Wie ich wohne

Wer wohnt wie? In der Kolumne geben BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.

Die Erlöste

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto: Martin Fengel

Lange Gänge führen zu mir nach Hause: zuerst von der rege befahrenen Straße bis zum Aufzug, dann vom Aufzug bis zu meiner Wohnung, auf jeder Seite viele Türen wie in einem Hotel, nur dunkler, düsterer. Mein Appartement besteht aus einem hellen Zimmer mit einer Fensterfront, so breit und hoch wie der Raum selbst, einem Bad, einer Küchenzeile mit Einbauküche und einem Balkon. Ich besitze zwei Betten, eines, das ich von BISS bekam, meinem Rücken zuliebe habe ich mir aber noch ein zweites geleistet. Zudem habe ich einen hohen Schrank und zwei Stühle. In dem an der Wand hängenden Fernseher läuft ein rumänischer Sender. Die Satellitenanlage habe ich mir in Rumänien besorgt. Wie ich deutsche Sender schauen kann, weiß ich gar nicht. Aber ich habe keinen Bock mehr auf das Programm, vor allem seit den ganzen Tag Angst vor Corona verbreitet wird. Viel zum Fernsehen komme ich eh nicht. Die meiste Zeit bin ich unterwegs, um zu arbeiten. Tatsächlich ist dies meine erste eigene Wohnung. Ich bin in einem Kinderheim in Rumänien aufgewachsen, wo ich in einem Saal zusammen mit 33 anderen Mädchen schlief. Tagsüber wurden wir alle, auch die Jungen, in einen großen Raum gebracht. Dort verbrachten wir den Tag, indem wir hin und her schaukelten. Das mache ich übrigens heute noch manchmal. Spielzeug gab es keins, dafür aber reichlich Prügel. So viele Löffel, Stühle und andere Gegenstände habe ich gegen den Kopf geschlagen gekriegt, dass ich mir nur noch wünschte zu sterben. Auch in der Schule bekam ich Schläge, rannte deswegen weg, wurde von der Polizei zurückgebracht. Nachdem ich das Heim verlassen hatte, war ich immer ohne ein Dach überm Kopf, zuerst in Rumänien, dann einige Jahre in Österreich und schließlich in Deutschland. Als Obdachlose ist man vom Wetter abhängig, vor allem im Herbst und Winter ist es sehr schlimm. Außerdem scheucht einen die Polizei ständig auf. Richtig schlafen kann man auf der Straße nicht, man döst nur immer so ein bisschen ein, ständig muss man auf der Hut sein, dass keiner einem eine Flasche über den Kopf haut oder man vergewaltigt wird. Immer wieder fragte ich Gott: Wie lange noch soll ich das aushalten, ständig auf dem Karton zu schlafen? Und dann bekam ich durch BISS diese Wohnung. Das Erste, was ich machte, war Duschen. Ich konnte es nicht fassen, eine eigene Bleibe zu haben. Vor lauter Freudentaumel verwechselte ich anfangs die Türen, wunderte mich, dass der Schlüssel nicht aufsperrte. Überhaupt der Schlüssel, ich sah ihn an und konnte es nicht glauben, dass er mir gehörte. Die ersten drei Tage lang machte ich kein Auge zu, sondern schaute mich die ganze Zeit in der Wohnung um. Wenn es draußen dunkel wurde, ging ich auf den Balkon und blickte hinaus, überglücklich, keinen Stress mehr damit zu haben, wo und wie ich die Nacht verbringen sollte. Endlich in Ruhe schlafen, kein „Aufstehen, Polizei“ mehr hören zu müssen. Einen ganzen Monat dauerte es, bis ich mein Glück begriff.