Auf Schatzsuche

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Cristian Vasiliu

Was für Mark Twain einst der Mississippi war, ist für mich das Donaudelta. Ich bin in dem Ort Sulina geboren, der liegt an der Stelle, wo die Donau ins Schwarze Meer fließt. Letzten Sommer war ich nach über 20 Jahren wieder dort. Ich habe Verwandte besucht und mir das Haus angesehen, in dem ich bis zu meinem zwölften Lebensjahr gewohnt habe. Wir lebten damals auf einer Insel. Man hat dort sowohl das Meer mit dem Strand als auch den Fluss und selbstverständlich das Delta. Spielen konnte man nur am Wasser. Zur gleichen Zeit, als ich laufen gelernt habe, lernte ich auch schwimmen. Schwimmen war überlebenswichtig. Mittlerweile hat sich viel verändert. Man hört in den Straßen Chinesisch, Italienisch, Spanisch, Französisch oder Dänisch, alles ist voller Touristen. Früher war es hier viel ursprünglicher und naturnaher. Zur Zeit des Kommunismus war es schon schwer, ein Eis zu bekommen. Heute gibt es viele neue Gebäude, Hotels und Pensionen. Man darf allerdings nicht allzu hoch bauen, das hält der Sandboden nicht aus. Die Wirtschaftszweige sind der Tourismus und die Fischerei. Wobei die Fischerei aber nicht mehr so ein großes Geschäft ist. Früher wurde mehr gefischt, was die Fischmenge reduzierte. Jetzt gibt es viele Regeln und das Fischen wird hauptsächlich im kleinen Stil betrieben. Es leben im Meer, im Fluss und im Delta übrigens jeweils unterschiedliche Fischarten. In Sulina gibt es nur sechs parallele Straßen, die auch Namen haben, aber wir nennen sie immer nur erste oder vierte oder fünfte Straße. Fragt man einen Einheimischen nach dem Weg und sagt man den richtigen Namen, wird er einen wahrscheinlich ganz verdutzt anschauen und gar nicht wissen, was gemeint ist. Als ich ein Kind war, gab es auch nur zwei Autos, eines gehörte der Feuerwehr, das andere dem Brotlieferanten. Tatsächlich schafften es diese beiden eines Tages, einen Unfall zu bauen! Meine Freunde und ich liebten es, die Abenteuer von Tom Sawyer zu lesen. Inspiriert von den Büchern, begaben wir uns auch regelmäßig auf Schatzsuche. Etwas wirklich Wertvolles haben wir dabei nie gefunden. Zwei Wochen bevor ich im Sommer in meine alte Heimat gereist bin, habe ich einen Freund in Stuttgart besucht und dabei bei Ulm die Donau gesehen. Da habe ich mich gefragt, ob das Wasser, das jetzt an mir vorbeifließt, wohl dasselbe sein wird, das ich 14 Tage später im Donaudelta sehen werde. Auf jeden Fall möchte ich noch einmal in den Ort meiner Kindheit fahren, allerdings will ich das nächste Mal meine Reise etwas länger im Voraus planen, damit ich nicht mehr bei meinen Verwandten auf dem Boden schlafen muss, weil alle Unterkünfte ausgebucht sind. Den Schatz, den ich als Kind gesucht habe, habe ich jetzt gefunden: Es ist mein Geburtsort.