Flaschen sammeln

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (Foto: Volker Derlath)

In der von mir sehr geschätzten Tageszeitung oder vielmehr dem dazugehörigen wöchentlichen Magazin gibt es eine Rubrik, die Fragen diskutiert, die ihre Leserschaft umtreiben. Ich lese sie ausgesprochen gern, gerade weil es um alltägliche Themen geht. Neulich stellte eine Leserin die Frage, ob sie ihren elfjährigen Sohn und seinen Freund davon abhalten sollte, gelegentlich am Wochenende Pfandflaschen zu sammeln, wo doch andere Menschen das zur Aufbesserung ihres „mickrigen Geldes“ als Einkommensquelle nötig haben. Das Thema Flaschenpfand begegnet uns bei BISS im Zusammenhang mit armen und obdachlosen Menschen öfter. Es kommt regelmäßig vor, dass Initiativen fordern, den Zugang zu Pfandflaschen für diejenigen, die sie sammeln, zu erleichtern, sei es durch spezielle Halterungen an den Abfallbehältern oder Aufkleber an Pfandautomaten. Und es scheint genügend Leute zu geben, die ihre leeren Flaschen an dem Ort stehen lassen, an dem sie sie ausgetrunken haben, in der Annahme, armen Menschen einen Dienst zu erweisen. Aber ist das wirklich so? Bei einem Pfand von acht Cent pro Bierflasche muss der Flaschensammler ja 100 Flaschen zurückgeben, damit er acht Euro einnimmt. Aber wie lange ist er unterwegs, bis er 100 Flaschen beieinanderhat, und wie schwer muss er daran schleppen! Was ist, wenn er am nächsten Tag „nur“ 50 Flaschen findet und nur vier Euro in der Tasche hat? Ich meine, die Bequemlichkeit der einen bewirkt maximal ein Almosen für die anderen, mehr nicht. Wer eine Lebenskrise überwinden muss, braucht Anteilnahme, sachkundige und menschenfreundliche Beratung, möglichst eine feste Beschäftigung mit Kranken- und Rentenversicherung und bezahlbaren Wohnraum. Alles Faktoren, die es dem Menschen ermöglichen, einen guten Platz in der Gesellschaft und wieder den Glauben an sich und eine lebenswerte Zukunft zu finden. Und es braucht freundliche Mitmenschen wie Sie, die unsere Verkäuferinnen und Verkäufer ansehen und als Personen wahrnehmen, sie im besten Fall anlächeln und auch mal ansprechen. Überhaupt sind am Rande unserer Wohlstands- und Überflussgesellschaft viele Jobs entstanden, die es denjenigen, die sie ausüben, gerade so erlauben, sich über Wasser zu halten. Wer kauft oder bestellt, zahlt ein bisschen was extra, liefern und die Reste abräumen tun andere. Die Antwort in der Rubrik war nicht ganz so streng, eher so, dass man den Kindern den Spaß und das selbst verdiente Geld lassen soll. Trotzdem wurde darauf hingewiesen, dass es für privilegierte Kinder wichtig ist, zu erfahren, wie es ist, für sein Geld auch selbst zu arbeiten. Gute Antwort, oder?

Herzlichst


Karin Lohr, Vorstand