Wie ich wohne

Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS -Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto: Martin Fengel

Der Familienmensch

Von der Decke hängt ein Kronleuchter herunter, auf der Esstischplatte mit Marmoroptik befindet sich eine goldfarbene Etagere, gefüllt mit Obst. In der Vitrine der Schrankwand kann man unser Kaffeeservice und Gläser bewundern. Gardinen mit Spitze und in Falten gelegte Vorhänge schmücken unsere Fenster. An den Wänden sind Fotos von unseren Kindern und Enkeln. Kaum zu glauben, dass die Wohnung 2015, als wir eingezogen sind, ganz leer war. Mülltüten haben wir auseinandergeschnitten, sie auf den Boden gelegt und darauf, nach Personen getrennt, die Kleider aufgeteilt. Mein Sohn, meine Tochter, meine Frau und ich, jeder in der Familie hatte seinen eigenen Haufen. Geschlafen haben wir auf Matratzen. Nach und nach haben wir ein Möbelstück nach dem anderen besorgt. Jetzt schaut es ganz edel bei uns aus. Vor Kurzem erst kam ein großes Sofa hinzu. Darauf übernachte ich. Meine Frau hingegen schläft mit unserer einen Monat alten Enkeltochter in einem kleinen Zimmer, in dem gerade mal ein Doppelbett, ein Schrank und eine winzige Kommode reinpassen. Man kann um die Möbel nicht herumgehen, so eng ist es. Der Raum zählt auch nur als halbes Zimmer. Auch wenn der Flur breit und geräumig erscheint, das Wohnzimmer nicht ganz klein und bei uns nicht alles vollgestellt ist, täuscht der erste Eindruck. Wir wohnen recht beengt. Unsere Tochter ist verheiratet und bereits ausgezogen. Der Sohn jedoch lebt mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern mit in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, für die wir 1.400 Euro Kaltmiete bezahlen. Als Kind habe ich mit meinen Eltern, meiner Großmutter und meinen drei Brüdern in einem Haus mit vier Zimmern in Rumänien auf dem Land gelebt. Für mich war das damals genug Platz. Es war eine Zeit der Freiheit, in der ich viel mit meinen Freunden Fußball gespielt habe. Wir waren weniger Stress ausgesetzt, als es die Kinder heute sind. Später habe ich auf der Werft Tulcea gearbeitet, dort wurden Schiffe repariert, die man für die Hochseefischerei nutzte. Nach dem Ende des Kommunismus ging jedoch allmählich alles den Bach runter, es gab immer weniger Arbeit. Bis zum Jahr 2000 hielten wir es in Rumänien aus, dann sind wir ins Ausland gegangen. Zehn Jahre war ich in Turin als Schweißer angestellt in einer Fabrik, die Autoteile herstellte. Wir hatten eine Vierzimmer-Wohnung und es ging uns richtig gut. Leider meldete die Firma Konkurs an und mir gelang es nicht mehr, in Italien einen neuen Job zu finden. Freunde von mir waren nach Deutschland ausgewandert, wir beschlossen, es ihnen gleichzutun. Zunächst wohnten wir bei ihnen, dann sind wir auch wieder über Bekannte an diese Wohnung gelangt. An sich ist sie gut, es gibt in der Nähe Supermärkte und einen Park, wo ich mit den Enkeln spazieren gehe, nur dass sie für uns zu eng geworden ist. Als Kind kannte ich keine Träume, da gab es nur Schule, zu Hause und Arbeit. Jetzt aber wünsche ich mir, dass wir eine große Wohnung finden, in der wir weiter alle zusammen leben können und genug Platz haben.