Ene, mene, muh und raus bist du!

Text CLAUDIA STEINER Fotos BENJAMIN SCHMIDT

Für Familien mit Kindern war das Homeschooling während der Corona-Krise eine Herausforderung. Für bildungsferne und sozial schwache Familien oder Familien ohne ausreichende Deutschkenntnisse waren die Schulschließungen viel mehr: eine Katastrophe. Viele Schüler wurden abgehängt.

Marinella übt mit ihrer Mutter

Das ist schwer“, jammert Katinka und sieht Claudia Kindler frustriert an. „Kuck doch – tausend Sätze“. Stockend liest die Elfjährige aus einem Kinderbuch vor: „Be-so-r-gt“. „Weißt du, was ‚besorgt‘ heißt?“, fragt Claudia Kindler. Katinka schüttelt wortlos den Kopf. „Wenn jemand Angst vor etwas hat, sich Sorgen macht, dann ist er besorgt.“ Auch Claudia Kindler schaut besorgt. Die Corona-Krise hat Katinka und ihre Schwester Klara schulisch ein ganzes Stück zurückgeworfen. Katinka, die Lernschwächen und soziale Anpassungsschwierigkeiten hat, geht in eine heilpädagogische Einrichtung. Ihre acht Jahre alte Schwester Klara, eine sehr motivierte und aufgeweckte Schülerin, ist in der zweiten Klasse. Normalerweise geht Klara nach dem Unterricht in den Hort, Katinka bekommt Unterstützung von Pädagogen und Therapeuten. Doch während des Corona-Lockdowns war alles anders: keine Schule, kein Hort, keine Hausaufgabenbetreuung, keine Therapien. Die beiden Mädchen aus Pasing waren zu Hause – wie Tausende andere Kinder –, nur dass ihre aus Rumänien stammenden Eltern, die als BISS-Verkäufer und Küchenhilfe arbeiten und nur wenig Deutsch sprechen, ihnen beim Homeschooling nicht helfen konnten.

Wochenpläne kamen per E-Mail

„Die Schule hat während der Schulschließungen Wochenpläne per E-Mail geschickt, dazu Links zu Erklärvideos, aber die Kinder hatten weder Computer noch einen funktionierenden Drucker“, erzählt Kindler. Die Ehrenamtliche druckte die Aufgaben für die Schwestern aus, lernte und übte in ihrer Freizeit mit ihnen. „Aber selbst wenn ich dreimal die Woche bei ihnen war, die Zeit reichte nie, um alles zu erklären und alle Aufgaben zu erledigen.“ Auch Klara findet: „Corona war langweilig und doof. Claudia hat mir oft geholfen, weil ich die Sachen alleine nicht verstanden habe.“ Kindler hofft, dass sie mit den Mädchen den Stoff in den nächsten Wochen noch irgendwie aufholen kann – aber es wird schwierig, denn in den Schulen ging es nach dem Schulstart weiter im Lehrplan – Zeit zum Wiederholen blieb kaum (siehe Interview unten). „Wenn sie erst einmal hintendran hängen, wird es immer schwieriger, dann verlieren sie schnell die Lust und die Motivation“, befürchtet Kindler.

Vater: „Wir sind wie blind. Wir verstehen die Aufgaben nicht“

Immerhin hatten und haben die beiden Mädchen Hilfe. Viele andere Kinder aus bildungsfernen Familien waren während der Schulschließungen völlig auf sich allein gestellt. Für Marchelo (19), Marin (16) und Marinella (7) aus Milbertshofen waren die Kita- und Schulschließungen eine Katastrophe. „Es war eine sehr schwierige Zeit“, erzählt ihr Vater Martin, der aus einem Städtchen in Bulgarien stammt, in dem man Türkisch spricht, und vor Corona ebenso wie seine Frau einen Putzjob in einem Hotel hatte. „Wir haben keine Arbeit mehr und die Schulen und Kitas waren zu.“ Marchelo durchläuft eine Berufsorientierungsklasse, Marin geht auf die Förderschule und Marinella noch in den Kindergarten. Die Schulaufgaben kamen per Post – immerhin. „Ich weiß nicht, wie gut sie ihre Aufgaben erledigt haben, zumindest kamen keine Beschwerden von den Lehrern“, erzählt der 43-Jährige auf Türkisch. Weder er noch seine Frau sprechen gut Deutsch, seine Frau ist nie zur Schule gegangen. Martin: „Wir können ihnen bei den Schulsachen nicht helfen. Wir sind wie blind. Wir verstehen die Aufgaben nicht.“

Wohnungslose Familien: kein eigener Schreibtisch

Ähnlich erging es vielen wohnungslosen Familien, die im LOLLO – Charlotte-von-Kirschbaum-Haus in der Isarvorstadt untergebracht sind. Nathalie Neuner ist Erzieherin und betreut gemeinsam mit drei weiteren Erzieherinnen in der Unterkunft des Evangelischen Hilfswerks München 120 Kinder im Alter von bis zu 18 Jahren. Meist teilt sich eine Familie ein Zimmer. Die Kinder haben keine ruhige Ecke, geschweige denn einen Schreibtisch, um konzentriert zu lernen. PC oder Drucker gibt es nicht, das hauseigene WLAN ist schwach. „Manche Lehrer haben die Wochenpläne einfach per Mail geschickt und nicht daran gedacht, dass die Kinder hier gar nicht die Technik dafür haben“, sagt Neuner. „Wir haben dann, soweit möglich, die Aufgaben für sie ausgedruckt. Wenn wir nicht als Schnittstelle da gewesen wären, wäre das gar nicht gegangen.“

Kein Unterricht, keine Betreuung

Aber selbst wenn die Schüler die Unterlagen dann in den Händen hielten, war das Homeschooling für sie kaum zu bewältigen. Wenn sich eine Familie den ganzen Tag in einem Zimmer drängt, die kleinen Geschwister rumhüpfen, Lärm aus den Nachbarzimmern dringt, ist es schier unmöglich, konzentriert Hausaufgaben zu machen. Und wer eine Aufgabe nicht verstanden hat, hatte Pech: Wegen der Hygienevorschriften durften weder Erzieher noch Ehrenamtliche eine Hausaufgabenbetreuung für die Schüler der Unterkunft anbieten. „Die Kinder hatten keinen Unterricht, keine Betreuung – sie waren komplett auf sich allein gestellt“, klagt Neuner. Zwar hätten die Familien in der Unterkunft Anspruch auf die angebotene Notbetreuung gehabt, doch dafür hätten sich die Eltern an das Jugendamt wenden müssen. „Das war eine zu große Hürde, das wollten die meisten Familien dann lieber nicht machen.“

Erzieherin: „Die Kinder haben abgebaut“

Auch einen Antrag für einen Zuschuss für den Kauf eines Laptops, Tablets oder PCs habe kaum eine Familie aus der Unterkunft gestellt. 250 Euro können hilfsbedürftige Familien dafür erhalten. „Das war ein gut gemeintes Angebot, aber schon der Antrag hat viele Familien überfordert“, kritisiert die Erzieherin. „Eine einzige Familie von uns hat den Antrag dann doch gestellt und einen Computer in Vorleistung gekauft“, sagt Neuner. Die Familie musste mehrere Wochen auf die Rückerstattung warten – zwischenzeitlich wurde sogar das Geld für Lebensmittel knapp. Besonders leid tut es Neuner für die vielen Viertklässler: „Das eine oder andere Kind hätte es vielleicht auf die Realschule geschafft, aber wegen Corona wird es jetzt wohl doch bei den meisten die Mittelschule.“ Neuners Fazit nach den wochenlangen Schulschließungen: „Die Kinder haben abgebaut, vor allem bei der Sprache. Und viele sind total frustriert. Sie hatten es vorher schon schwer, aber jetzt haben viele den Anschluss verloren.“

Lehrerin Annette S.: „Manche Schüler sind wie sediert“

BISS: Sie unterrichten an einer Münchner Mittelschule. Wie erging es Ihren Schülern während des Corona-Lockdowns?

ANNETTE S.: Meine Schüler hat der Lockdown hart getroffen. Für sie ist ein Rhythmus wichtig: aufstehen, Unterricht, Freunde treffen, Hausaufgaben. Diese Routine fiel für Wochen komplett weg. Manche haben in der Zeit gar nichts gemacht – ein bisschen wie Hartz-IV-Empfänger, die sich zu nichts mehr aufraffen können. Und das wirkt noch immer nach, selbst jetzt sind manche Schüler im Unterricht wie sediert.

Wie haben Sie während des Lockdowns Kontakt gehalten?

Meine Kollegen und ich haben viel gearbeitet. Auch unsere Schulsozialarbeiter haben unglaubliche Arbeit geleistet. Wir haben Materialien neu erstellt, für alle Kinder Kopien gemacht – viele meiner Schüler haben ja keinen Computer und keinen Drucker zu Hause. Die Aufgaben haben wir dann per Post verschickt. Wir haben mit den Kindern und Eltern telefoniert und ein paar Tage später die Lösungen geschickt. Viele Sozialarbeiter sind auch bei Schülern vorbeigegangen, wenn es irgendwo gehakt hat.

Sind Ihre Schüler mit dem Homeschooling zurechtgekommen?

Schüler, die immer was tun, haben das auch während des Lockdowns gemacht und gelernt. Schwieriger war es bei Kindern, die sowieso schon Schwierigkeiten haben. Einige meiner Schüler hatten aber auch gar keine Zeit, um zu lernen. Oft arbeiten beide Eltern, es ist wenig Geld da – die Größeren mussten sich dann den ganzen Tag um ihre jüngeren Geschwister kümmern. Denen ging es wie Müttern von Kleinkindern, die waren einfach nur müde.

Es fehlt jetzt unglaublich viel Stoff. Werden die Kinder es schaffen, das aufzuholen?

Während des Lockdowns sollten wir eigentlich keinen neuen Stoff machen, ich habe sehr langsam und vorsichtig doch das ein oder andere neue Thema eingeführt. Trotzdem sind die Auswirkungen extrem: Ich weiß nicht, wie sie zum Beispiel die Lücken in Englisch aufholen sollen. Und es fehlt auch die Zeit, um Gelerntes zu wiederholen und zu vertiefen. Ganz besonders schlimm ist die Lage für die Kinder meiner DeutschLernklasse. Das sind oft sehr kluge Kinder, denen aber eben die Deutschkenntnisse fehlen. Früher hatten sie zwei Jahre Zeit, um so gut Deutsch zu lernen, dass sie dann in eine Regelklasse wechseln können. Inzwischen haben sie dafür nur noch ein Jahr – und von diesem einen Jahr fehlen jetzt ganze drei Monate. Für diese Kinder sind die Auswirkungen durch Corona wirklich katastrophal.