Unerwartete Gäste

Karin Lohr, Foto: Volker Derlath

Ich weiß nicht, ob Sie Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine fliehen mussten, persönlich begegnet sind. Falls ja, dann wissen Sie um die große Not der Frauen, Männer und Kinder, die kommen und oft nur das Nötigste aus ihrem früheren Leben bei sich tragen. Keiner kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, wie lange die Kämpfe dauern werden und wann die Menschen zurückkehren und das Land wiederaufbauen können. Bis es so weit ist, brauchen diejenigen, die in München angekommen sind, alles: Übernachtungsmöglichkeiten, längerfristigen (Mit-)Wohnraum, ärztliche Versorgung, Unterstützung bei Behördengängen und Anträgen einschließlich Übersetzungsleistungen, Kinderbetreuung und vieles mehr. Unsere Stadt hat in kurzer Zeit viel auf die Beine gestellt und zahlreiche Münchnerinnen und Münchner helfen dabei, dass Hilfsbedürftige und Hilfen zueinanderfinden. So wie Frau K., die die Initiative ergriffen und in einem Gasthof in ihrer Nachbarschaft ein Zimmer für eine ukrainische Familie angemietet hat. „Eigentlich hatte ich mir das anders vorgestellt“, meinte sie, als sie die an sie vermittelte Familie am Hauptbahnhof abholte und sie mit der S-Bahn bis zur Unterkunft begleitete. Denn da war erst einmal niemand, der sagte, wo’s genau hingeht, aber Frau K. und der freundliche Wirt wussten sich zu helfen: Sie schafften für das jüngste Kind eine Plastikschüssel herbei, damit die Eltern es am ersten Abend baden konnten, und Fieber, wie befürchtet, hatte das Kindlein auch nicht, wie sich mithilfe eines ebenfalls organisierten Fieberthermometers messen ließ. Welches Formular man ausfüllen musste, wusste die gut erreichbare Hotline der Stadtverwaltung, und eine sprachkundige BISS-Mitarbeiterin konnte, auch am Telefon, übersetzen. Wie viele andere Freiwillige konnte auch ich einen Einblick in die Arbeit der
Münchner Freiwilligen – wir helfen e.V. in der Messe Riem bekommen. Unter dem Motto „Jedes Bett zählt, jede Nacht hilft“ werden dort Menschen, die eine Unterkunft suchen, und solche, die eine anbieten, zusammengebracht. Es ist ein Glücksfall, wenn jemand längerfristig eine Bleibe anbieten kann, eine Voraussetzung ist es aber nicht. Beeindruckend ist, wie stark die Zivilgesellschaft in München und im Umland ist und was engagierte Menschen schaffen können. So wie auch Frau K., die gelassen „Nun ist es aber so“ kommentierte. Es ist unerträglich, dass man den Krieg und sein Grauen nicht stoppen kann. Als privilegierte Gesellschaft müssen wir aber zumindest genau hinsehen und helfen, wo sich die Gelegenheit dazu bietet. Die Chance, Gastgeber zu sein, haben viele.

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin