Viel Leid durch den rechten Terror

und vom Staat allein gelassen

Wenn rechtsextreme Taten nur als Einzelfälle behandelt werden, bekommen die Opfer weniger Unterstützung. Und es ist schwerer, rechtsextreme Gewalt als ernstes Problem zu erkennen.

Robert Hoeckmayr ist Überlebender des Oktoberfest-Attentats 1980, FOTO KIM OPPERMANN

Robert Höckmayr ist 57 Jahre alt. Er sitzt in einem Münchner Café und erzählt seine Geschichte. Er hat das Oktoberfest-Attentat überlebt. Er war damals 12 Jahre alt. Er war mit seinen Eltern und 4 Geschwistern auf dem Oktoberfest. Am 26. September 1980. Sie waren auf dem Heimweg, als kurz vor dem Ausgang eine Bombe explodierte. Robert Höckmayr wurde weit weggeschleudert. Als er wieder zu sich kam, sah er überall Blut und hörte Schreie. Es sah aus wie im Krieg. Seine kleine Schwester und sein Bruder starben vor seinen Augen. Robert Höckmayr bekam plötzlich keine Luft mehr. Eine Frau rettete ihm durch Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben.

Das Oktoberfest-Attentat gilt bisher als der schwerste Anschlag in Deutschland. 13 Menschen wurden damals getötet, 221 Menschen wurden durch die Explosion verletzt.

Es gibt auch Opfer, die später gestorben sind: Die beiden anderen Geschwister von Robert Höckmayr hatten den Anschlag überlebt. Aber sie kamen mit den schrecklichen Erinnerungen nicht zurecht. Sie haben sich später als Erwachsene das Leben genommen.

Der Anschlag hat das Leben von Robert Höckmayr bis heute verändert. Er sagt: „Egal, wo ich bin – ich schaue immer: Wie kann ich im Notfall schnell flüchten?“ Robert Höckmayr hat seelische Wunden und auch immer noch körperliche: 26 Granat-Splitter stecken immer noch in seinem Körper. Er wurde 43-mal operiert. Die letzte Operation war vor 6 Jahren.

Und auch erst vor 6 Jahren wurde der Bomben-Anschlag als rechtsextreme Tat offiziell anerkannt. Denn die Überlebenden und Hinterbliebenen der Opfer ließen nicht locker, so dass noch einmal neu ermittelt wurde. Denn davor hatten die Ermittler jahrelang die Theorie, dass der 21-jährige Täter aus Liebeskummer oder Verzweiflung gehandelt hatte. Obwohl er Mitglied in einer rechtsextremen Gruppe war und ein Bild von Hitler über seinem Bett hing. Der Täter hatte sich mit der Bombe auch selbst getötet.

Immer wieder wurden rechtsextreme Terror-Taten verharmlost. Es wurde gesagt, es sind Taten von verwirrten Einzeltätern, unvorhersehbar und unvermeidlich.

Am 22. Juli 2016 erschießt ein junger Mann im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) 9 Menschen. Fast alle sind Kinder und Jugendliche. Danach erschießt sich der Täter selbst. Auch hier denken die Behörden zuerst, dass es keine politische Tat ist. Sondern ein Rache-Akt von einem ehemaligen Schüler. Obwohl alle Opfer eine Migrationsgeschichte haben.

Erst 3 Jahre später hat die Bayerische Staatsregierung den Anschlag offiziell als rechtsextreme Terror-Tat anerkannt. Weil Journalisten und Terrorismus-Experten nachweisen konnten, dass der Täter rechtsextrem war.

Für die Überlebenden der Terror-Taten ist es oft ein jahrelanger Kampf um Anerkennung, Entschädigung und Unterstützung. Denn wenn rechtsextreme Taten nur als Einzelfälle behandelt werden, bekommen die Opfer weniger Unterstützung. Und es ist schwerer, rechtsextreme Gewalt als ernstes Problem zu erkennen.

Seit 2024 gibt es das neue Soziale Entschädigungsrecht. Es hieß früher Opfer-Entschädigungsgesetz. Es regelt Zahlungen von Schmerzensgeld, medizinische Versorgung und Rentenleistungen für Opfer und Hinterbliebene. Zusätzlich kann der Staat sie mit einmaligen Geldleistungen unterstützen.

Gisela Kollmann hat bei dem OEZ-Attentat ihren Enkel Giuliano verloren. Seitdem hat sie

Panik-Attacken und kann nicht mehr mit Bus oder Bahn fahren. Sie hat Angst vor Anschlägen.

Davor war sie Busfahrerin, doch danach konnte sie nicht mehr arbeiten. Und nachts kann sie kaum schlafen. Sie hat lange keine richtige Unterstützung bekommen. Die Stadt München hatte aber Giulianos Beerdigung gezahlt. Erst als der Anschlag offiziell als rechtsextrem erklärt wurde, bekam Gisela Kollmann monatlich 141 Euro Hinterbliebenen-Rente. Und einmalig 10.000 Euro vom Staat. Doch nach nur 2 Jahren bekam sie die Rente nicht mehr. Weil gesagt wurde, es ginge ihr besser. „Mich hat das innerlich kaputt gemacht“, sagt Gisela Kollmann.

Viele haben solche Erfahrungen gemacht.

Der Münchner Verein Before

( https://www.before-muenchen.de )

unterstützt die Opfer von rechtsterroristischen Anschlägen. Damit sie bei schwierigen Anträgen, langen Wartezeiten und schnellen, oft unfairen Ablehnungen nicht verzweifeln.

Und es gibt auch Erfolge!

Robert Höckmayr und Gisela Kollmann bekommen inzwischen wieder eine Rente, etwas mehr als 400 Euro im Monat. Und es gibt einen Opferfonds zum 40. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats.

Der Staat, der Freistaat Bayern und die Stadt München geben 1,2 Millionen Euro an 100 Betroffene. Das sind etwa 12.000 Euro für jeden.

Es gibt auch einen neuen Gedenk- und Informationsort für das Oktoberfest-Attentat: An der Oktoberfestwiese stehen 234 lebensgroße, beleuchtete Figuren. Sie sollen an die Opfer des Anschlags erinnern. Robert Höckmayr ist damit zufrieden.

Gisela Kollmann hat für die Überlebenden und Hinterbliebenen des OEZ-Attentats eine Initiative mitgegründet. Die Initiative heißt: „München erinnern“ – https://muenchen-erinnern.de

Die Initiative bekommt immer mehr Bedeutung: Sie entscheidet inzwischen mit, wie die Gedenkfeiern ablaufen und wer dort sprechen darf. Sie steht auch in engem Austausch mit den Hinterbliebenen anderer Anschläge.

Gisela Kollmann sagt: „Das Leid zu teilen, tut uns Angehörigen gut.“

Und die schrecklichen Attentate und die Namen der Ermordeten sollen im Gedächtnis der Menschen bleiben. Sie sollen zeigen, dass der rechtsextreme Terror jeden treffen kann.

Nach Zahlen des Bundesinnenministeriums gab es im Jahr 2024 mehr als 41.400 rechtsextreme Straftaten in Deutschland. Das sind 43 Prozent mehr als im Vorjahr. Und es gibt auch immer mehr rechtsextreme Kundgebungen in den Städten.

Die Partei AfD liegt in aktuellen Umfragen bei fast 25 Prozent. Der Verfassungsschutz sagt, dass die AfD rechtsextrem ist. Die Gerichte müssen das noch prüfen.

Wir müssen als Gesellschaft zusammenhalten, damit andere nicht so etwas durchmachen müssen wie wir“, sagt Gisela Kollmann. „Ich werde dafür kämpfen, so lange ich kämpfen kann.“

Original-Text von Benjamin Emonts

Zusammenfassung der wichtigsten Infos in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de