40 Jahre nach dem Oktoberfestattentat

Von ULRICH CHAUSSY

GEDENKREDE

Foto: Oswald Baumeister

In diesem Jahr jährt sich das Oktoberfestattentat zum 40. Mal. Das Oktoberfest findet heuer nicht statt, gerade deshalb möchten wir daran erinnern, was im September 1980 an der Theresienwiese geschah, und so haben wir uns entschieden, die Gedenkrede, die der Journalist und Autor Ulrich Chaussy zum 39. Jahrestag gehalten hat, in der BISS in gekürzter Form abzudrucken.

Am 26. September 1980, heute vor 39 Jahren, nachts um 22.19 Uhr: Hier an dieser Stelle, an der wir versammelt sind, wird eine Bombe zur Explosion gebracht. Sie war hoch kompliziert aufgebaut. In Phase eins brannte sekundenlang eine meterhohe Stichflamme ab, danach, in Phase zwei, explodierten etwa 1,2 Kilogramm militärischer Sprengstoff. 13 Menschen verloren ihr Leben, 211 Personen wurden verletzt, 60 davon schwer, erlitten Verbrennungen, verloren Gliedmaßen. Einer davon hatte an dem Attentat mitgewirkt, der 21-jährige Gundolf Köhler. Das wissen wir. Er brachte die Bombe in einer weißen Plastiktüte an den Explosionsort, er legte sie in einen hier befindlichen Papierkorb aus Drahtgitter, der in Tausende nagelähnliche Partikel zerrissen wurde. Ob sie von Gundolf Köhler gezündet wurde, wissen wir nicht. Ob die Explosion ein weiterer junger Mann ausgelöst hat, der von einer Zeugin am Papierkorb gesehen wurde – wir wissen es nicht. Wir wissen viel zu wenig über dieses im politisch hoch aufgeheizten Bundestagswahlkampf begangene politische Attentat, den blutigsten Terroranschlag in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zuallererst, weil am Ende der nur zwei Jahre geführten Ermittlungen die in den achtziger Jahren für politischen Terrorismus allein zuständige Bundesanwaltschaft ein Ergebnis vorlegte, nach dem das Oktoberfestattentat gar kein politisches Attentat war, sondern ein Selbstmordattentat, aber in einem ganz anderen als dem uns heute bekannten Verständnis: Ein verzweifelter, im Leben gescheiterter, sexuell frustrierter, sozial isolierter junger Mann soll es begangen haben. Er soll so in Selbsthass, Verbitterung und Hass gegen seine Umwelt abgedriftet gewesen sei, dass er es in Kauf nahm, bei seinem Suizid aus diesen rein persönlichen Motiven auch noch andere Menschen mit in den Tod zu reißen. Bei aller behaupteten Verstrickung in seine Todessehnsucht hat er sich dann aber nicht in seiner Heimatstadt Donaueschingen auf den Marktplatz gestellt, sondern ist nach München gefahren, um sich inmitten der fröhlich Feiernden in die Luft zu sprengen. Und weil alles so privat war, soll er die Tat ganz allein ersonnen haben. Allein soll er auch die hoch komplizierte Höllenmaschine erdacht, gebaut und sich dafür die nötigen Materialien beschafft haben. Ohne fremde Hilfe, ohne Mitwisser. Das ist die Mär vom Einzeltäter Gundolf Köhler, die der Öffentlichkeit nach nur zwei Jahren Ermittlungen als offiziell ermittelte behördliche Wahrheit unterbreitet worden ist. Die Ermittlungen von da an: eingestellt. Der angeblich einzige Täter: tot. Beinahe wäre es bei diesem fragwürdigen Ergebnis geblieben, obwohl wir doch alle in den ersten Tagen nach dem Anschlag von der zeitweisen Verstrickung des mutmaßlichen Bombenlegers Gundolf Köhler in die rechtsextreme Szene, insbesondere in die Wehrsportgruppe Hoffmann erfahren haben. Wir hatten in den Zeitungen von jenem Zeugen gelesen, der Gundolf Köhler eine Stunde vor dem Anschlag auf der Verkehrsinsel vor dem Eingang des Brausebadhauses im erregten Gespräch mit zwei anderen jungen Männern beobachtet hatte.

Wussten wir doch, dass die Bombe nur Tage vor der Entscheidung im hitzigen Bundestagswahlkampf 1980 detonierte und Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß noch in der Nacht des 26. September das Attentat in den Wahlkampf zog. Er trampelte durch den Tatort und bezeichnete den Bundesinnenminister der SPD, Gerhart Baum, als Unsicherheits- und Skandalminister, der schwere Schuld an diesem Anschlag auf sich geladen habe durch die ständige Verunsicherung und Demoralisierung der Sicherheitsdienste. Diese, so Strauß, trauten sich ja nicht mehr, im Vorfeld aufzuklären und den potenziellen Täterkreis festzustellen. Kurz darauf stellte sich heraus: Der mutmaßlich tatbeteiligte Bombenleger war zeitweise aktiver Sympathisant der Wehrsportgruppe Hoffmann gewesen. Die hatte Josef Strauß in Bayern seit Mitte der siebziger Jahre gewähren und groß werden lassen. Er hatte nichts gegen das Bürgerkriegstraining mit Waffen unternommen. Gerhart Baum hingegen hatte bei der ersten Gelegenheit die WSG Hoffmann verboten, neun Monate vor dem Oktoberfestattentat, als sie sich über Bayern hinaus auf das Bundesgebiet ausgedehnt hatte. Was war los in München, dass es keinen Aufschrei gab, als die Ermittlungen nach nur zwei Jahren eingestellt wurden? Diese Apathie hatte schlimme Folgen. Sie zog die mangelnde Empathie und Anteilnahme für die Opfer und die Überlebenden und ihre Familien nach sich.

Als sie am dringendsten Hilfe gebraucht hätten, zunächst nach dem Anschlag und dann auch zwei Jahre später nach der Einstellung der Ermittlungen, da waren sie allein. Die 2018 im Durchgang zum Prunkhof des Rathauses am Marienplatz eingeweihte Tafel hat dies mit mehr als 35 Jahren Verspätung endlich ausgesprochen: „Ihr unbeachtetes Leid mahnt uns zur Fürsorge.“ Es blieb nur deshalb nicht bei Gleichgültigkeit und Apathie, weil sich Rechtsanwalt Werner Dietrich von der Einstellung der Ermittlungen an, um die Wiederaufnahme der Ermittlungen bemühte. Er erkämpfte für seine Mandanten die Akteneinsicht bei der Generalbundesanwaltschaft und rückte die wichtigsten offenen Fragen und schweren Versäumnisse bei den Ermittlungen in das öffentliche Bewusstsein. Rechtsanwalt Dietrichs Informationen hatten jede Menge Ansatzpunkte geliefert, um das Ergebnis und die Arbeitsweise der Ermittler der Sonderkommission Theresienwiese des Bayerischen Landeskriminalamtes infrage zu stellen. Im Jahr 1984 reichte Dietrich einen ersten Antrag auf Wiederaufnahme der Ermittlungen beim Generalbundesanwalt ein – gespeist aus seinem Studium der Ermittlungsakten, angereichert mit eigenen Nachforschungen, neuen Zeugenhinweisen und auch Rechercheergebnissen. Nach kurzen Nachermittlungen entschied der Generalbundesanwalt, damals noch Dr. Kurt Rebmann, der Wiederaufnahmeantrag enthalte keine substantiell neuen Informationen, die eine Wiederaufnahme der Ermittlungen rechtfertigten.

In meinem Buch „Oktoberfest. Ein Attentat“ vom Herbst 1985 konnte ich belegen, wie der Chef des Staatsschutzes und Aufseher des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz im Bayerischen Innenministerium, Dr. Hans Langemann, durch den sofortigen Verrat interner Ermittlungsergebnisse der Polizei in den ersten Stunden und Tagen nach dem Attentat mögliche Mittäter und Mitwisser gewarnt und ihnen die Vertuschung von Spuren ermöglicht hat. Das eröffnete in diesem Terrorfall eine neue, geheimdienstliche Dimension und warf Fragen auf: Da ist ein Geheimdienstchef, der mit seinen nachrichtendienstlichen Mitteln, etwa V-Leuten in der rechtsextremen Szene, die polizeilichen Ermittlungen nach einem Terroranschlag unterstützen soll. Stattdessen sabotiert und stört er diese Ermittlungen. Was steckt dahinter? Nach der Wende tauchten in den Archiven des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR Tausende Aktenseiten zum Komplex Oktoberfestattentat auf. Die Stasi hatte jede Menge Informationen über die rechtsextreme Szene der Bundesrepublik und ihre Vernetzung gesammelt. Sie hatte aber auch den polizeilichen Ermittlern nach dem Attentat über die Schultern geschaut. Und sie hatte die Aktivitäten westlicher Geheimdienste im Umfeld der rechtsextremen Gruppen beobachtet, die kurz vor dem Münchner Attentat einsetzten. In seinem zweiten Wiederaufnahmeantrag forderte Rechtsanwalt Werner Dietrich die Auswertung dieses Materials und lieferte weitere, über die Jahre gesammelte Indizien und Zeugenbekundungen. Auch sein zweiter Antrag, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, wurde abgelehnt. Mittlerweile, im Jahr 2008, wandte ich mich an die damalige Generalbundesanwältin Dr. Monika Harms. Ich bat sie darum, alle 1980 gesicherten Tatortasservate des Oktoberfestattentats neu zu untersuchen. Asservate, aus denen man jetzt mit der DNA-Analyse die Spuren möglicher tatbeteiligter Personen außer Gundolf Köhler gewinnen könnte, was 1980 noch gar nicht möglich war. Ich wusste nur von Zigarettenkippen mit verschiedenen Speichelanhaftungen aus Köhlers Auto, in dem er von Zeugen am Nachmittag des Tattages in München mit zwei Beifahrern gesehen worden war. Und schließlich vom „Fragment einer menschlichen Hand“. Über diese schrieben die damaligen Ermittler der Sonderkommission Theresienwiese des Bayerischen LKA in ihrem Schlussbericht, sie passe nach ihrer Serologie zu keinem der bekannten Verletzten und Toten des Anschlags – somit auch nicht zu dem Tatverdächtigen Köhler. An anderer Stelle in diesem Bericht wird sie aber als „Hand des Täters“ bezeichnet. Was stimmt nun? Lagen womöglich die DNA-Spuren von Mittätern Köhlers in Reichweite der Ermittler in der Asservatenkammer in Karlsruhe? – Sie lagen dort nicht mehr, denn alle von der Münchner Sonderkommission Theresienwiese im Mai 1981 übermittelten Tatortasservate seien 1997 zerstört worden, wurde mir 2009 von der Bundesanwaltschaft eingestanden. Und das im Fall des schwersten Terroranschlages in der Geschichte der Republik, eines vielfachen Mordes. Aber der Skandal Asservatenvernichtung war nicht nur einer der Bundesanwaltschaft. Aus den zur historischen Forschung im Bundesarchiv Koblenz abgelegten Ermittlungsakten war zu erkennen: Als die Soko Theresienwiese des Bayerischen Landeskriminalamtes nach ihrem Ermittlungsschluss im Mai 1981 die Auswahl der „wichtigsten Tatortasservate“ zur Bundesanwaltschaft nach Karlsruhe schickte, waren die DNA-relevanten Asservate – Zigarettenkippen aus Köhlers Auto und das Handfragment – gar nicht dabei gewesen. Sie haben die ermittlungsführende Bundesanwaltschaft niemals erreicht. Die Zigarettenkippen wurden nach der serologischen Analyse vernichtet. Und die Hand verschwand im Bayerischen Landeskriminalamt zwischen September 1980 und Mai 1981 auf ungeklärte Weise – mitsamt dem serologischen Gutachten.

Viel von dem hier Berichteten haben der Regisseur Daniel Harrich und ich 2013 in den Spielfilm „Der blinde Fleck“ gepackt. Nach dem Film meldeten sich bei Rechtsanwalt Dietrich und bei mir eine Vielzahl alter und neuer Zeuginnen und Zeugen. Innenminister Herrmann sicherte Rechtsanwalt Dietrich endlich die Einsichtnahme in die Spurenakten der Soko Theresienwiese zu, die, wie das LKA jahrelang behauptet hatte, angeblich gar nicht mehr existierten. Mit seinem dritten Wiederaufnahmeantrag, gestützt auf diese Akteneinsicht und neue Zeugenmeldungen, drang Rechtsanwalt Werner Dietrich nun endlich bei der Bundesanwaltschaft durch. Generalbundesanwalt Harald Range verkündete am 11. Dezember 2014: „Mord verjährt nicht. Die Angaben einer uns bislang nicht bekannten Zeugin haben mich veranlasst, wieder förmliche Ermittlungen wegen des Oktoberfestattentats aufzunehmen. Wir werden unsere Ermittlungen allerdings nicht auf die Zeugin und deren Angaben beschränken. Vielmehr werden wir allen Ansatzpunkten zur Aufklärung der Hintergründe des heimtückischen Mordanschlags erneut und umfassend nachgehen.“

Nach 32 Jahren Stillstand hat die Bundesanwaltschaft ein von ihr eingestelltes Verfahren wieder aufleben lassen. Und Generalbundesanwalt Harald Range wollte es unter dem Eindruck des NSU-Debakels wissen: Haben auch beim Oktoberfestattentat Ermittler und Geheimdienste versagt? Er forderte alle Verfassungsschutzämter des Bundes und der Länder, den BND und den Militärischen Abschirmdienst auf, alle dort eventuell vorhandenen Akten zum Oktoberfestattentat für die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zur Verfügung zu stellen. Damit könnte ins Blickfeld rücken, in welcher Weise Geheimdienste in das Geschehen beim Oktoberfestattentat involviert waren.

Aber was ist aus den Ermittlungen geworden? Die wieder aufgenommenen Ermittlungen laufen mittlerweile mehr als doppelt so lange wie in der ersten Ermittlungsphase von September 1980 bis November 1982 – nämlich bald volle fünf Jahre. Die Wiederaufnahme von Harald Range hatte aus dem cold case Oktoberfestattentat ein schwebendes, offizielles juristisches Ermittlungsverfahren gemacht, in dem Journalisten keinen Anspruch auf Einblick haben. Seit 2015 bekomme ich deshalb keine Informationen mehr. Blieb nur, nach einer Weile selbst bei den Zeugen nachzufragen, wie die neue Soko mit ihnen und ihren Hinweisen umgeht. Da war der ehemalige Sprengstoffspezialist des BKA, der 1980 von der Soko Theresienwiese hinzugezogen wurde, um den Aufbau und die Wirkungsweise zu analysieren. Er traf eine klare Aussage: Die Gewalt und die Hitze der Bombe, die Köhler in beiden Händen hielt, haben seine Hände verbrannt, zerfetzt, ja atomisiert. Von Köhlers Händen können, wenn überhaupt, nur sehr kleine, stark verbrannte Fragmente übrig geblieben sein. Jene schnittartig abgetrennte Hand, die der Polizist Günter G. in 25 Meter Entfernung vom Explosionszentrum auf der Straße sicherte, kann es jedenfalls nicht gewesen sein: ein Handteller mit vier Fingern in einem Stück, nicht verkohlt, die Haut nicht zerfetzt. Das ist die Hand, die die Soko zur serologischen Analyse in die Gerichtsmedizin schickt – und die danach samt dem ausgefertigten Gutachten verschwindet. Dem Polizisten G. wird nach längerer Vernehmung durch die neue Soko 26. September gesagt, er erzähle Schauermärchen, ob er sich vor seiner Ehefrau wichtig habe machen wollen. Der Ex-BKA-Sprengstoffspezialist Gerd E. wird von der neuen Soko befragt, ob ich ihm für seine Aussage Geld geboten und gezahlt hätte. Habe ich nicht. Dass die neue LKA-Soko 26. September einen Teil des von Generalbundesanwalt Range gegebenen Ermittlungsauftrages sabotiert, nämlich die schwerwiegenden Ermittlungsfehler der LKASoko Theresienwiese von 1980 kritisch zu untersuchen, wurde im Interview mit dem ersten, mittlerweile abgelösten Leiter der neuen Soko, dem Kriminaldirektor Mario H., deutlich. Die Beantwortung von Fragen zum merkwürdigen Umgang mit den von mir benannten Zeugen wurde empört abgelehnt. Ebenfalls nicht beantwortet wurde die Frage: Untersucht die neue Soko, warum die alte Soko bereits Mitte November 1980 kaum noch mit den Zeugen arbeitete, die nicht in die Einzeltätertheorie passten? Der Soko-Leiter Mario H. strich heraus, dass die neue Soko nicht zur „Vergangenheitsbewältigung“ da sei, sondern ausschließlich, um mögliche Mittäter von Gundolf Köhler zu ermitteln und, falls noch möglich, zur Verantwortung zu ziehen. Doch, diese Ermittlung muss sehr wohl die Vergangenheit, wenn auch nicht bewältigen, so doch sehr genau aufarbeiten, indem die Fehler angeschaut und analysiert werden, die damals gemacht wurden. Wie konnte es geschehen, dass die Ermittler in kürzester Zeit die Psychiatrisierung und Entpolitisierung des Tatbeteiligten Gundolf Köhler in die komplett absurde Theorie vom frustrierten Studenten und Einzeltäter verwandelten, der sich aus Liebeskummer und „Universalhass“ in die Luft gesprengt habe und bei dem dann als vernachlässigbare Kleinigkeit unter den Tisch fällt, dass und wie er eine Zeitlang in der rechtsextremen und Wehrsportszene eingebunden war. Wer oder was trieb die Ermittler dazu an? In den ersten fünf Wochen galt Frank Lauterjung als Hauptzeuge. Er hatte eine Stunde vor dem Anschlag Gundolf Köhler ganz genau beobachtet: den „Wuschelkopf “, wie er Köhler in den Vernehmungen nannte. Der trug einen Kinderkoffer in der einen Hand und eine weiße Plastiktüte in der anderen, in der sich ein schwerer zylindrischer Gegenstand abzeichnete. Gerne hätte ihn der Homosexuelle Frank Lauterjung angesprochen und mit ihm Kontakt aufgenommen, weil ihm Köhler gefiel. Aber das ging nicht, weil Köhler dort drüben auf der Brausebadinsel mit zwei anderen jungen Männern in Parkas stand und sich erregt mit ihnen unterhielt, eine Viertelstunde oder etwas mehr. Lauterjung wandte sich ab und sah ihn erst um 22.18 Uhr wieder, als Köhler den Bavariaring überquerte, mit Bombe in der Plastiktüte, auf den Papierkorb zu. Dann versperrten Passanten den Blick, als Nächstes die Detonation. Lauterjung war mutig und ließ bei der Polizei auch durchblicken, warum er Köhler so genau beschreiben konnte. Als Schwuler sei er auf Kontaktsuche beim Brausebadhaus gewesen, dessen Männertoilette damals eine „Klappe“ war. Ein paar Wochen später entscheiden sich die Ermittler, dem Donaueschinger Bekannten Köhlers zu glauben, dem sie das Psychogramm vom suizidalen, unpolitischen Einzeltäter abnehmen. Sie bestellen Lauterjung ein, reden ihm ein und vermitteln ihm, dass sie ihm nicht mehr glauben. Lauterjung entwickelt große Angst, lässt seine Wohnungstür mit einem schweren Riegel sichern, wird herzkrank, erleidet einen Infarkt, stirbt im August 1982, während der noch laufenden Ermittlungen. Als Kommissare der Soko 26. September im Mai 2019 der SZ-Redakteurin Annette Ramelsberger Einblick in ihren Ermittlungsstand gewährten, breiteten sie beeindruckende Zahlen aus, wie viele neue und alte Zeugen sie vernommen, wie viele Tausende Aktenseiten sie durchgearbeitet haben. Sie haben sogar einen virtuellen Tatort gebaut. Vor allem aber kommunizieren die Münchner Ermittler die Botschaft, alles sei ausgeforscht – und alles sei vergeblich. Nur eines lassen sie unerwähnt: Ob sie den Ursachen nachgegangen sind, warum ihre Kollegen in den 80er-Jahren ihnen diese Trümmerlandschaft einer Ermittlung hinterlassen haben? Am Ende der Seite-Drei-Reportage von Annette Ramelsberger stand folgender Satz: „Es wird der Bundesanwaltschaft also nichts anderes übrig bleiben, als die Ermittlungen einzustellen. Ein zweites Mal.“ Seitdem gehen viele Menschen davon aus, dass dies bereits beschlossene Sache ist. Das ist nicht der Fall. Rechtsanwalt Werner Dietrich hat die Sichtung erheblicher Bestände von Akten der Nachrichtendienste zum Oktoberfestattentat noch vor sich – und ihm als Rechtsvertreter der Opfer muss und wird von der Bundesanwaltschaft die Zeit gegeben werden, die er dazu benötigt. Bundesanwalt Beck teilte mir mit, dass das Ermittlungsverfahren fortdauere. Ich hatte ihm mitgeteilt, dass die Münchner Ermittler der neuen Soko nach meinen Wahrnehmungen die dringend notwendige kritische Aufarbeitung der Ermittlungen der alten Soko Theresienwiese verweigerten – und dass dies die Bundesanwaltschaft als Ermittlungsführerin nicht hinnehmen dürfe. Ob dieser Appell Beachtung finden wird, ist offen.