Inhalt | Ungleichheit| Die Schere zwischen Reich und Arm geht immer weiter auseinander. | 6 Interview: Martyna Linartas Ungleichheit in unserer Gesellschaft| 10 autkom: Hilfe und Beratung für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung | 16 Benko-Ruinen: Glanz versprochen, Ruinen geliefert | 20 Stiftung BISS: Unverhofft kommt oft | 5 Wie ich wohne | 24 SCHREIBWERKSTATT: BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 27 Adressen
Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.
Protokoll HANS ALBRECHT LUSZNAT
Foto MARTIN FENGEL
Der Brotbäcker
Das Haus, in dem ich wohne, wurde vor 25 Jahren in Riem neu gebaut, auf dem Gelände, wo vorher die Start- und Landebahn des Flughafens Riem war. Ich wohne im dritten Stock und gleich hinter der Haustür – die eigentlich ein Gittertor in einem luftigen Durchgang ist – gibt es einen Lift als frei stehenden Turm. Mit dem komme ich in den dritten Stock. Dann geht es über eine Art Brücke und einen Außengang am Gebäude entlang zu den einzelnen Wohnungstüren. Rechts schaut man in die große Grünfläche zwischen den Häusern. Meine Wohnungstür ist die vorletzte an dem 88 Meter langen Gang. Im ganzen Gebäude gibt es insgesamt 98 Wohnungen. Ich bin hier vor 15 Jahren mit meiner Frau eingezogen. Die Wohnung hat zwei Zimmer und geht über 2 Etagen. Es sieht großzügig aus, es sind aber nur 48 Quadratmeter. Wenn man in meine Wohnung kommt, gibt es zunächst einen Windfang mit Garderobe, dann einen ersten Durchgangsraum mit Küche, einem Tisch und Stühlen und einer Treppe ins obere Stockwerk. Geht man geradeaus, liegt links das Bad und man kommt ins Schlafzimmer, wo auch der Fernseher steht. Oben ist ein weiteres Zimmer, ungefähr so groß wie der Raum darunter. Zusammen kostet es 580 Euro Miete, ich bekomme Rente und etwas Hilfe und mit dem, was ich bei BISS verdiene, kann ich die Miete bezahlen. Gebürtig komme ich aus Breslau, war dort bis zum 30. Lebensjahr und bin dann nach Katowice (Kattowitz) umgezogen. Ich habe Automechaniker gelernt und in diesem Beruf in Polen gearbeitet. Dann bin ich so um die Jahrtausendwende nach Deutschland gekommen und war Fahrer für eine große Apotheke und habe Medikamente ausgeliefert an Filialen in München. Die letzten 15 Jahre sind wie im Flug vergangen und ich bin jetzt schon 75 und habe Probleme mit dem Herzen. Wenn ich Treppen steige oder weit laufe, dann muss ich immer wieder Pausen einlegen. Deshalb habe ich den BISS-Verkauf auch auf ein paar Stunden begrenzt, denn langes Sitzen am Verkaufsplatz verursacht mir dann nach einiger Zeit Schmerzen. Hier um unsere Wohnung bekommt man alles, was man zum Leben braucht. Es gibt Geschäfte und ein Stück weiter vorn in der Straße gegenüber dem Messegelände auch ein Café mit Bäckerei. Da gehe ich ein- bis zweimal in der Woche einen Kaffee trinken. Mit den Nachbarn haben wir wenig Kontakt; es wohnen hier im Haus sehr viele alleinstehende Personen. Die Tochter und die zwei Enkelkinder leben in Polen und augenblicklich ist meine Frau auch dort, weil sie krank ist und sich dort besser fühlt. Am Wochenende gehe ich manchmal in die Kirche, entweder hier in der Nähe oder in Schwabing am Josephsplatz. Dort wird mittags ein Gottesdienst der polnischen Gemeinde gefeiert. Manchmal besuche ich am Wochenende die „Maratonga Bar“ zum Tanztee, das ist speziell für ältere Leute. Jetzt, wo ich nicht mehr ganz so beweglich bin und nicht mehr viel mit dem Fahrrad durch die Gegend fahre, verbringe ich einen großen Teil meiner Zeit in der Wohnung. Alle zwei Wochen backe ich Brot, weil das ist 1.-Klasse-Brot und schmeckt mir besser als die Ware aus dem Supermarkt.
Ich stamme aus der kleinen slowakischen Stadt Rimavská Sobota. Dort habe ich mein ganzes Leben verbracht, bis ich nach Deutschland gekommen bin. Wenn man in der Slowakei arm ist, tut man sich schwer, denn man bekommt keine Sozialleistungen vom Staat, wenn man nicht mindestens 32 Stunden pro Monat einer Arbeit nachgeht. Dann kriegt man 60 Euro Unterstützung, was auch in der Slowakei sehr wenig Geld ist. Arbeitet man dagegen nicht, erhält man auch nichts, selbst wenn man krank ist. Dazu kommt, dass es wenige Jobs gibt. Aufgewachsen bin ich in einem Viertel mit vier Häuserblocks, in dem nur Leute leben, die sehr wenig Geld haben. In den Wohnungen gibt es keine funktionierende Heizung und kein fließendes Wasser, das muss man sich draußen von einem Brunnen abpumpen. Die Häuserblocks stammen noch aus der Zeit des Sozialismus. Früher war es schön, da zu wohnen, Heizung und Wasser haben noch funktioniert, ich habe mit den Nachbarskindern Fußball oder mit der Playstation gespielt. Doch nach der Wende hat der Staat kein Geld mehr in die Häuserblocks reingesteckt und alles verkommen lassen und dann die Wohnungen billig verscherbelt. Den Leuten, die darin leben, gehören die eigenen vier Wände zwar nun, aber sie sind zu arm, um sich eine Sanierung leisten zu können. Als mein zweiter Sohn geboren wurde, habe ich über Freunde eine Zweizimmer-Wohnung in einem anderen Viertel gefunden, dort ist alles auf normalem Niveau. Mein Vater ist mittlerweile verstorben, meine Mutter aber lebt noch in dem Arme-Leute-Viertel und auch meine Schwester und mein Bruder haben jeweils eine eigene Wohnung dort. Nach der Schule habe ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, an die ich meistens über Mundpropaganda herangekommen bin. Freunde haben zu mir gesagt: „Komm, hier gibt es Arbeit!“, und dann hatte ich mal für einen Monat einen Putzjob oder habe beim Umzug geholfen. Verdient habe ich mehr schlecht als recht. Darum bin ich auch irgendwann mal nach Deutschland gegangen, genauso wie viele andere meiner Freunde woanders hingegangen sind, um ein besseres Leben zu führen. Gerade kann ich gar nichts Positives über die Slowakei sagen, dennoch ist es bei mir wie bei allen Leuten mit ihrer Heimat, dort bin ich daheim. Dort kenne ich jeden, weiß, wo alles ist, dort sind meine Freunde und meine Familie. Dort, wo du aufgewachsen bist, hängt nun mal dein Herz.
Karin Lohr, BISS-Geschäftsführung (Foto: Volker Derlath)
In den vergangenen Wochen diskutierte die Öffentlichkeit heftig über das neue Rentenpaket. Dabei entstand der Eindruck, die Älteren, die schon in Rente sind oder bald gehen, lebten auf Kosten der Jüngeren in Saus und Braus. Dass das nicht stimmt, sehen wir bei BISS jeden Tag. Denn das Lebensalter allein sagt erst einmal nichts über die soziale Situation eines Menschen aus. Wir wissen, dass Armut in der Kindheit die Heranwachsenden ausbremst und eine unglaublich hohe Hürde für einen aussichtsreichen Schul- und Berufsabschluss ist. Und am Ende eines Lebens sind diejenigen, die schon immer arm waren, arm geblieben. Denn es wird immer schwieriger, sich durch eigene Leistung ein gutes Leben zu erarbeiten. In Deutschland arbeiten rund 16 Prozent aller Beschäftigten im Niedriglohnbereich. Wenn Miete und Essen bezahlt sind, bleibt nichts mehr übrig, was in eine private Altersvorsorge eingezahlt werden könnte. Darum ist es so wichtig, dass wir uns darauf verständigen, was gerecht ist und was nicht in unserer Gesellschaft. Wie ungerecht die Einkommen aus Erwerbsarbeit im Vergleich zu den Einkünften aus Vermögen und Erbschaften besteuert werden, kritisiert die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas im Interview (S. 6 bis S. 9). Obwohl das Bundesverfassungsgericht seit Längerem eine Neuordnung der Vermögenssteuer eingefordert hat, hat die Politik hier nichts zustande gebracht. Im Gegenteil, wenn man sich mit Aufstieg und Fall des Immobilienspekulanten René Benko beschäftigt, stellt sich die Frage, ob diese Milliardenpleite durch Benkos Nähe zur Politik ermöglicht wurde. Zur Rettung seiner Geschäfte sind Millionen Euro aus Steuergeldern ausgegeben worden, vergeblich. In München sind von dem versprochenen Glanz ein paar Spekulationsruinen in prominenter Lage übrig geblieben (S. 16 bis S. 19). Die kann man sich auf einem Stadtspaziergang anschauen und darüber nachdenken, was genau mit dem Graffiti „Benko war es nicht alleine“ gemeint ist. Wie gut, dass wir BISSler mit so vielen Menschen verbündet sind, die sich wie wir für ein gerechtes Miteinander in der Gesellschaft nach ihren Kräften stark machen. Die Bilanz der Stiftung BISS, die sich insbesondere für bezahlbaren Wohnraum für sozial benachteiligte Menschen einsetzt, ist ausgesprochen erfreulich (S. 20 bis S. 23). Wir schauen zuversichtlich auf das neue Jahr 2026, denn bei Redaktionsschluss hatten wir schon für die meisten unserer 57 angestellten Verkäufer und Verkäuferinnen einen Paten gefunden. Überhaupt haben wir viel vor, denn wir wollen mit Ihnen an der Seite die Welt ein bisschen besser machen. Das ist doch ein guter Plan!
In diesem Text geht es um zwei junge Frauen aus Kuba. Die beiden Frauen sind Zwillinge und jetzt 26 Jahre alt. Ihre Mutter ist Kubanerin. Ihr Vater ist Deutscher. Sie leben heute in München, aber sie wurden in Kuba geboren. In der Hauptstadt Havanna. Wenn sie dort in ihrem Kinderzimmer aus dem Fenster schauten, dann sahen sie ein riesiges Gebäude. Es war das Gebäude der russischen Botschaft. In der Nacht brannten dort immer zwei Lichter. Es sah aus wie ein riesiger Betonroboter mit leuchtenden Augen. Der machte ihnen Angst. Deshalb heißt die Überschrift: Das Kinderzimmer im Schatten des Monstrums.
Die beiden Frauen wollen nicht, dass man ihren Namen hier liest. Deshalb werden sie hier Carmen und Maria genannt. Sie heißen aber anders. Sie wollen auch nicht, dass ein Foto von ihnen hier gezeigt wird.
Ihre Geschichte soll zeigen, dass man es in Deutschland schaffen kann. Auch wenn man aus einem anderen Land kommt und nicht viel Geld hat.
Carmen und Maria sagen: „Wir fühlen uns nicht benachteiligt. Wir wollen andere ermutigen, erfolgreich zu sein – mit einem starken Willen und dem Mut, zu kämpfen. Hier in Deutschland kann man träumen, in Kuba nicht.“
Ihr Vater hat die Familie verlassen, als die beiden fünf Jahre alt waren. Damals lebten sie in Deutschland und gingen in einen Kindergarten. Sie sagen: „Deutsch war unsere erste Muttersprache!“ Dann mussten sie zurück zur ihrer Oma nach Kuba. Sie konnten aber nicht gut Spanisch und bekamen extra Unterricht. Und auch psychologische Hilfe, um in Kuba klarzukommen. Sie kamen dann auf eine spanische Schule für Diplomatenkinder, um später auch in Europa arbeiten zu können. Sie haben beide Staatsbürgerschaften: als Deutsche und als Kubanerinnen. Deshalb gelten sie in Kuba als „reich“ und als „Fremde mit einer Art Migrationshintergrund“. Denn sie können zum Beispiel leichter verreisen.
Sie gingen in Kuba in die Realschule und auf die Fachoberschule. Die eine Schwester wollte Geisteswissenschaften und Wirtschaft studieren. Die andere Schwester interessierte sich für Malerei, Gestaltung und Mode. Beide konnten in Kuba nicht so studieren wie sie wollten. Deshalb gingen sie nach dem Abitur wieder nach Deutschland, zu ihrem Vater. In Deutschland wurde das kubanische Abitur nicht anerkannt. Deshalb machten sie ein Fernstudium, um das deutsche Abitur nachzuholen. Und sie mussten Deutschkurse machen, weil ihre Deutschkenntnisse zu schlecht waren. Mitten im Prüfungsstress verließ sie ihr Vater wieder: Er hatte eine neue Familie in Thailand.
Die Schwestern hatten schwere Jugendjahre: der Kulturwechsel von Kuba nach Deutschland, die deutsche Bürokratie mit ihren schwierigen Formularen und die Abend- und Fernkurse.
Zusätzlich hatten sie auch Minijobs als Küchenhilfe und im Schuhgeschäft. Das Unterhaltsgeld bekamen sie vom Vater erst nach einem zweijährigen Rechtsstreit.
Beide gaben nie auf: „Wir schaffen das, um beweisen zu können, dass wir es schaffen!“
Carmen musste ihr Fach-Abitur nachmachen, weil das Fern-Abitur nicht anerkannt wurde. Maria wollte eine Ausbildung machen.
Eine Freundin machte sie auf die Einrichtung Lichtblick Hasenbergl und auf BISS aufmerksam.
Beide Organisationen halfen den jungen Frauen mit Beratungen, Anträgen und Infos über Ausbildungen in Deutschland. Auch die Gespräche mit anderen, denen es ähnlich ging, taten gut.
Roman Wilhelm von Lichtblick Hasenbergl betreut Carmen und Maria seit drei Jahren. Er sagt: „Beide Mädchen sind realistisch. Sie träumen nicht, sondern wissen, dass ihr beruflicher Weg nicht einfach wird.“ Er erzählt weiter: „Der Stadtteil Hasenbergl sieht nicht mehr so schlimm aus wie früher. Aber die Lebenssituation der Menschen hier hat sich nicht geändert.“ Das Gebäude von Lichtblick Hasenbergl ist hell und freundlich. Hier stehen Lebensmittelkisten. Es gibt genug junge Leute, die diese Hilfe brauchen und die Lebensmittel zu ihren Familien nach Hause bringen.
Wie hilft BISS?
Johannes Denninger von BISS e.V. sorgte für eine befristete Geldhilfe für die Zwillingsschwestern.
Er vermittelt zwischen Lichtblick und BISS e.V., die als Partner-Organisationen junge Menschen in Not unterstützen.
Wie stellen sich die Zwillinge ihre Zukunft vor? Die nächsten 5 Jahre?
Die beiden denken zuerst an ihren 15-jährigen Halbbruder in Kuba. Sie sagen „Er soll hier in Deutschland eine Zukunft haben!“ Denn sie selbst haben inzwischen schon viel erreicht.
Die eine Schwester hat einen Abschluss in Kommunikationsdesign, als Schnittmacherin und Modedesignerin. Jetzt will sie ihren Master-Abschluss in der Modebranche machen. Die andere Schwester hat ihren Bachelor-Abschluss in Medienmanagement und Digitalmarketing gemacht.
Beide sagen: „Wir sind stark.“ Aber sie sind auch dankbar dafür, wie viel Hilfe sie von anderen Menschen bekommen haben.