Fünf Tage am Meer

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Angela-Rodica Crisan

Als ich acht oder neun Jahre alt war, verbrachte ich mit meinen Klassenkameraden fünf Tage am Schwarzen Meer. Wir fuhren von der Schule um zwei Uhr nachmittags los und wir kamen erst spätabends gegen elf an – eine ziemlich lange Busfahrt. Untergebracht wurden wir in kleinen Hütten mit Etagenbetten, jeweils fünf gemeinsam mit einer Lehrkraft. Die ganze Fahrt war organisiert von einer Freikirche. Damals kamen viele freikirchliche Gruppierungen in unser Kinderheim, brachten Nahrungsmittel, Kleidung und unternahmen viel mit uns. Darunter eben auch diese Fahrt ans Meer. Die Angehörigen der Freikirche kümmerten sich vor Ort um uns, kochten, sangenmit uns und brachten uns in die Kirche. Ich kann mich erinnern, dass wir viel Zeit am Strand verbrachten, nach diesen Tagen war ich ganz braun gebrannt. Wir spielten mit dem Ball und buddelten im Sand. Unsere Betreuer organisierten Spiele, bei denen man etwas gewinnen konnte. Mir gelang es, einen Teddybären zu ergattern. Auf dieser Fahrt gefiel mir alles, die schöne Landschaft, das Meer und auch das Essen war sehr lecker. Nur ins Wasser traute ich mich nicht. Während alle Kinder schon drin waren, stand ich draußen und weinte die ganze Zeit. Eine Amerikanerin, die der Freikirche angehörte, sah das und brachte mir das Schwimmen bei. Im flachen Wasser zeigte sie mir, wie ich mich richtig zu bewegen hatte, und so langsam lernte ich es. Als ich später mit den Kindern aus meinem Kinderheim ins Freibad ging, waren alle erstaunt, dass ich jetzt schwimmen konnte. Ich erinnere mich sehr gern an diese Zeit, erst als ich das Kinderheim verließ, wurde mein Leben schwieriger. Am Meer war ich seitdem nie wieder. Heute, wenn man in Rumänien ans Schwarze Meer möchte, braucht man einen Haufen Geld. Meinen eigenen Kindern habe ich aber häufig von meinen Erlebnissen damals erzählt.