Immer mehr Anträge und Termine bei Behörden müssen im Internet gemacht werden
Martina Hübner ist Sozialpädagogin bei der Caritas in München. Sie leitet das Kinder- und Familienzentrum Am Südpark in München. Sie berät Familien in sozialen Schwierigkeiten. Sie sagt: „Es kommen viele zu uns, die Hilfe im Internet brauchen.“

Immer mehr Dinge werden heute mit dem Computer, dem Smartphone oder im Internet gemacht. Das nennt man Digitalisierung. Das Internet kann vieles einfacher machen. Auch Behördengänge. Aber nur, wenn Menschen das Internet nutzen können. Wer kein Internet hat, Sprachprobleme oder Probleme mit der Technik hat, braucht weiterhin persönliche Unterstützung. Sonst werden gerade die Menschen ausgeschlossen, die Sozialleistungen dringend brauchen. Zum Beispiel wenn es darum geht, Sozialhilfe, Kinderzuschlag oder Wohngeld zu beantragen. Das geht oft nur noch im Internet und das ist für viele Menschen schwierig.
Die Bundesregierung plant: Noch mehr Anträge sollen nur noch im Internet gestellt werden können. Das gehört zur geplanten Sozialstaatsreform. Martina Hübner sagt: „Das wird viele Menschen hart treffen. Viele können sich Computer, Drucker und eigenes Internet nicht leisten.“
Deshalb gibt es im Familienzentrum ein kleines Büro mit Computer, Drucker und Internet.
Menschen, die Hilfe brauchen, können dort Termine buchen oder Internet-Formulare ausdrucken.
Martina Hübner sagt aber auch, dass manche zwar einen Computer und Internet haben. Aber sie wissen nicht, wie sie beides richtig benutzen können. Besonders arme Familien und Menschen mit wenig Bildung hätten oft nie gelernt, mit Computer und Internet umzugehen. Vielen Menschen fällt es schwer, ein Passwort oder ein Benutzerkonto im Internet zu erstellen. Und viele verzweifeln schon, wenn sie einen Termin beim Kreisverwaltungsreferat (KVR) buchen müssen. Martina Hübner sagt: „Man muss schnell im Internet sein. Denn die Termine sind schnell weg. Das ist besonders schwierig für Menschen mit Behinderungen oder mit sprachlichen Problemen, weil sie länger brauchen. Viele verstehen nicht, was bestimmte Wörter bedeuten und wie man auf den Internetseiten der Behörden die richtigen Informationen findet.“
Behördendeutsch ist oft schwierig zu verstehen. Auch Martina Hübner hat damit manchmal Probleme. Sie fragt: „Zum Beispiel das Wort Niederlassungserlaubnis. Was soll das bedeuten?“
Außerdem sind viele Internetseiten der Ämter nicht in alle Sprachen übersetzt. Für Menschen aus anderen Ländern ist das ein großes Problem. Telefonisch kommt man oft auch nicht schnell weiter. Ruft man die Behörde an, dann hat man oft lange Wartezeiten und bekommt wenig Hilfe.
Martina Hübner sagt:
„Ausgerechnet die Menschen, die dringend Hilfe brauchen, haben Schwierigkeiten, diese Hilfe zu beantragen.“
Bald könnte dieses Problem noch größer werden – mit der Sozialstaatsreform. Dazu gehört, dass viele Sozialleistungen dann nur noch im Internet beantragt werden können. Viele finden diese Pläne gut. Die Verwaltung soll einfacher und schneller werden. Und die Künstliche Intelligenz soll viel übernehmen, damit die Mitarbeitenden wieder mehr Zeit für Beratungen haben. Doch es gibt auch Kritik. Die Gewerkschaft Verdi warnt davor, dass die Umstellung auf das Internet nur als großes technisches Projekt gesehen wird. Dafür braucht man aber viele Mitarbeitende und Geld.
Der Deutsche Caritasverband warnt vor den Problemen mit dem Internet: Besonders arme Menschen, Menschen ohne Wohnung oder Menschen mit Schulden könnten Probleme mit Anträgen im Internet haben. Auch Menschen mit psychischen Erkrankungen könnten Probleme damit haben. Oder Menschen, die dem Internet nicht vertrauen. Besonders Frauen haben wegen Beruf und Kindern oft weniger Zeit, ihre Internet-Kenntnisse zu verbessern.
Und viele ältere Menschen haben Schwierigkeiten mit dem Internet, denn sie haben oft nicht einmal ein eigenes Smartphone. Viele haben auch Seh-Probleme und können ihr Handy nicht richtig bedienen. Viele ältere Menschen haben Angst um ihre Daten. Sie haben auch Angst vor Betrug im Internet.
Günter Wolf ist Seniorenvertreter bei der Stadt München. Er findet die Digitalisierung eigentlich gut. Aber er hat Angst, dass ältere Menschen durch das Internet noch stärker ausgeschlossen werden. Er fordert deshalb mehr persönliche Hilfe und weiterhin Anträge auf Papier.
Immer mehr Menschen kommen zu den sozialen Einrichtungen wie dem Caritas-Familienzentrum, weil sie Hilfe bei Internet-Anträgen brauchen. Das Caritas-Familienzentrum sollte aber stattdessen eigentlich Gruppen- und Bildungsarbeit machen.
Martina Hübner sagt:
„Es wäre gut, wenn die Stadt München selbst die Menschen berät. Dann würde sie verstehen, wie schwierig es für viele Menschen in München ist, Angebote im Internet zu nutzen. Und besonders Menschen in Not brauchen weiterhin persönliche Hilfe.“
Original-Text von Max Wochinger
Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de