BISS-Ausgabe Mai 2026 | Grundgesetz

Cover des BISS-Magazins Mai 2026


Inhalt | Grundgesetz | Das Grundgesetz sichert unsere demokratische Gesellschaft. Nie war es so wichtig wie heute, sich für es einzusetzen. | 6 Hans Well im Interview | 12 Verteidiger des Grundgesetzes: Sie engagieren sich für unsere Freiheit | 20 Offene Behindertenarbeit: Mittendrin statt ausgeschlossen | 25 Bedrängt und betrogen: Wie es ist, von einer falschen BISS-Verkäuferin hereingelegt zu werden | 5 Wie ich wohne | 24 SCHREIBWERKSTATT: BISS-Verkäuferinnen und Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Wie ich wohne

Der Einheimische

Protokoll HANS ALBRECHT LUSZNAT

Foto MARTIN FENGEL

Der 26. August 2023 hat mir meine Wohn- und Arbeitssituation im wahrsten Sinne des Wortes verhagelt. In nur zehn Minuten wurde Neubeuern von einem Hagelsturm mit tennisballgroßen Hagelkörnern heimgesucht und fast 80 Prozent aller Gebäude waren beschädigt. Ich arbeitete in der Küche einer Gastwirtschaft und wohnte im Haus mit drei anderen Leuten im Dachgeschoss. Wir waren alle vier von einem Tag auf den anderen obdachlos und die Gaststätte hat nie wieder aufgemacht. So war ich meinen Job los. Die Gemeinde hat mir in Folge ein Zimmer zugewiesen, in der ehemaligen Jugendherberge der Don Bosco Schwestern. Da wohne ich jetzt auf ungefähr 15 Quadratmetern im ersten Stock in einem ehemaligen Zimmer der Jugendherberge. Eigentlich finde ich es recht gemütlich. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich auf eine Behelfskinderkrippe, die auf der anderen Straßenseite in Containern untergebracht ist. Morgens, wenn die Eltern die Kinder bringen, ist viel Verkehr auf der Straße, tagsüber kommen Landwirte mit ihren Maschinen vorbei. Augenblicklich sind wir zu zweit hier im Haus untergebracht. Mein Mitbewohner ist aus Eritrea und hat auch schon vorher mit mir in der Gastwirtschaft unterm Dach gewohnt. Er ist Metallbauer und arbeitet seit Jahren in einer Firma in der Nähe. Wir haben hier auch eine Küche und einen Gemeinschaftsraum, der ungefähr 20 Quadratmeter groß ist und in dem es zwei Tische gibt, die früher mal für Besprechungen genutzt wurden. Jeder von uns beiden hat sein Kochgeschirr. Zusammen kochen wir nicht, weil ich eigentlich kaum noch Fleisch esse. Ich komme aus der Landwirtschaft und mir tat es immer weh, wenn eine Kuh hat zum Schlachter müssen oder der Deckbulle nach drei, vier Jahren abgeholt wurde. Das hat mir immer in der Seele sehr wehgetan. Wenn ich Fleisch esse, dann mache ich das mit Bedacht. Richtig kochen tue ich eigentlich nicht, man kann es eher „erwärmen“ nennen. Ich kaufe mir Tiefkühlgerichte im Supermarkt. Die BISS-Zeitung verkaufe ich am Bahnhof, das ist nur ein paar Schritte vom Haus entfernt. Im Haus haben wir 28 Zimmer. Früher, als die Don Bosco Schwestern die Jugendherberge noch betrieben haben, waren hier 125 Betten für die Gäste. Die hat man alle abgeholt und anderweitig verwendet. Außer unseren sind alle anderen Zimmer leer. Demnächst sollen wir wieder umziehen, in das alte Feuerwehrhaus, wenn da eine neue Heizung eingebaut ist. Dieses Haus, in dem wir augenblicklich wohnen, wird mit einem Neubau nebenan zu einer neuen Kinderkrippe und einem Kindergarten umgebaut. Die Gemeinde investiert da richtig viel Geld. Für das Zimmer zahle ich 300 Euro, das heißt, im Augenblick kommt das Jobcenter dafür auf. Mein Mitbewohner ist Selbstzahler, er hat ja eine feste Arbeitsstelle, aber eine bezahlbare Wohnung hier in der doch sehr touristischen Gegend ist schwer zu bekommen. Es ist ja auch wunderschön, wir haben hier die Benediktenwand, den Herzogstand und Brauneck quasi vor der Tür. Ich bin hier groß geworden und aufgewachsen und hier möchte ich auch unbedingt bleiben und sterben.

Das Dorf meiner Kindheit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Leontin Buda

Ich bin in einem Dorf in Rumänien aufgewachsen, etwa 20 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Als ich klein war, arbeitete mein Vater in einer Kupfermine. Meine Mutter machte die Büros der Minenverwaltung sauber, hat dann aber ihren Job aufgegeben. Meine Eltern meinten, es sei so einfacher, weil wir vieles selbst anbauten wie Kartoffeln, Mais, Tomaten, Gurken und Obst. Außerdem hatten wir Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, Pferde und Hühner, immer zwei bis drei Tiere von jeder Art, mal mehr, mal weniger, nur Schafe hatten wir immer so um die 10 bis 20 und die Hühner waren auch mindestens 20, manchmal sogar 50. All das reichte für uns aus, es war sogar etwas mehr, als wir brauchten, sodass wir auch ein bisschen was verkaufen konnten. Damals im Sozialismus war das viel wert, da die Lebensmittel rationiert waren und man nicht viel kaufen konnte. Geld hatte man genug, aber die Läden waren leer. Auch halfen uns Leute aus dem Dorf, die dann selbst gemachten Käse oder Kartoffeln von uns erhielten. Mir gefiel es als Kind, dass bei uns immer was los war. Wenn es nach Regen aussah, kamen die Leute und halfen, das Heu einzubringen. Abends, nach getaner Arbeit, grillten wir alle miteinander an einem Lagerfeuer. Wir brieten Speck am Stock, aßen dazu Käse und Gemüse. Fleisch gab es nicht so oft, nur hin und wieder. Welches zu kaufen, war nicht möglich, und unsere Kühe und Kälber durften wir nur schlachten, wenn der Veterinär es sagte. Nur Hühner und Schafe zu schlachten, war dagegen kein Problem. Unsere Schweine waren groß, brachten 200 bis 250 Kilo auf die Waage. Da es keine Möglichkeit gab, zu kühlen, kamen sie nur im Winter, vor Weihnachten, unters Messer, meist schlachteten wir ein Schwein für uns selbst und eins verkauften wir. Das Fleisch wurde eingeräuchert, in Schmalz gelegt oder es wurden Würstchen daraus gemacht. Es wurde genau berechnet, was alles bis Ostern reichte, wenn auch mal ein Lamm geschlachtet wurde. So hatte man das ganze Jahr was vom Schwein.

Es ranzelt?

Karin Lohr, BISS-Geschaftsführerin, Foto: Volker Derlath

Von unserem Titelbild im Mai bin ich total begeistert. Es zeigt den Musiker und Künstler Hans Well, der sich schon sein Leben lang für soziale Gerechtigkeit und gelebte Demokratie engagiert. Uns BISSlern ist Hans Well seit vielen Jahren treu verbunden. Er kommt, wenn wir ihn brauchen, wie das bei ganz besonderen Ereignissen in der Vergangenheit der Fall war. So bei der Eröffnung des Kunstpavillons am Wittelsbacher Platz zu unserem 25-jährigen Jubiläum am 30. Juni 2018, als er und die Wellbappn an einem perfekten Frühsommertag unter weiß-blauem Himmel vor Hunderten von Gästen aufspielten. Ebenfalls unvergesslich bleibt sein hinreißender Auftritt am 17. Oktober 2023 im Alten Rathaussaal, als BISS sein 30-jähriges Jubiläum feierte. Unsere 400 Gäste, darunter sehr viele BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer, jubelten schon bei den ersten Tönen und so mancher wäre gern auf einen Stuhl gesprungen und hätte mitgetanzt. Überhaupt finde ich es bemerkenswert, wie sehr die Musik Menschen verbinden kann. Hans Well spricht noch dazu so richtig und herzerwärmend Bairisch, das hört man nicht mehr oft und erfordert selbst von mir als „Muttersprachlerin“ volle Aufmerksamkeit. Im Interview (S. 6 bis 11) spricht er von „ranzeln“, bezogen auf durch die Wirklichkeit längst überholte Einstellungen bei politisch Verantwortlichen. Ich bin schon gespannt, wie wir den Ausdruck ranzeln, der ja ranzig bzw. nach verdorbenem Fett riechend bedeutet, bei unserer Verkäufersitzung im Mai vorstellen werden. Sollte es eine entsprechende Bezeichnung in rumänischer und bulgarischer Sprache geben, werden wir es ab 5. Mai wissen. Ein Thema, das Hans Well und die BISS verbindet, ist der Protest gegen die seit vielen Jahren explodierenden Mieten in München und die Tatenlosigkeit der Politiker. Es ist mir unverständlich, wie sehr die steigenden Benzinpreise die aktuelle Diskussion beherrschen und einen Aktionismus in der Bundespolitik auslösen, während die exorbitanten Mieten in München und anderen deutschen Großstädten stillschweigend ignoriert werden. Autofahren kann doch nicht wichtiger sein als bezahlbarer Wohnraum? In den Städten steigt die Mietbelastungsquote unaufhörlich, das heißt, der Anteil der Mietkosten am zur Verfügung stehenden Einkommen wird größer, und damit steht weniger Geld für Lebensmittel und andere Dinge zur Verfügung. Daran ändert nichts, dass einkommensschwächere Haushalte etwa Wohngeld oder ergänzende Leistungen für die Miete beantragen können, denn das wird aus Steuergeldern und damit von der Allgemeinheit finanziert. Die Bayerische Verfassung beauftragt die Politik, die Verteilung und Nutzung des Bodens zu überwachen und Missbräuche abzustellen (Artikel 161). Da ranzelt nichts, dieser Auftrag ist so frisch und zeitgemäß wie im Jahr 1946.


Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe April 2026 | Abwärtsspirale

Cover des BISS-Magazins April 2026


Inhalt | Abwärtsspirale | Schwarzfahren ist in vielen Teilen Deutschlands eine Straftat. Besonders Arme können dadurch im Knast landen. | 6 „TrommelPower“ Rhythmus und soziale Integration | 10 Essstörungen Eine digitale Streetworkerin versucht auf Social Media zu helfen | 12 Schwarzfahren Fahren ohne Ticket sollte nicht kriminalisiert werden | 16 Suizid in der Familie Wie kann es weitergehen? | 20 MiA e.V Teilhabe durch eine Ausbildung | 5 Wie ich wohne | 26 SCHREIBWERKSTATT BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen