Wie kann ICH die Welt retten?

Interview ULRIKE BLIEFFERT

Foto HANS ALBRECHT LUSZNAT

Er hat sich einen Namen als konsequenter Wachstumsgegner gemacht. Wenn der Volkswirt Niko Paech (58) nicht als Professor an der Universität Siegen forscht und lehrt, fährt er „mit der Eisenbahn“ durch Deutschland, um unter anderem mit Schülerinnen und Schülern darüber zu sprechen, wie sie ihr Leben nachhaltig gestalten und ihre Zukunft eigenverantwortlich sichern können. Dass er bei der Sache ein Vorbild ist, versteht sich – zumindest für ihn – von selbst: Paech ist erst einmal in seinem Leben mit dem Flugzeug gereist, er besitzt weder ein Auto noch ein Smartphone. Und ernährt sich vegetarisch. „Man kann so sehr gut leben“, findet er, „mir fehlt nichts.“

Herr Paech, wir können heute alles tun – mal eben auf die andere Seite der Erde jetten zum Beispiel. Schwer, da Nein zu sagen, oder?

Portaitshooting Plurale Ökonomik 2018

Wir müssen sogar Nein sagen, denn die Freiheit des Individuums wurde – durch Modernisierung und Demokratisierung – auf ein geradezu perverses Niveau gehievt. Es wurden alle Regulative wegdemokratisiert, die dafür sorgen, dass Menschen eigene Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Handlungen übernehmen müssen.

Heißt das, dass der Einzelne jetzt die Verantwortung für den Planeten übernehmen soll? Wo sind denn die Profis – von denen FDP-Chef Christian Lindner gesprochen hat –, denen wir die Umwelt überlassen können?

Klimaschutzpolitik findet bis heute schlicht nirgends statt, am allerwenigsten in Deutschland, und alle technischen Versuche seitens selbst ernannter Experten, unser Wohlstandsmodell von CO2-Emissionen zu reinigen, sind kläglich gescheitert. Der einzig wirksame Klimaschutz besteht darin, sich den ökologisch suizidalen Verführungen zu widersetzen, also individuelle Ansprüche auf ein global übertragbares Maß zu senken. Folglich sind Menschen, die nie in ein Flugzeug steigen, wenig bis gar kein Fleisch essen, möglichst nie Autos nutzen, wenig Wohnraum und Elektronik beanspruchen, viel reparieren und mit anderen gemeinsam nutzen, die wahren Klimaschutz-Profis.

Meistens sieht es doch so aus, dass wir demonstrieren oder kein bzw. etwas weniger Fleisch essen. Aber dann vor den Ferien … sind wir uns selbst wieder am Nächsten und buchen doch die Reise nach Spanien oder Südamerika. Das schlechte Gewissen dabei ist erträglich.

Moderne Menschen waren nie reicher, freier, gebildeter – und lebten nie verantwortungsloser, während gleichzeitig Fanale der moralischen Korrektheit überhandnehmen. Diese bemerkenswerte Doppelmoral lässt sich als reaktivierter, zumeist symbolischer Ablasshandel erklären: Das schlechte Gewissen des Vielfliegers wird in Bionade und fair gehandeltem Kaffee ertränkt. Auf diese Weise schirmen sich Individuen emotional vor der Konfrontation mit den Folgen des eigenen Handelns ab.

Aber die Folgen bekomme ich ja so direkt gar nicht mit. Der Flieger würde ja auch ohne mich abheben …

Aber ich kann die Folgen sehr wohl auf Basis verfügbarer Informationen abschätzen – wenn ich es nur will. Im Übrigen ist es trivial, dass sofort weniger Flüge stattfänden, wenn die Nachfrage dafür ausbliebe.

Ein sehr optimistisches Menschenbild, das Sie da haben. Reagieren die meisten nicht erst dann, wenn ihnen das Wasser tatsächlich bis zum Hals steht?

Mein Menschenbild stützt sich auf Vernunftbegabung und Aufklärung. Unser Überleben hängt davon ab, nicht erst zu reagieren, wenn es zu spät ist: Stellen Sie sich einen Autofahrer vor, der grundsätzlich erst bremst, nachdem er einen Baum oder Brückenpfeiler gerammt hat. Wenn Menschen nicht die Fähigkeit ausschöpfen, im Sinne eines Vorsorgeprinzips die Folgen ihres Handelns zu antizipieren und gegebenenfalls vor Eintritt einer Rückkoppelung zu vermeiden, gehen sie unter. Andere Lebewesen teilen dieses Schicksal nicht, weil sie nicht über die wirkmächtige technische Verstärkung ihres Tuns verfügen, deshalb können sie es sich erlauben, ihr Verhalten auf unmittelbaren Rückkoppelungen zu gründen.

Halten Sie einen Wandel für wahrscheinlich?

Natürlich ist es unrealistisch und nicht sonderlich klug, eine Vollbremsung zu fordern. Aber es ist möglich und schon punktuell sichtbar, dass sich eine stetig vergrößernde Avantgarde herausbildet, die ihren Wohlstand auf jenes Maß begrenzt, das unsere Überlebensfähigkeit sichern kann, wenn sich alle Erdbewohner danach richten. Statt also politische Forderungen herauszuposaunen, wäre es wichtig, glaubwürdig vorzuführen, wie ein nachhaltiger Lebensstil aussieht. Dabei eilt die Tatsache zu Hilfe, dass die ruinösesten Handlungen, die wegzulassen wären, nicht selten die dekadentesten sind, also solche, die definitiv nicht dazu dienen, die Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Offenbar ticken Sie da anders als viele andere Menschen. Wie kriegen Sie das denn hin mit dem Verzicht?

Woher nehme ich das Recht, diesen oder jenen Fortschritt in Anspruch zu nehmen, der noch vor Kurzem undenkbar war und von dem ich weiß, dass er hohe Schäden anrichtet? Reicht der Umstand, dass ich etwas bezahlen kann und es momentan gegen kein Gesetz verstößt, schon als Rechtfertigung dafür aus? Ein Teil der nötigen Reduktion kann schon deshalb kein Verzicht sein, weil die aktuelle durchschnittliche Wohlstandshöhe nicht das Resultat eigener Arbeit ist, folglich geht es um die Rückgabe einer Beute.

Viele Menschen haben ja auch andere Begründungen. Zum Beispiel erfordert der Job heutzutage oft, dass man mobil ist. In einer globalen Welt pendelt man zwischen Städten und Ländern.

Wer wollte ernsthaft eine würdige Unterkunft, Elektrizität, notwendigen Berufsverkehr, eine Konsumausstattung, die auch maßvoll über den reinen Grundbedarf hinausreichen kann, Zugang zu maximaler Gesundheitsversorgung und Bildung sowie einen ökologisch verantwortbaren Urlaub kritisieren? Aber umgekehrt ist noch niemand erfroren, verhungert oder erkrankt, wenn er/sie keine Kreuzfahrt, Flugreise, keinen SUV, keine maßlose Neuanschaffung an Elektronik und anderen Konsumgütern oder keine 100 Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf etc. in Anspruch nehmen konnte. Und noch mal zum Berufsverkehr: Muss ich jeden Job annehmen, wenn er mir moralische Verwerfungen zumutet?

Aber die Welt ist nun einmal zunehmend vernetzt …

Die Technik bietet immerhin einige positive Lösungen, etwa Videokonferenzen. Dass die Kanzlerin durch die Welt jetten muss, das sehe ich ein. Ich habe auch Verständnis dafür, dass in Afrika, wo die essentiellen Grundbedürfnisse in manchen Regionen nicht befriedigt werden, weiteres Wirtschaftswachstum vonnöten ist. Aber dekadenter Luxus, gerade in der Mobilität, mausert sich zum Normalzustand und gehört als Krisenverursacher auf den Prüfstand.

Also, was kann man denn als einzelner kleiner Mensch tun, um … um diesen Massenbewegungen etwas entgegenzusetzen?

Der erste Schritt kann nur darin bestehen, sich die eigene CO2-Bilanz anzuschauen. Mittelfristiges Ziel müssen zwei Tonnen pro Jahr sein. Der Mensch ist ein soziales Wesen, deshalb passt er sich den Handlungsweisen anderer an, die ihn umgeben, die ihm etwas bedeuten. Wer also neue Lebensstile vorlebt, wird – ob er will oder nicht – wahrgenommen und verändert damit die Maßstäbe seiner Mitmenschen. Wir brauchen daher Widerstandsnester gegen den Konsum- und Technikwahn, in denen sich eine Elite bildet, die fröhliche Genügsamkeit vorlebt! Solche Avantgardisten, die das Rückgrat haben, sich dem schädlichen Wohlstand auch dann zu verweigern, wenn sie als rückständig beschimpft werden. Wichtig sind Familien, die sagen: Wir schaffen unser Auto ab! Wir fahren mit der Eisenbahn und mit einem Lastenfahrrad. Und Urlaub an den schönen Plätzen Europas reicht uns. Oder ganze Schulklassen, die sagen: Wir erklären uns zur einwegverpackungs-, smartphone- und flugzeugfreien Zone. Das bedeutet noch lange nicht, das Internet abzuschaffen oder in Sack und Asche zu gehen, sondern, das Leben zu entrümpeln.

Klingt eigentlich ganz einfach.

Ja, nur haben wir panische Angst davor, als spießig oder rückständig zu gelten.

Besonders Eltern wissen, wie schwer es ist, den eigenen Kindern etwas zu verbieten, „was alle anderen“ auch tun oder haben. Das ist ein Kampf.

Auf antiautoritäre Weise wird man seine Werte nicht vermitteln können, das ist wahr. Aber wenn man sich mit anderen zusammentut, wird es einfacher, weil es in der Gruppe einfacher fällt, neue Regeln einzuhalten. Dann spielt man auch die Kinder nicht gegeneinander aus. Man kann die Konkurrenz lindern, wenn ein Kind merkt, die anderen müssen das hier ja auch so machen. Wir halten uns alle dran. Können Sie ein Beispiel für eine avantgardistische Umweltgruppe nennen? Sowohl in ökologischen Lebensgemeinschaften als auch in manchen Stadtteilen großer Metropolen bilden sich neue Daseinsformen heraus. Aber ich sage Ihnen etwas: Wir verfügen noch immer über viele Menschen, die einfach unbemerkt und zurückgezogen ein ökologisch anständiges Leben führen, weil sie irgendwann aufgehört haben, auf jeden neuen Trend aufzuspringen.

Und was ist mit den Fridays-for-FutureDemos – ein erster Schritt?

Allein politisch korrekte Forderungen oder Symbolhandlungen sind wirkungslos, denn an Betroffenheitsbekundungen bestand nie Mangel – im Gegenteil: Sie sind längst zu einer gewissenberuhigenden Ersatzhandlung gediehen. Was hingegen fehlt, ist ein Aufstand der konkret Handelnden und sich Verweigernden, die mit offen praktizierter Selbstbegrenzung die Gesellschaft konfrontieren. Wenn die jungen Leute konsequent damit beginnen würden, ein Leben umzusetzen, das ökologisch zukunftsfähig ist, hielten sie die stärkste politische Waffe in ihren Händen: Glaubwürdigkeit!