinder, Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust Und Zuckererbsen nicht minder.

Herr M. ist nicht mehr obdachlos, denn er konnte im August mit Unterstützung der Stiftung BISS in eine Zweizimmerwohnung ziehen, die er sich mit einem anderen BISS-Verkäufer teilt. Er ist „auf Erden glücklich“, das hätte dem Menschenfreund Heinrich Heine sicher gefallen.

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

PS: Wir suchen für die Schreibwerkstatt (siehe Seiten 26 und 27) eine zweisprachige Journalistin oder einen zweisprachigen Journalisten, und zwar deutsch-rumänisch. Bitte rufen Sie bei Interesse an!