BISS-Ausgabe November 2025 | Frieden

Cover des BISS-Magazins Dezember 2025

Inhalt | Frieden auf Erden | Frieden und Demokratie wird es nur geben, wenn wir uns alle dafür starkmachen. | 6 Interview: Joana Osman Was wir für den Frieden tun können | 10 Demenz: Wenn Singles erkranken | 16 Für bessere Chancen: Das BISS-Stipendium hilft zwei jungen Frauen | 29 Wohin an Weihnachten? | 22 Eine Patenuhr für … Unsere festangestellten BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer suchen Paten für 2026 | 5 Wie ich wohne | 20 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Wie ich wohne

Der „Gruistat“

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto MARTIN FENGEL

Nachdem meine Tochter 2012 ihr erstes Kind geboren hatte, benötigte sie Hilfe. Meine Frau zog zu ihr, kurze Zeit später folgte ich ihr. Wir wollten nur ein paar Monate bleiben, nun sind meine beiden Enkeltöchter zwölf und sechs Jahre alt und meine Frau und ich wohnen immer noch in einem der drei Zimmer ihrer Wohnung in Fürstenfeldbruck. Unsere Beziehung zu den Enkelinnen ist sehr eng, die Mädchen sind an uns gewöhnt, wir können nicht einfach wieder ausziehen. Früher haben wir in einer
Zweizimmer-Wohnung in Heltau gelebt, das liegt in der Nähe von Hermannstadt in Siebenbürgen/Rumänien. Lustigerweise war dort die Wohnung auch im dritten Stock und der Ort ein bisschen so ähnlich wie Fürstenfeldbruck. Damals gab es in Heltau sehr viele Siebenbürger Sachsen, auch mein Vater gehörte der deutschen Minderheit an. Mit meinen Großeltern habe ich bis zu deren Tod, da war ich etwa zehn oder zwölf Jahre alt, den siebenbürgisch-sächsischen Dialekt gesprochen. Die Großmutter nannten wir „Grisi“ und den Großvater „Gruistat“. Mit dem Zerfall des Kommunismus sind
die meisten Deutschstämmigen ausgewandert. Nach und nach verschwand eine Familie nach der anderen. Ein echter Verlust, es waren nette Leute. Eine Stille breitete sich aus. Ich fand es mit dem Kinderlärm auf den Straßen schöner. Auch von meinen fünf Kindern verließen vier das Land, sie leben jetzt alle im Münchner Raum. Für meine Frau und mich war das damals sehr schwer. Anfang der neunziger Jahre haben auch wir beide versucht auszuwandern und Anträge gestellt, die aber abgelehnt wurden. Damals waren sehr viele Leute nach Deutschland eingereist und es gab einen Stopp. Wären wir drangeblieben, hätten wir es wahrscheinlich auch geschafft. Mit Sicherheit würden wir jetzt anders dastehen, wenn wir so früh schon hergekommen wären. 1989, beim Sturz Ceaușescus, war ich 26 Jahre alt. Nach der Schule hatte ich den Beruf des Teppichwebers gelernt, später aber in der Glukosefabrik gearbeitet. Zuletzt war ich in einer Bank als Sicherheitsbeamter tätig. Jedoch sind in Rumänien die Löhne sehr niedrig, man kann davon kaum leben. Auch in Deutschland habe ich versucht, bei einer Sicherheitsfirma anzuheuern, doch meine Qualifikation wurde nicht anerkannt. In meinem Alter ist es sehr schwer, noch einmal in diesem Beruf Fuß zu fassen. Aber ich bin zufrieden, meine Verkaufsstellen erreiche ich mit dem Fahrrad in maximal 20 Minuten, im Winter mit dem Bus dauert es etwas länger. Als Kind bin ich Fahrradrennen gefahren und habe einmal den zweiten Platz in unserem Bezirk gemacht. An meine Kindheit erinnere ich mich als eine wunderschöne Zeit. Wir sind gerodelt, mit unseren Rollern herumgewetzt und haben mit Kreide auf dem Boden gemalt, alles ohne die Technologien, die es heute gibt. Bevor ich eine eigene Familie hatte, trieb ich viel Sport. Nun gehe ich mit den Enkelinnen oft auf die nahe gelegenen Spielplätze. Das Zusammensein mit meiner Familie bringt mir viel Freude. Du kannst das ganze Geld der Welt haben, wenn du nicht mit deinen Liebsten zusammen bist, fühlst du dich nicht wohl.

Wenn es so weit ist

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Tibor Adamec

Es ist mir ein Anliegen, meinen Kunden und Kundinnen, die mich oft schon sehr lange kennen, zu erzählen, dass, wenn ich sterbe, meine Beerdigung von BISS geregelt wird. Bereits vor fünf Jahren habe ich eine Sterbegeldversicherung abgeschlossen. Die kann jeder Verkäufer abschließen, sofern er schon fünf Jahre lang angestellt ist. Dort zahlt BISS für mich den Versicherungsbeitrag ein. Es gibt ein Ehepaar, das jedes Jahr den jährlichen Versicherungsbeitrag für die Verkäufer finanziert, die diese Versicherung abgeschlossen haben. Wenn ich sterbe, kommt die Versicherung für meine Beisetzungskosten auf. BISS organisiert alles so, wie ich es vorab schriftlich festgelegt habe, also welche Blumen ich möchte, welche Musik, welcher Priester kommen soll oder in welches Grab mein Leichnam soll. Bei mir wird es die BISS-Grabstätte am Ostfriedhof sein. Viele der BISS-Verkäufer haben so eine Vereinbarung, sodass ich schon bei einigen Trauerfeiern dabei war. Mittlerweile sind es schon so viele geworden, die in der Grabstätte beigesetzt werden wollten, dass eine Erdbestattung gar nicht mehr möglich ist, nur noch Urnenbeisetzungen. Ich bin nie richtig krank gewesen, hatte keine organischen Erkrankungen, nur einige Altersbeschwerden. Manche sagen, dass ich bestimmt 100 Jahre alt werde, und mein Hausarzt meinte neulich: „Sie sind für Ihr Alter kerngesund.“ Aber man weiß nie, wie lange man noch tatsächlich da ist. Ich bin immer schon so gewesen, dass ich die Dinge gern geregelt habe und nichts hinausschieben wollte. Meine Mutter hatte einen schrecklichen Tod. Sie hatte Gebärmutterkrebs und viele Schmerzen. So hoffe ich nicht zu sterben, sondern lieber schlafen gehen und dann nicht mehr aufwachen. Und wenn es so weit ist, ist alles geregelt. Wenn ein Ende gut ist, dann ist alles gut.

Weihnachten 2025

Karin Lohr (Foto: Derlath)

Unser Dezemberheft ist auch dieses Jahr etwas ganz Besonderes. Es hat Tradition, dass darin alle angestellten BISS-Verkäuferinnen und BISSVerkäufer mit Foto und dem Jahr ihrer Einstellung abgebildet sind (siehe Seiten 22 bis 27). Mit den Festanstellungen hat BISS von Anfang an aus der Not eine Tugend gemacht. Denn der ursprüngliche Plan, arme und obdachlose Menschen, nachdem sie mit Hilfe von BISS wieder auf die Beine gekommen sind, in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln, hat so nicht geklappt. Aus diesem Grund übernimmt der gemeinnützige Verein seit 1998 die Rolle des Arbeitgebers und bietet sozial benachteiligten Menschen unbefristete und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Von Anfang an dabei ist natürlich Tibor Adamec. Er gehört zu den drei Ersten, die BISS damals mit Mut und Herzklopfen angestellt hat. Das Grundprinzip ist gleich geblieben, das Ergebnis hat sich weiterentwickelt und wächst, fast wie ein immer kräftigerer Baum, bei dem Jahr um Jahr ein neuer Ring dazukommt. Mittlerweile gibt es viele langjährige Verkäufer, aber auch die „Neuen“, so wie die Personen, die ihren Arbeitsvertrag in diesem Jahr unterschrieben haben. Es freut mich immer ganz besonders, wenn eine Vertragsunterzeichnung ansteht und wir uns nach einem persönlichen Gespräch freundlich in die Augen schauen, uns fest die Hände schütteln und uns gegenseitig eine gute Zusammenarbeit wünschen. Dieses grundsätzliche Wohlwollen und unsere engagierte Sozialarbeit machen es möglich, dass der Alltag läuft und jemand nach einer schweren Lebenskrise Vertrauen fassen kann und einen neuen Anfang im Leben wagt. Unsere großartigen Verkäuferinnen und Verkäufer sind der Mittelpunkt von BISS, auf sie kommt es an. Dank der wunderbaren Unterstützung unseres Netzwerkes können wir sozial benachteiligten Menschen vieles bieten: Beschäftigung, feste Arbeitsplätze, Unterstützung bei der Suche nach bezahlbarem Wohnraum, individuelle Einzelfallhilfen beispielsweise bei Zahnersatz, Zuzahlungen zu Medikamenten und Krankenhausaufenthalten und vieles mehr. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen und Ihre Großzügigkeit, denn Sie alle bilden das Fundament unserer Arbeit: die BISS-Leserinnen und -Leser, unsere Freundinnen und Gönner, die mit kleinen und größeren Spenden helfen, sowie allen Patinnen und Paten. Bleiben Sie weiterhin an unserer Seite, wir brauchen Sie.
Im Namen aller BISSler wünsche ich Ihnen frohe und friedliche Weihnachten.


Karin Lohr, Geschäftsführerin

Die ausgestreckte Hand

Junge Arbeit“ ist eine Einrichtung von der „Stiftung zusammen. tun.“ von der Diakonie Hasenbergl. 35 Azubis (kurz für Auszubildende) können hier eine Ausbildung machen: als Schreiner*in, Maler*in oder Medientechnolog*in für Siebdruck. Anleiter*innen und Sozialarbeiter*innen unterstützen sie dabei. Es ist ein Angebot der berufsbezogenen Jugendhilfe. Das bedeutet: Es ist speziell für Jugendliche und junge Erwachsene, die Probleme haben, einen Arbeitsplatz zu finden.

Sozialpädagog*innen, Handwerker*innen und Azubis versuchen gemeinsam: passende Ziele zu finden. Die Azubis werden richtig unterstützt, damit sie ihre Ausbildung schaffen. Und später einen Arbeitsplatz finden. Sie lernen und üben, wie man arbeitet. Und wie man Probleme im Alltag und in der Familie löst, damit man besser mit der Arbeit klarkommt.

Das Programm der ausgestreckten Hand ist erfolgreich. Denn vorher hatten viele Azubis woanders schon die Erfahrung gemacht: Bei falschem Verhalten wird man bestraft oder es wird einem gekündigt. Und dann gibt es oft keine zweite Chance mehr.

Mergim Bashota hat bei „Junge Arbeit“ seine Ausbildung gemacht. Vor 9 Jahren.

Seit 6 Jahren ist er selbst Anleiter, das bedeutet: Er zeigt den Azubis, wie man etwas macht,

hilft beim Üben und gibt Tipps. Wie fing alles bei ihm an?

Als er 19 Jahre wurde, da wollte das Arbeitsamt, dass er sich um eine Berufsausbildung kümmert. Das Arbeitsamt schlug ihm die „Junge Arbeit“ vor. Mergim erzählt: „Meine Freundin hat

mir damals die Bewerbung geschrieben.“ Er hat dann einen Praktikumsplatz als Maler bekommen.

Da wusste er noch nicht, dass die Einrichtung kein gewöhnlicher Ausbildungsbetrieb ist.

Mergim hatte Spaß an der Arbeit. Kurz vor Ende der Ausbildung wollten die Chefs mit ihm reden. Mergim erzählt: „Die drei Chefs saßen da mit ernstem Blick.“ Er dachte, er bekommt Ärger. Aber er bekam ein Angebot: Anleiter für die nächsten Maler-Azubis zu werden. Mergim sagt: „Ich hab direkt Ja gesagt“. Er wollte ein guter Chef sein und hat sich weitergebildet. Zum Beispiel hat er seine früheren Chefs gefragt, wenn er etwas nicht wusste. Und er hat auch YouTube-Videos angeschaut.

Jetzt gibt er schon seit 6 Jahren sein Wissen an die Azubis weiter. Aber er hat auch ein offenes Ohr für sie. Er sagt: „Denn zu Hause hat nicht jeder einen zum Reden.“ Als er damals seine Ausbildung anfing, da half ihm die Sozialpädagogin Selina Weber. Sie ist immer noch bei „Junge Arbeit“. Sie ist die sozialpädagogische Leiterin von der „Stiftung zusammen. tun“. Sie und ihr Team hatten sich damals für Mergim stark gemacht. Denn das gab es vorher noch nicht, dass ein Azubi nach der Ausbildung gleich selbst zum Anleiter wird.

Selina Weber sagt: „Mergim ist eine große Bereicherung, weil er einen ganz anderen Blick auf unterschiedliche Probleme hat. Er kennt viele Probleme selbst und kann sich gut einfühlen.“

Die meisten Jugendlichen haben Probleme in der Familie. Viele hatten nie eine richtige Bezugsperson. Selina Weber sagt: „Viele haben die Erfahrung gemacht, dass Beziehungen nicht lange halten.“ Die Azubis finden hier Halt und Unterstützung bei den fest angestellten Sozialpädagog*innen.

Auch der 20-jährige Luis bekommt hier Unterstützung. Er lief als Jugendlicher von zu Hause weg und ging nicht mehr regelmäßig zur Schule. Seine Eltern hatten sich getrennt und sein Vater war Sucht-krank. Ein Freund erzählte ihm von „Junge Arbeit“. Luis meldete sich beim Integrations- und Beratungszentrum Jugend der Stadt München. Jetzt ist er Praktikant bei Mergim und möchte bald mit der Ausbildung zum Maler beginnen. Luis lebt wieder bei seinem Vater und freut sich auf seine Ausbildung. Er hat Pläne für seine Zukunft. Er sagt grinsend: „Was will man mehr?“

Auch Mergim ist mit seinen Azubis zufrieden. An einige erinnert er sich besonders. Zum Beispiel an einen jungen Mann aus Afghanistan. Mergim erzählt: „Er sprach kaum Deutsch, viel zu wenig, um die Berufsschule zu schaffen.“ Mergim wollte ihn ausbilden, aber er fand keine Firma für ihn. Dann erinnerte er sich, dass er selbst mit einem Afghanen in der Berufsschule war. Er rief ihn an und sagte: „Hey, ich habe einen, der spricht deine Sprache. Kannst du uns helfen?“ Der andere half bei den Sprachproblemen und Mergims Azubi fand eine Firma. Ein paar Wochen später rief er Mergim an, um sich dafür zu bedanken. Er konnte mit seinem ersten Gehalt seine Familie in Afghanistan unterstützen. Mergim sagt: „Das hat mich schon sehr berührt.“

Mergim entdeckt auch ab und zu, dass manche Azubis eine ähnliche Lebensgeschichte wie er haben. Er selbst hatte es auch nicht leicht. Seine Mutter war alleinerziehend. Das Geld war knapp. Er erzählt: „Meine Mutter und ich haben auf vieles verzichtet.“ Damit seine beiden jüngeren Geschwister satt wurden. Mit kleinen Jobs hatte er Geld dazu verdient. Die Schule war ihm nicht so wichtig.

Jetzt will er ein Vorbild für seine Azubis sein. Er will ein guter Anleiter und eine gute Vertrauensperson sein. Und anderen eine echte Chance geben. Denn er hat selbst erlebt:

Wenn jemand dir wirklich vertraut, dann kannst du alles schaffen!

Mehr Infos zu „Junge Arbeit“: https://www.stiftung-zusammentun.de/junge-arbeit

Das Integrations- und Beratungszentrum Jugend: https://www.ibz-jugend.de

Original-Text von Leon Scheffold

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de