Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

SELBSTSTÄNDIGKEIT

Protokoll: FELICITAS WILKE

Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

ACHIM KRUPP: Iskender und mich verbindet mehr als nur unser Arbeitsplatz. Wir waren beide selbstständig, bevor wir zu Dynamo Fahrradservice kamen, wir haben keinen ganz geradlinigen Lebenslauf. Und wir fahren sehr gern Rad.

Achim Krupp, 51, Mitarbeiter bei Dynamo Fahrradservice und Iskender Beeck, 35, Umschüler bei Dynamo Fahrradservice

ISKENDER BEECK: Schon als Kind habe ich die Freiheit auf dem Fahrrad gemocht. Ich bin immer ein bisschen weiter gefahren, als es mir meine Mutter erlaubt hat.

AK: Eigentlich bin ich Diplom-Grafiker. Mal hab ich als Angestellter gearbeitet, mal selbstständig. Das lief leider nicht so gut. Ich war acht Jahre lang arbeitslos und bin jetzt seit zwei Monaten bei Dynamo. Hier demontiere ich Räder, begutachte sie und baue sie wieder zusammen. Ich vermisse manchmal die Freiheit, die ich als Selbstständiger hatte. Gleichzeitig tut es mir gut, wieder zu arbeiten und einen geregelten Tagesablauf zu haben.

IB: So geht es mir auch. Ich habe zehn Jahre lang als Rikschafahrer in München gearbeitet, nachdem ich mein Physikstudium abgebrochen hatte. Ich habe die Freiheit der Selbstständigkeit lange genossen, aber die Strukturlosigkeit riss mich in ein persönliches Tief. Bei Dynamo mache ich eine Umschulung zum Zweiradmechatroniker. In einem Jahr habe ich meinen Abschluss.

AK: Ich würde später gern wieder ein Künstlerleben führen, mit festen Auftraggebern und vielen Freiheiten. So wie vor 20 Jahren. Der Job bei Dynamo hilft mir, die dafür nötige Struktur zu erlernen.

IB: Ich brauche die Freiheit auch, aber ich weiß nicht, ob ich mit ihr umgehen kann. Deshalb möchte ich den Beruf als Zweiradmechatroniker gern ausüben und irgendwann mein Wissen weitergeben.

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Protokoll: Christoph Gurk; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

Klassische Musik

WOLFGANG RÄUSCHL: Ich liebe die Oper. Das hat schon früh angefangen: Ich bin in Salzburg geboren, da kommt man an klassischer Musik nicht vorbei.

MAX WAGNER: Bei mir war das ähnlich. Als Kind habe ich abends meinem Vater heimlich beim Klavierspielen zugehört. Später habe ich selbst Klavier und Geige gelernt.

WR: Bei uns daheim gab es die Stubenmusi, zur klassischen Musik bin ich erst durch meinen Beruf gekommen: Ich habe Kellner gelernt und während der Opernfestspiele kamen die Stars immer zu uns.

Max Wagner, Chef des Gasteigs und Wolfgang Räuschl, BISS-Verkäufer

MW: Dann verbinden uns schon zwei Dinge: die Musik – und das Kellnern. So habe ich mir mein Jura- und mein Gesangsstudium finanziert. Mir hat die Arbeit immer Spaß gemacht, weil man viel über Menschen lernt.

WR: Und ich bin durch das Kellnern auch herumgekommen. Fünf Jahre war ich auf einem Schiff, Heimathafen Genua, in der freien Zeit haben wir uns Padua, Siena und Verona angeschaut. Vor ein paar Jahren war ich dann bei den Opernfestspielen.

MW: Ein tolles Erlebnis! Die Oper in Italien ist viel mehr Teil des normalen Lebens. Die Leute kennen alle Arien und die Geschichten auswendig.

WR: Seit ich die BISS verkaufe, kann ich jedes Jahr einmal nach Verona fahren und in der Arena Opern hören. Das sind meine zwei schönsten Urlaubstage. Und danach rede ich mit meinen Kunden am Gasteig darüber. Die meisten von ihnen sind schließlich ebenso musikbegeistert wie wir.

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Kochen

Protokoll CHRISTOPH GURK

Katalin Mathé (33), Mitarbeiterin im Café Netzwerk und Helga Platz-Cesena (63), betreuende Sozialpädagogin des Café Netzwerk

HELGA PLATZ-CESENA: Frau Mathé und mich verbinden viele Dinge. Einmal ist da das Kochen. Das mochte ich als Kind schon gern.

KATALIN MATHÉ: Ich komme aus Rumänien. Dort war ich Hausfrau, ich habe geputzt und gewaschen, am liebsten aber gekocht. Darum mag ich die Arbeit im Café Netzwerk.

HPC: Das Café Netzwerk ist die zweite Sache, die uns verbindet. Als ich hier angefangen habe, hatte ich drei kleine Kinder. Es gab keine Betreuungsplätze und als Sozialpädagogin habe ich keine Stelle gefunden. Alle Frauen, die hier arbeiten, haben solche Probleme.

KM: 2014 sind wir nach München gezogen. Wir wollten eine bessere Zukunft für unsere Kinder, hatten aber keine Arbeit, keine Wohnung und ich konnte kein Deutsch. Mein Mann fing an, die BISS zu verkaufen. So kam der Kontakt zum Café Netzwerk.

HPC: Frauen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt benachteiligt sind, können sich hier selbst fördern. Seit 22 Jahren bin ich nun hier, ich arbeite gerne mit unseren Frauen zusammen. Und ich koche und esse natürlich auch einfach gern!

KM: Zuerst wollte ich nur an der Spüle arbeiten. Mittlerweile mache ich auch schon die Salate. Ich mag die Arbeit, aber wenn ich nach Hause komme, bin ich müde. Trotzdem koche ich noch für meine Familie, am liebsten Nudeln mit Fleisch, denn wie gesagt: Ich koche wirklich gerne.

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DIE STADT FĂGĂRAȘ IN RUMÄNIEN

Protokoll CHRISTINE AUERBACH


WERNER SCHÜLE: Im Jahr 2014 hat mich die Organisation Diakonia nach Rumänien in die Stadt Făgăraș geschickt, denn sie haben jemanden gebraucht, der dort die Mitarbeiter einer kleinen Fahrradwerkstatt anlernt. Die Organisation bekommt gebrauchte Fahrräder aus Deutschland gespendet, macht sie wieder verkehrstüchtig und verkauft sie im Ort. Nora ist eine der Mechanikerinnen dort.

Werner Schüle (70), ehemals Radgeschäftsinhaber, jetzt Rentner und Nora Filip (48), gelernte Schusterin, jetzt Fahrrad­mechanikerin

NORA FILIP: Früher war ich Schusterin. Aber davon kann ich nicht mehr leben. Mir macht die mechanische Arbeit mit den Rädern Spaß. Schuhe repariere ich nur noch nebenher, wenn alte Stammkunden kommen.

WS: Făgăraș war früher eine Industriestadt, jetzt ist sie eher arm. Durch die Fahrradwerkstatt können Nora und noch zwei weitere Frauen ihr Einkommen sichern. Ich habe ihnen fast ohne Übersetzer beigebracht, wie man Räder repariert. Sie haben sehr schnell gelernt.

NF: Im Moment bin ich in München und schaue mir in der Fahrradwerkstatt Dynamo an, was wir bei uns in Făgăraș noch verbessern können. Bei Dynamo gibt es zum Beispiel eine Reinigungsstelle für Altteile, solch ein Gerät möchte ich auch für uns anschaffen. WS: Das Radfahren ist in Făgăraș noch nicht so verbreitet wie in München. Aber langsam kommt es auch dort. Und unsere Werkstatt ist bisher noch die einzige im Ort.

NF: Ich kann übrigens gar nicht Fahrrad fahren. Ich habe es ein paar Mal versucht, bin aber gestürzt. Aber ich versuche es bald noch einmal!



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Strickmützen

Protokoll KARIN LOHR

CHRISTA SCHONSCHECK: Ich habe schon immer gern
gestrickt, anfangs nur für den Privatgebrauch. Und dann habe ich für eine Bekannte eine Trachtenjacke gemacht, seitdem hat sie mir immer Wolle geschenkt, die ich dann weiterverarbeitet habe – sehr hochwertiges Material, ganze Berge von Wolle waren das.

PIETRO DORIGO: Frau Schonscheck kauft schon lange bei mir die BISS. Einmal ist mir der Hut aufgefallen, den sie getragen hat, und so sind wir ins Reden gekommen. An meinem Standplatz in Pasing ist es gut, wenn ich im Herbst und Winter eine Mütze trage, so erkälte ich mich auch nicht. Die Mützen sind ein bisschen zu meinem Markenzeichen geworden.

Pietro Dorigo (65), angestellter BISS-Verkäufer, der in Pasing „bella figura“ macht, und Christa Schonscheck (74), gebürtige Münchnerin, die Lieblingsmützen strickt

CS: Zuletzt habe ich zehn Jahre am Weihnachtsmarkt in Obermenzing Stricksachen verkauft. Das mag ich jetzt aber nicht mehr machen. Das hat alles so einen Eventcharakter bekommen. Die BISS kenne ich von Anfang an, der bleibe ich in jedem Fall treu.

PD: Aktuell habe ich fünf Mützen, die sie gemacht hat. Ich mag alle Farben, bloß nicht Schwarz. Am liebsten sind mir rosa- oder roséfarbene Mützen, ich finde das zu meinem dunklen Mantel eine schöne Kombination. Es ist fast schade, dass ab Mai keine Mützen mehr getragen werden. Ich habe schon daran gedacht, dass auch im Sommer eine ganz dünne Kopfbedeckung angenehm wäre.

CS: Aus feiner Wolle und in Rosa, warum nicht?