Inhalt | Gegen Wucher| Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ermöglicht es einigen Unternehmen, auf Kosten der Steuerzahler enorme Gewinne zu machen.| 6 „Bei mir ist immer noch Pandemie“ Leben mit ME/CFS | 10 Auf Kosten der Allgemeinheit Wuchermieten für Bettplätze | 16 Werkswohnungen Für Arbeitergeber und Arbeitnehmer ein Glück | 20 Solidarische Innenstadt BISS-Verkaufende als Peer-Researcher | 26 Rückblick mit Ausblick | 5 Wie ich wohne | 24 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen
Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS-Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.
Protokoll HANS ALBRECHT LUSZNAT
Foto MARTIN FENGEL
Mit einem Buch am Fenster
Das Einzige, was mich an dieser Wohnung stört, ist der Balkon. Ich bin hier im obersten Stockwerk und darüber ist nichts mehr, deshalb gibt es auf dem Balkon eine Taubeninvasion. Alles, was ich versucht habe, um die Tauben zu verscheuchen, hat nichts genutzt. Ich müsste jede Woche putzen, so viel Dreck produzieren die. Mein Nachbar hat sich einen Käfig gebaut, um die Vögel fernzuhalten. Jetzt sitzen sie obendrauf und kacken hinein. Das ist auch keine Lösung. In München muss man froh sein, wenn man eine Wohnung hat. Jetzt wohne ich fast auf den Tag genau zehn Jahre hier. Damals habe ich mich beim Wohnungsamt und bei der GWG beworben und dann ein Jahr gewartet. Mit einer Miete von 600 Euro habe ich in München großes Glück, aber in letzter Zeit sind die Nebenkosten immer mehr gestiegen. Die Wohnung besteht aus einem großen Wohnzimmer mit Schlafecke, einer eigenen Küche, in der man auch sitzen kann, und einem angenehm großen Bad, alles in allem ungefähr 48 Quadratmeter. Vor der Haustür haben wir eine vierspurige Straße. Das hört man schon, wenn man die Fenster aufmacht. Aber der Wohnraum geht nach hinten raus, da ist es leiser. Am liebsten sitze ich hier im Wohnraum auf der Couch, und wenn ich lese, setze ich mich in den Sessel am Fenster. Man sieht bei mir kein Buch, aber meine Nachbarin leiht mir immer welche. Mein Lebenspartner ist oft bei mir. Wir haben aber beide eine eigene Wohnung. Aus meiner Ehe habe ich drei Söhne. Einer ist vor acht Jahren an einem Hirnaneurysma gestorben, das war ein furchtbarer Schlag. Jetzt kommen mich meine Enkelkinder öfters besuchen. Ich komme aus Rosenheim und bin dort zur Schule gegangen. Danach habe ich eine Lehre als Köchin begonnen und in München abgeschlossen. Die Gastronomie ist eine schwere Arbeit, irgendwann ging es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr und ich habe mit dem Verkauf von BISS begonnen. Neulich kam ich mit vielen Einkäufen in meinem Trolley zurück und der Lift im Haus war ausgefallen. Die Wohnung ist ja im fünften Stock und ich musste meinen Wagen die Treppen hinaufwuchten. Das hat eine dreiviertel Stunde gedauert. Tagsüber kann man auch keinen von den Nachbarn um Hilfe bitten, die sind alle auf Arbeit. Neulich ist mein Lebensgefährte im Lift stecken geblieben. Weil niemand zu erreichen war, hat ihn die Feuerwehr aus dem Lift befreit. Er war völlig mit den Nerven fertig. Im nächsten Monat will ich renovieren. Ich bekomme eine gebrauchte Einbauküche und habe einen Maler, der mir alles weißelt. Was ich verändern will, weiß ich noch nicht genau. Als ich damals vor zehn Jahren die Schlüssel der Wohnung bekam für die Erstbesichtigung, da war ich hier im Raum und dachte, die eine Wand will ich in Rot gestrichen haben, ganz spontan. Manche Leute, die mich besuchen, sagen: „Nie im Leben würde ich eine rote Wand haben“, aber jeder muss es machen, wie er’s mag.
Unsere Stadtzentren befinden sich im Wandel. Doch was bedeutet das für arme, am Rande der Gesellschaft stehende Menschen? Ein Dortmunder Forschungsteam geht dieser Frage auf den Grund – mit tatkräftiger Unterstützung der BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer.
„Sie dürfen gleich noch dableiben und einen Fragebogen ausfüllen“, lautete Anfang Juni die freundliche Aufforderung unserer Werkstudentin Anna-Lena Ludewig, als der eine oder andere Verkäufer ins Büro kam, um sich neue Zeitschriften zu holen. Denn BISS wirkte an einer Studie des Dortmunder Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) mit. „Wir untersuchen die Bedeutung der Innenstädte für Menschen, die Straßenmagazine verkaufen, betteln oder Pfand sammeln“, fasst das Forschungsteam, bestehend aus Raumplanern, Geografen, Stadtplanern, Philosophen und Politikwissenschaftlern, das Vorhaben kurz zusammen. Ganz offiziell nennt sich die Studie: Marginalisierte Bevölkerungsgruppen und die solidarische Innenstadt(MaBIs). „Mit dem Projekt sollen zwei große Herausforderungen im Zusammenhang betrachtet werden, die bislang zumeist isoliert voneinander gesehen werden. Hierbei handelt es sich zum einen um die Innenstädte in der Abwärtsspirale und zum anderen um die Zunahme sozialer Notlagen“, erläutert Frank Osterhage das Vorhaben. Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Michael Kolocek hat er die Leitung des Projekts inne. „Unsere Beobachtung war und ist, dass staatliche Sozialleistungen für viele Menschen nicht mehr ausreichen, um einen angemessenen Lebensstandard zu gewährleisten“, konstatiert Kolocek. Zwangsläufig versuchen immer mehr Menschen sich durch „informelle Arbeit“ etwas dazuzuverdienen. Unter diesem Begriff aus der Sozialwissenschaft werden alle Tätigkeiten des Gelderwerbs zusammengefasst, die nicht gesetzlich geregelt sind, wie eben Betteln oder Flaschensammeln. Beides kein seltener Anblick in der Münchner Innenstadt, genau wie so manch ein Bauzaun. Dahinter werden Geschäftsräume kernsaniert oder ganze Gebäude abgerissen. Hin und wieder steht auch ein Laden leer, prominenteste Beispiele sind wohl die ehemaligen Kauftempel Hertie und Kaufhof am Bahnhofsvorplatz beziehungsweise am Stachus. Im Herbst 2024 schlenderten Helena Becker und Lea Fischer vom MaBIs-Forschungsteam durch Münchens Fußgängerzone und waren erstaunt, dass sich solch triste Ecken auch in einer wohlhabenden Stadt wie München finden lassen. Mehr davon gibt es allerdings in anderen Städten, wie zum Beispiel in Dortmund, dem Sitz ihres Instituts. Das Herzstück der Zusammenarbeit des ILS mit der BISS ist die Befragung der Verkäufer und Verkäuferinnen mittels eines Fragebogens, der in den Sprachen Deutsch, Rumänisch und Bulgarisch vorlag und am 3. und 4. Juni 2025 ausgefüllt wurde. Kein Verkäufer wurde gezwungen, mitzumachen, lediglich einen Anreiz von zehn Euro gab es für die Abgabe eines ausgefüllten Bogens – und natürlich durfte jeder nur einen abgeben. Damit viele ausgefüllt werden, wurde im Vorfeld ordentlich die Werbetrommel gerührt. Auf der Verkäufersitzung im Mai, einer Pflichtveranstaltung für alle angestellten Verkäufer, wurde das Projekt vorgestellt. Infoplakate hingen in den Büroräumen in der Metzstraße wie auch in der Abtei Sankt Bonifaz, der zweiten Anlaufstelle für BISS-Verkäufer, um sich mit Zeitschriften einzudecken. Bei Besuchen vor Ort an den Verkaufsstellen durch die Sozialarbeiterinnen erhielten die Angetroffenen zudem Handzettel mit allen nötigen Details.
Auf der monatlichen Verkäufersitzung wurden vor und nach dem offiziellen Teil die Bögen ausgefüllt.
Ungemein wichtig bei der Aktion waren aber auch sie: die BISS-Verkäufer und -Verkäuferinnen Dorina Caldaras, Sevdzhan Hasan, Cornel Ratiu und Dirk Schuchardt. Vom ersten Moment an, als die mit der Koordination des MaBIs betraute Werkstudentin Anna-Lena Ludewig einige Verkäufer fragte, ob sie nicht Lust hätten, bei dem Projekt mitzuarbeiten, waren diese vier mit großer Begeisterung bei der Sache. Sie halfen ihren Kollegen beim Ausfüllen, beantworteten Verständnisfragen und fungierten als Übersetzer, aber auch beim Entstehen des Fragenkatalogs und der Organisation der Befragung waren sie aktiv beteiligt und brachten viel von sich ein. Im sozialwissenschaftlichen Fachjargon nennt man solche Leute „Peer-Researcher“ – damit sind Personen gemeint, die der untersuchten Gruppe angehören und sich an einer Studie aktiv beteiligen. Neben BISS kooperiert das ILS auch mit dem Magazin, das in den Straßen Bochums und Dortmunds verkauft wird, der „bodo“ – warum, liegt auf der Hand, befindet sich das Büro der Straßenzeitung doch nur einen Katzensprung vom ILS entfernt. „Ich habe mich gefragt, warum wir als Institut nicht schon früher auf die Idee gekommen sind, mit der ‚bodo‘ zu kooperieren“, wundert sich Teamleiter Kolocek. Bevor es zu den Aktionstagen Anfang Juni kommen konnte, gab es eine monatelange Vorbereitungsphase mit wöchentlichen Hybridsitzungen, in denen die Teams sich in München und Dortmund in ihren jeweiligen Büros trafen und per Videokonferenz austauschten. Wie soll die Befragung am besten vonstatten gehen? Welche organisatorischen Dinge sind zu beachten? Wie können wir das Projekt den Verkäufern vermitteln und wie kriegen wir möglichst viele dazu, mitzumachen? Und vor allem: Welche Fragen sollen gestellt werden? Die Wissenschaftler erarbeiteten einen Vorschlag, der in der Zusammenarbeit mit den Peer-Researchern angepasst wurde. Mitte Mai gab es dann die erste Testversion, mit der die Peer-Researcher an jeweils drei Verkäufer herantraten, um zu sehen, wie die Fragen ankamen – die Generalprobe sozusagen. Als dann Anfang Juni die beiden großen Aktionstage stattfanden, reiste das ILSTeam aus Dortmund an, um das Projekt nun auch vor Ort zu betreuen. Der erste Tag fand im BISS-Büro statt. Die Tische wurden so gestellt, dass das Ausfüllen angenehm durchzuführen war, und zusätzlich zu Klemmbrett und Stiften lagen auch Knabbereien aus. Neben dem ILS-Team und der Werkstudentin Anna-Lena waren die vier Peer-Researcher im Büro, zwei von ihnen vormittags, zwei nachmittags. Noch ging es gemächlich zu, immer mal wieder kam ein Verkäufer rein und füllte den Bogen aus. Ganz anders dann am Tag zwei, in den Räumen von Sankt Bonifaz. Vor und nach der Verkäufersitzung gab es die Möglichkeit, den Bogen zu bearbeiten. Die vier Peer-Researcher als auch das ILSTeam hatten jetzt alle Hände voll zu tun, denn der Zeitrahmen war wesentlich enger als am Tag zuvor, aber dafür waren nahezu alle Verkäufer anwesend, dementsprechend ging es rund. Insgesamt haben 61 der BISS-Verkäufer mitgemacht, 39 davon allein am zweiten Tag. Manche füllten selbst aus, manche ließen ausfüllen, bei einigen dauerte es nur ein paar Minuten, andere hatten größeren Diskussionsbedarf und benötigten etwas mehr Zeit. Im Durchschnitt wurden aber die zehn Minuten eingehalten, die ursprünglich für die Bearbeitung des Fragebogens geplant waren. Darin konnte man beispielsweise angeben, inwieweit es für einen selbst zutrifft, dass man während des Verkaufens problemlos ein kostenloses WC nutzen kann, oder ob man bei der Arbeit beschimpft wird. Und auch diese Fragen kamen vor: „Wie kommen Sie normalerweise zu Ihrem Verkaufsplatz?“ oder „Wie ist Ihre aktuelle Wohnsituation?“ Wenn auf letztere Frage nach der Wohnsituation jemand „beschissen“ entgegnete – eine Antwortmöglichkeit, die sich auf dem Bogen so nicht fand –, lag es an den Peer-Researchern, dass das Kreuzchen trotzdem an die passende Stelle gelangte. „Hätten wir die Peer-Researcher nicht gehabt, hätte es nicht geklappt“, darin sind sich alle im ILS-Team einig. Nun geht es für die Wissenschaftler ans systematische Auswerten der Informationen, die anonym abgegeben wurden, seinen Namen musste man auf dem Bogen nicht angeben. Das Forschungsprojekt ist auf drei Jahre ausgelegt und endet 2027. Wir dürfen alle gespannt sein, was dabei herauskommt, wäre es doch sehr wünschenswert, wenn unsere Stadtzentren sich so verändern, dass sie für alle Menschen, egal welcher Einkommensgruppe oder welchem sozialen Status sie angehören, attraktiv sind.
„Aber so ist es auch gut“ Anna-Lena Ludewig (21) hat als Werkstudentin die Kooperation mit dem ILS-Team für das Forschungsprojekt MaBIs betreut. Die gelernte Erzieherin, die aus Iffeldorf stammt und nun Soziale Arbeit in München studiert, konnte dabei auch so einiges für ihre eigene Entwicklung mitnehmen.
Anna-Lena Ludewig
Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Praktikum bei BISS zu machen? Meine Lehrerin in der Berufsschule in Starnberg hat von BISS erzählt. Als ich dann in München war, habe ich die Verkäufer überall gesehen. Es hat mich interessiert, wie das alles abläuft, ich konnte es mir nicht vorstellen.
Und dann bist du nach deinem Praktikum gleich noch länger geblieben? Für die Hochschule musste ich ein 100-Stunden-Praktikum absolvieren, das habe ich von Oktober bis Dezember 2024 gemacht. Zu der Zeit waren auch die beiden ILS-Mitarbeiterinnen Helena Becker und Lea Fischer in München zu Besuch. Sie haben eine unserer Stadtführungen mitgemacht, bei der ich zufällig auch anwesend war. Als dann feststand, dass das ILS-Team und BISS für MaBIs zusammenarbeiten, fragte mich Frau Lohr, ob ich mir vorstellen könne zu bleiben und als Werkstudentin das Projekt zu betreuen.
Und hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall. Ich habe viel mehr gelernt als auf der Hochschule. In der Praxis ist alles noch mal ganz anders als in der Theorie. Und es war spannend, weil ich bis dahin über keine Projekterfahrung verfügte.
Wie bist du vorgegangen? Zuerst gab es regelmäßige Treffen nur zwischen mir und dem ILS-Team. Dann suchten wir nach den Peer-Researchern. Ich lud zu einem Infotreffen fünf Verkäufer ein, von denen ich mir vorstellen konnte, dass es gut laufen könnte.
Was war die größte Herausforderung? Die war, alle Beteiligten, die Peer-Researcher, das BISS-Büro und das ILS-Team, mit Informationen zu versorgen und dabei alle auf gleichem Stand zu halten.
Was war das Schönste? Dass die vier Peer-Researcher von Anfang an Feuer und Flamme waren und im Lauf der Zeit über sich hinausgewachsen sind. Jemand, der vorher noch nie eine E-Mail versandt hatte, antwortet mir mittlerweile auf jede, die ich schicke. Und jemand anders, der bislang eher ruhig war, hat dann ganz aktiv Leute zum Ausfüllen der Fragebögen motiviert und sich für jeden Zeit genommen. Cool an der ganzen Sache war auch, dass nicht über die Leute geforscht wurde, sondern mit den Leuten. Dazu gehörte auch der respektvolle Umgang. Alle Beteiligten wurden gleich ernst genommen. Das hat dazu beigetragen, dass die Atmosphäre sehr gut war und auch immer wieder zwischendrin gescherzt wurde. Als das ILS-Team Anfang Juni nach München kam, war es, als würde man sich schon gut kennen, dabei hatte man sich bis dahin noch nie persönlich getroffen.
Was nimmst du mit aus deiner Arbeit am Projekt? Das Thema Innenstädte und marginalisierte Bevölkerungsgruppen hat es mir angetan. Ich überlege, es auch für meine Bachelorarbeit zu wählen. In Zusammenhang mit MaBIs habe ich vor allen Dingen gelernt, flexibel zu sein: Es klappt nicht alles, wie man es geplant hat, aber so ist es auch gut.
Vom Winde verweht fahre ich morgens los zur Arbeit mit der S-Bahn. Wenn ich im Zug drin bin, denke ich an Alexis Sorbas, wie er am Ende des Films sagt: „Boss, das Leben ist Ärger – nur der Tod nicht.“ Mein Ärger gilt der S-Bahn. Denn Achtung, Überraschung! Eine Sache, die zunächst ganz einfach erschien, von einem Ort zum anderen zu gelangen, entwickelt sich zu einer Mission Impossible. Aus dem Off erschallt eine Stimme, die uns verkündet, dass irgendwo in einer anderen Dimension ein Signal gestört ist und unsere Endstation erst einmal eine Sehnsucht bleibt. Das Problem ist, dass das Signal (oder vielleicht sind es auch immer unterschiedliche?) nicht nur heute nicht geht, sondern das auch schon gestern passiert ist, auch vor einer Woche, vor einem Monat und vor einem Jahr – täglich grüßt das Murmeltier. Ganz so, als ob es seine Bestimmung wäre, kaputtzugehen. Ich gerate nicht in Panik, aber es belastet auf Dauer meine Nerven. Ich sehe aus dem Fenster und schaue, ob nicht vielleicht einer übers Kuckucksnest fliegt. Weniger aus Mangel an Beweisen, sondern mehr an Beschäftigung stelle ich mir schon vor, ich wäre einer, der mit dem Wolf tanzt. Oft bleibt der Zug mitten auf der Strecke liegen. Einmal war ich 50 Minuten eingeschlossen in einer überfüllten S-Bahn, nur 200 Meter von der Station entfernt. Es wäre sinnvoll, wenn man wenigstens in einem Bahnhof halten könnte, damit, wer es in der S-Bahn nicht mehr aushält, aussteigen kann. So ist jeder frei, kann selbst entscheiden, was er als Nächstes macht. Wenn es eine Baustelle wäre, etwas Neues entstehen würde, würde ich das verstehen. Aber warum das Signal immer wieder kaputtgeht, ist mir schleierhaft, wenigstens sollte man einem die Wahl lassen, zu tun, was man möchte. „Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch“, um es mit den Worten des römischen Philosophen Seneca zu sagen. Oder vielleicht ist es mehr wie in diesem Gedicht von einem unbekannten Verfasser aus längst vergessenen Zeiten, welches ich aus meinem Geburtsland kenne. Darin geht es, kurz geschildert, darum, dass sich eine Gruppe Maurer versammelt, um ein Gotteshaus zu errichten. Aber auf dem Vorhaben liegt ein Fluch: Alles, was sie am Tag aufbauen, wird nachts zerstört. Mir scheint es, auf der S-Bahn liegt ein ähnlicher Fluch: Fast jedes Wochenende ist die Stammstrecke zwischen Pasing und dem Ostbahnhof gesperrt, weil etwas repariert oder gebaut wird. Trotzdem fallen am Montag Züge aus oder sind verspätet oder erreichen ihr Ziel nicht. Im Gedicht wird der Fluch durchbrochen und schließlich die Kirche errichtet. Ich frage mich, ob ich es noch erleben werde, dass das Wunder von München geschieht und der Fluch der S-Bahn gebrochen wird.
Neulich kamen zwei jüngere Frauen in unser Büro, sie wollten das BISS-Magazin verkaufen. Unsere Sozialarbeiterin klärte die beiden Freundinnen auf, dass sie viel zu jung dafür seien und man, bis auf ganz wenige Ausnahmen, erst ab 40 Jahren die BISS verkaufen könne. Das hatten sie gleich verstanden, bis unvermittelt eine meinte: „Kann ich Ihnen dann meine Eltern schicken?“ In dieser flapsigen und vielleicht nicht ganz ernst gemeinten Bemerkung steckt eine bittere Wahrheit: In keinem anderen europäischen Land hängen die Bildungs- und Berufschancen von Kindern so deutlich vom sozialen Status ihrer Eltern ab wie in Deutschland. Kinder und Heranwachsende aus ärmeren Familien gehen früher von der Schule ab, besuchen seltener eine weiterführende Schule und bleiben öfter ohne beruflichen Abschluss. Nicht weil sie dümmer sind als der Nachwuchs aus besseren Verhältnissen, sondern weil sie von ihren Eltern weniger unterstützt werden können und sie im schlechtesten Fall an den ersten Hürden scheitern. Dabei müsste das nicht sein, die Entwicklungschancen der Kinder werden positiv beeinflusst, wenn sie und ihre Eltern so früh wie möglich Förder- und Unterstützungsangebote erhalten. So können Armutsverhältnisse verhindert werden oder deren Weitergabe in die nächste Generation. Bei der Diskussion um das Bürgergeld kommt dieses Thema überhaupt nicht vor. Diejenigen, die sich für Kürzungen stark machen, erwecken den Eindruck, das Bürgergeld ermögliche ein Leben in Saus und Braus, ohne zu arbeiten oder sich anders dafür anzustrengen. Das stimmt nicht, jedenfalls ist mir in den vielen Jahren bei BISS selten jemand begegnet, auf den das zutrifft. Viel öfter trifft es zu, dass jemand aufgrund schlechter Startchancen und ohne Vorsatz in eine Notlage gerät und ohne Hilfe da nicht wieder rauskommt. Ganz schlecht ist es, wenn jemand obdachlos und auf das System der Notunterkünfte angewiesen ist. In unserem Artikel „Auf Kosten der Allgemeinheit“ (S. 10 bis S. 15) wird offengelegt, wie viel Geld in dem System der Notunterkünfte steckt und wer dabei kassiert. Es sind nicht die armen und obdachlosen Menschen, denen das Bürgergeld zu einem üppigen Lebensstil verhilft. Es sind zunehmend kommerzielle Betreiber, die ihre Rendite steigern und andere dafür bezahlen lassen. Der Einzelne kann das nicht regeln, dieses System muss die Politik im Bund in den Blick nehmen und bearbeiten – und nicht die Betroffenen zu Sündenböcken machen. Von denen wollen alle lieber heute als morgen raus aus dem Bürgergeld in ein besseres und selbstbestimmtes Leben mit einer ordentlichen Wohnung, einem Job und Freunden und Familie – wenn sie es denn könnten. Ich hoffe sehr, dass die beiden jungen Frauen nicht aufgeben, sondern erfinderisch bleiben und Verbündete auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben finden.