„Wir können alle zu einem menschenfreundlichen Land beitragen“

In einem unscheinbaren Verwaltungsgebäude in der Nähe des Darmstädter Hauptbahnhofs hat die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus ihren Sitz. Von hier aus organisiert Jürgen Micksch mit seinem Team jedes Jahr die gleichnamigen Aktionswochen, die in diesem März zum 25. Mal in Deutschland stattfinden und vom 16. bis zum 29. März 2020 unter dem Motto „Gesicht zeigen – Stimme erheben“ stehen. Micksch, 79, setzt sich seit Jahrzehnten für benachteiligte Menschen in der Bevölkerung ein. Er gehört auch zu den Gründern der BISS und hat Pro Asyl ins Leben gerufen. Ein Gespräch über Rassismus früher und heute, über verletzende Sprache und seine eigene Biografie als Flüchtlingskind.

Von FELICITAS WILKE

DR. JÜRGEN MICKSCH wurde 1941 in Breslau geboren und wuchs nach der Flucht in Niederbayern auf. Als Jugendlicher spielte er am Residenztheater und an den Kammerspielen. Anschließend studierte er Theologie, Philosophie und Soziologie. Zwischen 1984 und 1993 war er stellvertretender Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing. Dort trafen sich im Jahr 1991 auf der Tagung „Obdachlosigkeit – ein Skandal und seine Folgen“ Medienleute, Sozialarbeiter, Obdachlose, kirchlich und sozial Engagierte. Dr. Jürgen Miksch regte das Projekt an, nach amerikanischem Vorbild ein Münchner Straßenmagazin herauszugeben. Aufgrund des Einsatzes vieler Engagierter konnte im Oktober 1993 die erste BISS-Ausgabe realisiert werden. Dr. Jürgen Miksch gründete zahlreiche Projekte und Organisationen, darunter Pro Asyl, den Interkulturellen Rat, das Deutsche Islamforum und die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus.

Herr Micksch, gehen die Menschen hierzulande heute anders mit dem Thema Rassismus um als vor 25 Jahren?

Auf jeden Fall. Heute würde kein vernünftiger Mensch mehr bestreiten, dass Rassismus in unserer Gesellschaft existiert – wahrscheinlich nicht mal die Menschen mit rassistischen Einstellungen selbst. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Vor 25 Jahren war es in Deutschland noch die landläufige Meinung, es gebe hierzulande seit Ende des Zweiten Weltkriegs keinen Rassismus mehr.

Ein Trugschluss.

Natürlich. Der Rassismus ist nie ausgestorben. Das haben die offenkundig rassistisch motivierten Gewalttaten gezeigt, die Neonazis Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland verübten. In Hoyerswerda, in Solingen oder Mölln, um nur ein paar zu nennen.

Auch als Reaktion darauf riefen Sie im Jahr 1995 die Wochen gegen Rassismus ins Leben.

Ich bin ein etwas sturer Mensch (lacht). Es irritierte mich, wie wenig Aufmerksamkeit der Internationale Tag gegen Rassismus in Deutschland erfuhr, den es ja schon viel länger gibt. Also habe ich einfach mal angefangen und weitergemacht, auch als die Aktionswochen anfangs auf wenig Interesse stießen. In den ersten Jahren haben wir nur eine Handvoll Veranstaltungen organisiert. Doch nach sechs, sieben Jahren wurden es immer mehr.

Wie erklären Sie sich, dass wir als Gesellschaft heute anders auf die Problematik blicken als damals?

Dazu haben leider viele furchtbare Dinge beigetragen. Die NSU-Morde, zuletzt auch die Ereignisse in Halle, die uns vor Augen führten, dass es heute genau wie damals gewalttätige Rassisten in unserem Land gibt. Andererseits setzen sich aber auch viel mehr Menschen als früher gegen Rassismus ein. Das ist eine ausgesprochen erfreuliche Entwicklung, zu der viele beigetragen haben: die Vereine, die Kirchen, die Flüchtlingshelfer – und sicherlich auch unsere Stiftung.

Was ist Ihre Definition von Rassismus?

Wir sprechen von Rassismus, wenn eine Gruppe von Menschen gebildet wird, der negative Eigenschaften zugeschrieben werden und die aufgrund dieser angeblichen Eigenschaften diskriminiert wird. Nach unserer Definition hat der Rassismus-Begriff nichts mit dem Wort „Rasse“ zu tun, sondern damit, dass andere Menschen sich dieser Gruppe überlegen fühlen. Auch Obdachlose oder Homosexuelle können davon betroffen sein.

Wie äußert sich Rassismus heute in unserem Land?

Ganz zentral ist der Alltagsrassismus im täglichen Miteinander. Das können Vorurteile, Beleidigungen oder sogar körperliche Übergriffe gegen die kopftuchtragende Frau, den schwarzen Mann, gegen Roma oder Juden sein.

Sind heute andere Gruppen besonders von Rassismus betroffen als vor 25 Jahren?

Generell kann man sagen: Die Roma sind die Gruppe, die in der Bevölkerung am meisten abgelehnt wird. Da gibt es weiterhin einen erschreckenden Konsens in Teilen der Bevölkerung. Es finden aber auch immer wieder Verschiebungen statt. Vor 25 Jahren beispielsweise haben wir den Antisemitismus nicht als so schwerwiegendes Problem wahrgenommen. Inzwischen wissen wir, dass die meisten tätlichen Angriffe auf Juden verübt werden. Und das, obwohl in Umfragen nur vergleichsweise wenige Menschen angeben, etwas gegen Juden zu haben.

Woher kommt diese Diskrepanz?

Ich kann es mir nur mit dem Antisemitismus erklären, der über Jahrhunderte weitergetragen wurde und tief in den Köpfen steckt.

Wie entsteht Rassismus?

Genau auf diese Weise: Schon vor Jahrhunderten wurden Roma verfolgt oder Juden angefeindet. Rassistische Denkmuster werden von Generation zu Generation weitergegeben – und zwar oft, ohne sie zu reflektieren und ohne irgendeinen Bezug zu diesen Menschen zu haben. Schauen wir nur mal auf Ostdeutschland, wo vergleichsweise wenige Muslime leben, aber dort viel stärker abgelehnt werden als im Westen. Wir wollen mit unserer Stiftung dazu beitragen, dass die Menschen sich bewusst machen, was Rassismus ist. Denn wenn sie erst einmal darüber reflektieren, können sie schnell dazulernen.

Wie kann das gelingen?

Entscheidend sind sicherlich Kontakte zu Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Am besten in allen Bereichen des Lebens, in der Schule, bei der Bundeswehr, im Beruf. Auch Projekte zur politischen Bildung können dabei helfen. Durch solche Begegnungen wird vielen zunächst klar, dass die Vorurteile nicht auf den zutreffen, den sie da gerade kennengelernt haben. Je mehr Menschen aus verschiedenen Prägungen sie begegnen, desto eher wird ihnen dann hoffentlich bewusst, dass sie nicht auf lauter positive Ausnahmen treffen, sondern dass ihre Vorurteile nicht stimmen.

In den vergangenen Jahren wurde in Deutschland immer wieder über rassistische Sprache diskutiert und darüber, wie ein Schnitzel mit Paprikasoße oder ein Schaumkuss nun genannt werden darf. Welche Rolle spielt Sprache, wenn es um Rassismus geht?

Sprache kann Hass transportieren und ausgrenzen. Deshalb ist es wichtig, dass wir Sprache ernst nehmen und manche Begriffe auch aufhören zu verwenden. Ich unterstelle sicherlich nicht jedem, der vom „Zigeunerschnitzel“ spricht, eine böse Absicht. Aber „Zigeuner“, das steht nun mal für „ziehenden Gauner“. Das ist ein rassistischer Begriff.

Aber warum fällt es vielen Menschen so schwer, auf ihre Sprache zu achten? „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ ist ja schon zu einer geflügelten Redewendung der Empörten geworden.

Man gibt nicht gerne auf, was man gewohnt ist, erst recht nicht, wenn schon der eigene Vater oder die Oma solche Begriffe verwendet haben. Außerdem ist es auch ganz angenehm, sich als etwas Besseres zu fühlen. Rassismus hat immer auch mit einem Machtgefüge zu tun.

Was lösen rassistische Anfeindungen und Angriffe in den Betroffenen aus?

Ihnen wird jedes Mal aufs Neue bewusst, dass sie abgelehnt und herabgestuft werden. Das zieht Menschen herunter, das kann ihnen Angst machen. Es ist kein schönes Gefühl, immer um Anerkennung kämpfen zu müssen, nur weil man schwarz ist, Muslim oder Jude. Wir sollten zu einer Gesellschaft werden, in der Menschen als Menschen in ihrer Würde wahrgenommen werden. Wer immer wieder Ausgrenzung erfährt, dem wird diese Würde genommen.

Sie haben schon 1980 den Begriff der „multikulturellen Gesellschaft“ geprägt. Wie kam es dazu?

Mich hat damals gestört, dass wir in einem Atemzug mit Ausländern immer nur von Problemen und Kriminalität gesprochen haben. Ich wollte einen anderen Zusammenhang herstellen – und zwar zwischen Ausländern und Kultur. Eine Gesellschaft, in der viele Kulturen aufeinandertreffen, empfinde ich bis heute als bereichernd und positiv.

Das sah nicht jeder so. Der Begriff wurde damals kontrovers diskutiert.

Ja, er hat viele Menschen erschreckt. Dass andere Kulturen plötzlich auch zu Deutschland gehören sollen, hat einigen nicht gefallen. Sie befürchteten, das Land würde daran zugrunde gehen. Ich glaube, dass sich das geändert hat und sich unsere Gesellschaft heute in weiten Teilen als vielfältig begreift.

Allerdings nutzen rechte Politiker und Gruppierungen „Multikulti“ immer noch als Kampfbegriff für all das, was ihrer Meinung nach in Deutschland schiefläuft.

Tatsächlich liegt in dem Begriff seit jeher ein kleines Problem. Man kann ihn so verstehen, dass in einem Land viele Kulturen nebeneinander leben, nicht zusammen. Das hatte ich damals nicht bedacht. Darum habe ich später lieber von „interkulturell“ gesprochen, um das Miteinander zu betonen.

In vielen Ländern dieser Welt feiern populistische Parteien und Politiker zurzeit Erfolge, denen es eher um ein Gegeneinander zu gehen scheint. Wie erklären Sie sich die Sehnsucht nach simplen Antworten?

Man kann die Globalisierung positiv und als Öffnung sehen, als Erweiterung des eigenen Horizonts. So sehe ich das. Doch manche Menschen fühlen sich durch die neue Situation auch gefährdet und fürchten, ihnen könnte etwas weggenommen werden. Sie entwickeln Aggressionen und werden empfänglich für einfache Antworten nach dem Motto: Wenn die nicht da wären, dann würde es uns besser gehen.

Hat die sogenannte Flüchtlingskrise diese Situation in Deutschland verstärkt?

Auch hier lässt sich wieder zweierlei beobachten: Es gab einerseits unglaublich viele Menschen, die es befürwortet haben, Menschen aufzunehmen und sie zu unterstützen. Gleichzeitig formierten sich Gegenbewegungen. Insgesamt würde ich aber sagen, dass das Engagement für die Flüchtlinge dominiert hat – und dem Land gut getan hat.

Sie sind selbst Flüchtlingskind, Ihre Familie stammt aus Breslau.

Auf der Flucht waren wir in einem Lager untergebracht, als es irgendwann hieß: Alle Österreicher dürfen raus. Meine Mutter hatte einen Pass eines österreichischen Freundes und hat unsere Namen da eingetragen. Ich hieß also plötzlich Jürgen Paulmüller und war ein Risiko für unsere Familie: Erklären Sie mal einem Vierjährigen, wieso er plötzlich einen anderen Nachnamen tragen soll und niemandem verraten darf, wieso! Von Österreich ging es weiter nach Niederbayern. Dort wurden Sie nicht gerade freundlich aufgenommen. Und das kann ich sogar verstehen. Wir wurden dort in das ohnehin schon kleine, ärmliche Haus einer Familie einquartiert, das sie nun auch noch mit uns teilen mussten. Zum Teil haben sie aber auch wirklich schlimme Sachen gemacht. Wir hatten draußen nur ein Plumpsklo, und manchmal haben sie den Weg dorthin mit Stacheldraht ausgelegt, sodass man nachts hineingetreten ist und sich verletzt hat. Ich weiß noch, wie das wehgetan hat.

Hat Ihr Engagement für benachteiligte Menschen in der Gesellschaft auch mit Ihrer eigenen Biografie zu tun?

Da müsste man wohl einen Psychologen fragen (lacht). Aber ich würde sagen, nein. Denn ich habe ja dann als Kind zunächst einen ganz anderen Weg eingeschlagen und viel Theater gespielt.

Sie waren ein Kinderstar, spielten Theater und drehten Filme unter anderem mit Heinz Rühmann und Ingrid Bergman.

Genau, in München! Ich habe eine unglaublich gute Jugend gehabt, die meine Erlebnisse aus der früheren Kindheit in Vergessenheit geraten ließ. Die Fluchterfahrung ist erst sehr viel später wieder in mein Bewusstsein gerückt. Ich kam eher über meine Arbeit für die Evangelische Kirche zu diesen Themen. Ich finde die vermeintlich schwierigen Themen einfach reizvoll, vor allem Armutsbekämpfung und Friedensfragen. Das war meine Motivation. Und wenn ich bedenke, wie klein wir angefangen haben, zum Beispiel mit den Wochen gegen Rassismus, dann freut es mich zu sehen, dass unsere Auftaktveranstaltung zum Jubiläum jetzt im Bundeskanzleramt stattfindet.

Werden wir die Wochen gegen Rassismus in 25 Jahren überhaupt noch brauchen?

Ich fürchte, dass Rassismus eine Konstante ist. Aber wir müssen alles tun, um dieses Problem so klein wie möglich zu halten. Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind, Deutschland zu einem menschenfreundlichen Land zu machen. Und das Schöne ist: Wir können alle dazu beitragen.