Arm sein in der Slowakei

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Robert Kalocsay

Ich stamme aus der kleinen slowakischen Stadt Rimavská Sobota. Dort habe ich mein ganzes Leben verbracht, bis ich nach Deutschland gekommen bin. Wenn man in der Slowakei arm ist, tut man sich schwer, denn man bekommt keine Sozialleistungen vom Staat, wenn man nicht mindestens 32 Stunden pro Monat einer Arbeit nachgeht. Dann kriegt man 60 Euro Unterstützung, was auch in der Slowakei sehr wenig Geld ist. Arbeitet man dagegen nicht, erhält man auch nichts, selbst wenn man krank ist. Dazu kommt, dass es wenige Jobs gibt. Aufgewachsen bin ich in einem Viertel mit vier Häuserblocks, in dem nur Leute leben, die sehr wenig Geld haben. In den Wohnungen gibt es keine funktionierende Heizung und kein fließendes Wasser, das muss man sich draußen von einem Brunnen abpumpen. Die Häuserblocks stammen noch aus der Zeit des Sozialismus. Früher war es schön, da zu wohnen, Heizung und Wasser haben noch funktioniert, ich habe mit den Nachbarskindern Fußball oder mit der Playstation gespielt. Doch nach der Wende hat der Staat kein Geld mehr in die Häuserblocks reingesteckt und alles verkommen lassen und dann die Wohnungen billig verscherbelt. Den Leuten, die darin leben, gehören die eigenen vier Wände zwar nun, aber sie sind zu arm, um sich eine Sanierung leisten zu können. Als mein zweiter Sohn geboren wurde, habe ich über Freunde eine Zweizimmer-Wohnung in einem anderen Viertel gefunden, dort ist alles auf normalem Niveau. Mein Vater ist mittlerweile verstorben, meine Mutter aber lebt noch in dem Arme-Leute-Viertel und auch meine Schwester und mein Bruder haben jeweils eine eigene Wohnung dort. Nach der Schule habe ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, an die ich meistens über Mundpropaganda herangekommen bin. Freunde haben zu mir gesagt: „Komm, hier gibt es Arbeit!“, und dann hatte ich mal für einen Monat einen Putzjob oder habe beim Umzug geholfen. Verdient habe ich mehr schlecht als recht. Darum bin ich auch irgendwann mal nach Deutschland gegangen, genauso wie viele andere meiner Freunde woanders hingegangen sind, um ein besseres Leben zu führen. Gerade kann ich gar nichts Positives über die Slowakei sagen, dennoch ist es bei mir wie bei allen Leuten mit ihrer Heimat, dort bin ich daheim. Dort kenne ich jeden, weiß, wo alles ist, dort sind meine Freunde und meine Familie. Dort, wo du aufgewachsen bist, hängt nun mal dein Herz.