Wie ich wohne

Protokoll HANS ALBRECHT LUSZNAT

Foto MARTIN FENGEL

Der Akkordeonspieler

Unser Haus ist von Grün umgeben und man kann nicht mit dem Auto vor die Tür fahren. Es gehört zu einer Siedlung von vierstöckigen Mehrfamilien-Doppelhäusern. Die weitere Umgebung ist eine typische Vorstadt, eine Mischung aus Gewerbe- und Wohngebieten mit viel Platz für Autos. Einen wirklichen Ortskern gibt es nicht. Vor acht Jahren habe ich hier eine Wohnung bekommen, eigentlich ein Glücksfall. Drei Jahre hatte ich als Servierhilfe in einem Gastronomiebetrieb gearbeitet und in einem Münchner Asylantenheim Essen an Flüchtlinge ausgegeben. Für diese Arbeit bin ich aus Rumänien nach Deutschland gekommen und habe vor Ort in einem Container gewohnt. Die Waschräume und Toiletten waren außerhalb, man musste dazu immer den Container verlassen. Bei der Arbeit habe ich die Kollegen gefragt, ob jemand eine Wohnung wisse, und so habe ich eines Tages die Adresse eines Maklers bekommen. Vor acht Jahren konnten wir hier in diese Wohnung einziehen. Wir, das sind meine Frau und meine Enkelin. Wir haben zwei Zimmer, die Enkelin, sie ist jetzt 17 Jahre alt, hat das kleinere Zimmer. Meine Frau und ich schlafen im Wohnzimmer auf einem breiten Bett. Die Küche reicht, aber es gibt keinen Platz für einen Tisch, sodass wir immer nebenan am Wohnzimmertisch essen. Der Kühlschrank steht im Flur. Es gibt noch ein Bad und eine extra Dusche. Zusammen sind es ungefähr 60 Quadratmeter, für die wir 850 Euro Miete im Monat zahlen. Die Arbeit im Gastronomiebetrieb musste ich wegen ernsthafter Rückenprobleme aufgeben und so bin ich zu BISS gekommen und arbeite als fest angestellter Verkäufer in der Fasanerie und Starnberg. Morgens um 8 Uhr mache ich mich mit Isarcard und S-Bahn auf den Weg zu meinen Verkaufsstellen. Wir haben hier eine angenehme Nachbarschaft mit Menschen aus verschiedenen Ländern und auch die Versorgungslage ist gut. Die nächsten Lebensmittel- und Drogeriegeschäfte sind ungefähr 300 Meter weg. Meine Frau kümmert sich um den Haushalt, und weil sie zuckerkrank ist, arbeitet sie nicht. Sie hat ein Fahrrad und kann sich so gut bewegen. Die Wohnungseinrichtung haben wir damals beim Einzug angeschafft, manches, wie das Buffet mit den Glastüren, haben wir geschenkt bekommen. Im Winter gibt es immer Probleme mit den kalten Außenwänden, da kondensiert die feuchte Luft und Wasser läuft an den Fensterscheiben herunter bis unters Parkett. Alles Lüften hilft nichts und neulich erst habe ich die Wände neu gestrichen. Wenn sie sich bei uns im Wohnzimmer umschauen, dann werden sie eines nicht finden: einen Fernseher. Wir schauen nicht mehr fern, haben aber einen Internetanschluss, über den wir – falls etwas ganz Besonderes kommt – auf dem Smartphone schauen können. Gern sitze ich hier im Wohnzimmer und spiele auf meinem Akkordeon. Ich habe schon als Siebenjähriger angefangen und dieses Hobby hat mich das ganze Leben begleitet. Vielleicht gibt es mal eine Gelegenheit, dass ich für die Kollegen bei BISS spielen kann.

Ein Museumsbesuch

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Takiyan

Vor einer Woche besuchte ich mit einer Gruppe von BISS-Kollegen das Museum Brandhorst. Dort hatten wir eine Führung, bei der uns viele Stücke aus der Sammlung erklärt wurden. Der Museumsführer war ein beachtlicher Mann, der uns über eine Stunde in den Räumen herumgeführt hat. Alle Gemälde und Skulpturen, die wir sahen, waren lieblich und wunderschön. Jeder konnte sich ein Kunstwerk aussuchen, das ihm besonders gefallen hat. Beim nächsten Besuch im kommenden Monat soll man dann etwas zu dem Werk sagen. Zum Abschluss gingen wir gemeinsam in die Cafeteria und haben etwas getrunken und gegessen. In dem Ort im Irak, wo ich geboren bin, gibt es auch ein Museum, das aber ganz anders ist als das Brandhorst. Es zeigt alte Familienfotos, Fotos aus früherer Zeit, auf denen Angehörige der Volksgruppen der Assyrer, Chaldäer und Sumerer in ihrer angestammten Kleidung und Umgebung zu sehen sind.

Miese Masche

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (Foto: Volker Derlath)

Neulich sprach mich in einer Haidhauser Apotheke eine Frau an. Sie hielt ein aktuelles BISS-Magazin in einer durchsichtigen Dokumentenhülle in der Hand: „Ich sammle Spenden für die BISS-Suppenküche.“ DieDame war gut gekleidet, mittleren Alters und sprach fast akzentfrei Deutsch. Nun weiß ich natürlich, dass BISS erstens keine Suppenküche betreibt und zweitens überhaupt keine Spenden auf der Straße sammelt. Mir stand also eine dreiste Betrügerin gegenüber, der ich mich nicht gleich zu erkennen gab, weil ich mehr aus erster Hand über diese miese Masche erfahren wollte. Auf meine Nachfrage hin zeigte sie mir einen Ausweis, auf dem „Free Streetworker – Vertrieb einer Straßenzeitung“ mit einer Adresse in Darmstadt stand. Im Internet finden sich viele warnende Hinweise dazu, unter anderem, dass die Ordnungsämter in Darmstadt und Rheinland-Pfalz gegen diese Betrügereien längst eingeschritten sind. Das schreckt sie jedoch nicht ab, denn sie versuchen weiterhin, auf Märkten oder in Straßencafés, gut meinende Menschen übers Ohr zu hauen. In München missbrauchen sie dafür die BISS, denn sie wissen, dass wir für seriöse und gute Arbeit stehen. Wahlweise nennen sie andere, ebenfalls seriöse Münchner Organisationen, für die sie angeblich „sammeln“, vorzugsweise für die Suppenküche, die Bahnhofsmission oder die Tafel. Mit dem Verkauf unseres Magazins durch die über 100 Verkäuferinnen und Verkäufer in München hat diese Betrugsmasche rein gar nichts zu tun. Unsere Verkäufer tragen ihren Verkäuferausweis und die aktuelle Verkaufsgenehmigung der Landeshauptstadt München bei sich. Sollte ein Verkäufer mal seinen Verkaufsausweis vergessen haben, fragen Sie freundlich nach. BISS ist eine anerkannt gemeinnützige Organisation, das ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt Spenden annehmen darf. Deren korrekte Verwendung wird jährlich vom zuständigen Finanzamt überprüft. Und wir leisten eine intensive Sozialarbeit vor Ort auf der Straße. Sollte Sie also eine Person mit einer BISS in der Hand um eine „Spende“ anhauen, halten Sie am besten Ausschau nach Unterstützung durch das Ordnungsamt oder die Polizei. Als ich mit der Betrügerin zusammentraf, war leider niemand zu sehen. Sie reagierte auch zunehmend unwirsch auf meine Fragen und hat mich dann stehen lassen. Ich bin ihr noch nachgegangen und habe sehen können, wie sie sich hinter einem Wahlplakat versteckt hat, bevor sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt war. Diese Betrugsmasche ist doppelt gemein, denn sie schädigt die wohlmeinenden Spender und unsere aufrichtigen Verkäuferinnen und Verkäufer gleichermaßen. Danke dafür, dass Sie die BISS kaufen, und schauen Sie ruhig genau hin, wem Sie Ihr Vertrauen schenken.

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe Februar 2026 | Trotz allem

Cover des BISS-Magazins Februar 2026


Inhalt | Kommunalwahl | Im März wird der Stadtrat von München neu gewählt. Wir haben nachgefragt, ob und wie die Kandidaten sparen wollen. | 6 Trotz allem. Wie sieht das Leben als pflegende Eltern aus?| 12 Wo wollen Sie sparen? Die drei OB-Kandidaten geben Auskunft | 20 Bezahlbar wohnen: Genossenschaften und Co. | 5 Wie ich wohne | 24 SCHREIBWERKSTATT BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen


Günstig wohnen in München?

Was ist eine Wohnungsgenossenschaft?
Eine Wohnungsgenossenschaft oder Wohnbau-Genossenschaft ist eine Gemeinschaft, die bezahlbare Wohnungen anbietet. Die Genossenschaft will keinen Gewinn machen. Darum bleiben die Mieten lange günstig. Um eine Wohnung zu bekommen, muss man Mitglied der Genossenschaft werden. Man zahlt keine Provision, also Geld, das man für die Vermittlung einer Wohnung bezahlt. Und man zahlt keine Kaution, also Geld, das man am Anfang für die Wohnung abgibt.

York Runte, Foto: Wochinger BISS Wohnungsgenossenschaften

Stattdessen kauft man Anteile an der Genossenschaft. Das ist Geld, das man in die Genossenschaft einzahlt. Damit wird man Mitglied. Das Geld gehört einem weiter und man bekommt es oft zurück, wenn man aus der Genossenschaft austritt. Wenn man eine Wohnung in der Genossenschaft mietet, dann zahlt man eine Nutzungsgebühr, eine Kosten-Miete. Das bedeutet, dass die Mieten nur so hoch sind, wie es für das Haus nötig ist. Mit den Mieten bezahlt die Genossenschaft die Reparaturen am Haus, die Verwaltung und den Kredit für das Haus. Also das Geld, das sie sich für den Kauf oder den Bau des Hauses geliehen hat. Die Genossenschaft will keinen Gewinn machen. Wenn Geld übrig bleibt, dann wird es zum Beispiel genutzt, um Wohnungen zu erneuern und die Angebote für die Mitglieder zu verbessern.

Die Vorteile von einer Genossenschaft sind bezahlbare Mieten und Sicherheit.

Es gibt zurzeit etwa 60 Wohnungs- oder Wohnbau-Genossenschaften in München. Sie bieten insgesamt etwa 45.000 Wohnungen an, in denen etwa 100.000 Menschen wohnen. Das sind nicht viele, denn in München leben etwa 1,6 Millionen Menschen.

Menschen mit wenig Geld können sich aber meist das Geld für die Genossenschaft nicht leisten. Oder sie können auch keine neue Genossenschaft gründen, denn auch dafür braucht man viel Geld und Zeit.

Die Genossenschaften haben in München hohe Grundstücks- und Baupreise.

Deshalb sind auch die Mitgliedsanteile und die Mietkosten höher als an anderen Orten. Bei einer 60-Quadratmeter-Wohnung kann der Mitgliedsanteil etwa 63.000 Euro sein.

Thomas Schimmel sagt: „Unsere alten Wohnungen kosten für Mitglieder etwa 7,40 Euro pro Quadratmeter. Für Neubauten sind es etwa 15 Euro. Das ist nicht mehr ganz so billig. Aber viel weniger als das, was ähnliche Wohnungen auf dem freien Mietmarkt kosten. Eine Bewerbung bei uns ist zurzeit nicht möglich. Wir haben nur wenige Wohnungen und eine sehr lange Warteliste.“

Zum Beispiel selbst organisierte Haus-Gemeinschaften wie das Haus Ligsalz8 im Westend. Zwölf Menschen leben dort in Wohn-Gemeinschaften auf insgesamt etwa 430 Quadratmetern. York Runte lebt dort seit dem Jahr 2008. Er hat die Haus-Gemeinschaft mitgegründet. Er sagt: „Die meisten von uns haben davor schon in Wohn-Gemeinschaften gelebt.

Die Miete kostet bei uns etwa 400 Euro. Das sind etwa 8 Euro kalt pro Quadratmeter.“ Bewohner*innen mit höherem Einkommen zahlen etwas mehr Miete als diejenigen, die weniger Geld haben.

Das Haus gehört der Haus-Gemeinschaft und dem Mietshäuser Syndikat. Das Mietshäuser Syndikat sind viele Haus-Projekte in ganz Deutschland, die sich zusammengetan haben. Das Mietshäuser Syndikat hilft dabei, Häuser gemeinsam zu kaufen und die Mieten niedrig zu halten. Und zu verhindern, dass die Häuser verkauft oder genutzt werden, um viel Geld zu verdienen. Das Besondere am Mietshäuser Syndikat ist, dass nicht nur Banken Geld geben. Sondern auch einzelne Personen und Vereine. Dadurch können auch Menschen mit wenig Geld mit dabei sein und eine Wohnung bekommen.

Lena Radau sagt: „Die Politik muss etwas tun! Damit die Menschen nicht aus ihren Stadtvierteln verdrängt werden, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können. Das Wohnen muss gerecht, sicher und für alle bezahlbar sein. Es darf nicht darum gehen, Geld zu machen. Aber auch die Bürger*innen können etwas tun: nämlich sich zusammenschließen, Forderungen an die Politik stellen, sich einmischen.

Original-Text von Max Wochinger

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de