Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben.

DER RAUBÜBERFALL

Protokoll FELICITAS WILKE

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

SOLOMON VANTU: Im letzten November war ich an einem Abend in der Innenstadt im „Park Café“ und wollte gerade zum Stachus laufen, vor mir waren zwei Frauen. Plötzlich hab ich gesehen, wie jemand auf sie zugerannt ist. 

STUDENTIN: Meine Mom und ich waren beim Einkaufen gewesen und auf dem Rückweg zum Auto. Wir ahnten nichts Böses, als sich jemand zwischen uns drängte und meine Handtasche packte. Mir fiel sofort ein, was da alles Wichtige drin ist: das Handy und an dem Tag sogar eher viel Bargeld, das ich eigentlich zur Bank hatte bringen wollen. Ich hielt also an der Handtasche fest, er rannte weiter, deshalb wurde ich halb mitgezogen – und als er plötzlich losließ, bin ich nach hinten umgefallen und auf den Kopf geknallt. 

BISS-Verkäufer Solomon Vantu und eine Münchner Medizinstudentin

SV: Schon als ich gesehen habe, wie der Typ versuchte, die Tasche an sich zu reißen, habe ich mit dem Handy die Polizei informiert und gleichzeitig laut „Polizei!“ gerufen, in der Hoffnung, dass ihn das erschreckt. Als die junge Frau hinfiel, bin ich zu ihr gelaufen.

S: Ich wusste erst mal gar nicht, was passiert war, und bin einfach sitzen geblieben und habe Schimpfwörter gebrüllt. Meine Mutter hat den Mann verfolgt, deshalb war ich erst allein – und dann umso froher, dass Herr Vantu da war. 

SV: Ich habe versucht, die junge Frau zu beruhigen, ich glaube, sie war sehr erschrocken. Ich hatte selbst auch ein bisschen Angst.

S: Die Polizei und auch der Krankenwagen kamen dann sehr schnell. Herr Vantu ist die ganze Zeit dageblieben, das hat wirklich geholfen.

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben.

Schutzmasken

Protokoll: Felicitas Wilke

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

ERCAN UZUN: Seit dem 28. April stehe ich nach der Corona-Pause wieder im Sperrengeschoss am Sendlinger Tor und verkaufe mit Schutzmaske die BISS. Zu meinen Stammkunden gehört seit vielen Jahren auch Frau Reich.

ANGELA REICH: Wir haben zwar auch während der sechs Wochen telefoniert, aber es freut mich sehr, wieder vor Ort mit Herrn Uzun sprechen zu können. Wir kennen uns seit ungefähr 15 Jahren. Er bringt mir viel Vertrauen entgegen, erzählt mir von seinen Kindern und wie es ihm gerade geht.

EU: Frau Reich ist eine gute Zuhörerin. Ich kann mit ihr auch über meine Sorgen sprechen.

Ercan Uzun, BISS-Verkäufer und Angela Reich, BISS-Leserin

AR: Wenn ich Herrn Uzun einmal im Monat besuche, nehme ich mir eine halbe oder Dreiviertelstunde Zeit. Das ist auch für mich ein Geschenk. Es ist mir wichtig, ihn zu begleiten und manchmal auch aufzufangen.

EU: Die Corona-Krise ist für psychisch Kranke wie mich eine schwierige Zeit. Manche Kunden meiden aus Sorge vor dem Virus ganz den Kontakt. Und es belastet mich, wegen der Maske mein Lächeln nicht zeigen zu können.

AR: Aber ein bisschen erkennt man es an den Augen! Die Situation erfordert von uns, diese Maske zu tragen. Wir sollten das Beste daraus machen. Trotzdem freue ich mich schon darauf, Herrn Uzun wieder die Hand geben zu können – und sein ganzes Lächeln zu sehen, wenn ich mich nach der Verabschiedung noch mal umdrehe und winke.

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DER HAMBURGER MICHEL

Protokoll: Felicitas Wilke

Foto: Barbara Donaubauer

Illustration: Martin Fengel

DIRK SCHUCHARDT: Wir kennen uns seit 25 Jahren. Früher haben wir beide in Hamburg gelebt und dort die Straßenzeitung „Hinz&Kunzt“ verkauft, die wie die BISS seit 1993 besteht.

Dirk Schuchardt, BISS-Verkäufer und und Olaf Schad, BISS-Verkäufer

OLAF SCHAD: Jeden Sonntag standen wir zu zweit vor dem Michel, der größten Kirche der Stadt, und verkauften unsere Zeitungen. Das Geschäft brummte!

DS: Die Gemeinde nahm uns sehr freundlich auf. Eine Dame aus dem Kirchenvorstand sorgte dafür, dass der Pastor uns „abkündigte“ – das klingt nach Rauswurf, steht aber für einen Hinweis zum Ende des Gottesdienstes, dass wir vor der Kirche stehen.

OS: Irgendwann gehörten wir zum Inventar der Kirche. Wir durften sogar das Turmzimmer über der Aussichtsplattform besuchen, wo sonst fast niemand hindarf.

DS: Wir zwei waren nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde. Dann gingen unsere Ehen in die Brüche und wir verließen beide Hamburg. Mich verschlug es nach München.

OS: Und mich nach Duisburg, wo ich in einem Stahlwerk arbeitete. Als das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ging, zog ich der Liebe wegen nach Aachen. Seit März bin ich in München, um nach der Trennung neu anzufangen. Dirk hat mir den Job bei der BISS vermittelt und gewährt mir Unterschlupf, bis ich ein eigenes Zimmer finde.

DS: Jetzt verkaufen wir wieder am gleichen Ort, wenn auch an verschiedenen Verkaufsstellen.

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HEAVY METAL

Protokoll: Felicitas Wilke

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

CAROLA-RENATE GRAF: Uns verbindet die Liebe zur Rockmusik. Zum Heavy Metal, um genau zu sein.

MANFRED KARCH: ZZ Top, AC/DC, solche Sachen. Ich liebe einfach den Sound! Meine Leidenschaft zur harten Rockmusik habe ich schon in den Sechzigerjahren entdeckt.

Manfred Karch, BISS-Verkäufer und Ehrenamtlicher bei St. Bonifaz  und Carola-Renate Graf, BISS- Verkäuferin

CG: Ich bin 1961 über meinen Cousin zu den Beatles gekommen. Später habe ich mich für die Rolling Stones begeistert und mich dann zu härterer Musik gesteigert.

MK: Den Heavy Metal hast du aber erst durch mich entdeckt. Viele Songs von AC/DC hab ich dir vorgespielt!

CG: Meinst du? Das würde ich so nicht sagen. Ich finde Heavy Metal schon länger gut. Aber egal, Hauptsache, wir teilen die Leidenschaft!

MK: Vor zwei Jahren waren wir gemeinsam auf einem Konzert von ZZ Top auf dem Tollwood­Festival.

CG: Wir standen eher am Rand, aber haben alles gut gesehen. Am Ende haben sich die Bandmitglieder verkleidet. Es war ein toller Abend. Inzwischen gehen wir nicht mehr so oft auf Konzerte, das macht die Gesundheit nicht mehr mit. Außerdem sind die Karten ganz schön teuer. Teilweise kostet eine Konzertkarte 100 Euro!

MK: Wir unternehmen aber auch sonst viel. Gehen im Olympiapark spazieren, Gassi mit Pflegehunden, schauen gemeinsam Fußball oder verbringen Zeit mit meinem Neffen. Und wir tauschen uns gern über die Arbeit aus. Die BISS schweißt uns zusammen.

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NACHBARSCHAFT

Protokoll: Felicitas Wilke

Illustration: Martin Fengel

Foto: Barbara Donaubauer

WALTRAUD RÖVEKAMP: Wir beide haben jahrelang in demselben Hochhaus im Norden von Schwabing gewohnt. Kennengelernt haben wir uns bei einem Sommerfest in unserem Hof.

HANS PÜTZ: Wir sind beide „Zugezogene“. Ich komme ursprünglich aus Düsseldorf. Als ich in den Achtzigern nach München gezogen bin, war mir die Münchner Schickeria erst einmal fremd. Aber nach ein paar Monaten habe ich mich eingelebt.

Hans Pütz, ehemaliger BISSVerkäufer und Waltraud Rövekamp, Rentnerin

WR: Ihr Rheinländer geht auf Menschen zu! Ich bin in Münster geboren und 1977 nach München gekommen. Auch ich fühlte mich hier nicht sofort zu Hause, doch nach circa zwei Jahren lernte ich meinen späteren Mann und über ihn viele Freunde und Bekannte kennen. Später kam auch Hans dazu. Als wir noch Nachbarn waren, sind mein Mann und ich mit Hans öfter mal ein Bier trinken oder essen gegangen.

HP: Dann bin ich krank geworden. Meine Augen verschlechterten sich, vor  gut  einem Jahr wurde zudem Krebs diagnostiziert, und ich konnte nicht mehr arbeiten. Waltraud hat mich sehr unterstützt, war für mich einkaufen, hat mir beim Papierkram geholfen und mich in verschiedenen Krankenhäusern besucht.

WR: Ich mache das gern. Nächstenliebe  kann jeder,  man  muss nicht unbedingt  ein Christ sein. Heute lebt Hans im Münchenstift, ganz in der Nähe unserer alten Wohnung. Ich besuche ihn  mehrmals  die Woche, dann gehen wir gemeinsam spazieren oder machen Arztbesuche. Eigentlich sind wir immer noch wie Nachbarn!