„Weißt du, ich bin jetzt ein Mitarbeiter!“

Für Jakob ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Er ist einer der wenigen Menschen mit Behinderung, die es geschafft haben, dank des Bundesteilhabegesetzes eine Stelle in einem normalen Betrieb zu finden

Von RUTH ZORAWSKI

Fotos HANNES ROHRER

Seit fast einem Jahr arbeitet Jakob, 30 Jahre, in einem Integrationskindergarten in der oberbayerischen Kleinstadt Bad Tölz, südlich von München. Anfang 2019 unterschrieb Jakob stolz, nach einer langen Praktikumszeit und vielen Gesprächen mit der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM), den Eltern, der Leitung des Kindergartens und dem Bezirk, seinen ersten Arbeitsvertrag mit Tariflohn. Ein großer Wunsch ging in Erfüllung. Jakob ist einer von fünf Menschen mit Behinderung in Oberbayern, die das Budget für Arbeit – eine neue Leistung des Bundesteilhabegesetzes – beziehen und so eine Arbeitsstelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt wahrnehmen können. Die Geschichte von Jakob soll nicht nur zeigen, dass das Budget die größtmögliche Teilhabe im Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung ermöglicht und eine offenere Gesellschaft befördert. Die Geschichte soll auch Menschen dazu ermutigen, sich mit alternativen Arbeitsstellen auseinanderzusetzen, auch wenn der Weg manchmal etwas länger sein kann.

Jeden Morgen klingelt Jakobs Wecker um 6.30 Uhr in seiner Wohngemeinschaft. Nach einem ausgiebigen Frühstück macht er sich zu Fuß auf den Weg zu seiner Arbeitsstelle. Für seinen Arbeitsweg benötigt Jakob etwa eine Stunde. Deswegen ist es wichtig, dass er pünktlich das Wohnheim verlässt, damit er rechtzeitig um neun Uhr den Kindergarten erreicht. Jakob liebt seinen morgendlichen Arbeitsweg. Er wünscht vielen einen „Guten Morgen“ und in der Bäckerei wünscht er einen schönen Tag und sagt „bis später“, denn auf dem Arbeitsrückweg gibt es jeden Tag einen Kaffee „to go“. Jakob ist mittlerweile ziemlich bekannt in der Kleinstadt. Als mittlerer Sohn wächst Jakob mit seinen beiden Schwestern in Bad Tölz auf. Jakob hat das Downsyndrom. 1994 wird er als erstes Integrationskind im evangelischen Kindergarten Bad Tölz aufgenommen, in dem er 25 Jahre später als Mitarbeiter eingestellt werden soll. Schon als kleines Kind liebt Jakob den Kontakt zu Menschen, die Musik und das Essen. Bis zu seinem siebten Lebensjahr ist Jakob in seinem familiären Umfeld als auch im Kindergarten gut integriert. „Es ist normal, verschieden zu sein!“, mit dieser Überzeugung seiner Familie wächst Jakob auf. Nach neun Jahren Schulbesuch mit Abschluss (Förderschule der Lebenshilfe) scheitern die Versuche, Jakob in einer Integrationsfirma arbeiten zu lassen. Jakob ist der Komplexität der Arbeitsabläufe in einer Hausmeisterei nicht gewachsen. Die wechselnden Arbeitsplätze innerhalb des Betriebs und keine feste Bezugsperson vor Ort überfordern ihn. Die Bedingungen wie Arbeitsassistenz und Fördermittel, um Jakob zu integrieren, sind nicht gegeben. Somit bleibt für Jakob die einzige Arbeitsmöglichkeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Gleichzeitig zieht Jakob in eine Wohngemeinschaft der Lebenshilfe. Nach fünf Jahren wird deutlich, dass Jakob durch den fast ausschließlichen Kontakt zu Menschen mit Behinderung zunehmend angespannt auf seine Mitmenschen reagiert. In der WfbM kommt es zu Problemen im Kontakt zu Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen. Es gibt wiederholte Abmahnungen. „Jakob bekam einen Werkstattkoller. So viele Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigung, das führt zu Konflikten“, so Jakobs Vater. Die Eltern sind gezwungen zu handeln. Nach wie vor gibt es nicht viele Alternativen zur Beschäftigung in einer Werkstatt. Vonseiten der Werkstatt gibt es wenig Unterstützungsbereitschaft. Den Eltern von Jakob bleibt nur die Möglichkeit, selber aktiv zu werden. Zwar wissen die Eltern von der Einführung des neuen Bundesteilhabegesetzes; welche neuen Teilhabemöglichkeiten dadurch für Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben geschaffen wurden, ist ihnen jedoch noch nicht bekannt. Sie informieren sich über die neuen Angebote im Rahmen des neuen Gesetzes. Hilfreich sind dabei auch wieder die familiären und freundschaftlichen Netzwerke der Eltern wie auch der langjährige Kontakt zur evangelischen Gemeinde und dem dortigen Kindergarten. Trotz der vermehrten Versuche einer Zusammenarbeit zwischen dem neuen Arbeitgeber und der Werkstatt, um einen guten Übergang für Jakob zu schaffen, gibt es zunächst keine Unterstützung vonseiten der WfbM. So wurde beispielsweise auch die Möglichkeit zum Außenarbeitsplatz nicht unterstützt und auch während seines Praktikums war Jakob lediglich freigestellt von der WfbM. Die Werkstatt wollte nicht die Verantwortung übernehmen, falls Jakob in einem sozialsensiblen Arbeitsumfeld (wie z. B. Kindergarten) verhaltensauffällig würde. Allerdings ist der Bezirk Oberbayern, der als überörtlicher Sozialhilfeträger für die Eingliederungshilfen für Menschen mit körperlichen, geistigen und/oder seelischen Behinderungen zuständig ist, trotz der wenigen Erfahrung, aufgeschlossen und motiviert, es auszuprobieren. Jetzt sind alle Beteiligten, Eltern, Arbeitgeber und Bezirk, herausgefordert. Als ersten Schritt soll Jakob in seinem früheren Kindergarten ein Praktikum machen. Durch den guten Kontakt der Eltern mit der Leitung des Kindergartens und dem Träger, der evangelischen Kirche, wird das Praktikum ermöglicht. Die Kosten der Versicherung und die Verantwortung liegen allerdings zunächst alleine bei den Eltern. Auch die Situation für den Kindergarten ist neu. Zwar haben sie bereits Erfahrung mit Menschen mit Behinderung, allerdings noch nicht mit Mitarbeiter*innen mit Behinderung im Team. Einigen Mitarbeiter*innen ist Jakob noch bekannt und gemeinsam im Team überlegen sie sich Aufgaben für Jakob während seiner Praktikumszeit: Mithilfe in der Küche beim täglichen Kochen Herrichten und Servieren des Mittagessens Abspülen und Abtrocknen der Küchenutensilien Einfache Haushaltstätigkeiten Außenarbeiten Natürlich ist ein „Ratsch“ mit der Köchin ganz wichtig und am meisten liebt Jakob den vielseitigen Kontakt mit dem ganzen Team und den Kindern. Die Kinder zeigen keine Scheu, sie stellen Fragen und freuen sich, wenn er in seinen Pausen mit ihnen spielt. Allerdings bleibt nicht viel Zeit, denn die Hausarbeiten müssen ja erledigt werden. Während der fast einjährigen Praktikumszeit gibt es viele Gespräche und Treffen mit dem Bezirk, den Eltern und dem neuen Arbeitgeber. Zunächst wird sichergestellt, dass Jakob einen Anspruch auf das Budget hat, in welchem Umfang Leistungen beantragt werden können und wer zuständig für die weitere Begleitung ist. Viele Fragen und wenige Informationen machen es den Eltern und dem Arbeitgeber nicht immer leicht, einen Überblick zu behalten. Nach einem Jahr Praktikum sind der Bescheid und die Bewilligung über das Budget da! Nicht nur die Eltern sind glücklich und erleichtert, auch Jakob strahlt über das ganze Gesicht beim Gottesdienst zur Begrüßung neuer Mitarbeiter*innen und sagt voller Freude: „Weißt du, ich bin jetzt ein Mitarbeiter!“

„Ich bin ein ganz normaler Typ“, antwortet Jakob, wann immer es um das Downsyndrom geht. Auch wenn er von Passant*innen auf seinem Arbeitsweg angesprochen wird. Am 1.1.2019 ist Jakobs erster offizieller Arbeitstag. Er ist nun Mitarbeiter des evangelischen Kindergartens. Seitdem beginnt Jakob an fünf Tagen in der Woche um neun Uhr seine Arbeit. Es gibt immer viel zu tun und inzwischen ist Jakob gut eingearbeitet. Selbstständig erledigt Jakob die anfallenden Arbeiten wie Wäsche zusammenlegen oder Kartoffeln schälen. Für neue Aufgaben bekommt Jakob auch Unterstützung von einer Arbeitsassistenz, die über das Budget für Arbeit finanziert ist. Auch die Leitung und das Team sehen bereits jetzt schon eine große Bereicherung, Jakob als neuen Mitarbeiter im Team zu haben. „Nicht nur für Jakob, der als ausgeglichener und fröhlicher junger Mann zu uns in den Kindergarten kommt, sondern auch für die Kinder und ihre Eltern, die uns bestätigen, dass es ein richtiger und guter Weg ist“, so Maria Girmann, die Leiterin des Kindergartens. Unter Anleitung arbeitet Jakob in den unterschiedlichsten hauswirtschaftlichen Tätigkeiten. Es wird für Sauberkeit gesorgt und gemeinsam gekocht. Jakob verteilt die Schüsseln mit Essen auf die Gruppen und ist anschließend beim Mittagessen in einer der Gruppen mit dabei. Nach dem Essen wird das Geschirr wieder abgeräumt und nun heißt es sauber machen, bis die Küche wieder glänzt. Weitere Tätigkeiten am Tag sind die Wäschepflege und die Gartenarbeit. Neben der Arbeit kommt der Spaß jedoch nie zu kurz. Für ein kurzes Schwätzchen mit den Kindern, dem Team und den Eltern ist immer Zeit, und im Sommer spielt Jakob auch begeistert in der Fußballmannschaft mit. Jakob ist glücklicher, entspannter und selbstbewusster – der lange Weg hat sich gelohnt. „Am liebsten schnipple ich das Gemüse in der Küche und danach gibt’s Mittagessen in der Sonnenkäfergruppe.“ Um 16.00 Uhr macht Jakob sich zurück auf seinen Heimweg. Lachend winkt er den vorbeifahrenden Autos und grüßt die anderen Passant*innen. Mit seiner offenen Art fällt es schwer, sich nicht von Jakobs guter Laune anstecken zu lassen. „Ab dem Moment, in dem Jakob in Bad Tölz unterwegs ist, schwebt ein inklusiver Geist um ihn. Die Menschen bekommen das zu spüren und gelebte Inklusion findet statt“, so die Mutter von Jakob. Der neue Arbeitgeber sieht in Jakobs Anstellung eine Bereicherung. „Ja, wir freuen uns, dass es jetzt so möglich ist, wie es ist, und Jakob sich bei uns wohlfühlt. Er hat sich ja mittlerweile auch regelrecht in die Herzen der Kinder und der Kolleg*innen vorgearbeitet und dort seinen festen Platz. Ja, er ist echt eine Bereicherung für uns.“ Jakob arbeitet jetzt seit fast einem Jahr im Kindergarten. Sein Vertrag ist zwar erst einmal bis Ende 2019 befristet, aber alle sind zuversichtlich, dass der Vertrag verlängert wird. Auch die Eltern sind erleichtert und dankbar über den positiven Verlauf. Sie wünschen sich, dass mehr Menschen mit Behinderung die Möglichkeit haben, das Budget zu beziehen und so mehr Teilhabe zu erfahren. Dabei bedarf es auch einer neuen Definition, was wir als Gesellschaft, als Arbeitswert betrachten und eines ganzheitlichen Blicks auf den Bereich Arbeit, so die Eltern. „Arbeit ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein wesentlicher Sozialfaktor, und das würde ich allgemein sagen und gar nicht nur für Menschen mit Behinderung. Es geht um eine Grundhaltung zu Arbeit und Leben, menschlicher Gemeinschaft, Miteinander und Toleranz. Jeder hat seine Stärken, die er einbringt, und die Schwächen, die dazugehören.“