To be or not to be

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

VON Cristian Vasiliu

Vom Winde verweht fahre ich morgens los zur Arbeit mit der S-Bahn. Wenn ich im Zug drin bin, denke ich an Alexis Sorbas, wie er am Ende des Films sagt: „Boss, das Leben ist Ärger – nur der Tod nicht.“ Mein Ärger gilt der S-Bahn. Denn Achtung, Überraschung! Eine Sache, die zunächst ganz einfach erschien, von einem Ort zum anderen zu gelangen, entwickelt sich zu einer Mission Impossible. Aus dem Off erschallt eine Stimme, die uns verkündet, dass irgendwo in einer anderen Dimension ein Signal gestört ist und unsere Endstation erst einmal eine Sehnsucht bleibt. Das Problem ist, dass das Signal (oder vielleicht sind es auch immer unterschiedliche?) nicht nur heute nicht geht, sondern das auch schon gestern passiert ist, auch vor einer Woche, vor einem Monat und vor einem Jahr – täglich grüßt das Murmeltier. Ganz so, als ob es seine Bestimmung wäre, kaputtzugehen. Ich gerate nicht in Panik, aber es belastet auf Dauer meine Nerven. Ich sehe aus dem Fenster und schaue, ob nicht vielleicht einer übers Kuckucksnest fliegt. Weniger
aus Mangel an Beweisen, sondern mehr an Beschäftigung stelle ich mir schon vor, ich wäre einer, der mit dem Wolf tanzt. Oft bleibt der Zug mitten auf der Strecke liegen. Einmal war ich 50 Minuten eingeschlossen in einer überfüllten S-Bahn, nur 200 Meter von der Station entfernt. Es wäre sinnvoll,
wenn man wenigstens in einem Bahnhof halten könnte, damit, wer es in der S-Bahn nicht mehr aushält, aussteigen kann. So ist jeder frei, kann selbst entscheiden, was er als Nächstes macht. Wenn es eine Baustelle wäre, etwas Neues entstehen würde, würde ich das verstehen. Aber warum das Signal immer wieder kaputtgeht, ist mir schleierhaft, wenigstens sollte man einem die Wahl lassen, zu tun, was man möchte. „Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch“, um es mit den Worten des römischen Philosophen Seneca zu sagen. Oder vielleicht ist es mehr wie in diesem Gedicht von einem unbekannten Verfasser aus längst vergessenen Zeiten, welches ich aus meinem Geburtsland kenne. Darin geht es, kurz geschildert, darum, dass sich eine Gruppe Maurer versammelt, um ein Gotteshaus zu errichten. Aber auf dem Vorhaben liegt ein Fluch: Alles, was sie am Tag aufbauen, wird nachts zerstört.
Mir scheint es, auf der S-Bahn liegt ein ähnlicher Fluch: Fast jedes Wochenende ist die Stammstrecke zwischen Pasing und dem Ostbahnhof gesperrt, weil etwas repariert oder gebaut wird. Trotzdem fallen am
Montag Züge aus oder sind verspätet oder erreichen ihr Ziel nicht. Im Gedicht wird der Fluch durchbrochen und schließlich die Kirche errichtet. Ich frage mich, ob ich es noch erleben werde, dass das Wunder von München geschieht und der Fluch der S-Bahn gebrochen wird.