Näher ran

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Neulich morgens am Hauptbahnhof traf ich unseren Verkäufer Herrn R. an seinem Verkaufsplatz. Als gut gelaunte Frühaufsteher unterhielten wir uns bis zur Abfahrt meines Zuges angeregt und ich erfuhr von Herrn R.s Plänen für das neue Jahr. Er hat viel vor, unter anderem einen Urlaub in seiner alten Heimat. Wichtiger jedoch ist ihm die Aussicht auf eine eigene Wohnung, in die er voraussichtlich bald einziehen kann und für deren Einrichtung er Geld zurücklegt. Auch will er wieder zur Zahnärztin seines Vertrauens gehen, denn seine Zahnprothese bereitet ihm Schmerzen, und er hofft auf eine bessere Lösung. Ich bin sicher, dass Herr R. seine Pläne umsetzen wird, so entschlossen, wie er ist, und weil wir ihn als zuverlässigen und aufrichtigen Menschen kennengelernt haben. Überhaupt geht es bei unserer Arbeit vor allem um diese alltäglichen Kontakte und Gespräche der BISS-Verkäufer mit Lesern, Kollegen, Nachbarn und Mitbewohnern, aus denen langjährige Bekanntschaften und sogar Freunde fürs Leben werden können. Diese Begegnungen geben dem Hilfesuchenden Kraft, wieder an sich zu glauben und den Mut zu finden, auf ein besseres Leben mit einem festen Arbeitsplatz und einer ordentlichen Wohnung zu hoffen. Wo Begegnungen von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schicht stattfinden, trägt jeder Handelnde seinen Teil dazu bei, dass Vorurteile und Hass sich nicht so leicht breitmachen. Soziologen sprechen von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, wenn nicht mehr der Einzelne gesehen wird, sondern Gruppen pauschal abgewertet werden, etwa aufgrund einer anderen Hautfarbe, Nationalität, aber auch einer augenscheinlichen Notlage wie Obdachlosigkeit. Anlässlich des 25-jährigen BISS-Jubiläums im Sommer 2018 ist es uns gelungen, die Stadtgesellschaft mittels der Kunstskulptur „I will be with you, whatever“ am Wittelsbacherplatz auf die Themen Armut und Obdachlosigkeit aufmerksam zu machen. Wir BISSler sind vielen Menschen in München nähergekommen und haben neue Freunde gefunden. Einer von ihnen ist der Fotograf Rainer Viertlböck, der das Gruppenbild „von oben“ für die BISS-Jubiläumsausgabe machte. In einem neuen Projekt entstanden Aufnahmen in den Wohnungen von BISS-Verkäufern und anderen nicht privilegierten Menschen. Ab 23. Januar sind diese Arbeiten in der Architekturgalerie München (siehe Ankündigung linke Seite) zu sehen. Ich lade Sie ein, sich einen Eindruck aus nächster Nähe zu machen, und wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr! Übrigens hat Herr R. gerne bei dem Projekt mitgemacht, Sie werden ihm und seiner aktuellen Wohnsituation dort begegnen.

Herzlichst Karin Lohr,

Geschäftsführerin