Inhalt | München ist meine Heimat| Menschen, die als Geflüchtete nach Deutschland kamen, haben hier eine neue Heimat gefunden und leisten ihren Beitrag. | 6 Gelbe Briefe: Der Ton in Deutschland wird rauer | 12 Grüne Oasen: Friedhöfe als Ort des Lebens und der Biodiversität | 16 Bleiben oder gehen? Geflüchtete aus Syrien nach dem Sturz Assads | 20 Rechter Terror: Der lange Kampf um Anerkennung | 5 Wie ich wohne | 26 BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen
Wenn rechtsextreme Taten nur als Einzelfälle behandelt werden, bekommen die Opfer weniger Unterstützung. Und es ist schwerer, rechtsextreme Gewalt als ernstes Problem zu erkennen.
Robert Hoeckmayr ist Überlebender des Oktoberfest-Attentats 1980, FOTO KIM OPPERMANN
Robert Höckmayr ist 57 Jahre alt. Er sitzt in einem Münchner Café und erzählt seine Geschichte. Er hat das Oktoberfest-Attentat überlebt. Er war damals 12 Jahre alt. Er war mit seinen Eltern und 4 Geschwistern auf dem Oktoberfest. Am 26. September 1980. Sie waren auf dem Heimweg, als kurz vor dem Ausgang eine Bombe explodierte. Robert Höckmayr wurde weit weggeschleudert. Als er wieder zu sich kam, sah er überall Blut und hörte Schreie. Es sah aus wie im Krieg. Seine kleine Schwester und sein Bruder starben vor seinen Augen. Robert Höckmayr bekam plötzlich keine Luft mehr. Eine Frau rettete ihm durch Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben.
Das Oktoberfest-Attentat gilt bisher als der schwerste Anschlag in Deutschland. 13 Menschen wurden damals getötet, 221 Menschen wurden durch die Explosion verletzt.
Es gibt auch Opfer, die später gestorben sind: Die beiden anderen Geschwister von Robert Höckmayr hatten den Anschlag überlebt. Aber sie kamen mit den schrecklichen Erinnerungen nicht zurecht. Sie haben sich später als Erwachsene das Leben genommen.
Der Anschlag hat das Leben von Robert Höckmayr bis heute verändert. Er sagt: „Egal, wo ich bin – ich schaue immer: Wie kann ich im Notfall schnell flüchten?“ Robert Höckmayr hat seelische Wunden und auch immer noch körperliche: 26 Granat-Splitter stecken immer noch in seinem Körper. Er wurde 43-mal operiert. Die letzte Operation war vor 6 Jahren.
Und auch erst vor 6 Jahren wurde der Bomben-Anschlag als rechtsextreme Tat offiziell anerkannt. Denn die Überlebenden und Hinterbliebenen der Opfer ließen nicht locker, so dass noch einmal neu ermittelt wurde. Denn davor hatten die Ermittler jahrelang die Theorie, dass der 21-jährige Täter aus Liebeskummer oder Verzweiflung gehandelt hatte. Obwohl er Mitglied in einer rechtsextremen Gruppe war und ein Bild von Hitler über seinem Bett hing. Der Täter hatte sich mit der Bombe auch selbst getötet.
Immer wieder wurden rechtsextreme Terror-Taten verharmlost. Es wurde gesagt, es sind Taten von verwirrten Einzeltätern, unvorhersehbar und unvermeidlich.
Am 22. Juli 2016 erschießt ein junger Mann im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) 9 Menschen. Fast alle sind Kinder und Jugendliche. Danach erschießt sich der Täter selbst. Auch hier denken die Behörden zuerst, dass es keine politische Tat ist. Sondern ein Rache-Akt von einem ehemaligen Schüler. Obwohl alle Opfer eine Migrationsgeschichte haben.
Erst 3 Jahre später hat die Bayerische Staatsregierung den Anschlag offiziell als rechtsextreme Terror-Tat anerkannt. Weil Journalisten und Terrorismus-Experten nachweisen konnten, dass der Täter rechtsextrem war.
Für die Überlebenden der Terror-Taten ist es oft ein jahrelanger Kampf um Anerkennung, Entschädigung und Unterstützung. Denn wenn rechtsextreme Taten nur als Einzelfälle behandelt werden, bekommen die Opfer weniger Unterstützung. Und es ist schwerer, rechtsextreme Gewalt als ernstes Problem zu erkennen.
Seit 2024 gibt es das neue Soziale Entschädigungsrecht. Es hieß früher Opfer-Entschädigungsgesetz. Es regelt Zahlungen von Schmerzensgeld, medizinische Versorgung und Rentenleistungen für Opfer und Hinterbliebene. Zusätzlich kann der Staat sie mit einmaligen Geldleistungen unterstützen.
Gisela Kollmann hat bei dem OEZ-Attentat ihren Enkel Giuliano verloren. Seitdem hat sie
Panik-Attacken und kann nicht mehr mit Bus oder Bahn fahren. Sie hat Angst vor Anschlägen.
Davor war sie Busfahrerin, doch danach konnte sie nicht mehr arbeiten. Und nachts kann sie kaum schlafen. Sie hat lange keine richtige Unterstützung bekommen. Die Stadt München hatte aber Giulianos Beerdigung gezahlt. Erst als der Anschlag offiziell als rechtsextrem erklärt wurde, bekam Gisela Kollmann monatlich 141 Euro Hinterbliebenen-Rente. Und einmalig 10.000 Euro vom Staat. Doch nach nur 2 Jahren bekam sie die Rente nicht mehr. Weil gesagt wurde, es ginge ihr besser. „Mich hat das innerlich kaputt gemacht“, sagt Gisela Kollmann.
unterstützt die Opfer von rechtsterroristischen Anschlägen. Damit sie bei schwierigen Anträgen, langen Wartezeiten und schnellen, oft unfairen Ablehnungen nicht verzweifeln.
Und es gibt auch Erfolge!
Robert Höckmayr und Gisela Kollmann bekommen inzwischen wieder eine Rente, etwas mehr als 400 Euro im Monat. Und es gibt einen Opferfonds zum 40. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats.
Der Staat, der Freistaat Bayern und die Stadt München geben 1,2 Millionen Euro an 100 Betroffene. Das sind etwa 12.000 Euro für jeden.
Es gibt auch einen neuen Gedenk- und Informationsort für das Oktoberfest-Attentat: An der Oktoberfestwiese stehen 234 lebensgroße, beleuchtete Figuren. Sie sollen an die Opfer des Anschlags erinnern. Robert Höckmayr ist damit zufrieden.
Gisela Kollmann hat für die Überlebenden und Hinterbliebenen des OEZ-Attentats eine Initiative mitgegründet. Die Initiative heißt: „München erinnern“ – https://muenchen-erinnern.de
Die Initiative bekommt immer mehr Bedeutung: Sie entscheidet inzwischen mit, wie die Gedenkfeiern ablaufen und wer dort sprechen darf. Sie steht auch in engem Austausch mit den Hinterbliebenen anderer Anschläge.
Gisela Kollmann sagt: „Das Leid zu teilen, tut uns Angehörigen gut.“
Und die schrecklichen Attentate und die Namen der Ermordeten sollen im Gedächtnis der Menschen bleiben. Sie sollen zeigen, dass der rechtsextreme Terror jeden treffen kann.
Nach Zahlen des Bundesinnenministeriums gab es im Jahr 2024 mehr als 41.400 rechtsextreme Straftaten in Deutschland. Das sind 43 Prozent mehr als im Vorjahr. Und es gibt auch immer mehr rechtsextreme Kundgebungen in den Städten.
Die Partei AfD liegt in aktuellen Umfragen bei fast 25 Prozent. Der Verfassungsschutz sagt, dass die AfD rechtsextrem ist. Die Gerichte müssen das noch prüfen.
„Wir müssen als Gesellschaft zusammenhalten, damit andere nicht so etwas durchmachen müssen wie wir“, sagt Gisela Kollmann. „Ich werde dafür kämpfen, so lange ich kämpfen kann.“
Original-Text von Benjamin Emonts
Zusammenfassung der wichtigsten Infos in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de
Ich habe jetzt zwei Brillen, eine trage ich den ganzen Tag, die andere nur zum Lesen. Das ist bereits mein zweites Set Brillen in diesem Jahr. Vorher habe ich nie eine Brille gebraucht. In den Weihnachtsferien aber war ich in Rumänien und gleich nach meiner Ankunft kurz vor den Feiertagen verspürte ich einen Druck über den Augen und sah alles verschwommen. Meine Tochter wollte mich schon gleich vor Ort zum Arzt bringen, aber ich wiegelte ab und sagte ihr, ich kläre das ab, wenn ich wieder in Deutschland bin. Nach meiner Rückkehr ging ich dann zum Augenarzt. Der untersuchte mich und verschrieb mir eine Brille. Daraufhin bin ich zu einem Optiker gegangen im Olympia-Einkaufszentrum, das bei mir in der Nähe ist. Dort habe ich erst einmal einen Sehtest gemacht. Ich sah alles nur vernebelt. Dann probierte ich verschiedene Gestelle und wählte welche aus. Eine Sache hatte ich aber nicht bedacht und bin da irgendwie hineingerutscht. Die Brillengestelle, die ich ausgesucht hatte, waren recht günstig, aber die Gläser kosteten einzeln ungefähr 250 Euro, und das war dann bei zwei Brillen doch mehr, als ich mir leisten konnte. Als man mir den Preis sagte, 2.000 Euro für beide Brillen, war ich geschockt. Ich hatte keine Ahnung, dass Brillen so teuer sind. Die Summe hatte ich nicht dabei und fragte nach einer Ratenzahlung, die auch kein Problem war. Also schloss ich einen Vertrag mit dem Optikladen ab über zwei Jahre, in denen ich die Brillen abzahlen wollte. Den ersten Monat zahlte ich die Rate. Bei BISS fragte ich dann mal an, ob man mich etwas unterstützen könne bei der Finanzierung. Das macht BISS normalerweise auch, aber die Mitarbeiter waren der Ansicht, dass man mir viel zu teure Modelle verkauft hatte. Die Sozialarbeit nahmen Kontakt zum Brillengeschäft auf und nach einigem Hin und Her war man zu einer Schlichtung bereit. Begleitet von einer BISS-Mitarbeiterin, ging ich wieder zum Optikladen, gab dort die teuren Brillen zurück und löste den Ratenvertrag wieder auf. Ich ließ mir zwei günstigere Brillen machen, die BISS gleich bezahlt hat. Nach zwei Wochen hatte ich die neuen, mit etwa 375 Euro für beide, deutlich günstigeren Brillen, für die ich 65 Euro aus eigener Tasche bezahlt habe. Die trage ich nun, aber ich musste mich erst einmal daran gewöhnen. Die Dame im Brillenladen hatte mir gesagt, ich solle sie zwei, drei Tage aufsetzen, dann wieder ein paar Tage bis längstens eine Woche nicht mehr. Da ich noch nie eine Brille getragen habe, war das ein komisches Gefühl für mich, die ersten beiden Wochen hatte ich sogar schlimme Kopfschmerzen bekommen, nachdem ich sie ein paar Stunden aufgesetzt hatte. Mittlerweile geht es aber ganz gut, ich habe keine Probleme mehr und bin froh, dass ich aus der Nummer mit den teuren Brillen wieder rausgekommen bin. Für die Unterstützung bin ich BISS sehr dankbar.
Wer wohnt wie? In der Kolumne geben Menschen aus dem BISS -Netzwerk Einblicke in ihren Wohnalltag. Sie erzählen, wie sie früher gelebt haben, wie sie momentan wohnen und was sie sich für die Zukunft erhoffen.
Protokoll ANNELIESE WELTHER
Foto: Martin Fengel
Der Familienmensch
Von der Decke hängt ein Kronleuchter herunter, auf der Esstischplatte mit Marmoroptik befindet sich eine goldfarbene Etagere, gefüllt mit Obst. In der Vitrine der Schrankwand kann man unser Kaffeeservice und Gläser bewundern. Gardinen mit Spitze und in Falten gelegte Vorhänge schmücken unsere Fenster. An den Wänden sind Fotos von unseren Kindern und Enkeln. Kaum zu glauben, dass die Wohnung 2015, als wir eingezogen sind, ganz leer war. Mülltüten haben wir auseinandergeschnitten, sie auf den Boden gelegt und darauf, nach Personen getrennt, die Kleider aufgeteilt. Mein Sohn, meine Tochter, meine Frau und ich, jeder in der Familie hatte seinen eigenen Haufen. Geschlafen haben wir auf Matratzen. Nach und nach haben wir ein Möbelstück nach dem anderen besorgt. Jetzt schaut es ganz edel bei uns aus. Vor Kurzem erst kam ein großes Sofa hinzu. Darauf übernachte ich. Meine Frau hingegen schläft mit unserer einen Monat alten Enkeltochter in einem kleinen Zimmer, in dem gerade mal ein Doppelbett, ein Schrank und eine winzige Kommode reinpassen. Man kann um die Möbel nicht herumgehen, so eng ist es. Der Raum zählt auch nur als halbes Zimmer. Auch wenn der Flur breit und geräumig erscheint, das Wohnzimmer nicht ganz klein und bei uns nicht alles vollgestellt ist, täuscht der erste Eindruck. Wir wohnen recht beengt. Unsere Tochter ist verheiratet und bereits ausgezogen. Der Sohn jedoch lebt mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern mit in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, für die wir 1.400 Euro Kaltmiete bezahlen. Als Kind habe ich mit meinen Eltern, meiner Großmutter und meinen drei Brüdern in einem Haus mit vier Zimmern in Rumänien auf dem Land gelebt. Für mich war das damals genug Platz. Es war eine Zeit der Freiheit, in der ich viel mit meinen Freunden Fußball gespielt habe. Wir waren weniger Stress ausgesetzt, als es die Kinder heute sind. Später habe ich auf der Werft Tulcea gearbeitet, dort wurden Schiffe repariert, die man für die Hochseefischerei nutzte. Nach dem Ende des Kommunismus ging jedoch allmählich alles den Bach runter, es gab immer weniger Arbeit. Bis zum Jahr 2000 hielten wir es in Rumänien aus, dann sind wir ins Ausland gegangen. Zehn Jahre war ich in Turin als Schweißer angestellt in einer Fabrik, die Autoteile herstellte. Wir hatten eine Vierzimmer-Wohnung und es ging uns richtig gut. Leider meldete die Firma Konkurs an und mir gelang es nicht mehr, in Italien einen neuen Job zu finden. Freunde von mir waren nach Deutschland ausgewandert, wir beschlossen, es ihnen gleichzutun. Zunächst wohnten wir bei ihnen, dann sind wir auch wieder über Bekannte an diese Wohnung gelangt. An sich ist sie gut, es gibt in der Nähe Supermärkte und einen Park, wo ich mit den Enkeln spazieren gehe, nur dass sie für uns zu eng geworden ist. Als Kind kannte ich keine Träume, da gab es nur Schule, zu Hause und Arbeit. Jetzt aber wünsche ich mir, dass wir eine große Wohnung finden, in der wir weiter alle zusammen leben können und genug Platz haben.
Mit dem Erscheinen unserer Septemberausgabe geht für die meisten unserer Verkäuferinnen und Verkäufer der Sommer und ihr Urlaub zu Ende. Bei unserem monatlichen Treffen mit gemeinsamem Frühstück sehen wir uns wieder, es gibt viel zu erzählen und das neue Heft wird vorgestellt. Das Titelbild zeigt eine Ansicht von München, die jeder kennt: die Frauenkirche mit ihren Türmen und davor das Münchner Oktoberfest, das dieses Jahr am 20. September beginnt. Die meisten BISSler mögen die Wiesn, es rührt sich was in der Stadt, und es sind mehr Leute als sonst unterwegs, die das Magazin kaufen können. Außerdem gibt es bei BISS, wie man das von anderen traditionsreichen Firmen kennt, ein Wiesngeld für die Beschäftigten, denn so ein knuspriges Hendl oder so einen feinen Steckerlfisch muss man sich ja leisten können. Diese Ausgabe, die von außen so leichtfüßig und gut gelaunt daherkommt, ist ein Heft, in dem Menschen zu Wort kommen, deren normales Leben durch Krieg und Gewalt von einer Sekunde zur nächsten zu Ende war. Robert Höckmayr erzählt, wie er am 26. September 1980 bei dem Oktoberfest-Attentat zwei Geschwister verlor und jahrelang darum kämpfte, als Opfer rechter Gewalt anerkannt zu werden (S. 20 bis S. 23). Bis heute wirft man Behörden vor, auf dem rechten Auge blind zu sein und den Terror rechter Täter und ihrer Netzwerke zu verharmlosen. Wenn in Deutschland zunehmend Menschen angemacht und bedroht werden, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe oder äußeren Erscheinung vermeintlich anders ausschauen, dann dürfen wir das nicht hinnehmen. Im Alltag müssen wir Zivilcourage zeigen, den Betroffenen in der Situation beistehen und Hilfe holen. Unterstützung leisten müssen auch die Personen, deren Stimmen in der Öffentlichkeit gehört werden, aus Politik und Wirtschaft. Wo bleiben die klaren Statements gegen Rassismus und rechten Terror von den Unternehmen und Organisationen, die sich sonst auch zu Wort melden, beispielsweise den Automobilkonzernen wie BMW und Audi, Arbeitgebervereinigungen, Bauernverband, Haus- und Grundbesitzervereinen sowie Hotel- und Gaststättenverbänden? Was sagen milliardenschwere Firmen wie Aldi und Lidl? Letztendlich geht es um unser demokratisches und freies Deutschland, das viel mehr als ein profitabler Standort zum Geldverdienen ist. Es ist ein guter Platz zum Leben und – alte und neue – Heimat für viele. Die Wiesn zeigt das im Kleinen, aber auch, wie zerbrechlich so ein Ort ist.