Wenn der Partner
die Zukunft verzockt

Allein in Bayern haben 70.000 Menschen ein schwieriges oder pathologisches Spielverhalten. Gezockt wird in Spielhallen, Wettbüros und immer häufiger im Internet. Spielsucht betrifft aber nicht nur denjenigen, der daran erkrankt ist, auch die Angehörigen werden massiv in Mitleidenschaft gezogen. Die Abwärtsspirale lässt sich häufig nur stoppen, wenn Hilfe gesucht und angenommen wird.

Von
BENJAMIN EMONTS

von PAUL PAETZEL

Louise Arndt hatte sich gerade frisch verlobt, als ihre Beziehung im September plötzlich ins Wanken geriet. Nachdem ihr Verlobter mehrmals Sportwetten vom gemeinsamen Konto bezahlt hatte, hatte sie ihn eines Abends spontan zur Rede gestellt. Seine Antwort saß dann. Er habe schon seit Jahren Probleme mit Spielsucht, sei süchtig nach Sportwetten, offenbarte ihr der Verlobte. Das Darlehen, mit dem er angeblich Studienkosten bezahlte, habe er in Wahrheit wegen Spielschulden aufgenommen. Für Louise Arndt brach in diesem Moment alles zusammen. „Es hat mich völlig vom Hocker gehauen“, blickt sie zurück. „Ich dachte ja eigentlich, ich würde ihn kennen.“
Ein halbes Jahr später wirkt Louise Arndt, 29, immer noch mitgenommen, als sie per Videoanruf ihre Geschichte erzählt, manchmal kämpft sie mit den Tränen. Seit jenem Abend hat sich für sie schließlich fast alles verändert: Sie kennt nun das ganze existenzbedrohende Ausmaß seiner Spielsucht. Allein durch Sportwetten häufte ihr Verlobter einen Schuldenberg von fast 50.000 Euro an und musste mehrere Kredite bedienen, obwohl er in seinem Job passabel verdiente. Arndt, das sagt sie ganz offen, stellt deswegen nun vieles infrage. Kann ich so eine Familie gründen? Kann ich ihm überhaupt noch vertrauen? Es sind bedrückende Zweifel, die sie begleiten. Mit solchen Problemen ist Louise Arndt, die in Wahrheit anders heißt, nicht allein. Experten gehen in Deutschland von einer halben Million Menschen mit problematischem oder pathologischem Spielverhalten aus, allein in Bayern sind es rund 70.000. Die Zahl der in Mitleidenschaft gezogenen Angehörigen liegt entsprechend noch um ein Vielfaches höher. Nachdem etwa 80 Prozent der Spielsüchtigen männlich sind, betrifft das Problem besonders stark Ehefrauen, Partnerinnen, aber auch Eltern, Geschwister und Kinder. Sie leiden unter Schuldzuweisungen, Lügen, in Einzelfällen häuslicher Gewalt und nahezu immer unter dem wirtschaftlichen Niedergang ihrer Partner. Nicht selten treibt das Spielen ganze Familien in den Ruin.


Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, dass Angehörige sich Hilfe holen, sobald sie einen Verdacht schöpfen oder ein Spielproblem erkannt haben. Je früher, desto besser. In München gibt es eine Reihe von Beratungsstellen, die in solchen Fällen eine schnelle, unkomplizierte Hilfe anbieten. Dazu gehören etwa die Suchtberatungsstelle Condrobs, das Blaue Kreuz oder die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG), die landesweit 22 Fachstellen betreibt, darunter die „Fachambulanz für junge Suchtkranke“ der Münchner Caritas. Kapazitäten sind in den Einrichtungen noch vorhanden, wie die Verantwortlichen versichern. Betroffene können sie persönlich aufsuchen oder sich anonym am Telefon oder per Livechat beraten lassen.
Einer, der sich mit den Problemen von Louise Arndt bestens auskennt, ist Konrad Landgraf, seit vielen Jahren der Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht. Eines der Hauptprobleme ist nach seiner Erfahrung – und das traf auch auf Arndt zu –, dass Angehörige oft lange nicht merken, dass ihr Partner ein Spielproblem hat. „Sie merken zwar, dass etwas nicht stimmt, können es aber nicht einordnen“, sagt Landgraf. Die negative Konsequenz daraus ist, dass Spielsüchtige ihre Familien und sich selbst oft lange zugrunde wirtschaften können, ohne dass sie jemand stoppt. Landgraf will die Menschen deshalb für klassische Anzeichen einer Spielsucht sensibilisieren. Ein Hinweis könnte etwa sein, dass der Partner nie Bargeld in der Tasche hat, sich dauernd Geld leiht oder sich beim Familieneinkauf ständig ums Zahlen drückt; oder wenn plötzlich Banknoten im Geldbeutel fehlen oder Wertgegenstände aus dem Haushalt verschwinden. Arndts Verlobter, auch das ist typisch, hing ständig am Smartphone und wandte das Telefon von ihr ab, wenn sie zu ihm herübersah. Auf seinem Laptop waren zudem oft mehrere Websites von Sportwetten-Anbietern geöffnet. Das Glücksspiel, das zum Hintergrund, hat sich von Spielhallen zunehmend ins Internet verlagert. Die nächste Wette ist meist nur wenige Klicks entfernt.
Ein anderes großes Problem ist das Unwissen, das die meisten Menschen beim Thema Glücksspielsucht oft haben. „Vielen ist immer noch nicht klar, dass es sich dabei um eine teils schwere psychische Krankheit handelt“, sagt Beatrice Dittelbach, die mit der Caritas jedes Jahr Dutzende Angehörige von Spielern betreut. „Die Leute denken, ihr Partner könnte einfach so damit aufhören. Aber das stimmt natürlich nicht.“ Auch Louise Arndt wollte das anfangs nicht wahrhaben. Dass jemand aus ihrem Umfeld spielsüchtig sein könnte, noch dazu ihr Verlobter, erschien ihr bis dahin völlig abwegig, nachdem sie mit dem Thema Spielsucht nie in Berührung gekommen war. „Der Mensch wirkte immer normal und plötzlich soll er krank sein. Das ist schwer zu begreifen“, sagt Arndt.
Doch genau dieses Bewusstsein ist laut Suchtberaterin Dittelbach erforderlich, um das Problem gemeinsam bekämpfen zu können. In Wahrheit verhalte es sich mit Spielsucht schließlich genauso wie mit Alkohol oder chemischen Drogen: Es bedarf professioneller Hilfe, um die Sucht in den Griff zu bekommen. Arndt war dies erst so richtig bewusst geworden, als sie sich selbst mal in eine Selbsthilfegruppe mit Spielsüchtigen setzte. „Ich war schockiert, was die Menschen für Schicksale hatten“, erinnert sie sich.
Auch Arndt durchlebte in den Wochen nach dem Offenbarungseid ihres Verlobten eine psychische Krise. „Ich konnte zeitweise kaum noch arbeiten“, sagt sie. Auch das ist durchaus gewöhnlich. Werden die Betroffenen bei der Caritas vorstellig, seien sie in der Regel „extrem gestresst, verzweifelt und fühlen sich ohnmächtig“, sagt Dittelbach. „Sie haben ein dringendes Verlangen, dass ihr Angehöriger sofort behandelt und auch geheilt wird. Die Menschen bitten und betteln teilweise aus Verzweiflung.“
Verantwortlich dafür sei meist ein immenser Druck, der von allen Seiten auf den Menschen lastet. Da die Spielsucht zusehends ihre finanziellen Ersparnisse auffrisst, sähen sich Angehörige irgendwann existenziellen Problemen ausgesetzt. Doch statt darüber zu sprechen, versuchten sie aus Scham, den guten Schein nach außen zu wahren, sagt Dittelbach. Speziell Frauen opferten sich dann oft komplett für ihre Familien und Partner auf, um das sinkende Schiff noch zu retten. Nicht selten führe dieser Dauerstress zu sozialem Rückzug, Depressionen und seelischer Erschöpfung. Als klassische Folgen treten häufig Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Angstzustände, Angespanntheit bis hin zu Herzrasen auf. Darüber hinaus fühlen sich die meisten Angehörigen massiv in ihrem Vertrauen erschüttert, da sich der Partner oder die Partnerin in ein Netz aus Lügen verstrickt, um immer neue Geldquellen zu erschließen. Das gehöre zum Krankheitsbild, sagt Dittelbach. Werden diese Lügen nach und nach aufgedeckt, entstehen Misstrauen und tiefe Risse in den Beziehungen.
Louise Arndt etwa rechnet auch heute noch mit dem Schlimmsten, wenn ihr Verlobter Fußball-Tabellen studiert oder abwesend auf sein Smartphone schaut. „Das Schlimmste für mich ist, dass er mein Vertrauen so derart missbraucht hat. Es hat mich richtig geschockt, wie planvoll und professionell er alles verschleiert hat.“ Und dennoch können sich Betroffene schützen, wenn sie eine Reihe von Hinweisen beachten. Zunächst sollten sie unbedingt über ihre Probleme sprechen, um sie verarbeiten zu können. Die ersten Fortschritte ließen meist nicht lange auf sich warten, sagt Dittelbach. „Diese ersten Gespräche wirken oft wie ein Ventil. Die Klientinnen weinen, lassen Druck ab, verlieren ihre Scham und können endlich mit jemandem über ihr Problem reden.“ Daneben sollten sie einige Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Konrad Landgraf warnt etwa dringend davor, Spielsüchtigen Geld zu leihen oder deren Schulden zu übernehmen. „Dann können Sie das Geld auch gleich in die Tonne klopfen“, sagt er. Louise Arndt beherzigte zudem die anderen wichtigen Schritte: Sie hat die Bankkarten ihres Verlobten an sich genommen, hält das gemeinsame Konto im Blick und brachte ihren Verlobten dazu, sich landesweit für alle Glücksspiele sperren zu lassen. Allesamt Schritte, die ihr zumindest ein wenig Ruhe verschaffen.
Schließlich gilt es noch, die richtigen Impulse zu setzen, um das Spielproblem zu bekämpfen. Konrad Landgraf empfiehlt Angehörigen, offen darüber zu sprechen, wenn sie sich Hilfe holen. „Das kann Spielsüchtige motivieren, selbst etwas zu unternehmen.“ Für Beatrice Dittelbach ist außerdem eine positive Ansprache essenziell. „Man sollte nicht vorwurfsvoll, aber beharrlich sein. Und dem anderen klarmachen, dass sich etwas verändern muss.“ Droht man mit möglichen Konsequenzen, „sollten diese auch durchsetzbar sein“. Wirksam sei zum Beispiel, dem Spielsüchtigen zu drohen, nicht länger für ihn zu lügen und offen über sein Problem zu sprechen, sofern er nichts unternimmt. Eine Trennung oder einen Auszug würde sie nur als letztes Mittel androhen, und auch nur dann, wenn man auch wirklich dazu bereit ist.
Louise Arndt hat darauf bisher verzichtet. Sie ist entschlossen, ihre Beziehung zu retten. Am Ende des Gesprächs holt sie ihren Verlobten auch kurz mit hinzu. Er ist ein freundlicher junger Mann, der besonnen und reflektiert wirkt. Er erzählt sehr offen, dass er nun regelmäßig eine Selbsthilfegruppe besuche und seit jenem Abend im September nicht mehr gewettet habe. Er wisse, wie sehr er seine Verlobte verletzt habe mit seiner Unehrlichkeit. Louise Arndt vernimmt seine Worte äußerlich ohne Regung. Bis sie ihm wieder vollends vertrauen kann, muss wohl noch eine Weile vergehen.

INFO


Wenn Angehörige befürchten oder wissen, dass jemand aus der Familie spielsüchtig ist, sollten sie sich dringend Unterstützung holen. Generell können sich Betroffene an sämtliche Suchtberatungsstellen in Bayern und München wenden.

Auf Glücksspiel spezialisiert ist die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG), die vom Staatsministerium für Gesundheit und Pflege finanziert wird. Sie hat bayernweit insgesamt 22 Fachstellen, darunter die Fachambulanz für junge Suchtkranke der Caritas in München. Die LSG bietet eine Telefon-und Online-Beratung sowie Selbsthilfeprogramme an.

Weitere Anlaufstellen in München sind beispielsweise die Suchthilfe Condrobs, das Blaue Kreuz oder die KPB Fachambulanz für Suchterkrankungen. Außerdem können Betroffene jederzeit die Suchthotline München, die Krisendienste Bayern oder die auf Glücksspiel fokussierte Online-Beratung www.playchange.de konsultieren.

Viele praktische Hinweise für Angehörige finden sich außerdem auf der Website mit der Adresse
www.verspiel-nicht-mein-leben.de.