EINE STARKE TRUPPE

Sie retten Menschen aus brennenden Häusern und sind bei Unfällen meist als Erste vor Ort: Viele wichtige Aufgaben werden in Deutschland von ehrenamtlichen Feuerwehrleuten erledigt. Wie können die freiwilligen Feuerwehren Nachwuchs gewinnen, damit das auch in Zukunft so bleibt?

Foto: MANUEL NIEBERLE

Von BERNHARD HIERGEIST

Angehende Feuerwehrleute müssen viel lernen, etwa, wann man B-, C- oder D-Schläuche einsetzt, wie man Rettungsspreizer oder Funkgerät bedient und was ein Löschgruppenfahrzeug (LF) von einem Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug (HLF) unterscheidet. Aber auch, wie man Erste Hilfe leistet. Aber nicht heute, an diesem Novemberabend im Gerätehaus in Forstenried. Arnd Rochell sagt: „Heute machen wir etwas anderes.“ Rochell ist Jugendleiter bei der Freiwilligen Feuerwehr München, genauer: bei der Jugendgruppe Süd. Zum Treffen der Jugendfeuerwehr, Abteilung Forstenried- Großhadern-Sendling-Solln haben sich 25 Jugendliche im Gerätehaus versammelt. Ein Kollege Rochells hat eines der HLFs aus der sechs Meter hohen Halle gefahren, damit die laut durcheinanderplaudernden jungen Menschen Platz haben. Ringsum an den Wänden hängen die Uniformen und Helme der Erwachsenenfeuerwehr. Aus einem Lautsprecher knacksen ab und an unverständliche Fragmente des Funkverkehrs durch die Halle. Die Mädchen und Jungen sind etwa zwischen 12 und 16 Jahre alt. Sonst lernen sie in der Gruppenstunde viel über Theorie und Praxis der Feuerwehr. Nur heute nicht, heute machen Rochell und seine Kollegen mit ihnen Spiele: Jeder schreibt prägnante Eigenschaften oder Hobbys von sich auf ein Blatt Papier, zum Beispiel: „Alter: 16, Aikido, hilfsbereit, fahre gern Fahrrad.“ Dann werden die Blätter gemischt und die Gruppe diskutiert, um wen es sich handelt. Oder sie werfen sich im Kreis eine Leine zu, bilden einen großen, scheinbar unentwirrbaren Knoten. Nur, um ihn dann, ohne die Leine loszulassen, mit vereinten Kräften wieder zu entwirren.

Die Jugendlichen kommen aus verschiedenen Stadtteilen, gehen auf verschiedene Schulen. „Heute geht es ums Kennenlernen“, sagt Rochell. Die Lektion dahinter: „Nur wenn wir uns kennen, können wir uns auch vertrauen. Und nur wenn wir uns kennen und uns vertrauen, können wir bei der Feuerwehr zusammenarbeiten.“ Die Gruppenstunde in Forstenried ist ein Beispiel, was freiwillige Feuerwehren tun können, um genügend Nachwuchs zu haben. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland engagiert sich ehrenamtlich, jeder Fünfte tut es regelmäßig. Das geht aus dem Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung von 2017 hervor. Alle Ehrenamtlichen zusammen arbeiten pro Jahr geschätzt mehr als drei Milliarden Stunden. Das sind etwa fünf Prozent aller geleisteten Arbeitsstunden im Land. Das Bundesinnenministerium hält das Ehrenamt für „unerlässlich für individuelle Teilhabe, gesellschaftliche Integration, Wohlstand, das kulturelle Leben, stabile demokratische Strukturen und soziale Bindungen“. Und im Fall der freiwilligen Feuerwehren manchmal sogar für noch mehr. Natürlich helfen sie im Kleinen: Sie pumpen Keller leer, ziehen Autos aus dem Graben, fangen entschwirrte Bienenvölker ein oder befreien Liebespaare aus Handschellen (Feuerwehrleute haben viele Anekdoten zu erzählen). Aber oft auch im Großen, wenn sie Menschen aus brennenden Häusern retten oder Unfallopfer aus Autos schneiden. Die Frage ist: Können die Feuerwehren dieser Aufgabe auch in Zukunft noch nachkommen? Der Engagementbericht der Bundesregierung sieht aufgrund des demografischen Wandels „insbesondere die freiwilligen Feuerwehren unter Druck“. Und der bayerische Feuerwehrverband verweist auf eine Modellrechnung aus einer Studie, der zufolge sich die Mitgliederzahl „um 55.000 Personen verringern“ wird. Wie geht es den freiwilligen Feuerwehren und welche Möglichkeiten haben sie, um auf diese Entwicklungen zu reagieren? „Natürlich wollen wir Nachwuchs“, sagt Jugendleiter Rochell im Gerätehaus in Forstenried. „Aber wir wollen vor allem Kontinuität.“ Darum veranstalten sie bei der Jugendgruppe Süd sogenannte Bewerberabende, zu denen Jugendliche mit ihren Eltern kommen können. „Da erklären wir, wer wir sind, was wir machen, was wir bieten“, sagt Rochell. „Aber auch, was wir von den Jugendlichen erwarten.“ Das heißt vor allem: Zeit und Engagement. Wer zu viele Vereine oder Hobbys unter einen Hut bringen will, sollte vielleicht mit der Feuerwehr noch warten, sagt Rochell. Und der wichtigste Punkt: „Die Jugendlichen müssen das selber wollen.“
Wer beitritt, bleibt meistens dabei: Die Übertrittsrate von Jugend- zu Erwachsenenfeuerwehr liegt bei stolzen 90 Prozent. Da das Geschlechterverhältnis bei der Jugendfeuerwehr in etwa ausgeglichen ist, zumindest in München, würde das bedeuten, dass in Zukunft auch mehr Frauen zur freiwilligen Feuerwehr kommen. Deren Anteil liegt im Moment bayernweit bei etwa zehn Prozent. Das hat unter anderem ganz konkrete Gründe. So sind Frauen im Schnitt leichter als Männer und ein 80-Kilo-Mann plagt sich mit einer 30 Kilo schweren Ausrüstung weniger als eine Frau, die 50 Kilo wiegt. Aber wie sehr kulturelle Prägung hineinspielt, lässt sich kaum sagen. Mit eigener Uniform und Leistungsabzeichen werden die Jugendlichen weiter motiviert. Beides komme gut an, sagt Rochell. Nun die nächste Aufgabe: Die Gruppe hält sich an den Händen fest und bildet eine Menschenkette. Der Erste in der Reihe streift ein weites Polohemd über. „Einer nach dem anderen soll jetzt das Hemd anziehen“, sagt Rochell, „ohne dass ihr euch loslasst.“ „Wie soll das gehen?“, fragt jemand. „Wir haben keine Hände frei!“ „Aber Finger“, sagt Rochell. Manche schauen skeptisch. Andere gehen direkt ans Werk: „Na gut, kommt mal her …“ „Halt, so macht das keinen Sinn …“ „Versuch doch mal so …“ Es lässt sich nicht genau datieren, wann die Menschen das Feuer entdeckten, vermutlich vor mehreren Millionen Jahren. Und wenige Sekunden nachdem das erste Feuer entzündet war, hat sich vermutlich auch der erste Mensch daran verbrannt. Feuer kann schmerzen und zerstören. Ein besonderes Problem wurde das, als die Menschen begannen, Städte zu bilden und sich auf engem Raum zu versammeln. Brach ein Feuer aus, war das komplette Gemeinwesen in Gefahr. In so gut wie jeder Stadt- oder Dorfgeschichte spielen Brände eine große Rolle. Darum mussten die Feuer so schnell wie möglich gelöscht werden. Dass das nur gemeinsam möglich ist, war früh klar. Die erste organisierte Feuerwehr im Alten Rom etwa wurde 21 v. Chr. gegründet und bestand aus Sklaven. Das typische deutsche Feuerwehrwesen entstand erst knapp 2.000 Jahre später. Weil politische Mitbestimmung im 19. Jahrhundert auf sich warten ließ, engagierten sich viele Bürger privat, etwa in Turnvereinen. In dieser Zeit erfand der Badener Ingenieur Carl Metz eine leistungsfähige „Handdruckspritze“ samt Pumpensystem, die die Löschtechnik revolutionierte. Ein Löschtrupp in Durlach, heute ein Stadtteil von Karlsruhe, war einer der ersten auf dem Gebiet des Deutschen Bundes, der die Metz’sche Spritze einsetzte. Als 1847 das Stadttheater in Karlsruhe brannte, starben zwar 65 Menschen. Aber der Löschtrupp konnte noch Schlimmeres verhindern. In den Tagen darauf sollen sich Hunderte Interessierte für das „Exercitium an der Spritze“ gemeldet haben. Heute gibt es etwa eine Million Feuerwehrleute in Deutschland, die meisten von ihnen ehrenamtlich. In Bayern sind das mehr als 300.000, organisiert in gut 7.500 Feuerwehren. „Das ist in dem Umfang sicherlich einzigartig“, sagt Jürgen Weiß vom Feuerwehrverband Bayern. Es gebe Länder, in der EU etwa Griechenland, in denen es keine freiwilligen Feuerwehren gibt. „Aber da dauert es dann natürlich länger, bis die Feuerwehr am Einsatzort ist“, sagt Weiß. „In Deutschland liegt die Eintreffzeit bei ungefähr zehn Minuten.“ Diese schnelle und engmaschige Versorgung sei in Bayern absolut sichergestellt. Aber mit Blick auf die Zukunft und den demografischen Wandel sagt Weiß: „Jede Feuerwehr kann immer neue Mitglieder brauchen.“ In vielen Kommunen gebe es Dutzende Vereine, die Konkurrenz um Freizeitaktivitäten ist hart. Mit Kinder- und Jugendfeuerwehren wolle man junge Menschen frühzeitig an das Ehrenamt heranführen, sagt Weiß. Daneben setzt der Verband an verschiedenen Punkten an, um den Nachschub an Ehrenamtlichen zu sichern. So hat man sich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass die freiwilligen Feuerwehrleute die Ehrenamtskarte des Freistaats bekommen. Damit gibt es Rabatte, etwa in vielen Museen oder Theatern. Um gezielt junge Menschen zu erreichen, ist der Verband auch auf sozialen Medien vertreten. Eine Kampagne auf Youtube zeigt, was man mit den Feuerwehrgeräten auch noch machen kann außer Brände löschen. In einem Clip wird mit dem Wasserschlauch ein junger Feuerwehrmann auf einem Bobbycar angetrieben. „Wir machen uns ständig Gedanken, wie wir Nachwuchs erreichen können“, sagt Weiß. „Bei der Kampagne haben wir uns gedacht: Versuchen wir es doch mal mit solchen Filmen.“ Der Verband wirbt mit dem Gemeinschaftsgefühl, denn das ist elementar wichtig bei der Feuerwehr. Nur so könne man sich gegenseitig stützen, auch bei den psychisch belastenden Einsätzen. Wenn also etwa nicht die Katze vom Baum geholt wird, sondern wenn Unfallopfer schreien oder nur noch tot geborgen werden können. Jürgen Weiß ist seit 30 Jahren bei der Feuerwehr aktiv und erinnert sich an seine schweren Einsätze. „Es ist nicht so, dass ich nachts nicht schlafen kann“, sagt er. „Aber man erinnert sich.“ Man schaut darum aufeinander, setzt sich zusammen, spricht über die Dinge. Wenn mehr Unterstützung nötig ist, gibt es Hilfsangebote für die Helfer, die sogenannte psychosoziale Nachsorge für Einsatzkräfte. Generell gilt aber: Niemand muss etwas machen, was er sich nicht zutraut. „Und Kommandant und Einsatzleiter kennen ihre Leute“, sagt Weiß. „Die wissen, wen sie zu einer Unfallstelle schicken können und wen eher zum Absperren der Straße.“

Der Engagementbericht der Bundesregierung schlägt zur Problemlösung die Gewinnung neuer Zielgruppen vor, „wie Frauen, auch ältere Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund“. Als im Sommer 2015 sehr viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, las man häufiger in der Zeitung, dass zum Beispiel Syrer oder Afghanen sich bei freiwilligen Feuerwehren engagierten. „Die große Masse ist das nicht“, sagt Jürgen Weiß vom Landesverband. „Viele Geflüchtete kennen das System der freiwilligen Feuerwehr aus ihren Ländern gar nicht.“ In manchen Herkunftsländern sei die Feuerwehr Teil des Militärs, also Teil des Systems, vor dem die Menschen geflohen sind. Dass die Feuerwehr hier Uniformen trägt, schreckt viele, die zögern, noch weiter ab. Beim Münchner Flüchtlingsrat hat man die Erfahrung gemacht, dass sich viele Geflüchtete ehrenamtlich engagieren. „Meist aber eher informell und abseits fester Strukturen“, sagt Geschäftsführerin Rebecca Kilian-Mason. Arbeit, Bildung oder Aufenthaltsstatus hätten Priorität. In Zukunft wolle man aber gezielter über das Ehrenamt informieren. Jeder sei willkommen, heißt es beim Feuerwehrverband. Unter einer Voraussetzung: „Die deutsche Sprache ist ein absolutes Muss“, sagt Jürgen Weiß. „Man muss sich unterhalten können.“ Warum das so wichtig ist, erklärt Arnd Rochell im Gerätehaus in Forstenried. Das Poloshirt in der Gruppe immer weiterzugeben hat sich tatsächlich als unmöglich erwiesen, worauf ihn die Gruppe irgendwann energisch hingewiesen hat. „Das tut mir leid, da hab ich wohl zwei Aufgaben durcheinandergebracht“, sagt Rochell. Versucht hat es die Truppe trotzdem: Alle hielten sich an den Händen, wogten hin und her, unter lautem Rufen, Gestikulieren und Ausprobieren. „Es ist bei dem Spiel an sich egal, ob es eine Lösung gibt oder nicht“, erklärt Rochell. Auch wenn es ein riesiges Stimmengewirr sei: Kommunikation ist das A und O. Es gehe darum, die eigenen Fähigkeiten zu erkennen. Manche redeten viel und preschten vor. Andere hielten sich eher zurück. „Und im Laufe eines Spiels reicht es vielleicht den Stillen irgendwann und sie bringen sich auch ein.“ Jeder trägt seinen Teil bei. „Einzelkämpfer brauchen wir nicht“, sagt Rochell. „Nur in der Gruppe sind wir stark.“