Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.
Der „Gruistat“
Protokoll ANNELIESE WELTHER
Foto MARTIN FENGEL

Nachdem meine Tochter 2012 ihr erstes Kind geboren hatte, benötigte sie Hilfe. Meine Frau zog zu ihr, kurze Zeit später folgte ich ihr. Wir wollten nur ein paar Monate bleiben, nun sind meine beiden Enkeltöchter zwölf und sechs Jahre alt und meine Frau und ich wohnen immer noch in einem der drei Zimmer ihrer Wohnung in Fürstenfeldbruck. Unsere Beziehung zu den Enkelinnen ist sehr eng, die Mädchen sind an uns gewöhnt, wir können nicht einfach wieder ausziehen. Früher haben wir in einer
Zweizimmer-Wohnung in Heltau gelebt, das liegt in der Nähe von Hermannstadt in Siebenbürgen/Rumänien. Lustigerweise war dort die Wohnung auch im dritten Stock und der Ort ein bisschen so ähnlich wie Fürstenfeldbruck. Damals gab es in Heltau sehr viele Siebenbürger Sachsen, auch mein Vater gehörte der deutschen Minderheit an. Mit meinen Großeltern habe ich bis zu deren Tod, da war ich etwa zehn oder zwölf Jahre alt, den siebenbürgisch-sächsischen Dialekt gesprochen. Die Großmutter nannten wir „Grisi“ und den Großvater „Gruistat“. Mit dem Zerfall des Kommunismus sind
die meisten Deutschstämmigen ausgewandert. Nach und nach verschwand eine Familie nach der anderen. Ein echter Verlust, es waren nette Leute. Eine Stille breitete sich aus. Ich fand es mit dem Kinderlärm auf den Straßen schöner. Auch von meinen fünf Kindern verließen vier das Land, sie leben jetzt alle im Münchner Raum. Für meine Frau und mich war das damals sehr schwer. Anfang der neunziger Jahre haben auch wir beide versucht auszuwandern und Anträge gestellt, die aber abgelehnt wurden. Damals waren sehr viele Leute nach Deutschland eingereist und es gab einen Stopp. Wären wir drangeblieben, hätten wir es wahrscheinlich auch geschafft. Mit Sicherheit würden wir jetzt anders dastehen, wenn wir so früh schon hergekommen wären. 1989, beim Sturz Ceaușescus, war ich 26 Jahre alt. Nach der Schule hatte ich den Beruf des Teppichwebers gelernt, später aber in der Glukosefabrik gearbeitet. Zuletzt war ich in einer Bank als Sicherheitsbeamter tätig. Jedoch sind in Rumänien die Löhne sehr niedrig, man kann davon kaum leben. Auch in Deutschland habe ich versucht, bei einer Sicherheitsfirma anzuheuern, doch meine Qualifikation wurde nicht anerkannt. In meinem Alter ist es sehr schwer, noch einmal in diesem Beruf Fuß zu fassen. Aber ich bin zufrieden, meine Verkaufsstellen erreiche ich mit dem Fahrrad in maximal 20 Minuten, im Winter mit dem Bus dauert es etwas länger. Als Kind bin ich Fahrradrennen gefahren und habe einmal den zweiten Platz in unserem Bezirk gemacht. An meine Kindheit erinnere ich mich als eine wunderschöne Zeit. Wir sind gerodelt, mit unseren Rollern herumgewetzt und haben mit Kreide auf dem Boden gemalt, alles ohne die Technologien, die es heute gibt. Bevor ich eine eigene Familie hatte, trieb ich viel Sport. Nun gehe ich mit den Enkelinnen oft auf die nahe gelegenen Spielplätze. Das Zusammensein mit meiner Familie bringt mir viel Freude. Du kannst das ganze Geld der Welt haben, wenn du nicht mit deinen Liebsten zusammen bist, fühlst du dich nicht wohl.