Heimatlos behütet

Garten, Spielhaus, keine Gewalt. Kinder, die in Frauenhäusern aufwachsen, haben einen schweren Rucksack zu tragen. Sie sind zwar endlich in Sicherheit, aber ohne Freiräume

Von CAROLINE VON EICHHORN Illustration CHARLOTTE FU

Wenn Max*, neun Jahre alt, von der Schule kommt, nimmt er keine Mitschüler mit zu sich nach Hause. Im Gegenteil: Er geht lieber mit zu ihnen. Zu denen, die ein richtiges Zuhause haben. Denn Max lebt in einem Frauenhaus, in einem 20 Quadratmeter großen Zimmer, mit seiner Mutter Natalia*, 37, und seiner kleinen Schwester Emma*, zwei Jahre. Max’ Vater ist Alkoholiker. Er beleidigte seine Frau und seine Kinder. Als er anfing, Max’ Mutter zu schlagen, rief sie die Polizei. Das war vor drei Monaten. Natalia, Max und Emma hatten ein Riesenglück, dass sie sofort in das Frauenhaus einziehen konnten. Doch für Max ist es auch ein Stigma, hier zu leben, auf beengtem Raum, ohne Rückzugsmöglichkeiten. Frauenhäuser bieten misshandelten Frauen und deren Kindern – neben Beratung und Unterstützung – vor allem Schutz und Unterkunft zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die ersten deutschen Frauenhäuser öffneten 1976 in Köln und Berlin. Mittlerweile wachsen in Deutschland je – des Jahr etwa 16.000 Kinder in Frauenhäusern auf. Manche bleiben nur ein paar Wochen, andere mehr als ein Jahr. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs der Kinder, die häusliche Gewalt erleben, schätzen Experten. Jede vierte Frau erlebt in ihrem Leben häusliche Gewalt – so die Statistik. Und meist auch etliche Kinder. „Wenn sie kommen, haben die Kinder einen schweren Rucksack zu tragen“, sagt Adina Schnabel, die als Sozialpädagogin im Haus für die Kinder zuständig ist. Fast alle haben Gewalt gesehen, viele sie am eigenen Leib erfahren. Von außen ahnt man nicht, dass das Frauenhaus, in dem Max derzeit wohnt, kein eigentliches Zuhause ist.

Inmitten eines ruhigen Wohngebiets in einem Ort im Großraum München liegt das große Einfamilienhaus mit Garten und roten Dachziegeln. An der Tür verrät kein Klingelschild die Funktion des Hauses: Die Adressen der meisten Frauenhäuser sind geheim, um die Frauen zu schützen. Die Vögel zwitschern, ab und zu kreischt ein Kind. Über die Terrasse kommt man in ein knallbuntes Spielzimmer mit Puppenhaus, Kuscheltieren, Büchern. An die Wand haben die Kinder einen riesengroßen Baum gemalt. Max ist ein bisschen zu alt für das Spielzimmer und die anderen Kinder, die alle viel jünger sind. Glücklicherweise ist er aber selbst noch jung genug, um ins Frauenhaus zu dürfen. Für Mütter mit Söhnen ab 14 oder manchmal schon ab zwölf Jahren ist es schwer, einen Platz zu finden. „Das meist enge Zusammenleben mit wenig Privatheit im Frauenhaus kann zu Konflikten mit jugendlichen Söhnen führen“, sagt Heike Herold vom Verein für Frauenhauskoordinierung, der Frauenhäuser deutschlandweit unterstützt und vernetzt. Die Mütter können ihre Jungs fremd unterbringen. Doch das hält auch wieder Frauen davon ab, ins Frauenhaus zu kommen. Und wenn sie doch gehen, kommen ihre Söhne vielleicht nicht mit, sondern bleiben lieber beim gewalttätigen Vater. Zum Beispiel, weil es kein WLAN gibt. Luis*, knapp drei Jahre alt, rennt durch das Spielzimmer – er baut einen Turm und lässt ein Auto über den Spielteppich fahren. Auf den ersten Blick wirkt er fröhlich, er ist sogar seit Kurzem windelfrei. Doch wer versucht, sich mit ihm zu unterhalten, bekommt keine Antwort. Luis spricht nicht wie die meisten Kinder in seinem Alter. Vielleicht auch, weil er nicht über Dinge sprechen will, die er gesehen hat. „Mein Mann hat mich geschlagen und psychisch fertiggemacht, seit Luis auf der Welt ist“, erzählt Luis’ Mutter Maria, 34. „Er kam mit seiner Geburt nicht klar.“ Ab und zu landete auch eine geworfene Flasche auf Luis. Als Maria den Plan fasste, ihren Mann zu verlassen, drohte er ihr mit Mord. Seit zwei Monaten hat sie eine neue Handynummer und alle ihre Profile in sozialen Netzwerken gelöscht – sie fängt ganz von vorn an, Luis mit ihr. Wie es in dem Dreijährigen aussieht, welche langfristigen Spuren das Erlebte auf seiner Seele hinterlassen hat, ist schwer zu fassen. Maria sagt, das Frauenhaus sei für sie ein Paradies. Sie hätte nie erwartet, einen Ort zu finden, an dem sie sich wohlfühlt. „Wir sind wie eine Familie. Die Frauen halten zusammen, sind freundlich, offen und helfen sich aus“, erzählt sie. So etwas gebe es in ihrem Heimatland Serbien nicht. „Die Mitarbeiterinnen gehen mit zum Arzt oder helfen bei Behördenkram.“ Sie ist nicht die Einzige, die ihre Dankbarkeit wieder und wieder betont. Sechs Frauen mit sieben Kindern sind hier derzeit untergebracht – auf zwei Stockwerken. Nur eine Bewohnerin ist kinderlos. Sie kochen und putzen selbst. Im Dachgeschoss ist das Büro, von dem aus drei Mitarbeiterinnen versuchen, den Frauen und Kindern zunächst eine behütete Zuflucht zu bieten und ihnen dann Schritt für Schritt zurück in einen Alltag zu helfen. Die fünfjährigen Zwillinge Mia* und Ella* klettern vergnügt im Puppenhaus herum, sie haben sich schnell im Frauenhaus eingelebt. Seit einem halben Jahr wohnen sie mit ihrer Mutter Hayet*, 37, hier. Ihr Vater hat mit Kokain gehandelt. Das hat Hayet von der Polizei erfahren, als sie sich dort meldete, weil sie seine gewalttätigen Attacken und unterdrückerischen Kommandos nicht mehr ertrug. Sie durfte nicht arbeiten, nicht rausgehen, eigentlich nichts. Also flüchtete sie mit den Zwillingen in ein Hotel, bevor sie in einem anderen Frauenhaus einen Platz bekam. Dort fand er sie, also mussten sie weiter weg und auch den Kontakt digital komplett abbrechen. Mias, Ellas und Hayets Leben besteht fast nur aus Flucht: von Syrien aus nach Libanon, dann nach Deutschland, anschließend die Flucht weg vom Mann. Jetzt sucht sie ein stabiles Leben für sich und ihre Töchter – Hauptsache, sie muss nie wieder zu ihrem Mann zurück. Doch Hayet weiß auch nicht so recht, wie sie beginnen soll. „Ich brauche eine Wohnung, einen Deutschkurs, einen Job“, zählt sie auf. Immerhin konnte sie mit Unterstützung des Frauenhauses zwei Kindergartenplätze im Ort finden, deswegen würde sie gern in der Umgebung bleiben. Wo anfangen bei einem Haufen Probleme? Das ist bei vielen Frauen, die im Frauenhaus ankommen, schwierig, sagt Ulrike Jurschitzka, Leiterin des Frauenhauses. „Es sind so viele Themen zu bearbeiten: Zunächst einmal versuchen wir die Frauen zu stabilisieren, vielleicht über die Gewalt zu reden, und dann schauen wir, wo es Bedarf gibt: Manche haben Schulden, andere Krankheiten, einige brauchen Hilfe in komplizierten, langwierigen Scheidungsprozessen, bei Umgangsregelungen oder bei der Wohnungssuche“, sagt Adina Schnabel. Wichtig sei aber vor allem, die Psyche zu stützen, die Mütter zu stärken und ihnen beizubringen, sich zu wehren. Viele Frauen seien zu gutmütig, ertragen zu viel. Auch Natalia geht es so. Sie will von ihrem Mann keinen Unterhalt verlangen, weil sie weiß, dass er ihn nicht bezahlen kann. „Er braucht ja selbst Hilfe und zuallererst die Einsicht, dass es so mit dem Alkohol nicht weitergehen kann“, sagt sie. Sie hat weiterhin Kontakt zu ihrem Mann, vor allem wegen ihres Sohnes Max. Er fragt nach seinem Vater und will ihn regelmäßig sehen. Wenn es den Müttern gut geht, werden auch die Kinder stark. Doch zusätzlich muss auch deren Psyche stabilisiert werden. Bei Kindern unter sechs Jahren ist das gar nicht so einfach. Laut Experten ist es in dem Alter nur bedingt möglich, Traumata oder negative Erlebnisse aufzuarbeiten. Erst ab vier Jahren seien vorsichtige Ansätze machbar. Für Kinder müsste es mehr Angebote geben, sagt Heike Herold vom Verein für Frauenhauskoordinierung. Für sie sei häufig kein Etat vorhanden. Die Kinder würden viel zu wenig als Opfer wahrgenommen. „Die Mitarbeiterinnen sehen den dringenden Bedarf der Kinder an Unterstützung, jedoch fehlen vielerorts die Ressourcen dafür“, sagt Herold. Oft helfe es schon, die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen. Frauenhäuser gewähren nur für eine bestimmte Zeit Obhut. Im beschriebenen Haus ist für die Frauen nach den gesetzlichen Förderrichtlinien ein Aufenthalt von acht bis zehn Wochen vorgesehen. Die Kommune verlangt allerdings erst nach sechs Monaten einen Verlängerungsantrag – alle zwei Monate. Ob kürzer oder länger – Frauen und Kinder, die einen Platz bekommen haben, können sich glücklich schätzen. Viele Frauen müssen abgewiesen werden. Und damit auch ihre Kinder. Für die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser ist es furchtbar schwer, die Nachricht zu überbringen: „Kein Platz mehr.“ Heike Herold sagt: „Wir haben in Deutschland nur halb so viele Plätze, wie wir bräuchten.“ 120 deutsche Kommunen hätten überhaupt kein Frauenhaus. Und die, die es gibt, sind meist personell knapp ausgestattet. Nachtdienste zum Beispiel stemmt auch das beschriebene Frauenhaus allein mit ehrenamtlichen Kräften. In Sachen Frauenhausplätze lag das wohlhabende Bayern im deutschlandweiten Vergleich lange weit hinten. Eine vom bayerischen Sozialministerium beauftragte Studie, die ebenfalls den Mangel an Plätzen zum Ergebnis hatte, habe die Staatsregierung erst freigegeben, nachdem die Opposition im Landtag Druck gemacht hatte, kritisierte die Grünen-Politikerin Verena Osgyan vor zwei Jahren. Dieses Jahr hat die bayerische Staatsregierung die Finanzierung von Frauenhäusern verbessert. Das Geld soll die Betreuung der Kinder verbessern, mehr Personal ermöglichen und die Prävention in den Notrufteams und Fachberatungsstellen stärken. „An sich ja eine tolle Sache“, sagt Ulrike Jurschitzka, die Leitung des Frauenhauses. Aber sie reagiert verhalten. Denn damit verdoppelt sich auch der Anteil an Eigenmitteln auf zehn Prozent, was bei einem kleinen Verein wie ihrem eine enorme Last bedeutet. Bislang musste der Verein etwa 8.000 Euro aufbringen, demnächst sind es 16.000. „Wir wissen nicht, woher wir das Geld für die Eigenmittel nehmen sollen“, sagt Jurschitzka. Es gibt keine bundesweit geregelte Finanzierung von Frauenhäusern. Jedes Bundesland, jede Kommune regelt Dinge anders. Das muss sich ändern, findet Heike Herold. Nur wenn sie vereinheitlicht würde, könnte man eine flächendeckende Versorgung und weniger Bürokratie für die Mitarbeiterinnen sicherstellen. Wichtig sei auch, die Sicherheitskonzepte der Frauenhäuser zu modernisieren, findet Herold. „Gerade in kleineren Orten ist die Adresse kaum geheim zu halten“, sagt sie. Noch dazu käme es häufiger vor, dass ein Mann seiner Frau und seinen Kindern auf digitalem Weg weiter Gewalt zufügt. Herold empfiehlt für Frauenhäuser eine Art Ampelsystem, wie es die Niederlande haben. Rote Frauenhäuser für hochgradig gefährdete Frauen: mit videoüberwachten Eingängen, Schließanlagen und Polizeinotruf-Knöpfen. Und grüne Frauenhäuser, die ein offeneres Konzept vertreten. Solche Pläne hegt auch das Frauenhaus von Ulrike Jurschitzka. Ein neues Haus soll mit einem hohen Sicherheitsstandard mitsamt Schleuse, Alarmsystem und vielem mehr ausgerüstet werden, dafür aber entfällt die anonyme Adresse. „Die Frauen und Kinder können so aus der Tabuzone der häuslichen Gewalt herausgeholt werden“, sagt Jurschitzka. „Sie können mit unserer Hilfe lernen, offener damit umzugehen. Die Nachbarschaft wird informiert sein und somit auch einen Schutzfaktor für die Frauen darstellen.“ Wenn die Kinder und Frauen das Frauenhaus dann verlassen, geht es wieder los mit dem Alltag und damit mit den Herausforderungen. Für Emma, Max und ihre Mutter Natalia steht dieses Kapitel bevor. In ein paar Tagen ziehen sie um. Wegen ihres Sohnes hat sich Natalia intensiv auf Wohnungssuche begeben und ist schnell fündig geworden. Die wenigsten schaffen es so schnell, allein wieder auf den eigenen Beinen zu stehen. Ungefähr 60 Prozent der Frauen kehren laut dem Verein Frauenhauskoordinierung in ihre alte Beziehung zurück – aus den unterschiedlichsten Gründen: weil sie keine Wohnung finden, wegen der Kinder oder weil sie ihrem Partner eine zweite Chance geben wollen. Natalia wird mit ihren Kindern Emma und Max in den Ort ziehen, in dem sie zuvor schon gewohnt haben, weil Max dort zur Schule geht. Dann möchte Natalia einen Sprachkurs beginnen und eine Ausbildung zur Erzieherin machen. Ihr Mann, Emmas und Max’ Vater, immer noch Alkoholiker, wohnt ganz in der Nähe.