Armut sehen, nicht übersehen

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Gelegentlich fragen uns Leser, woran man arme Menschen erkennen kann. Für BISS ist diese Frage einfach zu beantworten, denn das sind die Menschen, die uns um Hilfe bitten. Beim ersten Kontakt mit dem Sozialarbeiter erzählen sie, woher sie kommen, wovon sie leben und wie sie im Moment wohnen. Diejenigen, die gerade obdachlos sind, haben in der Regel ihr ganzes Hab und Gut dabei, denn Schließfächer im Bahnhof kosten Geld, das für etwas anderes dringender gebraucht wird. Hier ist Krisenintervention gefragt, denn der Bedürftige muss am besten sofort weg von der Straße, beispielsweise indem man ihn in eine Notunterkunft vermittelt. Nicht immer ist Armut so offensichtlich, vielen sozial Schwachen sieht man ihre miserablen Lebensumstände nicht auf den ersten Blick an. Da gibt es insbesondere die Rentner mit den kleinen Renten, die Alleinerziehenden, die um den Unterhalt bangen, und die Langzeitarbeitslosen. Sie scheinen gut gekleidet und oft wohlgenährt, in Wahrheit müssen sie jeden Euro zweimal umdrehen und es reicht trotzdem hinten und vorne nicht. Es ist zum Haareraufen, dass sich Geschäftemacher gerade an armen Menschen bereichern, indem sie ihnen schlechte Unterkünfte zu Wucherpreisen vermieten, sündteure Handyverträge aufschwatzen oder Konsumkredite andrehen. Schon klar, unterschreiben tut letztendlich jeder selbst und auf eigene Verantwortung. Wer aber keine Chance auf ein gutes Leben hat, denkt nicht langfristig und ist leichte Beute. Noch schlimmer ist, dass Arme in unserer Gesellschaft meist unsichtbar sind, weil ihnen zunächst das Geld und zunehmend die Erfahrungen fehlen, am sozialen Leben teilzunehmen. Bei vielen kommt die Scham dazu, es im Leben scheinbar zu nichts gebracht zu haben. BISS-Verkäufer sind besser dran, denn sie verdienen durch den Verkauf der Hefte nicht nur wieder ihr eigenes Geld, sondern haben auch einen Grund, außer Haus zu gehen. Sie wissen, dass ihre Kunden auf sie warten und sie vermissen, wenn sie einmal länger nicht an ihrem Stammplatz stehen. Und fast alle BISS-Verkäufer haben ordentliche Zähne, oft nach langwierigen Behandlungen. Für Betroffene und soziale Projekte, die sich um Obdach- und Arbeitslose kümmern, hat BISS im Jahr 2018 insgesamt 1.452.507,75 Euro ausgegeben (siehe Seiten 28/29 „Rückblick mit Ausblick“). Übrigens ist der 17. Oktober der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut. Danke, dass Sie die BISS gekauft haben, und bitte bleiben Sie uns auch in Zukunft gewogen!

Herzlichst Karin Lohr, Geschäftsführerin